Syrische Chemiewaffen sollen einsatzbereit sein

08.12.2012

In den letzten Tagen hat sich die Eskalationsspirale weiter gedreht, die Nato hat die Verlegung von Patriot-Systemen genehmigt, Warnungen wurden schärfer

Ende November hatte die NATO eine Stationierung von Patriot-Raketen in der Türkei angekündigt, nun gibt es weiter nicht belegbare Meldungen, dass die syrischen Streitkräfte ihre C-Waffen angeblich einsatzbereit machen. Ist diese Maßnahme eine Folge des Bürgerkriegs oder hat die NATO erst die Gefahr provoziert, die sie nun bekämpfen will? Jetzt philosophiert das "Verteidigungsbündnis" darüber, ob sie den Bündnisfall schon vor einem Angriff oder erst danach ausrufen will. Gleichzeitig stellt die US-Regierung Überlegungen für einen Präventiv- oder Präemptivschlag an. Und die israelische Regierung hat im November auf eine Militärinvasion in den Gaza-Streifen möglicherweise nur verzichtet, um ihre Truppen für einen Syrienkrieg in Reserve zu halten. Das geplante Bundeswehrkontingent wurde kurzfristig aufgestockt. Ende November forderte man noch den Einsatz von 170 Soldaten, eine Woche später sind es schon 400 Mann. Der Bundestag will hierüber am 14. Dezember entscheiden. Die Eskalationsspirale ist in Bewegung gekommen.

Das syrische Chemiewaffenpotential

Das syrische Chemiepotential wird auf mehrere hundert, wenn nicht gar mehrere tausend Tonnen geschätzt. Nachdem 188 Staaten das Chemiewaffenübereinkommen vom 29. April 1997 ratifiziert und ihr Arsenal verschrottet haben, gilt das syrische C-Waffenpotential heutzutage als das drittgrößte der Welt. Bei den Kampfstoffen soll es sich um Blausäure, Senfgas, Tabun und Sarin handeln, vermutlich auch VX.

Blausäure ist ein Blutkampfstoff, der das Hämoglobin in den roten Blutkörperchen angreift, so dass eine Aufnahme von Sauerstoff der Organe blockiert wird. Da es für die Giftigkeit einer Chemikalie kein absolutes Maß gibt, behilft man sich mit einem statistischen Wert: Die "Mittlere Letale Dosis" (LD50) gibt an, wie hoch die Dosis ist, bei der 50 Prozent der Menschen versterben. Die LD50 für Blausäure beträgt 1 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Senfgas ist ein farbloser Hautkampfstoff mit dem Geruch von Senf oder Knoblauch. Die Symptome einer Vergiftung gleichen denen einer Verbrennung oder Verätzung. Oft bilden sich auf der Haut große Blasen, die dann zu Nekrosen aus abgestorbenem Gewebe führen. Die LD50 für Senfgas beträgt 5.000 mg / kg KG.

Tabun ist ein Nervenkampfstoff, der im Dezember 1936 von dem Chemiker Gerhard Schrader von der IG Farben in Leverkusen entdeckt wurde. Nervenkampfstoffe kann man weder sehen noch riechen. Der Name "Nervenkampfstoff" rührt daher, dass diese Substanzen die chemische Informationsübertragung blockieren: Befehle des Gehirns an die Muskulatur werden durch den Botenstoff Acetylcholin übertragen. Hat die Arm- oder Beinmuskulatur die angestrebte Bewegung ausgeführt, muss das Acetylcholin durch ein entsprechendes Enzym, die Acetylcholinesterase, wieder abgebaut werden. Die Nervenkampfstoffe blockieren dieses Enzym, so dass der Körper in wenigen Minuten mit Acetylcholin überschwemmt wird. Die Folgen sind Erbrechen, Durchfall, Sehstörungen, Muskelkrämpfe und Atemlähmung. Die LD50 für Tabun liegt bei 5 mg / kg KG.

Sarin ist ein weiterer Nervenkampfstoff, der im Dezember 1939 ebenfalls durch Gerhard Schrader entwickelt wurde. Die LD50 für Sarin beträgt 10 mg / kg KG.

