Die Deutschen finden ihr Land am attraktivsten für Zuwanderer

20.12.2012

Die Bertelsmann Stiftung sieht nach einer Umfrage die Deutschen hin- und hergerissen in der Haltung zur Zuwanderung, das könnte aber eher ein geschöntes Bild sein

Eine von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage macht deutlich, dass die Deutschen, vor allem die älteren, eine ambivalente Haltung zur Zuwanderung haben. Überzogen ist die Sicht der Deutschen, was die Attraktivität des eigenen Landes angeht, realistisch wird davon ausgegangen, dass Zuwanderer nicht sonderlich willkommen sind, dass es an Toleranz und Integrationsanageboten für Kinder fehlt, und die Mehrheit fürchtet wachsende Probleme und Konflikte.

Die Ergebnisse seien nicht "ermutigend" schreibt die Bertelsmann Stiftung, da Deutschland wirtschaftlich, wissenschaftlich und sozial auf Zuwanderung angewiesen sei:

Deutschland ist aufgrund des demografischen Wandels auf Einwanderung angewiesen: bis 2050 wird die Bevölkerung im Land selbst bei einem jährlichen Zuzug von 100.000 Zuwanderern um 20 Millionen zurückgehen. Deutschland braucht in den nächsten Jahrzehnten Fachkräfte - nicht nur in naturwissenschaftlichen und technischen Feldern, sondern auch im Dienstleistungsbereich, insbesondere in der Pflege.

Eigentlich sehen auch die Deutschen die Notwendigkeit für eine höhere Zuwanderung. 71 Prozent glauben, das würde die Ansiedelung internationaler Unternehmen befördern, 69 Prozent meinen immerhin, Zuwanderer würden das Leben in Deutschland interessanter machen, bei den 14- bis 29-Jährigen sind es 85 Prozent, bei den Menschen über 60 nur 51 Prozent. 63 Prozent sagen, dass durch Zuwanderung die Überralterung gebremst würde. Für 52 Prozent würde dadurch der Fachkräftemangel kompensiert und 45 Prozent glauben, dass die Einnahmen der Rentenkassen steigen.

64 Prozent aber glauben, dass mehr Zuwanderung zu zusätzlichen Belastungen bei Hartz IV und ALG führen wird, interessanterweise sagen dies auch 57 Prozent der befragten Migranten. Ebenfalls 64 Prozent befürchten wachsende Konflikte zwischen Einheimischen und Zuwanderern, wobei die schon Zugewanderten auch zu 51 Prozent und die Nicht-Migranten zu 67 Prozent diese Sorge äußern, aber wahrscheinlich richten sich die Ängste gegen die jeweilig andere Bveölkerungsgruppe. Ähnlich viele gehen von vermehrten Probleme in Schulen aus, und 47 Prozent glauben, dass die Wohnungsnot in Ballungsgebieten durch Zuwanderung ansteigen werde. Bei den 14-29-Jährigen sind freilich die Ängste deutlich niedriger, auch niedriger als die, die von Migranten geäußert werden.

Für die Bertelsmann Stiftung ist dies Anlass, "auf eine ausgeprägtere Willkommenskultur" zu hoffen. Unter diesem seltsamen Kunstbegriff - warum nicht einfach Offenheit und Gastfreundschaft? - sollen wir Folgendes verstehen: "Willkommenskultur meint nicht nur die Unterstützung der Neuankömmlinge bei der Ankunft, dem Erlernen der Verkehrssprache und dem Einleben in die neue Gesellschaft. Zur Willkommenskultur gehört auch der generelle Umgang mit Vielfalt in einer Gesellschaft: Das bezieht sich auf die Toleranz und Achtung gegenüber Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln, umfasst die Wertschätzung der bisherigen Leistungen der Zuwanderer und zeigt sich darin, dass Menschen mit Migrationshintergrund in allen Bereichen der Gesellschaft angemessen vertreten und für alle Bewohner als Leistungsträger wahrnehmbar sind."

