Tod und Symmetrie

Weil Gunther nicht Manns genug ist, es selbst mit der Königin der Amazonen aufzunehmen, steht ihm Siegfried - unsichtbar unter der Tarnkappe - beim Steinschleudern, Weitsprung und Speerwurf bei. Dank dieser Vorform des Dopings gewinnt der König den wenig ritterlichen Wettkampf. Mit ergaunerter Braut nach Worms heimgekehrt, trinkt er Blutsbrüderschaft mit Siegfried wie Winnetou mit Old Shatterhand. Statt Intschu-tschuna steht der grimmige Hagen mit dabei und sondert Phrasen ab, die bei den deutschen Helden dieses Films nicht die Titelkarte wert sind, auf die sie geschrieben sind: "Im Weg verende, ehrelos, wer dem Blutsbruder die Treue bricht."

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Dummerweise hat Brunhild den Verdacht, dass sie betrogen wurde, weil ihr Gemahl im Brautgemach ein Schwächling ist. Außerdem liebt sie Siegfried (oder das Bild, das die Seherin von ihm gemalt hat), was auch nicht hilfreich ist. Gunther darf darum in der Hochzeitsnacht nicht ins Ehebett. Siegfried soll es wieder richten, will aber davon nichts wissen. Hagen der Machtpolitiker, der in jeder Talkshow eine gute Figur abgeben würde, wenn er etwas photogener wäre, hat wieder den passenden Spruch parat: "Fluchwürdig ist, was halb getan ward!" So argumentierten später auch die Nazis, die den treuen Hagen zu ihrem Helden erkoren. Hatte man erst ein Verbrechen begangen, musste man weitere folgen lassen, auf dass alles besser werde. Das führte direkt in Hitlers Bunker. In Kriemhilds Rache ist der Bunker die brennende Etzelburg.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Der blonde Siegfried, dieser Proto-Germane auf weißem Pferd und in weißen Gewändern, macht mit wie nach ihm so viele andere. Als Gunther, dessen Gestalt er dank Tarnkappe angenommen hat, geht er in Brunhilds Schlafgemach und unterwirft sie. Beim ersten Betrug auf Island zeigt Lang den unsichtbaren Siegfried als dunklen Schatten. Als Handlanger von Hagen und Gunther, heißt das, hat der mythische Held seine Unschuld verloren und zugleich den ersten Schritt in Richtung Totenreich getan, denn am Wormser Königshof wird der Mythos sterben. Durch den zweiten Betrug kommt Siegfried seinem Ende näher. Langs Inszenierung lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Nachdem Siegfried Gunther den von Hagen geforderten "Freundschaftsdienst" geleistet hat, steht seiner eigenen Hochzeitsnacht mit Kriemhild nichts mehr im Wege. In einem Vorraum des Schlafzimmers treffen sich die beiden zu einem Fest der Symmetrie. In der Mitte des Bildes führt eine Tür ins Schlafzimmer. Die Tür hat einen breiten, mit auffälligen Mustern verzierten Rahmen, der durch die auf ihn zulaufenden Deckenbalken noch einmal extra hervorgehoben wird. Siegfried kommt von links, Kriemhild von rechts, beide bewegen sich, im rechten Winkel zur Kamera, aufeinander zu, bis sie sich innerhalb des Rahmens treffen. Geordneter und harmonischer geht es nicht. Hier wird die Begegnung eines scheinbar füreinander geschaffenen Paares zelebriert, das nun miteinander verschmelzen wird (vielleicht zu einem androgynen Wesen, wie Tom Gunning in seinem sehr lesenswerten Buch The Films of Fritz Lang meint). Lang aber parallelisiert das junge Glück mit einer Szene im Zimmer des zweiten Paares. In einer wieder sehr sorgfältig komponierten Einstellung liegt Brunhild hingegossen da wie nach einer Vergewaltigung. Gunther steht bedrohlich und zugleich impotent und so frustriert wie vor dem neuerlichen Betrug an seiner Gattin über ihr und löscht die Fackel. Dann schließt sich eine Irisblende als gelte es, den letzten Rest von echtem Leben aus dieser scheinbar so zivilisierten Welt bei Hofe zu pressen. Auf der Leinwand wird es dunkel. Mit diesem Bild, nicht mit Siegfried und Kriemhild, endet der vierte Gesang. Ein finsterer Ort ist das, in den wir da geraten sind. Kein Platz für Lichtgestalten.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Auch in Kriemhilds Falkentraum (Siegfried als weißer Falke wird von schwarzen Raubvögeln getötet) verdrängt die Dunkelheit das Licht. Geschaffen wurde sie von Walther Ruttmann, dem Meister des abstrakten Films, der mit Formen eine Geschichte erzählt wie in seinen anderen Werken aus dieser Zeit, also einen Film im Film beisteuerte (passend zu den Erzählern innerhalb der Erzählung), diesen aber durchaus stimmig in den Gesamtzusammenhang einfügte, was man schon daran erkennen kann, dass er als Ausgangspunkt jene Bogenform wählte, die überall in Die Nibelungen anzutreffen ist - vorzugsweise dann, wenn es richtig schlimm wird und ein Gewaltausbruch bevorsteht. Aus amerikanischen Verleihkopien wurde der Falkentraum herausgeschnitten, weil zu avantgardistisch und angeblich zu verwirrend (da ist es wieder, das vermeintlich dumme Publikum, das selten eine Chance erhält, sich als klüger zu erweisen als von der mit Produzenten und Verleihern besetzten Filmpolizei erlaubt). Ruttmann übrigens war später den Nazis gefällig und einer von Riefenstahls Mitarbeitern bei Triumph des Willens. Gut möglich, dass über ihn visuelle Elemente aus Die Nibelungen in den Reichsparteitagsfilm einwanderten, wo sie ideologisch umgearbeitet wurden.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Anhand solcher Entwicklungen ließe sich viel über das Dritte Reich lernen, dessen Propagandisten mitunter sehr geschickt auf vorhandenen Traditionen aufbauten und das NS-Projekt dadurch leichter verdaulich machten, dass sie auch dort Kontinuitäten suggerierten, wo ein abrupter Übergang in die Barbarei stattfand. Die dringend nötige, weil zu dem Nazitum vorbeugender Erkenntnis führende Diskussion darüber wird bei uns leider durch unsinnige, autoritären Impulsen folgende Verbote erschwert und auch dadurch, dass es der Murnau-Stiftung seit ihrer Gründung nicht recht gelingen will, das ihr anvertraute Filmmaterial zugänglich zu machen, was eigentlich ihr Auftrag wäre. Halt! Ich hatte mir - ganz ehrlich - fest vorgenommen, die Stiftung (im Folgenden: MS) dieses Mal zu loben. Also erst das Positive.

