Aufmerksamkeit

Ist die Provinz der Ursprung des massenmörderischen Bösen?

17.12.2012

Die meisten der blutigsten Amokläufe fanden wie das Massaker in der Grundschule in Newtown in Kleinstädten statt

Der zwanzigjährige Mann, der eiskalt und jeweils mit mehreren Schüssen 20 Kinder und 5 Lehrer und seine Mutter - noch zuhause im Bett - tötete, wird als Einzelgänger beschrieben. Es heißt, er sei hochbegabt gewesen und soll möglicherweise am Asperger Syndrom gelitten haben. Die Amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie (APA) will diese Art der autistischen Störung aber nicht weiterführen. Es gibt keinerlei Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Asperger und Gewalt.

Seine Mutter, die von ihrem seit 1999 geschiedenen Mann jährlich 240.000 US-Dollar erhielt, war eine Waffennärrin, brachte Adam Lanza und seinem älteren Bruder das Schießen bei, hatte legal mindestens fünf Schusswaffen zuhause, die Adam für seinen Amoklauf benutzte. Und sie nahm Adam schließlich aus der Highschool, wohl um ihn zu schützen, und gab ihm Unterricht zuhause. 2010 machte er seinen Schulabschluss, lebte aber weiter bei seiner Mutter und studierte oder arbeitete offenbar nicht.

Vielleicht war der Selbstmordanschlag ein Ausweg aus einer verzweifelten Situation ohne Lebensperspektive, angebunden an die Mutter. Ob es der Hass auf kleine Schulkinder war, denen das Leben noch offensteht, oder ein wirrer Heilsauftrag, ihnen die künftigen Leiden zu ersparen, bleibt Spekulation. Klar aber ist, dass die Verfügbarkeit von Schusswaffen, die Adam im Haus an sich nehmen konnte, nachdem er aufgrund der etwas schärferen Waffengesetze in Connecticut vergeblich versuchte hatte, sich welche zu kaufen, den Schritt in die Gewalt hinein erleichtern.

Anstatt alleine Hand an sich zu legen, ist der "Amoklauf" oder der Selbstmordanschlag mittlerweile zu einem Skript für ein finales Aufmerksamkeitsspektakel geworden. Hat der erste Schuss einen anderen Menschen getroffen, ist die Situation für den Täter unumkehrbar geworden, der dann möglichst viele Menschen mit sich reißt, bis er sich selbst das Leben nehmen kann, weil er sich damit jeden Ausweg verbaut hat. Um sicher zu gehen, erschießen sich viele Täter selbst, da die Möglichkeit besteht, dass die Polizisten sie lebend festnehmen können oder deren Schüsse nicht tödlich sind, was auch immer wieder geschieht, weil die Täter ihren Plan nicht durchziehen können oder ihnen die Entschlossenheit fehlt, sich selbst zu töten.

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Interessant mag auch sein, dass zumindest in den USA die Amokläufe meist nicht in Großstädten stattfinden, in die man normalerweise die meiste Gewalt projiziert, sondern in kleinen und mittleren Städten. Adam Lanza wurde 1992 in Kingston, New Hampshire, geboren. In dem kleinen Städtchen mit 6.000 Einwohnern ging er auch zur Schule, bis er mit seiner Mutter in ein großes Haus in Newtown, Connecticut, umzog. In der Stadt leben etwa 37.000 Menschen, fast nur Weiße mit überdurchschnittlichem Einkommen. Columbine, Colorado, wo 1999 Eric Harris und Dylan Klebold in ihrer Highschool 12 Schüler und einen Lehrer töteten und ein Vorbild für Nachahmer schufen, ist ebenfalls eine Kleinstadt mit 24.000 Einwohnern, ebenfalls zu mehr als 90 Prozent Weiße sind und ein überdurchschnittliches Einkommen haben. Aurora, schon wieder Colorado, wo der 24-jährige Medizinstudent James Holmes in diesem Sommer in einem Kino 14 Menschen tötete, hat zwar schon mehr als 300.000 Einwohner, ist aber auch keine Großstadt. Chardon, wo ein 17-jähriger Schüler im Februar 2012 drei andere Schüler tötete, sich aber festnehmen ließ, ist wieder ein kleines Städtchen mit gerade einmal 5.000 Einwohnern. Auch das Virginia-Tech-Massaker, bei dem der Täter 32 Menschen und sich selbst tötete, fand in der kleinen Stadt Blacksburg mit 42.000 Einwohnern statt.

