Allein wie ein Stein

28.12.2012

Die deutsche Seele und "Die Nibelungen"

Neulich im Schloss des Bundespräsidenten. Joachim Gauck gibt ein Fest zur Feier des 80. Geburtstags von Edgar Reitz, der - Gauck zufolge - mit seiner Heimat-Trilogie ein "nationales Epos" geschaffen habe. Wie anschließend der Presse zu entnehmen, beklagt sich der Präsident über die epische Armut in Deutschlands Film und Fernsehen, wo man inzwischen jedem Kaff seinen Heimatkrimi widmet, aber immer weniger die Kraft aufbringt, die großen und komplexen Geschichten zu erzählen, ohne die eine Kultur verarmt, weil sie nur noch Nabelschau betreibt. Da würde ich Herrn Gauck nicht widersprechen. Auch ich bin ein Aficionado der langen Form, muss aber gestehen, dass mich Reitz’ Heimat zunehmend gelangweilt hat. Nicht einmal für den ersten, 1984 mit Jubelchören begrüßten Teil konnte ich mich begeistern, wenn ich ehrlich bin. Deshalb sei hier ein anderes nationales Epos empfohlen, das trotz seiner 90 Jahre erstaunlich frisch geblieben ist und spannend bis zum Schluss, obwohl man vorab das Ende kennt. Die Mutter aller Ritterfilme, bis hin zum Herrn der Ringe und Game of Thrones. Ein echtes Meisterwerk des deutschen Films, das unerbittlich ist in seiner Konsequenz und zeigt, dass das mit der vom Präsidenten beschworenen Freiheit gar nicht so einfach ist, wenn man erst eine falsche Entscheidung getroffen hat.

Filme, die man gesehen haben muss, ehe einen die Demenz ereilt, Folge 3: Fritz Langs Die Nibelungen.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Als heutiger Zuschauer muss man wahrscheinlich drei Hürden nehmen, um Langs grandioses Epos über Macht, Geld und Realpolitik würdigen zu können.

1. Man darf sich nicht vom Etikett "Literaturverfilmung" abschrecken lassen, falls man wie ich das Pech hatte, in der Schule auf Deutschlehrer zu stoßen, deren vornehmste Aufgabe es war, einem die Lust an der Literatur auszutreiben. Lang schuf keine hermetischen Kunstwerke für Insider und Besserwisser, sondern solche, mit denen er die Hochkultur demokratisierte. Für ihn war Karl May wichtiger als der anonyme Verfasser des Nibelungenliedes oder philologische Überlegungen zur mittelhochdeutschen Überlieferung. Das kann man schon daran sehen, dass er später, mit Rancho Notorious, eine ganz ähnliche Geschichte um "hate, murder and revenge" im Westernformat erzählte. Aus Kriemhild ist da ein rachsüchtiger Cowboy geworden und aus der Etzelburg die Ranch einer Ex-Prostituierten, auf der flüchtige Bankräuber Unterschlupf finden.

2. Man muss bereit sein, den Nibelungen eine Chance zu geben, statt das Vorurteil zu pflegen, dass Stummfilme unzugänglich sind, weil man Zwischentitel lesen muss und keine von den Darstellern gesprochenen Dialoge hört. Mein Tipp: Einfach ansehen, sich dem Sog der Bilder überlassen, dann aber bitte anfangen zu überlegen, was man da eigentlich vor sich sieht. Einem Kinomagier wie Fritz Lang kam es natürlich auch auf Schauwerte an, nicht aber auf das Ausschalten des Verstandes und die Übermächtigung des Zuschauers durch das Visuelle wie von den Nazis angestrebt. Lang war der Meister des analytischen Blicks, den man bei ihm einüben kann, ohne durch überflüssiges Gerede abgelenkt zu werden. Statt eine irgendwie geartete Vergangenheit historisch möglichst exakt zu rekonstruieren, entschied sich Lang für die Abstraktion. Die stumme Form eignete sich dafür besonders gut. Kein anderer Ritterfilm ist so modern wie dieser.