Die Nibelungen restauriert

Die neu restaurierte, in vierjähriger Arbeit entstandene Fassung der Nibelungen, die 2010 in Berlin erstmals aufgeführt wurde, 2011 auf ARTE lief und jetzt auf DVD erhältlich ist, wird allgemein gelobt, und ich kann mich dem nur anschließen. In dieser Schärfe und Detailgenauigkeit hat man den Film seit den 1920ern nicht mehr gesehen. Das liegt unter anderem daran, dass die MS auf Kameranegative zurückgreifen konnte (statt auf Kopien oder Kopien von Kopien), die dem Filmmuseum München noch nicht zur Verfügung standen, als es die arg verstümmelten Nibelungen in den 1970ern und 1980ern wieder zusammensetzte. Der Ehrlichkeit halber muss ich hinzufügen, dass sich solches Lob meistens auf die technischen Aspekte einer Restaurierung konzentriert. Das ist unvermeidlich, weil außer den Restauratoren und vielleicht noch einigen Spezialisten niemand das gesamte Material kennt, aus dem ausgewählt wurde, was jetzt zu sehen ist. Auf ein anderes Medium übertragen: Haben Literaturkritiker, die schreiben, wie gut oder schlecht eine Übersetzung ist, den fremdsprachigen Originaltext gelesen? In vielen Fällen eher nicht, würde ich sagen.

Die filmische Überlieferung von Die Nibelungen, konstatiert die Restauratorin Anke Wilkening auf der Website der MS, sei beispiellos: "Neben internationalen Verleihkopien aus Italien, England, Russland, Uruguay und den USA, sind auch unvollständige Kameranegative im Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin und im Deutschen Filminstitut - DIF, Frankfurt am Main erhalten." Die jetzige Version ist aus 18 verschiedenen Filmelementen zusammengesetzt (Negative, Verleihkopien etc.). Das ist nicht ganz unproblematisch. Lang drehte mit zwei Kameras und wiederholte jede Aufnahme acht- bis zehnmal, um sicherzustellen, dass es jeweils drei annähernd gleiche (aber nie identische) Einstellungen gab, die seinen Ansprüchen genügten und aus denen hinterher drei Negative montiert wurden. Von diesen Negativen (eines für den deutschen, zwei für den ausländischen Markt) wurden die Verleihkopien gezogen. Keines dieser Negative ist vollständig erhalten. Umso mehr Kopien man herstellt, desto abgenutzter wird das Negativ. Weil der erste Teil der Nibelungen so erfolgreich war, wurde ein viertes Negativ montiert. Dabei verwendete die Ufa auch von Lang ausgemusterte Einstellungen, wenn keine anderen mehr vorhanden waren.

