Manage your Taschengeld

Der Autor am Ende der Gutenberg-Galaxis

Früher war alles viel weniger komplex, auch das Autorendasein. Wenn die ersten Bücher vergriffen waren und andere seit Jahren ungedruckt blieben, obwohl der Autor sie für tauglich hielt, gab es nichts anderes als die Hoffnung auf ein Wiederauferstehen ersterer und eine Erstveröffentlichung letzterer in anderen Verlagen - oder den Selbstverlag als letzte Ausfahrt vor der Verzweiflung. Bietet das E-Book neue Chancen? Ein Langzeit-Selbstversuch.

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Als ich vor fast zehn Jahren hier in Telepolis Der TXT-Geek veröffentlichte, bediente ich mich eines meiner Lieblingstricks: Ich skizzierte eine fiktive Gegenwart, die in der Form noch nicht eingetreten war, sich aber schon deutlich abzeichnete. Und beinahe zehn Jahre später ist einer der Aspekte, nämlich die Möglichkeit zur mehr oder minder selbstverantworteten Veröffentlichung der eigenen Texte eines der bestimmenden Themen für Autorinnen und Autoren überhaupt geworden.

Bald, nachdem "Der TXT-Geek" erschienen war, wollte ich der Zukunft gerecht werden, die schon so deutlich in die Gegenwart hineinragte, und begann, bei einem kleinen Online-Verlag Romane, Erzählungen und Essays zu veröffentichen, deren Nutzungsrechte entweder an mich zurückgefallen, oder die nie in Papierform in den Handel gekommen waren.

Die Verträge waren ok, alles wirkte reell, und mit der Zeit sammelten sich bei dem besagten Onlineverlag sechs Titel an, darunter zwei, zu denen es keine Entsprechung im Print gegeben hatte. Nebenbei erlaubte mir diese Art der Veröffentlichung, verbesserte Versionen meiner Texte auf den Markt zu bringen - im Fall eines meiner Romane bedeutete das sogar, zum ersten Mal eine gültige Version des Textes auf den Markt zu bringen.

Probelauf bei Amazon

Alles gut und schön, nur leider stellte sich gar bald heraus, dass ein wesentlicher Zweck der Übung verfehlt werden würde: Mehr als ein Taschengeld war nicht drin. Fast forward zum Jahr 2011: Die Zukunft war nun wirklich angebrochen. Nach mehreren Anläufen hatten sich anspruchsvolle und leistungsfähige E-Book-Reader etabliert, sowie Computertablets, die unter anderem auch als E-Book-Reader verwendet werden konnten. Um entweder das große Glück zu machen, oder mir eine weitere Taschengeldquelle zu erschließen, beschloss ich, einen Testlauf bei Amazon zu wagen.

Das gestaltete sich relativ einfach. Sicher, man muss alle möglichen Angaben machen, um als "Herausgeber" bei Amazon auftreten zu können, aber es geht hier um das große (Taschen-)Geld, daher muss alles stimmen. Wer unbedingt will, kann als deutschsprachiger und in Deutschland lebender Autor eine US-Steuernummer beantragen, um den heftigen Steuersatz von 30% auf den Verkauf seiner deutschsprachigen E-Books in den USA zu vermeiden - man kann es aber auch lassen, weil deutschsprachige E-Books in den USA so beliebt sind wie Bücher in sumerischer Keilschrift.

Wie man ein E-Book herstellt, das sowohl für die Software-, als auch für die Hardwareversionen von Amazons Kindle-Reader verdaulich ist, erklärt sinnigerweise ein kostenloses Kindle-E-Book oder die entsprechende PDF.

Man kann Text in vielen Dateiformaten hochladen. Die "Qualitätsprüfung" bei Amazon (worin immer auch sie genau besteht) geht relativ zügig vor sich - sie dauerte im Fall meiner beiden Bücher genau einen Tag. Fehlerkorrekturen sowie Aktualisierungen des Textes gehen problemlos vonstatten. Amazon hat sich entschlossen, die Festlegung des Preises und der daraus resultierenden Tantiemen einem gewissen Muster zu unterwerfen - so kann man je nach kalkuliertem Preis 35 oder 70% Tantiemen einstreichen, und seltsamerweise spielt als dritte Variable auch die Dateigröße des betreffenden Werks eine Rolle - aber auch das ist alles kein Hexenwerk.

Was hat mein Probelauf bei Amazon bisher gebracht? Leider stellte sich gar bald heraus: Mehr als ein Taschengeld war nicht drin. Fast forward zum Jahr 2012. Besuch bei der Apfelfabrik.

