Gescheiterter Bombenanschlag auf Bonner Hauptbahnhof?

Gerhard Piper 12.12.2012

Anhänger der somalischen al-Qaida-Gruppe al-Shabab sollen hinter einem vermuteten Anschlagsversuch stehen

Am Montag wurde am Bonner Hauptbahnhof eine herrenlose Reisetasche entdeckt und von der Polizei gesprengt. Möglicherweise handelte es sich um einen vereitelten Sprengstoffanschlag. Die Polizei löste eine Großfahndung nach mehreren Salafisten aus, von denen zwei bereits festgenommen und wieder freigelassen wurden. Der Zwischenfall weckt Erinnerungen an den Anschlagsversuch der Kölner "Kofferbomber" am 31. Juli 2006 (Lebenslänglich für Anschlagsversuch mit Kofferbomben).

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Fahndungsfoto eines Verdächtigen, der angeblich im Bahnhof Bonn eine mutmaßliche Sprengstoffflasche abgelegt haben soll. Bild: Polizei

In der Mittagszeit des 10. Dezember 2012 wurde auf dem Bahnsteig am Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs ein herrenloses Gepäckstück aufgefunden. Es handelte sich um eine Reisetasche, die schon wegen ihrer hellblauen Farbe auffallen musste. Außerdem sollen aus dem Objekt mehrere Drähte herausgeschaut haben. Daraufhin wurde Bombenalarm ausgelöst.

Feuerwerker vom EOD der Bundespolizei rückten mit ihrer Spezialtechnik an und zerstörten die Tasche mit einem Hochdruck-Wasserstrahl. Anschließend nahmen Spezialisten vom Landeskriminalamt in Düsseldorf die Spurensicherung auf. Nach Angaben der Polizei wurde "zündfähiges Material" gefunden. Es soll sich um drei Metallbehälter mit Ammoniumnitrat und eine Butangas-Flasche gehandelt haben. Mehrere Schüler wollen zwei Tatverdächtige auf Polizeifotos wiedererkannt haben. Es handelt sich um die polizeilich bekannten Omar D. und Abdirazak B..

Die Tatverdächtigen

Omar D. und Abdirazak B. sind deutsche Staatsbürger somalischer Abstammung. Omar D. machte sein Abitur auf dem Berufskolleg in Rheine (NRW), danach studierte er in den Niederlanden. Er wohnt z. Zt. in der Bonner Windmühlenstraße, die gestern durchsucht wurde. Abdirakzak B. ist in der Szene unter den Spitznamen "Zak" und "Buh" bekannt. Beide Tatverdächtige werden der "Deutschen Schahab" zugerechnet, eine rund 15-köpfige Gruppierung, die von "Sheikh Hussein" alias Hussein Kassim M. in Bonn geleitet wird. Von Omar D. ist außerdem bekannt, dass er - zumindest mittelbar - in Verbindung mit Mohammed Benhsain in Bonn stand.

Schon einmal, am 26. September 2008, wurden Omar D. und Abdirazak B. unter Terrorverdacht festgenommen: Vom Flughafen Köln-Bonn wollten sie mit einer Fokker 50 der niederländischen Fluggesellschaft KLM nach Entebbe (Uganda) fliegen. Oberstaatsanwalt Fred Apostel behauptete damals, die beiden Männer hätten "in naher Zukunft einen Anschlag geplant".

Im Gepäck von Omar D. wurde ein Brief gefunden. Zunächst vermuteten die Ermittler, dass es sich um einen von Omar D. selbst verfassten Abschiedsbrief handelte und dieser möglicherweise ein Selbstmordattentäter sei. Später stellte sich heraus, dass es tatsächlich bloß ein harmloser Liebesbrief seiner Freundin Iris T. war, die in Bonn wohnte.

Eigentlich wollte das Bundesamt für Verfassungsschutz die Reise der beiden Verdächtigen überwachen, um so Kontaktleute und -adressen ausspähen zu können. Durch die Festnahmeaktion des diensthabenden Beamten des Landeskriminalamtes in Düsseldorf platzte aber die "Operation Pandora".

Über die Überwachung und Festnahme der beiden Terrorverdächtigten berichteten später die Journalisten Rolf Clement und Paul Elmar Jöris in ihrem Buch "Die Terroristen von nebenan - Gotteskrieger aus Deutschland":

Die beiden Männer waren den Sicherheitsbehörden bestens bekannt. Seit Monaten waren ihnen Observationsteams von mindestens vier verschiedenen Behörden auf den Fersen. Das Bundesamt und das Düsseldorfer Landesamt für Verfassungsschutz sowie das Landeskriminalamt teilten sich die Aufgabe, die beiden keinen Augenblick aus den Augen zu lassen. Ihre bevorstehende Ausreise wurde lückenlos observiert. (...)

"Operation Pandora" hieß das Unternehmen, mit dem die Reisewege in die Ausbildungslager terroristischer Gruppen aufgeklärt werden sollten. Alles war abgesprochen, doch dann versagten dem Einsatzleiter des Landeskriminalamts offensichtlich die Nerven. Über viele Wochen war die Aktion vom Bundesamt für Verfassungssschutz vorbereitet worden. Man war sich sicher, dass die im Detail kontrollierte Ausreise neue Erkenntnisse liefern werde. Man wusste, dass die beiden von Amsterdam nach Uganda weiterfliegen wollten. Doch man wollte erfahren, mithilfe welcher Schleuser es weitergehen sollte. Auf den potenziellen Reisewegen standen Agenten aller möglichen Geheimdienste in Bereitschaft, und plötzlich endete alles in Köln/Bonn. (...)