Das Erbe der Nibelungen

Man muss also zum Beispiel fragen, ob man die erhaltenen Negative zur Verbesserung der Bildqualität beliebig miteinander kombinieren kann. Wer das für kleinkarierte Erbsenzählerei hält: Fritz Lang war einer der größten Perfektionisten der Filmgeschichte. Wie Hitchcock war er davon überzeugt, dass es auf jedes Detail ankam und auf den genauen Platz dieser Details innerhalb des Bildausschnitts. Vielen Stars ging er furchtbar auf die Nerven, weil er sich erst zufrieden gab, wenn alles genau so war, wie er es haben wollte. Bei einem wie ihm ist die Filmrestaurierung ein noch schwierigeres Geschäft als ohnehin, und am Ende kommt es oft genug auf die Intuition der Restauratoren an, die sehr genau zwischen den eigenen Präferenzen und denen eines Regisseurs unterscheiden müssen. Dafür muss man sich in das Gesamtwerk oder zumindest in eine bestimmte Schaffensphase einarbeiten. Die Kenntnis eines einzigen Films genügt in aller Regel nicht.

Das Erbe der Nibelungen

Viele Rekonstruktionen von verstümmelten Filmen orientieren sich an der ursprünglichen Länge und an der Stoppuhr, weil das bei einer sehr komplizierten Arbeit noch die einfachste Variante ist. Bei einem Regisseur wie Lang ist das zu wenig. Wer sich im Zweifel für die Einstellung mit der besten Bildqualität entscheidet, liegt damit nicht automatisch richtig, die längste Fassung kommt der Premierenversion und den Intentionen der Schöpfer eines Films nicht unbedingt am nächsten. Das Erbe der Nibelungen - ein informativer, 2011 von Arte ausgestrahlter Dokumentarfilm von Guido Altendorf und der Restauratorin Anke Wilkening - beschreibt die schwierige Ausgangslage, schweigt sich aber leider darüber aus, nach welchen Kriterien ausgewählt und montiert wurde. Inzwischen kenne ich so viele Fassungen, in denen mal die eine und mal die andere Figur (per Titelkarte) einen Satz sagt, wo Kriemhild den Falkentraum hat, bevor sie Siegfried das erste Mal gesehen hat oder auch danach, dass ich schon gern gewusst hätte, warum die neueste Version die richtigste ist (und nicht nur die schärfste).

Solche Fragen stellt man sich schon bald, wenn man die MS-Fassung mit der Rekonstruktion des Münchner Filmmuseums vergleicht, die 1986 erstmals aufgeführt wurde. Das ist die Version, die es seit zehn Jahren in Ländern wie Spanien (laut Cover als Restaurierung der MS), den USA oder Frankreich auf DVD gibt und die bei uns, wo mit der Stiftung der Lizenzgeber sitzt und sie dank des Engagements von Enno Patalas und seinen Mitarbeitern hergestellt wurde (letztlich finanziert vom deutschen Steuerzahler), nie erschienen ist. Während ich das schreibe, stelle ich einen Anflug von schlechtem Gewissen fest. Schon wieder kritisiere ich die MS. Sollte ich nicht vielmehr dankbar dafür sein, dass es der Stiftung nach einer jahrelangen Dürreperiode (die "Deluxe Edition" von Nosferatu erschien 2007) gelungen ist, nicht nur einen der Stummfilme aus ihren Beständen auf den deutschen DVD-Markt zu bringen, sondern sieben Stück auf einen Streich?

