Die unerträgliche Radikalität Jesu

24.12.2012

"Bloß die christliche Praktik, ein Leben so wie Der, der am Kreuze starb, es lebte, ist christlich..." (Friedrich Nietzsche)

Dieser Satz des protestantischen Pastorensohnes Friedrich Nietzsche (1844-1900) in "Der Antichrist" bereitet bis heute nicht nur Christen jeder Couleur, sondern auch Atheisten und Agnostikern Kopfzerbrechen: Ist nicht wenigstens Weihnachten offiziell das Fest der Liebe und Versöhnung, das die Familien vor dem Baume vereint? Driving home for Christmas.

Frühe Christusdarstellung aus dem Jahre 1310. Bild: Walter Hochauer/CC-BY-SA-2.0

Stattdessen steht der, dessen Geburt dort angeblich gefeiert wird, für äußerste Gewalt, für Revolution und Spaltung. Diese Grenzüberschreitungen begleiten keineswegs nur die heroischen Festspiele endzeitlicher Gerichte, sondern kommen etwa im Lukasevangelium wahlweise im Gewand von avancierter Familienaufstellung, Gangster-Rap oder bhagwanischer Psychoanalyse:

Wenn einer zu mir kommt und nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern hasst, und noch dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.

Lukas 14,26

Die radikale Verneinung des eigenen Lebens stellt den größtmöglichen Widerspruch zur Feier einer Geburt dar. Jesus sagt, er sei nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Das klingt nicht nur politisch inkorrekt. Christ sein, heißt deshalb auch: radikal sein. Diese Radikalität kann aber durch unterschiedliche Exegesen des Neuen Testaments verschiedene Formen annehmen. Eine mildere Form ist etwa die imitatio Christi eines Franz von Assisi (1181-1226). Der Heilige Franz rief seine Jünger auf, alles aufzugeben, um ihm zu folgen. Neben der Aufgabe aller materieller Güter und deren Verteilung an die Armen forderte Franz mit Lukas: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst."

Bevor der egoistische Imperativ, nach dem wir bereits seit einigen Jahrzehnten ein Alien namens "ich selbst" sein müssen, um als therapiert gelten zu können, zum vornehmsten Erziehungsziel wurde (Papa, dürfen wir Schwarzer Mann spielen, oder müssen wir wieder spielen, was wir wollen?), war die Selbstverleugnung eine der hervorragenden Charaktereigenschaften des christlichen Bürgers. Sie wurde als ehrenhaftes Opfer gepriesen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts revoltierten Nietzsche, Zola, Tolstoj und Ibsen gegen die bürgerliche Verlogenheit, die - getreu Lukas 14,26 - nun Eheleute, Eltern und Kinder bei ihrer erwachenden Suche nach Wahrhaftigkeit in einen bis heute andauernden Familienkrieg trieb.

Wie Florian Illies zeigte, konnte bereits 1913 ein Aufstand der jungen Wilden gegen alle etablierten Traditionen des Kaiserreiches diagnostiziert werden. Es klingt unerträglich, aber der politische Höhepunkt der Umwertung aller Werte war leider der Putsch der jungen Herrenmenschen in der nationalsozialistischen Revolution 1933.

Jesus als punkiger Revoluzzer gegen Eltern, Pharisäer und Schriftgelehrte ist noch heute nur als Baby in Marias Armen akzeptiert. Allenfalls in Kreisen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, wie sie etwa der alternative Nobelpreisträger Erwin Kräutler eben nicht predigt, sondern lebt, findet sich die imitatio Christi noch als Art, radikal christlich zu existieren.

Ich werde nicht vergessen, wie wir zwölf Studenten im katholischen Seminar bei Klaus Kliesch in Berlin 1982 Kräutler fragten, wie er die Messe abhalte. Kräutler: "Ich halte keine Messe ab. Die Frauen kommen zu mir und erzählen von ihren Problemen." Mir kommen dabei heute noch die Tränen. 1987 wäre Kräutler fast bei einem Attentat von Auftragskillern gestorben. Solange ich keine imitatio Kräutler lebe, möchte ich mich deshalb auch nicht als Christ bezeichnen.

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