Die Rüpel-Republik

24.12.2012

Jörg Schindler über den Verfall der kulturellen Umgangsformen in Deutschland

Im Alltag wie in den Medien, der Politik und der Wirtschaft werden der Ton rauer, kälter, hämischer und die Umgangsformen brutaler. Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Gesellschaft hat hierzu den Resonanzboden bereitet, insofern mit dem Propagieren der Konkurrenz auf allen Ebenen und dem mangelnden Vertrauen in die Umwelt der soziale Kitt schwindet. Ein Gespräch mit dem Journalisten Jörg Schindler, dem Autor des Buchs Die Rüpel-Republik - Warum sind wir so unsozial?

Herr Schindler, seit wann existiert in Deutschland dieses rücksichtslose und eisige Klima?

Jörg Schindler: Es ist schwierig, das auf ein Jahr genau zu benennen. Ich denke, dass wir uns, was das soziale Miteinander betrifft, seit Mitte der Achtziger in einer steten Abwärtsbewegung befinden und vermute, dass dies mit den großen Liberalisierungstendenzen zu tun hat, die uns seitdem der Neoliberalismus beschert hat. Seit dem Mauerfall haben sich diese Prozesse dann noch einmal verstärkt.

"Nirgendwo geht Arm und Reich schneller auseinander als in Deutschland"

Was sind die Gründe dafür? Der steigende ökonomische Druck, verbunden mit zunehmender Anonymisierung bei zunehmender sozialer Ungerechtigkeit? Oder zeigt sich jetzt doch nur die menschliche Natur?

Jörg Schindler: Bei der "menschlichen Natur" hat sich die Verhaltensforschung zuletzt darauf geeinigt, dass sie gar nicht so furchtbar ist, wie einige glauben. Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat zum Beispiel in Experimenten mit Kleinkindern sehr überzeugend nachgewiesen, dass wir von Natur aus ziemlich soziale und hilfsbereite Wesen sind. Es sind die Umstände, die uns davon abrücken lassen.

Dazu zählt meines Erachtens die wachsende soziale Ungerechtigkeit. Die OECD hat ja festgestellt, dass die Schere zwischen Arm und Reich nirgendwo schneller auseinandergeht als in Deutschland. Das führt dazu, dass es immer stärkere Verteilungskämpfe gibt und vor allem die Besitzstandswahrer am oberen Ende der sozialen Leiter mit großer Verbissenheit nach unten treten. Ein weiterer Faktor, der aggressives Verhalten verstärkt, ist meiner Meinung nach die völlig aus dem Ruder gelaufene Individualisierung: Seit Jahren herrscht die "Unterm-Strich-zähl-ich"-Mentalität vor, gnadenloser Egoismus ist en vogue, was dazu führt, dass man auf seinen Mitmenschen wenig gibt, beziehungsweise in ihm gleich einen Konkurrenten sieht.

"Wir entwickeln und zu einer Kastengesellschaft"

Halten Sie es für möglich, dass die Regression der Verhaltensstandards etwas mit Hartz IV und der Agenda 2010 zu tun hat?

Jörg Schindler: Nach meinen Recherchen ist es nicht so, dass die am unteren Ende der sozialen Leiter sich besonders angriffslustig und egomanisch verhalten, sondern diese Haltung ist im Gegenteil viel stärker in Schichten zu finden, die materiell ausgezeichnet dastehen. Wilhelm Heitmeyer spricht in einer Langzeitstudie, die er durchgeführt hat, von einem "eisigen Jargon der Verachtung", den Bessergestellte in einer Art Klassenkampf von oben allen anderen angedeihen lassen. Insofern glaube ich schon, dass die Agenda 2010 ihren Teil zur Verrohung der Gesellschaft beigetragen hat. Seither entwickeln wir uns ja immer stärker zu einer Kastengesellschaft, in der sich jeder das Recht nimmt, bei Gelegenheit auf den niedriger Gestellten einzuprügeln: Der Festangestellt auf den Leiharbeiter, der wiederum auf den Kollegen mit dem Werkvertrag undsoweiter.

Jörg Schindler

In welchen Bereichen hat sich in den letzten Jahren das rücksichtslose Verhalten besonders signifikant durchgesetzt?