3. Man sollte sich selbst ein Bild vom ideologischen Gehalt des Films machen und nicht zu viel auf den später erhobenen Vorwurf geben, dass Die Nibelungen ein protofaschistischer, mit den Zielen der NSDAP sympathisierender Historienschinken sei. Die Nazis, denen selbst wenig Originäres einfiel, plünderten die beiden Nibelungen-Filme aus (vor allem den ersten Teil, Siegfried), bedienten sich bei dem, was Lang und seine Mitarbeiter geschaffen hatten, wenn sie ihre Aufmärsche und ihre nekrophilen Gedenkfeiern für die toten Helden der Bewegung inszenierten (auch Leni Riefenstahl hat ziemlich unverfroren bei Lang geklaut). Daraus kann man lernen, dass es bei Bildern immer auf den Kontext ankommt, in den sie gestellt werden. Erst aus dem Kontext ergibt sich ihre Bedeutung. Wenn das beim Umgang mit dem NS-Filmerbe endlich berücksichtigt würde, statt sich auf Details einzuschießen, wäre schon viel gewonnen.

Vom Schmalzathleten zur deutschen Spitzenleistung

Fangen wir also mit den Nazis an und mit der Drehbuchautorin Thea von Harbou, die sich später zur Parteigängerin und glühenden Verehrerin von Adolf Hitler entwickelte. Harbou fühlte sich ungerecht behandelt, als aus verschiedenen Lagern Kritik an ihrer Bearbeitung des Stoffes laut wurde. Eigenen Angaben nach überwand sie diese Kränkung erst 1935, "durch Worte des Führers, die er über den starken Eindruck berichtete, den der Film und seine Wirkung" auf ihn gemacht hatten - "einen Tag, nachdem er aus der Festungshaft in Landsberg entlassen worden war und als erstes die Nibelungen in München sah". Das müsste der 21. Dezember 1924 gewesen sein. Ob Hitler an diesem Tag wirklich nichts Eiligeres zu tun hatte, als ins Kino zu gehen und sich Die Nibelungen anzusehen (nur Siegfried oder auch Teil 2, Kriemhilds Rache?), was er sich dabei dachte, und ob er elf Jahre danach, als er Thea von Harbou davon berichtete, noch wusste, was er sich 1924 gedacht hatte, ist schwer zu sagen.

Joseph Goebbels, der spätere Propagandaminister, war nicht besonders angetan, als er den Film 1924 sah: "Alle Phantasie aus alten Kindertagen schwindet und zurück bleibt nur rasches Erwachen. Als Siegfried wird ein Schmalzathlet aus Berlin, als Brunhilde eine Frankfurter Pelzhausjüdin photographiert." 1929 hatte er es sich anders überlegt und scheinbar erkannt, dass sich Langs Film propagandistisch ausschlachten ließ, wenn man sich auf den ersten Teil konzentrierte und auch da nicht zu genau hinschaute. 1929, bei einer Wiederaufführung, rühmte er Die Nibelungen als "die deutsche Spitzenleistung", sah er "das deutsche Schicksal schlechthin" auf die Leinwand gebracht: "Ich bin wieder einmal erschüttert von diesem grandiosen Gemälde deutscher Kraft, Größe und Schönheit." Wieder einmal. Da traf es sich gut, dass er das mit dem "Schmalzathleten" und der "Pelzhausjüdin" nur seinem Tagebuch anvertraut hatte.

