Abschwung oder Absturz?

27.12.2012

Zum Jahresabschluss: eine Prise ökonomischer Kaffeesatzleserei für 2013

Alljährlich setzt gegen Jahresende das übliche Ratespiel der Wirtschaftsforschungsinstitute und mehr oder minder bekannter Experten ein, bei dem alle Beteiligten sich mühen, die Konjunkturaussichten für das kommende Jahr zu erhellen. Dabei haben die Vorhersagen unser modernen Konjunkturauguren in etwa dieselbe Substanz wie die Prophezeiungen ihrer Vorgänger aus dem Altertum oder der Steinzeit, als Schamanen, Orakel und Druiden den Verlauf der Zukunft aus Tiereingeweiden oder dem Schwalbenflug abzulesen hofften: die bis auf die Nachkommastellen präzisierten Konjunkturzahlen, mit denen der positivistische Mythos wissenschaftlicher Exaktheit und Präzision beschworen wird, haben die Aussagekraft eines Zufallsgenerators. Kaum eine Prognose unserer "Wirtschaftsweisen" tritt tatsächlich ein, wobei selbst die wenigen Treffer statistisch betrachtet auch dem schlichten Rateglück geschuldet sein können.

Auch in diesem Jahr scheint die Fülle der unterschiedlichen Prognosen die Anzahl der am dem munteren Ratespielchen beteiligten Wirtschaftsforschungsinstitute zu übertreffen. So traut etwa die Bundesbank der deutschen Wirtschaft in 2013 nur ein "Mini-Wachstum" von 0,4 Prozent zu, während das Ifo-Institut und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) in einer gemeinsamen Studie davon ausgehen, dass die Deutschland AG im kommenden Jahr "wieder Fahrt Aufnehmen" und 0,7 Prozent Wachstum erreichen werde. Für das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) haben sich die Konjunkturaussichten "deutlich eingetrübt, der "wichtige Ifo-Index" weckt nach der Welt hingegen für 2013 "neue Hoffnung", weil er ein verbessertes Geschäftsklima ausmacht.

Bei der Entwicklung der Weltwirtschaft pendeln die Prognosen zwischen einer "Rezession", wie sie von UN-Ökonomen prognostiziert wird, und einem von Ifo-Chef Hans Werner Sinn prophezeiten Wachstum von 3-3,3 Prozent.

Dieser positivistische Zahlenzauber - der beim breiten Publikum wohl die Illusion erwecken soll, unsere "Wirtschaftsweisen" wüssten, wovon sie da reden - wird sich spätestens in ein paar Monaten bei der nächsten Revision dieser Prognosen wieder mal als heiße Luft erweisen. Aus der offensichtlichen Absurdität dieser alljährlichen Konjunkturbeschwörung durch unsere Wirtschaftsschamanen sollte aber nicht die bequeme Schlussfolgerung gezogen werden, dass Prognosen über den künftigen Konjunkturverlauf generell unmöglich seien.

Es lassen sich durchaus sinnvolle Aussagen über die künftige Wirtschaftsentwicklung machen, wenn die tatsächlich entscheidenden konjunkturellen Triebkräfte korrekt benannt werden und deren absehbare Entwicklung berücksichtigt wird – und wenn wir den in Deutschlands "Wirtschaftswissenschaften" grassierenden Zahlenfetisch zurückweisen. Es ist aber unmöglich zu prognostizieren, ob die Weltwirtschaft 2013 um 3,3 Prozent wachsen oder ob die Bundesrepublik einen leichten Aufschwung von 0,7 Prozent verzeichnen wird. Doch es ist durchaus möglich, die Wahrscheinlichkeit anzugeben, mit der ein Aufschwung oder eine Rezession eintreten wird.

Wirtschaft auf Pump

Insofern kann für 2013 die allgemein gehaltene Prognose gemacht werden, dass die Weltwirtschaft mit Sicherheit einen konjunkturellen Abschwung, eine nachlassende Wirtschaftsdynamik erfahren wird, wobei unter bestimmten Umständen die Gefahr eines Absturzes in eine globale Rezession gegeben ist. Das globale Wirtschaftswachstum wird im kommenden Jahr somit geringer ausfallen als in 2012. Es ist aber unmöglich, bereits jetzt einzuschätzen, ob dieser Abschwung in eine globale Rezession übergehen wird, da die entscheidenden Faktoren, die auf die Konjunkturtriebkräfte Einfluss nehmen werden, noch nicht zur Gänze ausgebildet sind.

