Intelligente Systeme

Ars longa, vita brevis

Wenn man die Argumentation der Singularians zerpflückt, bleibt am Ende nur die eine Sache übrig: der Wunsch, den Tod zu vermeiden und als Software ewig weiter leben zu können.

Sigmund Freud hat sich auch mit der Todesangst beschäftigt und in seinem Werk "Die Zukunft einer Illusion"[6] das religiöse Bedürfnis der Menschen unter die Lupe genommen. Durch die wissenschaftlichen Entdeckungen wird die Natur eben zur Natur reduziert und es sind keine weiteren religiösen Erklärungen notwendig. Die Religion hat aber eine gesellschaftliche Funktion, die vor allem den Menschen mit seiner Ohnmacht gegenüber Tod, Altern und Krankheit versöhnt. Ähnlich hatte Karl Marx in Bezug auf die griechischen Götter bereits 1857 argumentiert[7]:

Ist die Anschauung der Natur und der gesellschaftlichen Verhältnisse, die der griechischen Phantasie und daher der griechischen (Mythologie) zugrunde liegt, mit Selfaktors und Eisenbahnen und Lokomotiven und elektrischen Telegraphen? Wo bleibt Vulkan gegen Roberts et Co., Jupiter gegen den Blitzableiter und Hermes gegen den Crédit mobilier? Alle Mythologie überwindet und beherrscht und gestaltet die Naturkräfte in der Einbildung und durch die Einbildung: verschwindet also mit der wirklichen Herrschaft über dieselben.

Dass es aber Religion trotzdem gibt, ist erklärungsbedürftig, obwohl Marx nicht so weit wie Freud geht, die Religion und das im Himmel Weiterleben als Neurose zu bezeichnen, die uns die Welt erträglich macht: "Alles Gute findet endlich seinen Lohn, alles Böse seine Strafe, wenn nicht schon in dieser Form des Lebens, so in den späteren Existenzen, die nach dem Tod beginnen."

Hans Baldung Grien: Tod und Frau" (1518-1520). . Bild: The Yorck Project/GNU FDL

Wie glücklich die Invertebraten, da man nur bei diesen so etwas wie Trauer über den Tod findet! Elefanten spielen fasziniert mit den Knochen von verendeten Elefanten. Delfine tragen ein verendetes Kalb noch tagelang auf dem Rücken, so wie auch Menschenaffen leblosen Nachwuchs weiter pflegen. Der Tod eines Menschenaffen wirkt auf die ganze Horde sehr störend und manche Handlungen der Tiere ähneln Wiederbelebungsversuchen.[8]

Über den eigenen Tod aber können diese Tiere nicht trauern. Manche Anthropologen sehen deswegen in den ersten rituellen Bestattungen den Ursprung des echten, bewussten, sozialen Verhaltens. Bei Neandertalerfunden hat man nicht nur Werkzeuge, sondern auch Gräber entdeckt. Anscheinend waren auch Neandertaler so weit gekommen wie der Homo sapiens später, dem die eigene Sterblichkeit schmerzlich bewusst geworden ist.

Das ist die große Ironie der Geschichte der menschlichen Intelligenz. Durch Evolution entstanden, überragt menschliche Intelligenz die Intelligenz aller anderen Tiere. So ist Selbstbewusstsein, das "Ich", ein zufälliges Abfallprodukt des Existenzkampfes. Mit einer "Theory of Mind" ausgestattet, die dem Menschen erlaubt, das Verhalten der anderen Tiere vorherzusagen, wurde er zum Raubtier par excellence, aber eben auch ein deprimiertes Raubtier mit Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit.

Die Obsession der Menschheit mit dem Tod und mit der Seele hat zur Religion, zur Philosophie und zu den Singularians geführt. Oder wie Arthur Schopenhauer es treffend anmerkte: "Der Tod ist der eigentliche inspirierende Genius oder der Musaget der Philosophie."[9] Und der Singularität.

Analoge versus Digitale Seele

Digitale Simulation des Gehirns?

Ars longa, vita brevis

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