VX ist der gefährlichste aller Nervenkampfstoffe. Er wurde Mitte der fünfziger Jahre in Schweden entwickelt. Es handelt sich um "O-Ethyl-S-(2-(diisopropylamino)-ethyl)methylthiophosphonat". Unter Militärs ist der Stoff einfach als "VX" bekannt. Die syrischen Streitkräfte benutzen möglicherweise eine sowjetische Variante dieses Kampfstoffes, die als "Substanz 33" bekannt ist. Die LD50 für VX liegt bei 5 mg / kg KG. Mit einem Gramm VX kann man also zwei bis drei Ehemänner ermorden.

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Zentrum der syrischen Chemiewaffenproduktion ist Forschungsanlage Centre d´Etudes et de Recherche Scientifique (CERS) bei Damaskus. Angeblich sollen heutzutage mehrere Produktionsstätten für Kampfstoff bzw. chemische Waffen in Betrieb sein. Die einzelnen Quellen machen hierzu sehr unterschiedliche Angaben, die weder vergleichbar noch überprüfbar sind. Demnach sollen sich Produktionsanlagen u. a. in Cerin, Damaskus, Hama und Homs befinden, weitere Zuliefererbetriebe sind in Aleppo, Al-Safira, Dumayr, Furklus, Khan Abou, Latakia und Shamat. Natürliche Phosphorvorkommen befinden sich in den Khunaifis-Minen, die von der General Company for Phosphate and Mines (GECOPHAM) betrieben werden.

Nach unterschiedlichen Angaben unterhalten die syrischen Streitkräfte sechs bis zwanzig Lagerstätten. Depots befinden sich u. a. bei Al-Safir, Damaskus, Hama, Homs, Latakia, Musalmiya und Palmyra. Al-Safir dient auch als Testgelände für Chemiewaffen; hier "arbeiten" u. a. Experten aus Nordkorea und dem Iran.

Vor dem Hintergrund der bürgerkriegsartigen Unruhen haben die syrischen Streitkräfte die Bewachung der Depots verstärkt. So sichern heute 100 Mann der 4. Panzerdivision das Testgelände in Al-Safir. Für den Schutz der ABC-Einrichtungen im Raum Hama ist das 2. Armeekorps in Zabadan zuständig. Im September 2012 verlegten die syrischen Streitkräfte einen Teil ihrer Chemiewaffen, um sie vor den Rebellen in "Sicherheit" zu bringen.

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Die Trägersysteme

Als potentielle Trägersysteme kommen Artillerie- und Panzergranaten, Flugzeugbomben und Raketengefechtsköpfe in Frage.

Chemische Artilleriegranaten wurden bereits im Jahre 1973 von der ägyptischen Regierung geliefert. Außerdem entwickelten die syrischen Streitkräfte in den letzten Jahren chemische Panzergranaten.

Als Trägerflugzeuge verfügt die syrische Luftwaffe über folgende Jagdbomber, zu deren aktueller Einsatzbereitschaft keine Aussagen gemacht werden können:

Suchoi Su-22M-2 und Su-22M-4 (Fitter): Es handelt sich um 50 bis 60 Flugzeuge, die auf folgende Staffeln verteilt sind: eine Staffel in Dumayr, die 677. und 685. Staffel in Shayrat und die 827. Staffel in Tiyas. Die Su-22 hat einen Aktionsradius von circa 400 bis 600 km und kann an 9 Waffenpylonen bis zu 4.200 kg Munition mitführen. Die Variante Su-22M-4 ist mit Schwenkflügel ausgestattet.

Suchoi Su-24MK (Fencer-D): Zwanzig Flugzeuge bei der 819. Staffel in Tiyas. Der Einsatzradius dieses Frontbombers beträgt 320 km bei Tiefflug, sonst bis zu 1.050 km. Die Maschine kann eine Waffenlast von maximal 8.000 kg an 8 Außenstationen mitführen.