Am 28. März 1933 hielt Goebbels im Berliner Hotel Kaiserhof vor deutschen Filmschaffenden eine Rede, in der er eine "geistige" Filmkrise unterstellte, dem deutschen Film jedoch zugleich attestierte, dass er das Zeug habe, zur "Weltmacht" aufzusteigen. Dafür sei eine Schärfung der "völkischen Konturen" nötig. Als Beispiel für einen Film, der "einen unauslöschlichen Eindruck" auf ihn gemacht habe, führte er Die Nibelungen an. Obwohl "nicht aus der Zeit genommen", sei das Werk "so zeitnah, so aktuell gestaltet, dass es auch die Kämpfer der nationalsozialistischen Bewegung innerlich erschüttert hat". Als Goebbels seine Rede hielt, hatte die Ufa bereits eine Tonfassung des ersten Teils vorbereitet, mit einem vom Gunther-Darsteller Theodor Loos gesprochenen Kommentar, die im Mai 1933 unter dem Titel Siegfrieds Tod in die Kinos kam.

Das Nibelungenlied machte im Dritten Reich eine unheimliche Karriere. Auszüge wurden im Deutschunterricht durchgenommen, um die "germanische Weltanschauung und germanisches Lebensgefühl" zu verdeutlichen, wie es im Lehrplan für den Unterricht an Höheren Schulen von 1938 heißt, wobei beim Schüler "der Mut zu seelischer Entscheidung zu wecken" sei. Und weiter: "Der Arbeitsunterricht darf nicht zu verantwortungslosem Kritteln und Zerreden führen oder in überheblicher Rechthaberei steckenbleiben. Er muss vielmehr in einem Ergebnis, einer Wertung und Entscheidung sein Ziel sehen. Dafür trägt der Lehrer die Verantwortung." Beim Nibelungenlied war die Interpretationshilfe des Lehrers besonders wichtig, weil vieles am Verhalten der Protagonisten doch zu wünschen übrig lässt und es einiger Volten bedurfte, um die Geschichte propagandistisch nutzbar zu machen, als Beitrag zur Formung des nationalsozialistischen Menschen.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Hagen, der den ihm vertrauenden Siegfried von hinten mit dem Speer ermordet, wurde nach dem Ersten Weltkrieg gern herangezogen, wenn es galt, die Dolchstoßlegende zu illustrieren. Damals war er noch der Böse. Unter den Nazis erfuhr sein Verhalten eine radikale Umdeutung. Bei den 1937 bis 1939 in Worms veranstalteten Nibelungenfestspielen (aufgeführt wurde eine braun eingefärbte Fassung von Hebbels Nibelungentrilogie) war Hagen der Held. Das Programmheft von 1937 feierte das Nibelungenlied als "die größte Dichtung aus den Frühzeiten der Völker Europas, zugleich die früheste dichterische Kunde von germanischer Größe und germanischem Heldentum", eine Dichtung, "die sich zum Volkstum und zum Ideal männlichen Rittertums" bekenne. "Kraftvoll verkörpert" werde das in der Gestalt Hagens. 1939 steuerte der Oberbürgermeister ein Geleitwort bei, in dem es heißt:

Was in Jahrtausenden aufgewachsen war und wieder zerbrechen musste, hat der Führer neu zusammengefügt im Großdeutschen Reich, das sich anschickt, der Nibelungen Not in das Glück des ganzen Volkes zu wenden. So ist das Wormser Festspiel über alle Spiele anderer Städte hinausgehoben durch die Bodengebundenheit seines Geschehens und durch die Eingliederung vergangenen Schicksals in das gegenwärtige Erleben, das alle Herzen und Hände der Verwirklichung des neuen Reiches zuwendet.

Nicht nur dem Bürgermeister war klar, in welcher Rolle im Festspiel man sich den Führer primär zu denken hatte. Heinrich Himmler, der sich die persönliche Abstammung von einem deutschen Kaiser des Mittelalters herbeiphantasierte und die SS an seinen Vorstellungen von einem Ritterorden ausrichtete, pries Hitler als Wiedergeburt Hagens und ließ sich auch gern selbst mit diesem vergleichen. "Meine Ehre heißt Treue" war der Wahlspruch der SS, und der Treueste überhaupt war Hagen. In ihrer Eidesformel schworen die SS-Männer als viele kleine Hagens dem Ober-Hagen Hitler "Treue und Tapferkeit" sowie - als Synonym für Treue - "Gehorsam bis in den Tod". Für Letzteres gab es ab 1939 reichlich Gelegenheit, nicht nur für die SS. In seiner berüchtigten, am 30. Januar 1943 im Rundfunk übertragenen Stalingrad-Rede prophezeite Hermann Göring, dass Stalingrad "einmal der größte Heroenkampf gewesen sein" wird, "der sich jemals in unserer Geschichte abgespielt hat". Dabei bezog er sich explizit auf die Burgunder, die sich in der Etzelburg verbarrikadieren und den Angriffen der Hunnen trotzen:

Wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß "Der Kampf der Nibelungen". Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut - aber kämpften und kämpften bis zum Letzten.

In der Nazi-Propaganda wurden die Kämpfe um Stalingrad als das neue Nibelungenlied verklärt, obwohl die dort eingekesselte Armee am Tag nach Görings Rede kapitulierte, statt heroisch unterzugehen, was Hitler, dem neuen Hagen, gar nicht schmeckte. Jeder Deutsche, so Göring am 30. Januar, müsse "noch in tausend Jahren […] mit heiligen Schauern das Wort Stalingrad aussprechen und sich erinnern, dass dort Deutschland letzten Endes doch den Stempel zum Endsieg gesetzt hat!" Wem aber fiel die Schurkenrolle zu, wenn Hagen plötzlich einer von den Guten war? Das Wormser Programmheft von 1939 kennt die Antwort: "So wird auch das Nibelungenlied zum Sinnbild kämpferischer Gemeinschaft, die zerbrechen muss, wenn ein einzelner - in diesem Falle Kriemhild - die Urzelle aller Gemeinschaft, die Sippe, zerstört." Umso bemerkenswerter ist, dass der zweite Teil von Langs Die Nibelungen, Hitlers vermeintlichem Lieblingsfilm, im Dritten Reich nicht mehr aufgeführt wurde, nicht einmal in einer akustisch und ideologisch bearbeiteten Version wie Teil 1.

Ich erkläre mir das damit, dass da nicht nur Kriemhilds Rachefeldzug gegen Hagen gezeigt wird, sondern auch die Auswirkungen der Nibelungentreue, die der Rechtfertigung von allerlei Verbrechen dient (Alfred Polgar: "Ein feierlich gedrehtes Hohelied auf die altgermanische Sitte, um der Treue willen Untreue zu begehen."). Das daraus resultierende Gemetzel wird mit einer solch brutalen Konsequenz vorgeführt, dass die Nazis (würde ich sagen) gar nicht erst den Versuch unternahmen, die schaurigen Ereignisse in ihrem Sinne umzudeuten. "Wer weltanschaulich nicht fest ist", warnte Goebbels 1933 in seiner Kaiserhof-Rede, könne durch gewisse Filme "zum Bolschewisten werden". Die Gefahr war wohl zu groß, dass sich der Zuschauer am Ende mit Grausen von den deutschen Helden abwenden oder gar Partei für die Hunnen ergreifen könnte. 1986, als das Münchner Filmmuseum seine Rekonstruktion der Nibelungen präsentierte, war auf dem Plakat ein traurig dasitzender Hunnenkönig Etzel zu sehen. Ich weiß noch, dass das Motiv einigen Unmut auslöste, weil nicht Siegfried durch den deutschen Wald ritt wie sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Fritz Lang hätte es bestimmt gefallen.

