Wer ist der wichtigste Intellektuelle im Land?

22.12.2012

Zum dritten Mal wurden Grass und Co. im Cicero-Ranking eingestuft, was die Intellektuellendämmerung besiegelt

Alles Mögliche wird nach Hitlisten oder Rankings erfasst, gemeinhin meist nach Erfolg, Popularität oder einfach irgendwie quantitativ, womit sich auch negative Erfolge darstellen lassen. Die Zeitschrift Cicero hat nun zum dritten Mal auch ein Ranking der "500 wichtigsten Intellektuellen" des deutschsprachigen Raumes als "Vermessung des Geistes" erstellen lassen, wobei die Kategorie der "wichtigsten" zumindest schon ein qualitatives Moment suggeriert, aber auch schon mal fragen lässt, nach welchen Kriterien dies gemacht wird.

Noch problematischer ist der Begriff des Intellektuellen. Es ist keine Berufsbezeichnung, sondern ziemlich vage und schließt von vorneherein eine Wertung ein. Es handelt sich gemeinhin um eine Persönlichkeit, die irgendwie geistig im kulturellen Bereich tätig ist und sich aus dem hier erworbenen Ansehen heraus in die Gesellschaft einmischt bzw. sich gesellschaftlich oder politisch engagiert oder als Moralist auftritt. Ihre Domäne ist vornehmlich das geschriebene und gesprochene Wort, daher wurden gemeinhin zu den Intellektuellen Literaten, Philosophen, Geisteswissenschaftler oder auch manche Journalisten gerechnet. Intellektueller war in Deutschland länger auch ein verächtlicher Begriff, nach dem Krieg wurden damit Menschen bezeichnet, die eher in Distanz zum Mainstream stehen und sich kritisch zur Gesellschaft oder Politik äußern. Seit geraumer Zeit spricht man gerne vom Verschwinden des Intellektuellen, nicht nur weil er angeblich als Typus ausstirbt, sondern auch weil der Einfluss gerade von Literaten und Philosophen geschwunden ist. Manche prophezeihen nach den Intellektuellen der Gutenbergkultur bereits den "virtuellen Intellektuellen" als Nachfolger, wenn man dazu die elektronischen Medien insgesamt mit ihren Talkrunden hinzunimmt, mag da vielleicht etwas dran sein.

Literaten wie Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger, Peter Handke oder Martin Walser oder Philosophen wie Jürgen Habermas oder Peter Sloterdijk, allesamt unter den ersten auf der Cicero-Liste verkörpern noch den alten Typus des Intellektuellen. Man kann auch verstehen, warum Marcel Reich-Ranicki, Elfriede Jelinek, Frank Schirrmacher, Alice Schwarzer, Alexander Kluge, Hans Küng, vielleicht auch noch mit Mühe der Kirchenvertreter Josef Ratzinger ganz vorne in der Liste stehen, aber warum der evangelische Theologe Wolfgang Huber, der Kabarettist Harald Schmidt, der Ökonom Hans-Werner Sinn, der Jurist Paul Kirchhof, Margot Käßmann, Hans-Olaf Henkel oder Bert Rürup nicht nur unter den ersten vierzig der Liste aufgeführt, sondern überhaupt als Intellektuelle gewertet werden, ist doch verstörend. Dafür wurden Politiker als Gattung systematisch ausgeschlossen, weswegen man weder den unvermeidlichen Helmut Schmidt noch den aufdringlichen Thilo Sarrazin hier findet.

Wichtig ist für das Ranking nicht Beurteilung der intellektuellen Fähigkeiten, sondern eigentlich nur die Präsenz in den Medien, man könnte auch sagen: die Prominenz. Das von Max Höfer entwickelte Messverfahren bezog die letzten 10 Jahre ein, wodurch auch jüngere oder schnell bekannt gewordene Personen eine gute Chance haben, aufgenommen zu werden. Trotzdem liegt das Durchschnittsalter bei 66 Jahren und es sind nur 13 Prozent vertreten.

Betont wird, dass "keine inhaltliche Qualität" erfasst wird, sondern lediglich die Präsenz in den 160 "wichtigsten" deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften, d.h. wer hier selbst aktiv und dauerhaft tätig ist oder für genug Medienrummel zur Erwähnung sorgt, hat gute Chancen, zu einem wichtigen Intellektuellen gekürt zu werden. Zudem werden Zitationen im Internet herangezogen, Treffer in der wissenschaftlichen Literaturrecherche Google Scholar und Querveweise im biografischen Archiv Munzinger. Die Gewichtung der Faktoren wird nicht verraten, zu vermuten ist, dass die mediale Präsenz am schwersten wiegt. Verraten wird auch nicht, wie überhaupt jemand in die Auswertung einbezogen bzw. wer, abgesehen von aktiven und Ex-Politikern ausgeschlossen wird. Naturwissenschaftler tauchen nur vereinzelt auf, Ökonomen jedoch eher massiv, etwa auch Michael Hüther, Bernd Raffelhüschen, Hermann Simon, Klaus Zimmermann, Rudolf Hickel, Claudia Kemfert etc. Nach Höfer ist die Prominenz der Ökonomen und teils auch der Juristen unter den "Intellektuellen" mit der Krise verbunden, die auch die "Rückkehr der Warner und Mahner" wie Manfred Spitzer, Henryk Broder, Gerald Hüther etc. verschuldet. Höfer selbst will vor den Warnern warnen und spricht von einem "Krisentremolo der Intellektuellen", also von deren Neigung, den Kulturuntergang oder jetzt den wirtschaftlichen Absturz zu beschwören.

Was sagt uns also dieses Ranking der "einflussreichen" Medienprominenz? Über Intellektuelle wenig, mehr schon über die Ökonomie der Aufmerksamkeit und solche schrägen Versuche einer "Vermessung des Geistes", die eben nur Popularität nach undurchsichtigen Kriterien und Gewichtungen misst und ein Potpourri zum Ergebnis hat. Allerdings dürfte es sowieso schwierig sein, unter Intellektuellen nicht nur eine Definition des Intellektuellen zu finden, sondern vor allem auch eine Einigung, wer denn dazu gehört und dann auch wer wichtig bzw. einflussreich ist. Aber um Kritik an möglicher Selbstbefangenheit gleich zuvorzukommen: Der Autor steht auf Platz 268, ist um 39 Punkte zurückgefallen und muss mit der Position zwischen dem rechten und neoliberalen Schweizer Journalisten Roger Köppel und dem Eurogegner Joachim Starbatty vorlieb nehmen.

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