Apple: Viel Schweiß

Apple integriert gern. Alles. Nicht nur Hard- und Software, sondern auch die Erstellung und den Vertrieb von nutzergenerierten Inhalten. Und daher bietet Apple nicht nur Programme wie iBooks Author an, mit denen man den richtigen Ton für den iBookstore trifft, sondern auch eine enge Bindung des Inhaltslieferanten an den elektronischen Buchladen: Wer mit iBooks Author E-Books erstellt, verpflichtet sich, sie nur bei Apple anzubieten. Wer kein iPad / kein iOS-Gerät hat, wird mit diesen E-Book nichts anfangen können und sie daher auch kaum kaufen wollen.

Dafür kann die Autorin oder der Autor bei jedem Kauf ihres oder seines Buchs 70% der Tantiemen einstreichen und die Werke sehen nicht nur richtig gut aus, sondern werden im iBookstore auch richtig schön präsentiert. Jedoch: vor den Erfolg haben die Apple-Götter den Schweiß gesetzt. Bitteren Schweiß. Viel davon.

Denn schon um einen gültigen Account als Contentzulieferer zu ergattern, braucht man nicht nur eine Apple-ID, sondern auch eine US-Steuernummer. Was bei Amazon fakultativ ist, ist bei Apple Pflicht, es sei denn, man möchte seine Bücher im iBookstore verschenken - dann kommt man um die Steuernummer herum. Im Netz kursieren einige Anleitungen für das lockere Erlangen einer US-Steuernummer.

Meine Erfahrungen sind andere. Alle Stationen dieses Hindernislaufs hier abzuklappern, würde einen eigenen Artikel erfordern - vielleicht kann genügen, dass es mehrere Monate dauerte, dass meine Kontakte mit der deutschen Dependance der US-Steuerbehörde IRS in Frankfurt ebenso nett wie erfolglos waren und dass es doch einige Anrufe in die USA brauchte, bis ich jemandem die Nummer, die mir eigentlich schon längst zugewiesen worden war, abluchsen konnte. Kurz gesagt: Man muss kein Anhänger der Tea Party sein, um den Kontakt mit dem IRS ermüdend zu finden.

Das schönste E-Book

Glücklich im Besitz der Nummer konnte ich dann meinen "Paid-Content-Account" bei Apple eröffnen. Und mit einer frischen ISBN für mein Buch ausgestattet … hatte ich schon erwähnt, dass Apple für jedes Buch, das im iBookstore verkauft werden soll, eine ISBN erwartet?

Die gibt es bei der Agentur für Buchmarktstandards für 85,00 Euro. Zusätzlich also mit einer solchen ISBN für mein Buch ausgestattet, konnte ich endlich meinen Content hochladen, prüfen und freigeben lassen, dann noch einmal revidieren (es waren mir ja einige unschöne Fehler entgangen), dann mit verbesserten Screenshots versehen, dann noch einmal prüfen und freigeben lassen, und dann endlich, in der Version 1.1, der Welt vorzeigen.

Hat sich der Aufwand gelohnt? Ästhetisch in jedem Fall. Wer sich den Hindernislauf antun will, für den bietet Apple die konsistenteste und beste Plattform zur Vermarktung selbsterstellter E-Books. Das eine Buch von mir, das dort derzeit vorrätig ist, kann problemlos als mein schönstes bisher gelten - die nahtlose Integration von Text und Bild in iBooks Author zahlt sich einfach aus. Wem die Bedingungen stinken, die Apple definiert hat, der muss woanders hingehen.

Gründerzeit

Wie sieht es mit dem Verdienst aus? Für ein Urteil darüber ist es noch zu früh. Ach, natürlich kann es sein, dass für mich auch als Zulieferer der Apfelfabrik nur ein Taschengeld drin ist. Aber es ist Gründerzeit, was die E-Books angeht, und in der Gründerzeit kommt es darauf an, immer noch ein weiteres Ass im Ärmel zu haben. Ein in Gründung befindlicher E-Book-Verlag in Berlin hat einen weiteren meiner Romane für die erste Programmrunde vorgemerkt.

Letztlich ergibt sich: Autoren im E-Book-Zeitalter, das sind in der großen Mehrzahl eigentlich Kunstschmiede mit vielen kleinen Eisen im Feuer. Wenn sie Glück haben, können sie mit all der Arbeit sogar etwas zu ihrem Lebensunterhalt beitragen.

Marcus Hammerschmitt ist Schriftsteller, Journalist und Fotograf in Tübingen. Wer sich für seine E-Books interessiert, kann den Wegweiser konsultieren.

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38157/1.html
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