Wikipedia-Einträge, Rezensionen und Amazon-Angebote

06.12.2012

Was im Namen von Medienkonzernen bei Google zensiert werden sollte

Medienkonzerne können durch den US-amerikanischen Digital Millenium Copyright Act (DMCA) von Google die Zensur von Websites in den angezeigten Suchergebnissen des Konzerns verlangen. Google sammelt solche Zensurwünsche und veröffentlicht sie in einem Transparenzbericht, den sich TorrentFreak genauer ansah und einige bemerkenswerte Entdeckungen darin machte.

So verlangte der Anti-Piraterie-Dienstleister Yes It Is - No Piracy! zum Beispiel im Namen der Filmfirma Lionsgate nicht nur die Löschung von mutmaßlichen Schwarzkopien des Films Cabin in the Woods, sondern auch die von lizenzierten Angeboten bei Amazon und iTunes. Für 20th Century Fox wollte die Firma nicht nur ein legales Streaming-Angebot des Ridley-Scott-Films Prometheus bei Verizon aus Suchergebnissen entfernen lassen, sondern auch einen Huffington-Post-Artikel, eine Site des Uhrenherstellers Prometheus, den Wikipedia-Artikel zur Fernsehserie Family Guy und die offizielle (!) Website zu How I Met Your Mother. Diese "Schlamperei" unterlief dem Unternehmen auch im Namen der Firma BBC Films bei ihren Löschbemühungen zu Ill Manors.

Seit dem Sommer verzeichnet Google einen starken Anstieg bei den DMCA-Zensuraufforderungen

Für den Filmproduktionsableger des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Großbritannien wollte man darüber hinaus noch die offizielle Facebook-Seite sowie Rezensionen des Films im Guardian, im Independent, im Mirror und in der Daily Mail zensiert haben. Im angegebenen Auftrag von Sony Pictures verlangte der Dienstleister unter Verweis auf angebliche Immaterialgüterrechtsverletzungen an The Other Guys, The Expendables, The Butterfly Effect, Frasier, Two and a Half Men, The River Wild und 28 Weeks Later, Artikel auf Cnet, Forbes und Wired totzuschweigen, die unter anderem um den Megaupload-Fall gingen.

In den Bemühungen zum Schutz des Films 50/50 ging man sogar so weit, dass man nicht nur ein legales Angebot bei Blockbuster Video aus den Google-Suchergebnissen gelöscht haben wollte, sondern auch eine Vielzahl von Webangeboten mit "50" im Titel: Darunter "Attack of the 50ft Cheerleader", "50 First Dates" und "50th Symposium Keynote Address by Secretary Chu". Und für Walt Disney Pictures fassten Yes It Is - No Piracy! die Verbotsrechte auf ihre Aschenbrödel-Verfilmung Cinderella offenbar so weit, dass die Firma Google zum Löschen mehrerer andere Fassungen des alten gemeinfreien Märchens bei Google aufforderte.

Diese und zahlreiche andere Beispiele weisen eindrucksvoll darauf hin, wie leicht die vom Gesetzgeber mit dem DMCA eingeräumten Möglichkeiten in großem Maßstab missbraucht werden können. Hält man sich den Namen der Firma und die manchmal absichtlich bizarr wirkenden Zusammenstellungen vor Augen, besteht allerdings auch die Möglichkeit, dass Yes It Is - No Piracy! gar nicht für die genannten Filmfirmen tätig war. Die Firma scheint für die Presse nicht erreichbar zu sein und gab nach dem Bekanntwerden der Löschanfragen ihre Website auf.

Die Künstlergruppe The Yes Men, reagierte noch nicht auf eine Anfrage dazu, ob es sich (wie man anhand des Namens vermuten könnte) um einen Streich handelt, der die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen soll, wie missbrauchsanfällig der DMCA ist. Aber auch die Medienkonzerne, die als Auftraggeber angegeben wurden, antworteten bislang nicht auf Anfragen dazu, ob Yes It Is - No Piracy! tatsächlich für sie tätig war oder ist und auf welche Weise man dort versucht, den im DMCA geforderten Sorgfaltspflichten bei Löschaufforderungen nachzukommen.

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