Kein Herz für Erwachsene
In der Vorweihnachtszeit sind nur Kinder gefragt
Einmal im Jahr - jetzt - flattern den Bürgern Prospekte und Werbematerial für Hilfsaktionen für bedürftige Kinder in den Briefkasten und längst auch auf den Bildschirm. Die Bekannteste hat den genialen Namen Ein Herz für Kinder. Wer wollte da schon in der Vorweihnachtszeit kein Herz für Kinder haben? Oder gar eines für Erwachsene? Denn aus noch zu klärenden, hilfsphilosophischen Gründen gehen viele Hilfsorganisationen davon aus, dass die ausschließlich von Problemen der Erwachsenen betroffenen Kinder Probleme haben, die man auch ohne Hilfe für die Eltern dieser Kinder lösen kann.
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| Die Geschenk-Kartons bringen Freude ins Roma-Dorf Vresovo, Bulgarien. Bild: Geschenke der Hoffnung |
6 Millionen Kinder leben in Armut - in Deutschland - diese Zahl könnte zur Überlegung führen, wie viele Eltern in Armut leben, denn zumindest in Deutschland kann man als Kind nur in Armut leben, wenn auch die Eltern in Armut leben. Kinder ohne Eltern sind nämlich durch staatliche und kirchliche Einrichtungen vor Armut geschützt - zumindest, bis sie auf den Arbeitsmarkt drängen, wo 5-Euro-Löhne oder gar Arbeitslosigkeit sie erwarten. Die Chance, dass auch ihre Kinder in Armut leben werden, ist relativ hoch, denn die Löhne und Honorare in Deutschland stagnieren seit nunmehr 30 Jahren.
Während aber "Ein Herz für Kinder" einen erwiesenen Track-Record bei der Behandlung und Versorgung schwerkranker Kinder hat, gibt es auch Organisationen, die völlig ohne wissenschaftliche oder wenigstens entwicklungspolitische Beratung weltweit aktiv sind.
Weihnachten im Schuhkarton(R) ist ein eingetragenes Markenzeichen
Geschenke der Hoffnung - unter diesem Titel wird in einer Broschüre die (Zitat) "weltweit größte Geschenk-Aktion für Kinder in Not" beworben. Auf dem Titelbild sieht man ein etwa zweijjähriges Mädchen, das einen weihnachtlich verpackten Karton in der Hand hält. Die Aktion wird überwiegend in Deutschland von Sammel- und Annahmestellen vertrieben, die die Prospekte verteilen. In die Kartons gehören laut Prospekt folgende u.a. Geschenke: Mütze, Schal, Pullover, Kuscheltier, kleine Puppe, Zahnbürste, Haarbürste, Handtuch, A-5-Hefte, Bonbons, Lutscher und Vollmilchschokolade (Achtung: müssen bis März 2013 haltbar sein). Persönliche Grüße in Gestalt eines "Fotos von Ihnen" runden das Weihnachtspaket ab.
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Kaum lesbar kann man auf der Rückseite des Prospektes lesen, dass es sich um eine christliche Hilfsorganisation handelt, deren lokale Gemeinden diese Geschenke verteilen. Zitat: "Dabei bieten wir auch an, von unserer Motivation zu erzählen: Jesus Christus."
Das ist insofern bemerkenswert, als die Pakete überwiegend in folgende Staaten gehen: Westjordanland, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Kasachstan, Moldau, Polen, Albanien, Slowakei, Kosovo. Diese Staaten sind überwiegend Orthodox, Katholisch und Muslimisch. Was können da die Geschenkeverteiler den Kindern Neues über Jesus Christus mitteilen, ohne mit den dortigen Religionen zu kollidieren?
Ich frage Bernd Gülker, den freundlichen Geschäftsführer des "Geschenke der Hoffnung e.V.", was er davon halte, wenn etwa reiche Iraner und Saudis zu Weihnachten Geschenke an arme deutsche Kinder verteilen würden. Er habe damit kein Problem, sagt Gülker. Welchen entwicklungspolitischen Erkenntnissen folgt denn die Idee, einmal im Jahr Mützen, Spielsachen und Süßigkeiten an ärmere Kinder zu verteilen? Gülker bleibt bescheiden: "Die Geschenkaktion ist keine Aktion der Entwicklungszusammenarbeit."
Weihnachtspakete in Höhe der Entwicklungszusammenarbeit führender Stiftungen
Das ist dann doch erstaunlich, denn im Jahresbericht 2011 der Aktion werden die von den Familien bestückten Pakete als "Spendeneinnahmen" in Höhe von 23 Millionen Euro verbucht. Damit zählte Weihnachten im Schuhkarton zu den führenden Trägern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.
