Natur macht kreativ

14.12.2012

Studenten, die vier Tage in freier Natur verbracht haben, verhielten sich anschließend deutlich kreativer als eine Vergleichsgruppe

Von der Natur haben sie alle geschwärmt. Dichter, Forscher, Philosophen - von Friedrich Nietzsche ("Auch der vernünftigste Mensch bedarf von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heißt seiner unlogischen Grundstellung zu allen Dingen.") bis Lev Tolstoi ("Man sollte doch glauben, dass die Berührung mit der Natur, diesem unmittelbaren Ausdruck der Schönheit und Güte, alles Böse im menschlichen Herzen verschwinden lassen müsse.") - und anscheinend hatten sie allen Grund dazu.

Der Aufenthalt in der Natur ist nämlich, so eine Studie im Wissenschaftsmagazin PLoS ONE, sehr gut dazu geeignet, dem Menschen seine Kreativität zurückzubringen.

Dass ein Spaziergang an frischer Luft verbrauchte Kräfte wieder auffrischt, ist subjektiv keine Neuigkeit. Psychologen haben sich auch schon des öfteren mit einzelnen Aspekten des Phänomens Natur befasst. Anfang 2012 machte etwa eine Studie der LMU München Schlagzeilen. Darin zeigten die Forscher, dass schon das kurzzeitige Einblenden der Farbe Grün unabhängig vom Kontext und von der Art der Aufgabenstellung die Kreativität der Probanden verbesserte.

Niederländische Wissenschaftler hatten hingegen (zusammen mit dem Verband der Pflanzenzüchter) 2008 untersucht, welche Auswirkungen des Vorhandensein von Pflanzen am Arbeitsplatz hat. Hier zeigte sich ebenfalls eine Korrelation: Sobald sich in dem Raum, in dem die Probanden arbeiten mussten, auch wenigstens eine Pflanze befand, fanden die Versuchsteilnehmer signifikant kreativere Lösungen.

Das Vorhandensein der Pflanze wirkte auf die Erfüllung solcher Aufgaben besonders förderlich, die mit Kreativität zu tun hatten. Allerdings spielte es keine Rolle, wieviele Gewächse sich im Raum befanden, und der Zuwachs an Kreativität lag bei etwa zehn Prozent. Ähnliche Ergebnisse hatte schon 2003 ein Forscher der Texas A&M University erbracht. Bei ihm erzielten männliche Studienteilnehmer unter dem Einfluss von Pflanzen fast ein Drittel mehr Ideen, während Probandinnen die kreativeren Ideen hatten. Dass die Studie von der US-Floristenvereinigung gesponsert war, hat die Interpretation hoffentlich nicht beeinflusst.

Camping-Aufenthalt: Steigerung um 50 Prozent

Wesentlich deutlicher sind da die Ergebnisse, die Forscher der Universitäten Kansas und Utah in dem oben schon erwähnten PLoS-ONE-Paper erhalten haben (und zwar ohne Förderung aus der Industrie). Sie verglichen Studentengruppen vor und nach einem Camping-Aufenthalt in der Wildnis. Nach vier Tagen, in denen sich die Probanden mit keinerlei elektronischen Geräten abgeben durften, hatten sich ihre kreativen Leistungen um 50 Prozent gesteigert. Die Wissenschaftler führen das auf den Wegfall der dauernden Berieselung zurück, der uns die moderne Welt aussetzt.

Die dauernde Anforderung, zwischen wechselnden Aufgaben umzuschalten, schränkt unsere Leistungsfähigkeit demnach ein - und durch einen Aufenthalt im Grünen wird diese wieder hergestellt. Die Forscher geben allerdings zu, dass nicht ganz klar ist, was genau die Ursache der Verbesserung ist: Hat wirklich die Natur geholfen, oder war es doch nur der Wegfall der Zivilisation? Hätten die Probanden also nach ein paar Tagen in einer Gefängniszelle ähnlich gute Ergebnisse erzielt?

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