Schön gesagt. Und es gibt auch ein Problembewusstsein. 43 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass Zuwanderer bei der lokalen Bevölkerung unwillkommen seien, die Behörden werden als etwas offener eingeschätzt. Die Migranten sehen das interessanterweise anders. Sie finden die Bevölkerung offener als die Behörden. Einig ist sich der Großteil (70 Prozent), dass für Toleranz mehr gemacht werden müsste, 80 Prozent sind für mehr Sprachkurse und Sprachförderung, 69 Prozentz fordern die Anerkennung der im Ausland erworbenen Schul- und Berufsabschlüsse. Dass die Leistung der schon lange in Deutschland lebenden Zuwanderer eine Wertschätzung erfahren, glauben 48 Prozent, 47 Prozent gehen vom Gegenteil aus.

In Kultur, Medien und Wissenschaft sehen viele Zuwanderer angemessen vertreten, zu wenig seien vor allem in Schulen und Ämtern. Als Bringschuld von Zuwanderern wird von mehr als 90 Prozent gesehen, dass sie Deutsch lernen und das Grundgesetz anerkenen sollen, mehr als 80 Prozent verlangen ein Bemühen um ein besseres Zusammenleben mit den Deutschen und eine Arbeit zu haben, 73 Prozent eine Anpassung an die deutsche Kultur.

Selbstverliebt sind die Deutschen allemal, als attraktivstes Land für Zuwanderer sehen - bei Mehrfachnennung - die meisten Deutschland (56%), gefolgt von den USA (44%). Frankreich, Schweiz oder Schweden liegen dann schon bei 15 Prozent und darunter. Ulrich Kober von der Bertelsmann Stiftung kommentiert: "Die sehr geringe Resonanz auf Green Card und Blue Card spricht eine andere Sprache: De facto wird Deutschland von Hochqualifizierten aus Nicht-EU-Ländern gemieden." Allerdings sehen auch die Migranten Deutschland als attraktivstes Land, während die USA von 48 Prozent der Nicht-Migranten als attraktivstes Lend angesehen wird, aber nur bei 24 Prozent der Migranten. Da könnte hereinspielen, dass die Migranten sich eben für Deutschland entschieden haben und sich diese Entscheidung nicht selbst madig machen wollen.

Bei Bertelsmann, wo man für die Zuwanderung wirbt, sieht man die Deutschen als "hin- und hergerissen" an. Aus der Perspektive anderer Erhebungen ist die "Willkommenskultur" der Bertelsmänner eher wenig ausgeprägt, was natürlich auch immer an der Art der Fragen liegt. So kam eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung im Oktober dieses Jahres (Ausländerhass, Abschottung und Entsolidarisierung) etwa zu dem Ergebnis, dass 30,4 Prozent der Befragten teils der Aussage zustimmen und teils nicht, also sie nicht klar ablehnen: "Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen." Und 36 Prozent bejahen diese Aussage. 31 Prozent sind dafür, Ausländer wieder zurückzuschicken, wenn Arbeitsplätze knapp werden. 37,2 Prozent sehen Deutschland als gefährlich überfremdet.

Ende letzten Jahres zogen Psychologen der Universität zu Köln aus ihrer Studie (Sind die Deutschen "ausgesprochen fremdenfreundlich" oder gibt es eine "anhaltend menschenfeindliche Situation" in Deutschland?) den Schluss: "Nach Werten für Fremdenfreundlichkeit (Xenophilie) befragt, belegen die Deutschen europaweit einen unangefochtenen Spitzenplatz. Nirgendwo sonst finden fremdenfreundliche Statements so viel Zustimmung wie in Deutschland." Auch in der auf zehn Jahre angelegten Studie über "Deutsche Zustände" wird weniger von einer Zunahme der Willkommenskultur als von einer der Fremdenfeindlichkeit und der Ablehnung von Einwandern gesprochen ("Die Gesellschaft ist vergiftet").

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