Helden braucht das Land

Wer Die Nibelungen partout vor den völkisch-konservativen Karren spannen wollte, musste viel geistige Flexibilität aufbringen. Lang und Harbou orientierten sich bewusst nicht an Richard Wagner, und Gottfried Huppertz komponierte eine eigenständige Musik, statt, wie allgemein erwartet, Wagner-Opern zu recyceln. Als weltanschaulich gefestigt erwies sich 1924 der Kritiker der Filmwoche, der das einfach ignorierte, Wagner zum einzig möglichen Komponisten des Nibelungenlieds erklärte ("Er hat zu allen Zeiten mit ehernem Ernst unverrückbar vor dem deutschen Menschen gestanden und hat ihn gemahnt, daß der kühne Mut der Vorfahren nie die feige Angst der Epigonen werden darf.") und so tat, als habe Lang sich voller Freude in dessen Tradition gestellt. War diese im real existierenden Film nicht vorhandene Traditionspflege erst hinzuerfunden, konnte man Lang auch loben wie die zum Hugenberg-Konzern gehörende Filmwoche, die ihm in ihrem Nibelungen-Sonderheft attestierte, er habe "das deutsche Heldenlied auferstehen" lassen und sich damit zu einer Tat bekannt, "deren Kühnheit dem Deutschen wohl kaum offenbar ist". Der Kritiker jubilierte:

Ein geschlagenes Volk dichtet seinen kriegerischen Helden einen Epos in Bildern, wie ihn die Welt bis heute noch kaum gesehen - das ist eine Tat! Fritz Lang schuf sie und ein ganzes Volk steht ihm zur Seite. Ein ganzes Volk, weil eben dieses er bei seinem innersten Herzen faßt. […] Wir brauchen wieder Helden!

An Interpretationen wie dieser war Lang nicht ganz unschuldig. Im Programmheft zum Film schrieb er etwas vom "geistigen Heiligtum einer Nation" sowie von "einer gewissen Andacht vor dem zu Schaffenden", und in Interviews erweckte er den Eindruck, er wolle dem deutschen Volk dabei helfen, sich nach der im Weltkrieg erlittenen Niederlage wieder aufzurichten und strebe die Erneuerung Deutschlands an, indem er einen nationalen Mythos zu neuem Leben erweckte. Das kann man als die übertriebene, allzu leicht in den Kult des Nordischen abdriftende Deutschtümelei eines soeben erst eingebürgerten Wieners deuten, als Anbiederung an seine neuen Landsleute oder schlicht als die Geschäftstüchtigkeit eines geschickten Selbstdarstellers, der sich am Set als Diktator gebärdete, keine künstlerischen Kompromisse mochte, dabei aber teure Filme drehte und wusste, dass er ein großes (und notwendigerweise ein breites politisches Spektrum abdeckendes) Publikum brauchte, um das weiter tun zu können. Die Selbstinszenierung wird schon daran offensichtlich, dass Lang beim Drehen auf dem Studiogelände Stiefel und Reithosen trug, manchmal auch nur die Hosen. Cecil B. DeMille hatte dieses Kostüm des Regie-Impressarios ursprünglich angelegt, um sich bei Außenaufnahmen gegen Schlangenbisse zu schützen. Später behielt er es bei, weil es half, den Regisseur als eigene Marke zu etablieren, was wiederum mehr künstlerische Freiheit mit sich brachte. Lang lernte genauso von DeMille wie Alfred Hitchcock.

Fritz Lang (aus "Das Erbe der Nibelungen")

Die Ufa startete eine nahezu flächendeckende Werbekampagne. So gut wie alle Illustrierten und die großen Tageszeitungen druckten während der neunmonatigen Drehzeit Auszüge aus dem Skript. Thea von Harbou brachte vorab ihre Romanfassung auf den Markt (Das Nibelungenbuch, mit Standphotos), die für den Film warb und in dessen Vorspann wiederum der Roman beworben wurde. Etwa zeitgleich mit der Fertigstellung des Drehbuchs traten Fritz und Thea vor den Altar. Es gab Home Stories über die Liebes- und Arbeitsbeziehung des frisch getrauten Paares, und das gewisse Etwas hatte die Sache auch, eine das Private und das Öffentliche verbindende Psychodynamik, weil Theas vorheriger Gatte, der Mabuse-Darsteller Rudolf Klein-Rogge, König Etzel spielte, der darunter leidet, dass die von ihm angebetete Kriemhild nur den toten Siegfried (und ihre Rache) liebt.