Nach eingehender Gewissenserforschung muss ich sagen, dass ich nach vielen Jahren des frustrierenden Wartens nicht auf Dankbarkeit konditioniert bin, sondern dass die Ungeduld überwiegt. Ich gestehe also, dass ich nicht ganz so freudig erregt bin, wie es vielleicht wünschenswert wäre. Wäre ich Ernst Szebedits, der neue Chef der Murnau-Stiftung, würde ich mich jetzt ungerecht behandelt fühlen. Da gelingt es einem, sieben Titel in der zehnteiligen Stummfilm-Edition der Süddeutschen Zeitung unterzubringen, und trotzdem wird gemeckert. Das ist der Fluch, wenn man auf niedrigem Niveau beginnt und versuchen muss, da hinzukommen, wo andere längst sind. Ich schreibe nicht als MS-Versteher, sondern als MS-Langzeitgeschädigter, der sich wie viele Cineasten in diesem Land angewöhnt hat, in England, Spanien oder den USA zu kaufen, weil hier bei uns nichts angeboten wurde.

Zweiklassengesellschaft

Was soll man davon halten, wenn man seit einer halben Ewigkeit auf eine DVD-Veröffentlichung von Der brennende Acker hofft (eins von Murnaus Meisterwerken), und dann erscheint stattdessen Tartüff, den es seit 2005 ausnahmsweise sogar in Deutschland gibt? Würde die SZ-Edition statt Nosferatu neu verpackt Der Gang in die Nacht enthalten (auch von Murnau, mit Conrad Veidt), könnten wir - weil weltweit nicht in einer vernünftigen Fassung zu bekommen - über das mit der Dankbarkeit und der freudigen Erregung noch mal reden. Verglichen mit dem Desaster mit der "Special Edition" von Metropolis ist bei Die Nibelungen allerdings ein Quantensprung gelungen. Seit Menschengedenken muss das der erste von der MS oder in ihrem Auftrag restaurierte Stummfilm sein, den man zuerst in Deutschland kaufen konnte (eine Woche früher als in England). Trotzdem bin ich wieder unzufrieden.

Mein Dilemma: Ich liebe Stummfilme und wünsche dieser zehnteiligen SZ-Edition den größtmöglichen Erfolg, weil das vielleicht die Chancen erhöht, dass weitere Veröffentlichungen dieser Art folgen werden. Uneingeschränkt empfehlen kann ich die SZ-Nibelungen aber nicht. Anhand der einschlägigen Internet-Foren stelle ich nämlich fest, dass heutige Zuschauer viele Fragen haben, von denen die meisten in der sehr sehenswerten, von der MS produzierten Dokumentation Das Erbe der Nibelungen beantwortet werden. Der deutsche Gebührenzahler hat sie co-finanziert (durch die Ausstrahlung bei Arte). Zum Dank dafür schaut er wieder einmal in die Röhre. Wer sich nicht hinterher ärgern will, kauft besser gleich in den USA (Kino) oder in England, wo man bei Masters of Cinema ein paar Euro mehr bezahlt, dafür aber als Bonusmaterial die 72-minütige Dokumentation erhält und ein Booklet mit 52 Seiten. Wer auf Blu-ray umgestiegen ist, ist sowieso auf das Ausland angewiesen.

Bei vielen Stummfilmen wurden die schwarz-weißen Kopien in ein Farbbad getaucht, wodurch die transparenten Teile farbig erschienen. Das hatte dramaturgische und technische Gründe. Brach ein Feuer aus oder geriet das Gefühlsleben der Figuren durcheinander, konnte das durch Rot oder Violett betont werden. Bei Nacht zu drehen war wegen des wenig empfindlichen Filmmaterials, mit dem man damals arbeitete, sehr schwierig. Darum wurden Nachtszenen bei Tag gedreht und dann blau eingefärbt. Carl Hoffmann, Langs genialem Kameramann, gelangen bei Dr. Mabuse, der Spieler Nachtaufnahmen mit dramatischen Licht- und Schatteneffekten. Auf die übliche Viragierung konnte man deshalb verzichten. Bei Die Nibelungen wiederholte Hoffmann dieses Kunststück. Aber auf den Kameranegativen ist vermerkt, dass die Kopien einen orangenen Farbton erhalten sollen. Warum? Vermutlich deshalb, weil die damals zur Verfügung stehenden Filmmaterialien und Emulsionen sehr kontrastreiche Bilder ergaben. Durch das Orange wurden mehr Abstufungen erzielt als in schwarz-weiß. Die MS-Version der Nibelungen ist wieder orange eingefärbt (nur der Falkentraum ist lavendelfarben), die scharfen Kontraste werden dadurch abgemildert, die Bilder haben mehr Graduierungen und sind komplexer.