Wenn man weiß, dass die Gesamtzuwendung des Entwicklungsministeriums (BMZ) für die langfristig angelegte Auslandsarbeit der Friedrich Naumann-Stiftung 2011 ebenfalls 25 Millionen Euro betrug, erscheint dies Zahl doch diskussionswürdig.
| Ungleiche Förderung: Weihnachtsgeschenke teurer als Entwicklungshilfe | |
| Ausgaben von "Geschenke der Hoffnung" für 494.901 Geschenkpakete (laut S. 25 Jahresbericht) | 26.142.227,00 € |
| Zuschuss des BMZ zur Auslandsarbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung | 25.000.000,00 € |
| Geldspenden für "Geschenke der Hoffnung" (laut S. 25 Jahresbericht) | 3.052.748,00 € |
| Geldspenden für "Geschenke der Hoffnung" e.V. insgesamt (laut S. 43 Jahresbericht) | 4.800.000,00 € |
| Aufwendungen "Geschenke der Hoffnung" | |
| Verwaltungsaufwendungen | 1.512.774,59 € |
| Werbeaufwendungen | 636.066,95 € |
| Sonstige Aufwendungen | 466.693,60 € |
| Summe | 2.609.535,14 € |
| Quellen: Geschenke der Hoffnung, Jahresbericht 2011 (S. 25, S. 43) Friedrich-Naumman-Stiftung, Jahresbericht 2011 | |
Die christlichen Paketverteiler haben in ihrer Bilanz einfach die Pakete, die ja ohne Honorar und selbst ohne Porto abgegeben werden, mit rund 46,47 Euro je Paket als Spendeneinnahmen gebucht. Die finanzielle Wirklichkeit sieht dann so aus, dass dann unter Berücksichtigung der Geldspenden der Kartonversender 85,48 Prozent der Spendeneinnahmen laut Jahresbericht für Verwaltung, Logistik und Werbung benötigt würden (siehe Tabelle). Berücksichtigte man das Gesamtspendenaufkommen von 4,8 Millionen Euro, wären es immer noch 54,1 Prozent.
Zum Vergleich: Die Friedrich-Naumann-Stiftung betreibt zahlreiche Länderbüros und arbeitet mit oft finanzschwachen NGOs vor Ort zusammen. Gäbe sie 20 Prozent ihrer Mittel für Werbung, 50 Prozent für Verwaltung aus, mit der Begründung, die ausländischen Partner würden aber in der Kooperation Arbeitsstunden im Wert von 100 Millionen Euro "spenden" - die Stiftung würde sofort geschlossen und wäre Aufmacher im Spiegel.
Der Geschenke der Hoffnung e.V. hat solches Ungemach nicht zu fürchten: Er hat nämlich das Spendensiegel des DZI erhalten, das stolz auf dem Prospekt abgebildet ist. Wer möchte, kann auch ein Interview mit Bernd Gülker zu der Aktion auf Bibel TV ansehen.
Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Weihnachtspaket bei ärmeren Kindern durchaus gut ankommt. Allerdings sagt die Geschenkerfahrung auch bei Erwachsenen: Die Kunst des erfolgreichen Schenkens besteht darin, etwas zu schenken, von dem man weiß, dass es der Beschenkte braucht.
Kinder in Rumänien, Moldau und Westjordanland brauchen möglicherweise nicht nur zu Weihnachten: Eltern, die Arbeit haben und in Frieden leben, ein beheizbares Zimmer, einen PC, ein Fahrrad, Taschengeld. Dass sie dagegen ausgerechnet Mützen, Süßigkeiten und Kuscheltiere sowie Fotos deutscher Familien benötigen, ist zumindest ungewöhnlich.
Insbesondere in Moldawien, aber auch in Bulgarien und Rumänien haben nicht wenige Eltern ihre Kinder zu Hause gelassen, um in Italien und Deutschland für Billiglöhne zu arbeiten. Ein Weihnachtspaket für 46 Euro können sie sicher auch schnüren - aber hilft das den Kindern wirklich?
Vielleicht wäre es effektiver und nachhaltiger, zumindest einem Elternteil 200 Euro monatlich zukommen zu lassen, damit das Kind behütet, bekocht und gepflegt in Richtung Schule geht. 26 Millionen Euro würden dann für 10.833 Elternteile, also für über 20.000 Kinder reichen.
Allerdings müssten die stolzen Spender dann ihre 46,47 Euro in bar an Geschenke der Hoffnung geben. Vermutlich würden nicht wenige von ihnen diese Hilfe als Ermunterung zur Faulheit ansehen. Aber geht es nicht um wirkliche Hilfe?
Zumindest würde es sich lohnen, den tatsächlichen Bedarf von Eltern und ihren Kindern zu erfragen oder zu ermitteln. 26 Millionen Euro, egal ob als Sach- oder Geldspenden, sind ein großer Betrag. Dass er in nachhaltigere Förderprojekte investiert würde, die dann vielleicht nicht symbolträchtig 500.000 Kinder, aber 10.833 arme Eltern erreichen könnten, darf als weihnachtliche Hoffnung an die Zukunft geäußert werden.
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38153/1.html- Re: Geld versemmeln und dann jammern wenn Stromrechnung nicht bezahlen (17.12.2012 9:23)
- Re: Geld versemmeln und dann jammern wenn Stromrechnung nicht bezahlen (16.12.2012 3:18)
- Re: Wer den Krieg nicht wollte und sich nicht aufhetzen liess damit überliess (15.12.2012 11:39)
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