Deutlich wurde auch, dass bei dieser überhasteten Aktion offensichtlich niemand auf die Idee gekommen war, irgendwann das "Nationale Lage- und Führungszentrum für die Sicherheit im Luftraum" zu informieren. Die Beamten und Soldaten dort erfuhren von der Aktion am Flughafen Köln/Bonn aus der Zeitung. Im Luftsicherheitsgesetz ist das anders geregelt.

Der Journalist Markus Wehner analysierte das Behördengerangel am 26. Oktober 2008 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntags-Zeitung":

Der Polizeiführer ruft seinen Präsidenten an. Der setzt sich mit dem nordrhein-westfälischen Innenminister Ingo Wolf (FDP) in Verbindung. Wolf gibt seine Zustimmung, die Verdächtigen festzunehmen. Die Männer werden aus dem Flugzeug geholt.

Der Zugriff ist für die deutschen Nachrichtendienste ein GAU, ein größter anzunehmender Unfall. Seit Monaten plant der Verfassungsschutz die Operation "Pandora". Nun hat ein Polizeimann die Büchse vorzeitig geöffnet. Die ganze Operation, an der zahlreiche Dienste - der BND, die Amerikaner, die Israelis, selbst der pakistanische Geheimdienst - beteiligt sind, ist geplatzt. Der Schaden für das Renommee des Verfassungsschutzes ist groß, von einer "Katastrophe" ist die Rede. Der Leiter der Abteilung Islamismus im Bundesamt für Verfassungsschutz soll getobt haben. Man habe das Bundeskriminalamt umfassend informiert, heißt es beim Verfassungsschutz. Doch das BKA ist noch nicht zuständig für die Gefahrenabwehr. Das Landesamt in Düsseldorf aber kannte nicht die Gesamtoperation.

Nach zehn Tagen wurden beide Festgenommenen wieder frei gelassen. "Da wollte einer keinen Fehler machen und hat dann alles falsch gemacht," erklärte ein Sicherheitsbeamter in Berlin.

Nun standen beide wieder kurzzeitig im Verdacht, einen Anschlagsversuch unternommen zu haben. Omar D. wurde am Dienstag festgenommen, als er auf dem Weg zu seinem Anwalt Mutlu Günal war. Mutlu Günal ist ein bekannter Strafverteidiger in der militanten Islamistenszene in Deutschland, schließlich gibt es kaum noch versierte Anwälte in Deutschland, die sich auf ein Staatsschutzverfahren einlassen wollen.

Mit Omar D. wurde auch ein weiterer Somalier, Abdifatah W., in Bonn festgenommen. Außerdem hat die Polizei eine Öffentlichkeitsfahndung mit einem Phantombild eingeleitet, dass einen unbekannten Somalier zeigt. Es kann sich hier nicht um Abdirazak B. handeln, da die Polizei von diesem frührere Photos besitzt.

Schon am Dienstagabend wurden die beiden Festgenommen wieder frei gelassen, ein Tatverdacht hatte sich nicht ergeben.

"Deutsche Schahab"

Die "Deutsche Schahab" ist ein Ableger der somalischen Organisation "Al-Shahab" (dt.: "Die Jugend"), die zum Netzwerk der al-Qaida gehört. Die Gruppierung hat in Deutschland etwa fünfzehn Mitglieder. Sie verkehrte - zumindest zeitweise - in der in Bonn in der Al-Muhadschirin-Moschee (Theaterstr. 12). Dies wird allerdings von dem Vorsitzenden des Moschee-Vereins, Mahmout Kharrat, bestritten:

Eine solche Gruppierung ist uns nicht bekannt. Die Moschee wird - neben anderen Herkunftsländern - auch von Somalis zu unterschiedlichen Gebeten zu unterschiedlichen Zeiten besucht. Nach dem Gebet verlassen die Teilnehmer die Moschee.

Mehrere Mitglieder der Zelle arbeiteten bei einem Autoersatzteil-Handel in Bad Breisig. Mindestens zwei Mitglieder wollten eine Mudschaheddin-Ausbildung in Waziristan absolvieren, kamen aber nur bis in den Iran und kehrten wieder um. Aus Deutschland wollten sich seit 2011 zwölf Radikale der al-Shahab anschließen, davon sollen sechs Personen tatsächlich in Somalia angekommen sein. Weitere Mitglieder der Gruppierung sind Sascha Alessandro B., Emrah E., Andreas Martin M. und Hussein Kassim M..

Nun müssen die polizeilichen Ermittlungen zeigen, ob es sich bei dem Inhalt der Reisetasche tatsächlich um eine Bombe gehandelt hatte und ob es sich bei den beiden Tatverdächtigen tatsächlich um (potentielle) Attentäter handelt. In diesem Zusammenhang muss auch noch ein gescheiterter Anschlagsversuch auf eine S-Bahn-Station in Dortmund, im September 2012, aufgeklärt werden.

Gerhard Piper ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit.

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38186/1.html
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