Jörg Schindler: Im ganz normalen Alltag kann man das am stärksten im Straßenverkehr beobachten, wo die Leute mit einer zunehmenden Rücksichtslosigkeit durch die Gegend heizen, keinerlei Regeln mehr befolgen und Polizisten und Stadtplaner fassungslos machen. Auf einer grundsätzlicheren Ebene kann man diese Elemente sehr stark im Wirtschaftsbereich festmachen. Hier hat sich in den letzten Jahren ein Menschentypus herausgebildet, der aus Gründen, die mir nicht nachvollziehbar sind, meint, dass ihm im Jahr Millionen zustehen, der dann aber umgekehrt keine Verantwortung übernehmen möchte, wenn in seinem Geschäftsmodell etwas schief läuft.

Welchen Anteil haben die Medien daran?

Jörg Schindler: Die Medien haben an alles und an nichts einen Anteil. Sie haben als Antwort auf ihre Krise das Schrille, Schräge und Krawallige überbetont und glauben offenbar, dass nur, wer am lautesten schreit, überlebt. Und im Fernsehen hat die Dieterbohlisierung dazu beigetragen, dass die Leute denken, es sei normal, ständig zu keifen, zu lästern und zu beleidigen.

Gibt es für die Rüpel wirtschaftliche und politische Vorbilder (wir denken unter anderem an Thomas Middelhoff, Carsten Maschmeyer, Josef Ackermann, Bushido, Gerhard Schröder und Jockel Fischer)?

Jörg Schindler: Mir fallen erst einmal andere Namen ein: Klaus Zumwinkel zum Beispiel oder Karl Theodor von Guttenberg, der meiner Meinung nach ein ganz krasser Fall ist. Er hat sich in all seinen Ministerämtern stets als Mister-Gute-Manieren präsentiert, dann aber als dreister Kopist erwiesen und alle Schuld bestritten. Am Ende hat er die Schuld ja noch seiner eigenen Familie zugeschoben. Ich denke, das offenbart schon ein ganz merkwürdiges Verständnis von Anstand. Ähnliches gilt für Christian Wulff. Zu Schröder und Fischer lässt sich sagen, dass sie mit ihrer Ruppig- und Rotzigkeit wenigstens nicht hinterm Berg gehalten haben. Da wusste man wenigstens meistens, woran man ist.

Ist diese betonte Art von Unfreundlichkeit gar eine deutsche Eigenart?

Jörg Schindler: Das glaube ich nicht. Ich war vor kurzer Zeit in England, was ja gemeinhin als das Musterland des guten Benehmens gilt und habe zu meiner Überraschung an den Bahnhöfen festgestellt, dass überall Schilder aufgestellt sind, auf denen darauf hingewiesen wird, dass das Anpöbeln und Bespucken des Personals nicht statthaft sei. Auch dort also scheint sich unsoziales Verhalten allmählich Bahn zu brechen. Es scheint sich also weniger um eine nationale als um eine systemische Frage zu handeln.

Wie lässt sich diese Entwicklung aufhalten beziehungsweise umkehren?

Jörg Schindler: Wenn ich zynisch wäre, würde ich sagen, man müsste einfach nur auf eine große Katastrophe warten, damit die Leute wieder umgänglicher werden: Man hat das nach 9/11 in New York, aber im Zuge der Finanzkrise auch in Island gesehen oder aktuell in Griechenland. Dort kann man nicht nur beobachten, dass die Faschisten zulegen, sondern auch, dass sich Initiativen gründen, die zum Beispiel Reste aus den Restaurants unter den Leuten verteilen, die sich kein Essen mehr leisten können. Es gibt Landgemeinschaften, die die Selbstversorgung entdecken etcera.

In einer krisenhaften Situation können Menschen wieder zusammen rücken. Ich weiß jetzt nicht, ob das ein adäquater Lösungsvorschlag ist, aber schon jetzt gibt es nicht wenige Leute, die keine Lust mehr auf die gegenwärtige Kaufkultur haben und zum Beispiel car sharing betreiben oder in einer Dorfgemeinschaft den Tante Emma-Laden wieder neu gründen. Wir müssen wieder ein Solidargefühl entdecken und erkennen, dass Viele mehr bewirken können als Einer. Das gilt meines Erachtens sowohl im privaten wie auch im politischen Raum.

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