Macht Facebook dick?

21.12.2012

Nach US-Wissenschaftlern hebt der Umgang mit engen Freunden auf Facebook so die Selbstzufriedenheit, dass die Selbstkontrolle geschwächt wird

Schlechte Nachrichten für Facebook-Nutzer. Wer viel mit guten Freunden über das soziale Netzwerk kommuniziert, soll stärker in Gefahr stehen, dicker zu werden und mehr Schulden zu machen, wollen US-Wissenschaftler herausgefunden haben.

Wie sie im Journal of Consumer Research schreiben, handelt es sich um einen eigenartigen Selbstverstärkungseffekt. Wer viel mit anderen Menschen und besonders mit engen Freunden auf Facebook zu tun hat, dessen Selbstvertrauen und Wohlbefinden wachse, damit vermindere sich aber die Selbstkontrolle. Und deswegen würden die glücklichen Facebook-Nutzer nicht aus Einsamkeit, sondern gerade aus der erfahrenen Geselligkeit heraus, nach der Benutzung mehr Ungesundes zu sich nehmen. Wer sich viel in Sozialen Netzwerken aufhält, ist zudem in der Regel dicker - und auch die Kreditkartenschulde sind höher.

Nach Ansicht der Wissenschaftler achten die Menschen in Sozialen Netzwerken darauf, wie sich gegenüber ihren engen Freunden darstellen, da diese die Selbstdarstellung beobachten. Das erhöhe das Selbstwertgefühl bei denjenigen, die sich auf ihre engen Freunde konzentrieren, zumal man normalerweise - wie im Real Life - dazu neige, sich selbst positiv darzustellen, also auch, den anderen etwas vorzumachen, was über das Internet natürlich besser möglich ist, als wenn man sich direkt begegnet.

Ihre Erkenntnisse zogen die Wissenschaftler aus fünf Experimenten. Mit diesen wollten sie herausfinden, welche Auswirkungen das Verhalten auf Facebook für das Verhalten im wirklichen Leben hat. Immerhin sollen Amerikaner mehr als 20 Prozent ihrer Online-Zeit bereits auf Facebook verbringen. In einem Experiment wurden 100 Versuchspersonen in vier Gruppen aufgeteilt: Die Mitglieder der ersten Gruppe schrieben darüber, wie sie Facebook benutzen, die zweite Gruppe verbrachte dieselbe Zeit in Facebook, ohne mit Freunden in Kontakt zu treten, die dritte trat in Kontakt mit entfernten und die vierte mit nahen Freunden. Nach einem psychologischen Test zeigten die Facebook-Benutzer, die mit engen Freunden kommunizierten, ein höheres Selbstwertgefühl, bei Nicht-Nutzern und Nutzern, die mit entfernten Freunden zu tun hatten, zeigten sich keine signifikanten Unterschiede.

Ein anderes Experiment testete, wie sich normales Surfen auf einer Website und Interaktion mit engen Freunden nach fünf Minuten auf die Wahl eines "gesunden" Granola- und eines "ungesunden" Schokoladensnack auswirkt. Auch wenn die Beurteilung gesund/ungesund keinen Unterschied zwischen den Gruppen zeigte, neigen die Facebook-Nutzer, die wieder selbstzufriedener waren, eher zum ungesunden Snack, was für die Wissenschaftler eine reduzierte Selbstkontrolle darstellt. Und in einer Online-Umfrage unter 500 Internetnutzern stellte sich heraus, dass Facebook-Nutzer, die viel Zeit mit der Kommunikation mit engen Freunden verbringen, dicker waren und mehr Kreditkartenschulden hatten als die übrigen. Dabei spielte es keine Rolle, wie lange die Menschen im Internet bzw. auf Facebook sind oder wie viel Zeit sie offline mit Freunden kommunizieren oder enge Offline-Freund haben. Zuvor hatten die Versuchspersonen in allen Experimenten einen Fragebogen ausgefüllt, in dem sie ihr Onlineverhalten angeben sollten, also auch, ob sie sich auf den Umgang mit engen Freunden auf Facebook konzentrieren oder nicht.

Ob sich aus fünfminütigen Sitzungen und unmittelbaren Folgen wirklich Erkenntnisse ableiten lassen, die zeigen, wie Facebook das Verhalten ändert und ob die Nutzung des Sozialen Netzwerks die Ursache für die, ist allerdings fragwürdig. In allen Versuchen stellte sich heraus, dass die Menschen, die Facebook zur Kommunikation mit engen Freunden benutzen, selbstzufriedener und dann weniger selbstkontrolliert wurden. Möglicherweise sind ja diejenigen, die sich angeblich auf enge Freunde konzentrieren und dabei tief in Strategien der Selbstinszenierung verstrickt sind, sowieso auch anfälliger für Selbsttäuschung, was auch mit Selbstkontrolle zu tun haben könnte. Die Wissenschaftler sagen jedenfalls, ihre Ergebnisse seien "beunruhigend", weil immer mehr Menschen immer mehr Zeit auf Sozialen Netzwerken verbringen: "Unter der Annahme, dass Selbstkontrolle wichtig zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung und des persönlichen Wohlbefindens ist, kann dieser kleine Effekt weitreichenden Einfluss haben."

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