Der zweite Teil, Kriemhilds Rache, war kommerziell nicht so erfolgreich wie der erste. Das mag daran gelegen haben, dass es kaum Gelegenheit für spektakuläre Spezialeffekte wie im ersten gab und dass die Orgie der Destruktivität, in die sich die vermeintlichen Helden hineinsteigern, zu beunruhigend war. Das sinnlose Töten des Ersten Weltkriegs war noch in unguter Erinnerung, und Langs Film weigert sich, dem Gemetzel einen Sinn zu geben. Die Ufa versuchte, den zweiten Teil aufzupeppen und schnitt Stücke heraus, um Platz für Rückblenden zu schaffen. Der Kampf mit dem Drachen etwa wurde fast in voller Länge wiederholt. "Nie", schreibt Enno Patalas, "ist in den zweiteiligen Filmen Langs der zweite nur die Fortsetzung des ersten. Symmetrie, wie in den Bildern, herrscht auch in der Erzählung." Durch die Eingriffe der Ufa entstand eine Unwucht. Der Minnesänger Volker hatte am Anfang des zweiten Teils eine ähnlich wichtige (weil programmatische) Rolle wie zu Beginn des ersten. Seine Begegnung mit Rüdiger, dem Brautwerber König Etzels, wurde entfernt. Sie fehlt bis heute.

Die Nibelungen - Teil 2: Kriemhilds Rache

Solche Dinge erfahren britische und amerikanische DVD-Käufer durch Dokumentation und Booklet. Filmfreunde, die in Deutschland kaufen, werden allein gelassen wie zu Beginn des vierten Gesangs, wo etwas angekündigt wird, das dann nicht stattfindet, weil das von der Ufa herausgeschnittene Material weiter verschollen ist: "Wie Kriemhild ihre Brüder empfing". Das ist schade. Information schafft Interesse, und Interessierte sind potentielle Käufer. Wenn man die Kundschaft über Jahre stiefmütterlich behandelt muss man sich nicht wundern, wenn die Käufer weniger statt mehr werden. Das Erbe der Nibelungen deutet an, was sich alles machen ließe, wenn man nur könnte oder wollte (und Zugriff auf die Schätze hat, die in Deutschland in nicht-privaten Archiven schlummern). Altendorf und Wilkening zeigen Einstellungen aus Die Nibelungen und wie diese später von NS-Propagandafilmen wie Ewiger Wald oder beim Heldengedenken am Königsplatz in München kopiert wurden. Warum nicht mehr davon? Weshalb nicht mal eine DVD machen, um die man uns in anderen Ländern beneidet, statt umgekehrt? Meines Wissens ist Siegfrieds Tod, die 1933 gestartete und ideologisch der Zeit angepasste Tonfassung des ersten Teils, komplett erhalten. Was spricht eigentlich dagegen, diese als Bonus mit dazu zu packen, damit sich die Cineasten und historisch Interessierten in diesem Land ein Bild machen können, wie die Nazis Langs Film für ihre Zwecke einspannten, und wie sie ihn dafür verändern mussten?

Landschaft des Todes

In Die Nibelungen ist das Christentum der Komplize einer patriarchalischen Gesellschaft, der von einer starken Frau (Kriemhild) der Garaus gemacht wird, indem sie deren führende Repräsentanten, Hagen und ihre Brüder, in das Reich ihres zweiten Gatten lockt, des heidnischen Hunnenkönigs, der zwischen der Zeugung und der Geburt seiner Tochter Rom belagert, die Heilige Stadt. Kriemhild wird damit, ob sie es will oder nicht, zur Rächerin einer anderen starken Frau (Brunhild), die wir in ihrer vorchristlichen Heimat als unabhängige Königin der Amazonen kennenlernen, für die die von einem katholischen Priester geschlossene Ehe mit Gunther ein Kerker ist und die im Wormser Dom als Leiche endet. Viel Gutes hat Langs und Harbous Die Nibelungen über das organisierte Christentum wahrlich nicht zu sagen.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Sehr gern würde ich mir ansehen (in voller Länge, nicht durch ein paar mir zugeteilte Schnipsel), wie in Siegfrieds Tod mit der Religion umgegangen wird. 1933 einigten sich die Nazis mit dem Vatikan auf das noch immer gültige Konkordat, in dem das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und deutschem Staat geregelt ist. Gleichzeitig wollten Leute wie Himmler das Christentum durch eine Mischung aus Okkultismus, Rassenmythologie und nordischen Heldensagen ersetzen. In Langs Original ist das Christentum sehr präsent (gleich ihr erster Weg führt die Burgunder zur Messe in den Dom), segensreich aber ist sein Wirken keineswegs. Priester und christliche Rituale sind die Vorboten schlimmer Entwicklungen, oder sie segnen Unrecht ab wie bei der Hochzeit Gunthers mit der betrogenen Brunhild. "Deine Gefangene bin ich!" sagt Brunhild auf der Fahrt nach Worms zu Gunther, um sodann, am Königshof, von einem geistlichen Würdenträger mit Kreuz und von Glockengeläut empfangen zu werden (vgl. dazu Maria, die in Metropolis zum Glockenschwengel wird).

