Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb

25.12.2012

Kircheneinnahmen sind heute wie dazumal Quelle der Inspiration

Den Talar vom Bauch gespannt, kostet er verzückt im Keller ein edles Tröpfchen vor, während seine Leib- und Magenköchin oben Fleischliches anbrät oder Fisch filetiert.[1] Dieses Genre-Gemälde vom Pfarrer auf seiner Pfründe war einmal. Heute schlottert der schwarze Rock, aus welchem Fundus auch immer geliehen, am knöchernen Korpus, und der Seelenhirte hastet von Gotteshaus zu Gotteshaus, um vor dem Resonanzboden leerer Holzbänke auf Konserven vorgefertigte Predigten abzuspulen.

Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Aber gelobt sei, wer im Namen des Herrn den kirchlichen Einnahmeschwund umkehren kann. Gemolken werden Schäfchen, die den Sprengel verlassen und sich von der Taufmatrikel entfernen. So kam ich mir bei den letzten Umzügen vor, die jeweils in ein anderes Bundesland gingen. Beim vorletzten Mal ging es noch glimpflich ab. Von einer Kirchensteuerstelle kam ein Brief, ich möge einen eventuellen Kirchenaustritt nachweisen, um von der Kirchensteuerpflicht befreit zu werden. Aber war ich nicht schon als Schüler ausgetreten? Umzüge haben es an sich, dass Altes verschwindet, aus eigener Kraft oder durch willentliches Handeln des Umziehenden. Ich fand nichts mehr zu meinem Abfall von der Kirche, aber durch vages Ankreuzen des beigefügten Formulars war die Angelegenheit erledigt.

Karikatur von J.B. Engel im "Simplicissimus", 1897

Nicht bei meinem letzten Umzug. Wieder der Brief einer Kirchensteuerstelle, wieder vage angekreuzt, aber dann ein zweiter Brief, im Kopf amtlich aufgemacht wie der erste, wieder "Kirchensteuerstelle", aber es flatterte auch noch, trotz strengen Aufklebers auf meinem Briefkasten, schwer identifizierbare Reklame heraus: Fröhliche Menschengesichter blicken teils in die Ferne, teils innerlich. Salafisten sind nicht darunter. Die schauen bekanntlich finster drein. Näheren Aufschluss gaben die Konterfeis eines evangelischen Bischofs und eines katholischen Erzbischofs, beide in vollem Ornat die Hände nach oben gedreht und die Finger gespreizt. Das weckte Kindheitserinnerungen. Getauft und fromm, wie meine Spielkameraden und ich waren, hatten wir schon damals eine auf der Hand liegende Hypothese zu jener Handhaltung: Ist eine Taube durchs zerbrochene Kirchenfenster geflogen und hat...?

Der Sinn des Prospektes war nun klar: So schön kann christliche Kirche sein. Der Brief selbst war dringlicher. Man könne die Beweislast des Nachweises meines Kirchenaustritts nicht übernehmen. Unter der angegebenen Nummer bekam ich freundliche Aufklärung. Der erste Brief war von der Kirchensteuerstelle des Finanzamtes, der zweite von der Kirchensteuerstelle der Kirchen. Warum aber glaubt niemand mehr meiner - papierenen oder digitalen - Lohnsteuerkarte, auf der "Kirchensteuerabzug" von Anfang an gestrichen war? Weil, lautete die Antwort, die kirchlichen Steuerstellen der Bundesländer "nicht vernetzt" sind. Ich tippe auf ein Karteikartensystem. Oder hängt es mit dem Augsburger und dem Westfälischen Frieden (1555 und 1648) zusammen? Jeder hat die Religion seines Landesherren anzunehmen. Wenn er nicht will, darf er emigrieren, muss aber blechen.

Nun war ich mit Schreiben dran: "Um Vorgänge dieser Art, die sich häufen, in Zukunft zu vermeiden, würde ich gern auf Vorrat in jedem Bundesland aus der Kirche austreten, müsste zu diesem Zweck jedoch erst einmal in die Kirche jedes Bundeslandes eintreten, obwohl ich zumindest einmal bereits ausgetreten bin. Wie ist zu verfahren?" Die Antwort fiel bei kleinster Schriftgröße eloquent aus. Letzter Satz: "Da Sie im Jahr … (der exakte Zeitpunkt schien nach Monaten gottlob aufgetaucht) die Kirche nach dem staatlichen Austrittsrecht in bürgerlich-rechtlicher Hinsicht verlassen haben, besteht - vorbehaltlich einer jederzeit möglichen Wiederaufnahme - aus meiner Sicht kein Grund, erneut auszutreten."[2] Bürgerlich-rechtlich.

Wundersam bleiben die wechselseitigen Verweise zwischen staatlichem und kirchlichem Amt. Wird durch die Ämterdoppelung der Nebel produziert, in dem sich gut - nach Geld - stochern lässt? Ein Anruf bei der Kirchensteuerstelle des Finanzamtes verschaffte Durchblick: Man ist auch dort "nicht vernetzt". Nicht zwischen den Bundesländern. Ich tippe auf Schlagbäume. Die Dame beruhigte mich routinemäßig: "Sicher müssen Sie jetzt nicht ab erstem Berufsantritt Kirchensteuer nachzahlen." Es riecht nach Kirchensteuerflucht in die Schweiz.