Mikojan-Gurewitsch MiG-23 BN (Flogger-H): Schätzungsweise 60 Maschinen bei der 695. und 698. Staffel in Nasiriya. Dieser Jagdbomber mit Schwenkflügeln hat eine Reichweite von ca. 1.100 km und kann bis zu 4.000 kg an 7 Waffenstationen mitführen. Die ältesten Exemplare wurden bereits 1975 an Syrien ausgeliefert. In den letzten Monaten kamen diese Maschinen bei den Luftangriffen auf Aleppo zum Einsatz. Eine Maschine stürzte im August 2012 ab.

Die syrische Luftwaffe verfügt über mehrere tausend Chemie-Bomben, die vor allem mit Sarin gefüllt sind.

Das Heereskommando für die Raketenstreitkräfte befindet sich in Aleppo. Allerdings ist die Stadt im Norden Syriens stark umkämpft. Das Kommando umfasst vier Brigaden mit verschiedenen Modellen: sowjetische Frog-7, Scud B/C und Scarab sowie chinesische M-9 und M-11. Die Raketen sind auf mobilen Werferfahrzeugen oder ortsfest in Silos stationiert.

Für den Einsatz von Chemiewaffen kommt in erster Linie die Scud B/C in Frage. Die ersten Scud B wurde zwischen 1972 und 1982 von der damaligen Sowjetunion geliefert. Rund 120 Scud C wurden ab Februar 1992 importiert. Sie stammen aus der Sowjetunion und Nordkorea. Heute baut die syrische Regierung die Scud in Eigenregie nach. Der Bestand soll möglicherweise mehrere hundert Raketen umfassen. Ein Teil dieser Raketen besitzt Gefechtsköpfe aus hochexplosivem Sprengstoff, ein Teil ist mit chemischem Kampfstoff gefüllt.

Unterirdische Raketenfabriken sollen sich in Aleppo, Hama, Homs und bei Damaskus befinden. Nach Pressemeldungen befinden sich Scud-Raketenbasen in Al-Safira südlich von Aleppo, auf der Al-Samiyah-Basis bei Hama, auf der Straße von Hama nach As-Salamiyah, bei Damaskus und an der Straße von Damaskus nach Homs. Ein Raketentestgelände ist in Minakh.

Das Waffensystem SS-1c Scud-B (russische Bezeichnung: 9K72 Elbrus) besteht aus dem Raketentyp 9M72 und einem Werferfahrzeug 9P113 Uragan/Kashalot. Die Flüssigkeitsrakete hat eine Länge von 11,2 m bei einem Durchmesser von 0,84 m. Ihre Reichweite beträgt 260 bis 300 km. Das Gefechtskopfgewicht liegt bei 770 bis 985 kg. Die Treffgenauigkeit beträgt 300 m CEP. Das Werferfahrzeug wurde auf Basis des Schwerlast-Lkw MAZ-543 entwickelt. Die syrischen Streitkräfte sollen über 60 bis 200 Raketen verfügen, die von mindestens 12 nachladbaren Werferfahrzeugen aus verschossen werden können.

Die SS-1c Scud-C ist eine Variante, die bei einem geringeren Gefechtskopfgewicht von 450 bis 600 kg eine wesentlich größere Reichweite von 500 bis 600 km erzielt. Allerdings beträgt ihre Zielabweichung - nach unterschiedlichen Angaben - 650 bis 2.600 m. Die syrischen Streitkräfte sollen über mindestens 50 bis 120 Exemplare verfügen, die von 36 mobilen Werferfahrzeugen aus abgefeuert werden können.

Ungefähr seit 1985 produziert Syrien Scud-Raketengefechtsköpfe mit Sarin. Eine Scud-B wurde im Jahr 1998 erstmals mit einem VX-Gefechtskopf getestet. Außerdem sollen die Syrer über die Fähigkeit verfügen, die Raketen mit einem chemischen Streu-Gefechtskopf aus mehreren Bomblets zu bauen, der den Kampfstoff im Zielgebiet über eine größere Fläche verteilt.

Syrische Chemiewaffen sollen einsatzbereit sein

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