Strandleben im Weltall

Matthias Matting 22.12.2012

Nicht Mars oder Venus, sondern der Saturnmond Titan ist der wohl erdähnlichste Himmelskörper im Sonnensystem

Eine dichte Atmosphäre, Wetterphänomene wie Regen und Schnee, Dünen am Äquator, bis zu 2000 Meter hohe Berge, aber auch große Seen und Flüsse - der Saturnmond Titan weist eine Menge Ähnlichkeiten zur Erde auf. Obwohl nur ein wenig größer als der sonnennächste Planet Merkur gilt er deshalb als erdähnlichster Himmelskörper in unserem Sonnensystem. Wer jetzt schon daran denkt, ein Grundstück mit Blick auf den Ontario Lacus zu erwerben, der immerhin so groß wie Schleswig-Holstein ist, sollte allerdings auch das Kleingedruckte studieren. Es gibt da nämlich auch ein paar kleinere und größere Unterschiede zu den Verhältnissen bei uns.

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Das Surfbrett kann zum Beispiel auf jeden Fall zuhause bleiben. Die Wellen auf dem See sind maximal einen Millimeter hoch - jedenfalls zu dem Zeitpunkt, als die Cassini-Sonde der NASA das Gewässer mit Radar abtastete. Auch die Tauchausrüstung muss nicht ins Reisegepäck, weil der See im Mittel nur zwischen einem halben und drei Metern Tiefe aufweist. Allerdings könnte sie ganz nützlich sein, um im Freien zu überleben.

Denn obwohl der Mond nur ein Siebtel der Schwerkraft der Erde aufweist, lastet seine außerordentlich dichte Atmosphäre mit ziemlicher Schwere auf ihm und all seinen Bewohnern. Auf der Oberfläche müssen Sie mit einem etwa anderthalb mal größeren Luftdruck als auf der Erde rechnen. Statt nach Sonne und Meer duftet es vermutlich eher nach Tankstelle, denn die Luft besteht zu 98 Prozent aus Stickstoff, gemischt mit Argon, Methan und anderen Kohlenwasserstoffen. Sauerstoff zum Atmen bietet die Atmosphäre leider nicht.

Dass es auf dem Titan ab und zu regnet, dürfte Sylt- oder Ostsee-Urlauber nicht stören. Die mittleren Temperaturen liegen aber noch deutlich niedriger als im deutschen Hochsommer, nämlich bei rund minus 180° Celsius. Was da auf den Regenschirm tröpfelt, ist bei diesen Temperaturen natürlich kein Wasser, sondern flüssige Kohlenwasserstoffe wie Methan und Ethan.

Sogar die Form des Mondes könnte, wie NASA-Forscher vermuten, von der Meteorologie des Himmelskörpers bestimmt sein. Er ist nämlich deutlich stärker abgeplattet, als das aufgrund seiner Rotationsgeschwindigkeit zu vermuten wäre. Also muss er sich entweder früher etwa ein Drittel schneller um seine Achse bewegt haben - oder das in der Atmosphäre vorhandene und auf den Boden regnende Ethan hat die Polkappen zusätzlich schwerer gemacht und so die Abflachung verursacht.

Auch Oberflächenstrukturen werden vom Titan-Wetter geformt: So lassen sich zum Beispiel in Äquatornähe riesige, vom Wind geformte Dünen nachweisen, die zum großen Teil aus Kohlenwasserstoff-Sand bestehen. Wassereis zu finden, ist jedoch kein Problem: Bei den Oberflächentemperaturen ist es hart wie Stein. Sogar Vulkanismus haben die Forscher auf dem Mond nachgewiesen - nur dass statt Lava flüssiges Wasser austritt. Dieses Wasser kommt aus einem riesigen, unterirdischen Reservoir, das die Wissenschaftler in rund 100 Kilometern Tiefe vermuten.

Dieses von der Cassini-Sonde der NASA aufgenommene Foto zeigt ein riesiges, mit dem Nil-Delta vergleichbares Fluss-System auf dem Saturnmond Titan. Es erstreckt sich über rund 400 Kilometer und mündet in den 500 Kilometer durchmessenden Methansee Ligeia Mare (Bild: NASA/JPL-Caltech/ASI)

Die neueste Entdeckung der Cassini-Sonde ist ein riesiges Fluss-System, das sich mit einigen Verästelungen über etwa 400 Kilometer entlang einer Bruchstelle hinzieht und schließlich in den Methansee Ligeia Mare mündet, der selbst einen Durchmesser von 500 Kilometern besitzt. Die Forscher vermuten, dass er mit einer Flüssigkeit gefüllt ist, wohl mit einem Gemisch aus Ethan und Methan, wie Cassini-Spektrometer-Daten 2008 für den Ontario Lacus nachweisen konnten.

Die Bruchstelle, an der sich der Fluss entlang schlängelt, deutet nicht unbedingt auf eine Plattentektonik wie auf der Erde hin. Die Forscher vermuten jedoch, dass die Brüche im Gestein ausreichten, so große Methanseen wie den Ligeia Mare entstehen zu lassen. Statt der Plattentektonik dürfte ein andauerndes Schrumpfen des Mondes dafür zuständig sein: Sein immer noch einigermaßen heißer Kern kühlt sich ab und zieht sich dabei zusammen. Wie bei einem Luftballon wird dadurch die Außenhaut schrumpelig und bekommt Risse.

Die Entstehung des Sonnensystems erklärt der Autor in dem eBook "Die neue Biografie des Universums" (für Kindle, für iPad, für ePub-Reader und als PDF erhältlich)

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38224/1.html
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