Pünktlich zur Uraufführung des ersten Teils erschien eine mysteriöse Dame vor der Grabkammer eines anderen großen Deutschen, zu dessen Nachfolger Hitler später stilisiert wurde, des Alten Fritz, und bestand darauf, dass ihr mitgebrachter Kranz gut sichtbar in der ersten Reihe stehen müsse. Den Kranz zierte eine riesengroße Schleife mit der Aufschrift "Zur Premiere des Nibelungenfilms. Fritz Lang", und die Presseabteilung der Ufa sorgte dafür, dass die Öffentlichkeit davon unterrichtet wurde. Die Dame dürfte Thea von Harbou gewesen sein, die damals, 1924, aber nicht so linientreu war, wie Interpreten sie gern haben würden, die den Film in die völkisch-chauvinistische Ecke stellen wollen. Im Premierenjahr unterlief ihr ein Fauxpas, als sie abfällige Bemerkungen über die Germanen machte. Die Rede war von "tückischen Gesellen", "rücksichtslosen Wortbrechern" und "kalten Mördern", die auf eine so trotzige Weise zu sterben verstünden, dass ihr Tod meistens ruhmreicher sei als ihr Leben. Als das in einem Pressetext auftauchte und bei wichtigen Zielgruppen für Ärger sorgte, schickte die Ufa eiligst ein Dementi hinterher. Der ursprüngliche Text, hieß es nun, sei durcheinander geraten. Die alten Germanen aus der Epoche der Nibelungen, das habe man eigentlich sagen wollen, seien hin und wieder gewalttätig und temperamentvoll gewesen, aber im Grunde doch prächtige Menschen, deren Tugendhaftigkeit alle Deutschen nacheifern sollten.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Die dem Film vorangestellte Widmung, "Dem deutschen Volke zu eigen", dürfte einem der am schönsten gestalteten Kinderbücher der Zeit geschuldet sein, dem erstmals 1908 in "Gerlachs Jugendbücherei" erschienenem Band Die Nibelungen - "dem deutschen Volke wiedererzählt" von Franz Keim. Die von Carl Otto Czeschka beigesteuerten Jugendstilillustrationen waren eine wichtige Inspirationsquelle für den Film, der auch der stark gerafften Handlung in Keims Nacherzählung einiges zu verdanken hat. Damit ist ein Grund genannt, weshalb manch ein Bildungsbürger empört die Nase rümpfte: die mangelhafte Texttreue. Harbou tat kund, dass sie bei der Recherche auf etwa zwanzig verschiedene Versionen des Stoffes gestoßen sei. Daraus leitete sie das Recht und die Notwendigkeit ab, "aus allen Quellen das am schönsten und stärksten Erscheinende herauszufangen und ihm eine neue Form zu geben". Sie reduzierte die Geschichte auf die wichtigsten Figuren und auf das, was sie für zeitlos hielt: "Liebe und Hass, Treue und Verräterei, Freundschaft und Rache" (Programmheft).

Im Roman wie im Drehbuch geht es dann doch mitunter ziemlich völkisch-weihevoll zu. Der kühlen Präzision von Langs Inszenierung ist es zu danken, dass davon im Film nicht viel übrig bleibt. Joe Hembus zitiert im Nibelungen-Kapitel seiner Klassiker des deutschen Stummfilms Jean-Luc Godard: "Man muss unbestimmten Ideen klare Bilder gegenüberstellen." Mich würde es nicht wundern, wenn Godard dabei an Lang und seine detailversessenen, sorgfältig komponierten Einstellungen gedacht hätte. In Godards Film über das Filmemachen, Le Mépris, spielt Lang einen Regisseur namens Fritz Lang, der die Odyssee verfilmen will und Sätze sagt, die auch für Die Nibelungen sehr erhellend sind.

Allein wie ein Stein

Warnende Widmung

Tod und Symmetrie

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