Vor Gott sind alle gleich. Manche sind gleicher

Wie jeder göttliche Witz hat die Sache auch profane Züge. Viele Umzügler haben keine Zeit und Muße für kafkaeske Briefwechsel. Auch konfessionslosen Berufsanfängern, die nicht gleich die erforderlichen Lohnsteuernachweise beibringen können, blühen kirchliche Eingemeindungen. Vorzugsweise auf Immigranten aus Osteuropa werden kirchliche Mitarbeiter angesetzt, die jenen die Segnungen eines staatlichen Einzugs der Kirchensteuer beibringen, wofür sie "dankbar" seien. Bauernfängerei hieß das im Dreißigjährigen Krieg. Ein einfacher Schritt würde jedoch die Steuerehrlichkeit der Kirchen heben: Wenn der Staat sich aus dieser unzeitgemäßen Aufgabe zurückzöge.

Die Gute-Laune-Steuer. Prospekt einer Kirchensteuerstelle

Ich selbst hatte ein Déjà-vu. Im Jahr vor der Einführung von Hartz IV war ich arbeitslos. Im Bescheid, den der Sachbearbeiter des Arbeitsamtes ausfertigte, war Kirchensteuer eingetragen. Auf meinen Einwand murmelte er damals etwas von "Bundestag". Das wollte ich jetzt genauer wissen. Aus dem Büro einer Abgeordneten erfuhr ich: Bis 2004 wurde ausnahmslos von allen Empfängern von Arbeitslosengeld zwangsweise Kirchensteuer eingezogen. Dazu Sebastian Edathy, MdB der SPD: Allen Arbeitslosen wurde "sozusagen unterstellt, Kirchenmitglieder zu sein".

Die Begründung, warum die Zwangserhebung ab 2005 (für die meisten) fallengelassen wurde, klingt verschämt. "Mittelfristig" sei davon "auszugehen", dass der Anteil der Kirchenangehörigen unter den Arbeitnehmern auf unter 50% sinkt. Hieß es schon 2003. Mit dieser schwammigen Formulierung meinte die rot-grüne Politik, einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von 1994 nachzukommen. Wahrscheinlicher ist, dass die Politik auf die mitleidsvolle Formulierung verzichten wollte: Nackten Männern und Frauen kann man nicht in die Tasche greifen. Diese Nackten hießen ab 2005 Hartz-IV-Empfänger.

Wer greift wem in die Tasche? In den Endloserläuterungen zu den damaligen Änderungen am Sozialgesetzbuch steht am Rande: Der Wegfall des Kirchensteuerabzuges führt zu Mehrausgaben bei der Bundesagentur für Arbeit. Die Auflösung dieses Rätsels ist eine Offenbarung: Die Kirchensteuer wurde nicht an die Kirchen weitergegeben. Sie wurde vom Staat eingesackt. Mich packt auf einmal das Mitleid mit den Kirchen. Hat man sich das wie mit dem Solidaritätszuschlag oder noch besser der "Öko-Steuer" vorzustellen? Der Autofahrer fährt an der Zapfsäule vor, ärgert sich über die Wucherpreise, erfährt, dass der Staat pro Liter gewaltig abkassiert, fährt jedoch beruhigt von dannen, weil auch Öko-Steuer darunter ist, also etwas Gutes für die Umwelt.

Dass diese Steuer gar nicht für die Umwelt verwendet wird, sondern für Rentenzahlungen, befindet sich dann nicht mehr im Wahrnehmungshorizont des Benzinverbrauchers. Aber sein Gewissen, mit dem Benzinkauf nicht unbedingt umweltethisch gehandelt zu haben, ist beruhigt. Die Werbepsychologie nennt dies "Lizenz zum Sündigen" - und damit zum Kaufen. Das führt direkt zu altehrwürdigem religiösen Handeln zurück, zum Ablasshandel. Den Freikauf von Sünden gegen Geld hat letzten Endes auch Luther nicht beseitigt. Es ist nur subtiler geworden.

Meine Abneigung gegen die Kirchen war nach meinem Austritt allmählich verschwunden. Sie waren mir gleichgültig geworden. Auf dem flachen Land lernte ich Pfarrer privat kennen, darunter alternative, linke und sinnenfroh-musische, wie im richtigen Leben. Meine Aversion ist nun wiedererstanden. Jedes Mal, wenn ich eine neue Stadt besuche, schaue ich mir zuerst die Altstadtkirchen an. Wo kann besser Kunstgeschichte studiert werden, sogar umsonst? Aber die Pflege der Kirchengemäuer könnte wie der Betrieb von Bildungseinrichtungen, Krankenhäusern usw. besser in staatliche oder weltliche Trägerschaft gegeben werden. Eignen sich Kirchen nicht auch bestens für Kulturveranstaltungen jeder Art? Dachte Pussy Riot.

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