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Fast zwangsläufig sind es die Stufen zum Dom, auf denen es zum Showdown zwischen den rivalisierenden Königinnen kommt. Beim Streit darüber, wer den Vortritt hat, enthüllt Kriemhild Brunhild das ihr von Siegfried verratene Geheimnis des Wettkampfs und der Hochzeitsnacht (der blonde Held ist eine Plaudertasche). Brunhild trifft das doppelt hart, weil sie Siegfried heimlich liebt. Von Hagen am Suizid gehindert, fordert sie Siegfrieds Tod. Hagen ist gern behilflich, braucht jedoch das Einverständnis seines Königs. Gunther stimmt zu, als ihm Brunhild vorschwindelt, in der Hochzeitsnacht von Siegfried entjungfert worden zu sein. Damit ist sie endgültig in Worms angekommen. Ihre Ziele erreicht sie jetzt durch Lug und Trug wie die Burgunder. Hagen als der verschlagenste von allen entlockt Kriemhild das Geheimnis von Siegfrieds verwundbarer Stelle und tötet ihn. Brunhild bleibt Siegfried treu bis in den Tod und bringt sich um. Damit wird am Ende des ersten Teils das Thema des zweiten vorweggenommen: Treue als ein in die Apokalypse führender Fetisch oder, wie Joe Hembus es formuliert, als "das Scharnier, um das schändlichste Taten bewegt werden".

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Vor dem Aufbruch zur Jagd, bei der er das Wild sein wird, winkt Siegfried seiner Kriemhild ein letztes Mal zu. Er steht dabei neben einem blühenden Baum. Später, als man ihr Siegfrieds Leichnam vor die Tür legt, hat Kriemhild eine Vision. Der blühende Baum verwelkt und verwandelt sich in einen Totenkopf. Das ist der Entwurf einer Landschaft des Todes, der im zweiten Teil verwirklicht wird. Am Schluss des ersten Teils zeigt Lang noch einmal diese streng symmetrisch organisierten Einstellungen, die zunächst Zeichen der Harmonie zu sein scheinen und doch nur vom langsamen Erstarren einer dem Untergang geweihten Kultur künden. Kriemhild geht zum im Dom aufgebahrten Leichnam Siegfrieds. Zu Füßen des Toten sitzt Brunhild, in einen schwarzen Umhang gehüllt. Kriemhild trägt einen weißen Umhang und nimmt ihren Platz beim Kopf der Leiche ein. Brunhild hat sich erdolcht. Kriemhild ist zur Untoten geworden, zum nur noch der Rache lebenden Zombie. "Ich starb, als Siegfried starb", wird sie im zweiten Teil sagen, mitten im Gemetzel.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Die deutsche Seele

Auf dem Weg zum Dom schreitet Kriemhild ganz allein die Stufen hinauf, geht wie ein Gespenst durch den Torbogen des Eingangsportals. Hinter ihr ragen quaderförmige Teile der Königsburg in die Höhe. Kriemhild verkörpert so die langsam zu Stein werdende Einsamkeit. Vor diesem Hintergrund, würde ich sagen, wollte Lang die Hunnen des zweiten Teils verstanden wissen. Politisch korrekt sind sie natürlich nicht. Aber verglichen mit den Burgundern sind sie erfrischend lebendig (so wie die isländischen Amazonen des ersten Teils), auch wenn sie von Bäumen springen oder aus Höhlen wuseln. Lang kam es wie üblich auf die Verunsicherung des Publikums an. Die Hunnen scheinen alle Klischees über die Untermenschen aus dem Osten zu bedienen. Etzel ist ein bestenfalls halbzivilisierter Kriegsherr, der sich protzig kleidet und keinen Geschmack hat. Als sei das nicht genug, hat die Maske Rudolf Klein-Rogge eine Stirn verpasst, die ihn aussehen lässt wie das Missing Link der Evolutionstheorie. Und dann erweist sich diese Karikatur von einem Menschen als die sympathischste Figur des gesamten Films, als der Menschlichste unter einer Ansammlung von Intriganten, Mitläufern und Machtpolitikern.