Kleinstädte sind Brutstätten für Massenmörder und Massentötungen

Richard Florida hat für The Atlantic die Orte überprüft, an denen die Massenmorde oder Amokläufe, in den USA "school shootings" genannt, stattgefunden haben. Mehr als zwei Drittel aus einer von Mother Jones zusammengestellten Liste und 80 Prozent von einer Liste der schlimmsten Amokläufe fanden in kleinen Städten, Vororten oder ländlichen Gebieten statt: "Die große Mehrheit der Massentötungen und besonders der Massaker an Schulen haben sich nicht in den Zentren der großen Städte, sondern in den kleinen Städten und Dörfern unserer suburbanen und ländlichen Gebiete ereignet", so Florida.

Die meisten mit Schusswaffen begangenen Morde und Selbstmorde in den großen Städten begangen worden, aber nach einer Durchsicht der Daten konnte Florida keinen Zusammenhang mit der Zahl der Morde mit Schusswaffen und der Größe und Bevölkerungsdichte von Großstädten und einen negativen Zusammengang zwischen der Größe von Großstädten und der Zahl der mit Schusswaffen Getöteten herstellen. Selbstmorde mit Schusswaffen wurden auch vor allem nicht in Großstädten ausgeführt. Gewagt scheint freilich, wenn er die Häufung auf eine "Kultur der Ehre" zurückführen. Nach einer Studie aus dem Jahr 2009 soll eben diese Kultur für einen Gutteil der Gewalt an den Schulen und für das Mitbringen von Schusswaffen zur Schule verantwortlich sein. Die Massenehrenmorde, wie man sie nennen könnte, seien das Ende einer langen Geschichte der Marginalisierung, der Demütigung oder des Bullying, die vor allem Männer in den Staaten der Ehrenkultur betreffe. Florida führt weiter an, dass womöglich Demütigungen in ländlichen Gebieten oder Kleinstädten mit einer homogeneren Bevölkerung schlimmer erlebt werden als in Großstädten, wo es eine stärker multikulturelle Bevölkerung gibt.

Es könnte aber durchaus sein, dass die armen Stadtviertel in Großstädten mehr individuelle oder organisierte Gewalt und Kriminalität verursachen, aber die Vororte, Kleinstädte und Dörfer "die Brutstätten für Massenmörder und Massentötungen" sind. Normalerweise werden die blutigen Amokläufe wie auch jetzt wieder der in Newtown als unvorhersehbarer und unbegreiflicher Einbruch des Bösen in eine heile Welt von den Menschen vor Ort und den Medien dargestellt. Aber es könnte durchaus sein, dass in dieser heilen Welt zwar die Kriminalität geringer ist, aber Ausbruchsversuche aus der Scheinidylle desto schlimmer sind, auch wenn sie nicht häufig vorkommen. Aber spätestens seit Columbine haben sie ein Drehbuch, das durch die Selbstmordanschläge vom 9/11 auch für die privat motivierten Selbstmordattentäter noch verstärkt wurde.

Auch in Europa fanden die schlimmsten Amokläufe in Kleinstädten wie 2009 in Winnenenden (28.000 Einwohner), 2008 im finnischen Kauhajoki (14.000 Einwohner), 2007 im finnischen Tuusula (27.000 Einwohner), 2006 in Emsdetten (35.000), 2006 in Coburg (42.000 Einwohner) oder 1996 im britischen Dunblane (8.000 Einwohner) statt. Das Massaker in Erfurt (200.000 Einwohner) 2002 war eine Ausnahme.

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