"Ich gehe, weil Sie der Ansicht sind, dass der Erfolg bestraft werden muss"
Depardieus neue Rolle als Rebell gegen den Spitzensteuersatz
In unserem Nachbarland wird darüber diskutiert, wie sich der französische Patriotismus mit der Reichensteuer verträgt. Der lärmende Hauptakteur ist ein ausgewiesener Rabauke und - manchmal - ein begnadeter Schauspieler, "Gégé National" Depardieu.
Depardieu neigt zum Pathos, er pflegt eine Kunstfigur, die Publikum hat. Er gibt außerhalb der Filme gerne den ungebärdigen, rebellischen Franzosen, voller Leidenschaft, mit großem Herz, rabelaischer Genusslust und einem Hang zu großen Worten. Jetzt will Depardieu, der Gallier, Belgier werden - aus Protest gegen den Spitzensteuersatz und unangemessene Behandlung seitens eines ehemaligen Deutschlehrers, der die Rolle des Premierminister bekleidet. Staatspräsident Hollande rudert derweil bei ziemlichen Wellengang. Der Spitzensteuersatz ist eins seiner ambitionierten Projekte.
Zuerst wollte Depardieu nur nach Belgien ziehen. Ins wallonische Néchin, das nur ein paar Kilometer von der französischen Grenze entfernt liegt, ein Ort, der außer ihm noch ein paar andere französische Millionäre aufgenommen hat. Seine Gründe für den Umzug hat Gégé seiner Art gemäß nicht leise, sondern krachig mitgeteilt. Der Spitzensteuersatz mache es ihm unmöglich, weiterhin in Frankreich zu leben.
"Erbärmlich" sei das, kommentierte Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault, in seiner "pragmatisch, versöhnlichen und moderaten" Art. Daraufhin schrieb ihm Depardieu einen Brief, in dem er die französische Staatsbürgerschaft aufkündigte.
Ich gehe, weil Sie der Ansicht sind, dass der Erfolg, die Schaffenskraft, das Talent, im Grunde: der Unterschied, bestraft werden müssen (…). Ich bin weder zu bedauern noch zu beneiden, aber ich lehne das Wort "erbärmlich" ab.
Für seinen leidenschaftlichen Ausbruch hat Depardieu viel Beifall bekommen. Im französischsprachigen Netz wimmelt es von Solidaritätserklärungen; eine online-Befragung des konservativen Figaro zeigt, dass 80 Prozent die Wut Gérard Depardieus verstehen. Was an sich bemerkenswert ist, weil das Image des Schauspieler in den letzten Jahren ziemliche Kratzer abbekommen hatte, der Lack war ab. Sein Register nichtkorrekten Verhaltens ist lang: Trinkeskapaden, Fahren unter Alkoholeinfluss, Fahrerflucht, Busengrabschereien. Vor einiger Zeit machte ein Video die Runde, das ihn beim Urinieren im Flugzeug zeigte. Er nahm auch dies mit seinem ihm eigenen Humor.
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Ungewöhnlich ist es schon, dass sich jetzt auch der Figaro in Kommentaren als Fan Depardieus ausgibt. Er ist hochwillkommen, um Hollande ans Bein zu pinkeln. Um dessen Begründung für den Spitzensteuersatz zu zerlegen: Dass dieser eine patriotische Pflicht sei.
Depardieu präsentiert sich demgegenüber als der viel bessere Patriot, der vom falschen Patriotismus vertrieben wird, ein Opfer sozialistischer Gängelei. Seit dem 14ten Lebensjahr arbeite er, er habe immer Steuern bezahlt, in diesem Jahr bereits 85 Prozent Einkommenssteuer, in 45 Jahren 145 Millionen Euro. Und er sei Arbeitgeber für 80 Personen. Da mag die Zeitung Le Monde noch so sehr schwarz auf weiß nachrechnen, dass die Zahlen nicht stimmen können. Die Botschaft, dass etwas falsch laufe, wenn Frankreich solche Leistungsträger und Identifikationsfiguren verjage, wird von Gegnern des neuen Grenzsteuersatzes von 75 Prozent gerne angenommen.
Hollande, der auf Nüchternheit setzt, tut sich schwer mit der Welle der Entrüstung. Er hat die Wirkung der Depardieuschen Auftritte unterschätzt. Nun versucht er zu korrigieren. Nach dem Ayrault schon erklären musste, dass er mit "erbärmlich" nicht die Person Depardieus gemeint habe, sondern den Umzug nach Belgien wegen des Spitzensteuersatzes, betonte Hollande, dass er Depardieu nicht zurechtweisen wolle. Man müsse aber doch solidarisch sein: "Glauben Sie, dass es leicht ist für einen Mindestlohn-Empfänger? Für jemanden, der sich Sorgen darüber macht, dass die Heizkosten für die Wohnung bezahlt werden können und sieht, wie andere versuchen, sich vor den nationalen Beteiligungszahlungen zu schützen?"
Mag sein, dass ihm das einigen Beifall einbringt. Das Öffentlichkeitskino machen aber andere und dass Steuerflucht in Frankreich als "Nationalsport" oder Notwehr gilt, wird durch Depardieus Gefühlsstück aufgewertet.
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38229/1.html- Re: Kurz ... (7.1.2013 11:54)
- Kurz ... (4.1.2013 13:54)
- Re: Kurz ... (4.1.2013 11:01)
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