Die Nibelungen - Teil 1: Siegfried

Für Zuschauer, die gern an die moralische Überlegenheit des Ariers glauben wollten, muss das ein Schock gewesen sein - so sie die von Lang vermittelten Einsichten denn an sich heran ließen (die Nazis, wie bereits gesagt, verzichteten darauf, den zweiten Teil der Nibelungen zurück in die Kinos zu bringen). Während die anderen tricksen und täuschen, scheint Etzel Kriemhild aufrichtig zu lieben und darunter zu leiden, dass die Frau, die ihn geheiratet hat, um ihn und die Hunnen zum Instrument ihrer Rache zu machen, nur für den toten Siegfried etwas empfinden kann. Vor Freude über das gemeinsame Kind ist er ganz närrisch. Nachdem Hagen seinen kleinen Sohn ermordet hat, verfällt er aus Trauer in eine Depression, die bei einem wie ihm, der doch eigentlich raubend und mordend durch Europa zieht (im Film sehen wir das nie, weil er schon bei der Belagerung Roms die Lust auf das Töten verloren hat), völlig unerwartet ist.

Die Nibelungen - Teil 2: Kriemhilds Rache

Den Krieg sieht man zunächst nur in Form seiner Resultate. Siegfried betritt den Palast der Burgunder in Begleitung von zwölf Königen, die seine Vasallen sind, weil er sie unterworfen hat. Im zweiten Teil kommt wieder ein Vasall nach Worms. Markgraf Rüdiger wirbt für König Etzel um Kriemhilds Hand. Bei der Abreise ins Hunnenland spendet der Priester aus dem Dom der Königin seinen Segen. Das ist die übliche, auf die Oberschicht konzentrierte Geschichtsbetrachtung, könnte man meinen. Doch als Kriemhild den Wormser Königshof verlässt, um zu ihrem künftigen Gatten zu reisen, stehen bettelnde Invaliden vor dem Tor (die modernen Waffen des Ersten Weltkriegs hatten menschliche Körper schlimmer verstümmelt als je zuvor). Die Invaliden segnet niemand, und sie stehen da als Erinnerung daran, warum Kriemhild Etzels Werbung angenommen hat. Seit Hagen den Schatz der Nibelungen im Rhein versenkt hat, fehlt ihr das Geld, um die Untertanen als Meuchelmörder anzuheuern (getötet werden soll Hagen, der auch ein Meuchelmörder ist). Also braucht sie einen neuen Racheplan, und deshalb verkauft sie sich an Etzel, um wieder Macht und Geld zu haben. Die Invaliden sind somit auch eine Warnung vor dem, was kommen wird. Nützen tut es nichts. Das Volk, das sind die Marionetten in den Ränkespielen einer korrupten Führungsclique. Für die Burgunder gilt das genauso wie für die Hunnen.

Die Nibelungen - Teil 2: Kriemhilds Rache

Lang zeigt Intrigen, Mord und Totschlag mit einer gewissen Faszination am Bösen, der man sich schwer entziehen kann, aber nie mit der Empfehlung, dem nachzueifern, was man auf der Leinwand sieht: die Machtpolitiker Hagen und Kriemhild und dazu - nebst Fußvolk - edle Recken, die sich am Nasenring durch die Manege führen lassen, wenn man ihnen hohl gewordene Worte wie "Ehre" und "Treue" hinhält. Der zweite Teil der Nibelungen ist eine mit gnadenloser Stringenz und Intensität bis zu ihrem blutigen Ende erzählte Untergangsgeschichte, die im deutschen Kino ihresgleichen sucht, mit Kriemhild als blondem Racheengel, der wie zu Stein erstarrt über die Apokalypse präsidiert. Interessant und voller Fragezeichen ist der Schluss. In der Version des Münchner Filmmuseums von 1986 lässt Kriemhild dem letzten ihrer Brüder, der noch lebt, den Kopf abschlagen. Dann legt sie selbst Hand an und tötet den wehrlosen Hagen, weil es keiner der verbliebenen Vasallen ihres Gatten tun will. Darauf fällt sie tot zu Boden wie vom Blitz getroffen, als habe sich mit der Vollendung ihrer Rache zugleich ihr eigenes Schicksal erfüllt. Das passt auch gut zum Doppelgängerthema. Kriemhild tötet Hagen und mit ihm sich selbst.

Die Nibelungen - Teil 2: Kriemhilds Rache

In der MS-Version von 2010 allerdings ist das Finale um neu aufgefundenes Material ergänzt. Kriemhild erschlägt Hagen und wird vom darüber empörten Hildebrand hinterrücks erstochen. Das lässt sich mit dem verqueren Ehrenkodex dieser Ritter erklären. Solange Männer andere Männer niedermetzeln, ist das in Ordnung. Wenn aber die Frau zur Waffe greift, ist das ein mit dem Tode zu bestrafender Regelverstoß. Außerdem lenkt die neu eingefügte Sequenz die Aufmerksamkeit auf ein Thema des Films, das man leicht übersieht. Siegfried findet sein Schwert, Balmung, im Nibelungenhort. Hagen nimmt es ihm ab und behält es als Trophäe, als er ihn an der Quelle ermordet. Kriemhild will es unbedingt wiederhaben. Mit diesem Schwert erschlägt sie Hagen. Ihr eigentliches Verbrechen ist nicht der Mord an Hagen, sondern ihr Anspruch auf den Phallus. Hildebrand würde demnach versuchen, die patriarchalische, von Kriemhild in Schutt und Asche gelegte Ordnung wiederherzustellen. Das wäre die letzte Ironie dieses Films, an dessen Ende nur noch ein Schlachtfeld übrig ist. Manchmal, um Freud abzuwandeln, ist ein Schwert nur ein Schwert. Bei Lang, der sich sehr für die Psychoanalyse interessierte, aber eher nicht.

Die Nibelungen - Teil 2: Kriemhilds Rache

Bleibt noch festzuhalten, dass Hildebrands tödlicher Stoß mit dem Schwert in einer Rolle mit ausgemusterten Schnittresten gefunden wurde. Kettelhut zufolge nahm Lang Kriemhilds Rache einige Tage vor der Uraufführung des zweiten Teils vollständig auseinander, um ihn neu zu schneiden, was der Qualität der Montage nicht immer gut tat. Da, wo Kriemhild stirbt, gibt es in der nicht ergänzten Fassung einen auffallend schlampigen Schnitt. Ob dieser Schnitt auf das Konto der Ufa geht, auf das von Fritz Lang oder von sonst irgendwem, weiß derzeit niemand. Es kann also sein, dass die MS bei ihrer Restaurierung eine Sequenz ergänzt hat, die Lang kurz vor der Premiere nicht mehr haben wollte und darum entfernte. Für das Einfügen gibt es gute Gründe, und beim jetzigen Stand der Dinge ist nichts dagegen zu sagen, zumal Briten und Amerikaner der Dokumentation alles Nötige entnehmen können. Diese Information hätte ich auch den stiefmütterlich behandelten Käufern der deutschen DVD gegönnt.

Die Nibelungen - Teil 2: Kriemhilds Rache

Ob mit mordendem Hildebrand oder ohne, die Apokalypse bleibt bestehen. Irgendwann, als sich in seiner Burg die Leichen türmen, wird Etzel, der vermeintliche Untermensch, zum Sprachrohr des von Lang anvisierten Publikums, wenn er verzweifelt ausruft: "Ein Ende! Ein Ende!" Doch die Burgunder kennen kein Pardon. Einmal schlägt Etzel vor, dass sie Hagen ausliefern sollen, dann soll den Überlebenden freier Abzug gewährt werden. "Ihr kennt die deutsche Seele nicht, Herr Etzel!" erwidert Dietrich von Bern mitleidig. Schon geht das Morden weiter. Allerdings achten die deutschen Helden bis in den Tod auf Ordnung und Sauberkeit, das muss man ihnen lassen. Während bei den barbarischen Hunnen die Leichen der Gefallenen chaotisch und unaufgeräumt herumliegen, bahren die Burgunder die ihren in der Burg, in der sie zum Endkampf angetreten sind, fein säuberlich auf, in Reih und Glied. Wer jedoch glaubt, daraus nationale Leitbilder konstruieren zu können, hat etwas falsch verstanden oder sollte sich eine Brille kaufen.

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"Sezession ist Sezession!?"

Simon Constantini 25.03.2014

Die Krim und die Sezessionsbewegungen in der EU

Die ebenso einfache wie trügerische Gleichung "Sezession ist Sezession!" scheint den meisten Kommentaren zugrunde zu liegen, die die Vorgänge der letzten Wochen auf der Krim in einem Atemzug mit Schottland, Katalonien oder Südtirol erwähnen.

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