Die zentrale ökonomische Treibkraft, die das krisengeplagte kapitalistische Weltsystem am Laufen hält, stellt die Verschuldungsdynamik dar, mittels derer zusätzliche Nachfrage für eine an ihrer Hyperproduktivität erstickende Warenproduktion generiert wird. Der Kapitalismus scheitert als gesamtgesellschaftliche Formation an seinen eigenen Rentabilitätskriterien und läuft somit nur noch "auf Pump" - durch den Vorgriff auf eventuelle künftige Einnahmen, die vermittels Kreditvergabe schon in der Gegenwart zur anscheinend zahlungskräftiger Nachfrage werden (näheres siehe: Die Krise kurz erklärt).

Allein die Einsicht in diese "innere Schranke" (Robert Kurz) des Kapitalismus ist der bürgerlichen Ökonomie nicht möglich, da sie die widersprüchlichen kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen für unabänderliche Naturgesetze hält, die aus dem innersten Wesen des Homo oeconomicus resultieren sollen. Deswegen blamierten sich übrigens die Wirtschaftswissenschaften so gründlich beim Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Gefolge der 2007/2008 geplatzten Immobilienblasen (Vor dem Tsunami), die kein einziges "renommiertes" Wirtschaftsinstitut prognostizieren konnte.

Europa als konjunktureller Bremsklotz, China erlahmt

Nach dem Platzen der Immobilienblasen und der damit einhergehenden Weltfinanzkrise wurde diese auf den Finanzmärkten generierte Verschuldungsdynamik "verstaatlicht". Die Staaten legten mitunter gigantischen schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme auf, mit denen ab Ende 2009 der konjunkturelle Absturz gestoppt, und eine kurzfristige Konjunkturerholung ausgelöst werden konnte. Nachdem diese Wirtschaftsmaßnahmen ab 2011 ausliefen und die globale Wachstumsdynamik langsam abnahm, fungierten 2012 vor allem die im Wahlkampf befindlichen Vereinigten Staaten als der wichtigste globale Konjunkturmotor. Das Haushaltsdefizit der USA wird sich in diesem gerade Jahr auf mehr als 1000 Milliarden US-Dollar belaufen, die maßgeblich zur Stützung der Binnennachfrage in dieser größten Volkswirtschaft der Welt beitrugen und somit auch die erneut anziehenden Handelsüberschüsse Deutschlands und Chinas ermöglichten.

Europa fungierte hingegen schon im vergangenen Jahr auf globaler Ebene als ein konjunktureller Bremsklotz, nachdem die Bundesregierung der Eurozone ein Spardiktat oktroyiert hatte, das den Währungsraum bereits in eine Rezession schickte. Die durch das deutsche Spardiktat vertiefte Krise in der Eurozone hinterließ inzwischen auch in China, das jahrelang dank eines zweistelligen Wachstums als ein regelrechter Weltwirtschaftsmotor fungierte, erste konjunkturelle Bremsspuren. In der Volksrepublik sank aufgrund der Exporteinbrüche in den Euroraum das Wirtschaftswachstum deutlich unter die zweistelligen Werte, die zuvor jahrelang üblich waren.

Inzwischen gehen auch chinesische regierungsnahe Think Tanks wie die Chinese Academy of Social Sciences davon aus, dass diese Ära des stürmischen zweistelligen Wachstums unwiderruflich zu Ende geht, sodass von der Volksrepublik – die ohnehin mit einem enormen Schattenbankensystem und einer Immobilienblase zu kämpfen hat - im kommenden Jahr keine verstärkten Wachstumsimpulse ausgehen dürften.

Die kaum regulierte Kreditvergabe durch Chinas Schattenbanken wie auch der enorme Preisauftrieb auf dem Immobilienmarkt können bei negativen externen Wirtschaftsentwicklungen sehr schnell zu einer Destabilisierung der chinesischen Volkswirtschaft führen. Unter Berücksichtigung unser Fragestellung bleibt somit festzuhalten, das China im kommenden Jahr bestenfalls eine marginale Beschleunigung des Wirtschaftswachstums erfahren wird und zudem mit erheblichen Spekulations- und Schuldenblasen zu kämpfen hat, die breit angelegte Konjunkturpakete – wie sie ab 2008 aufgelegt wurden – eher unwahrscheinlich macht.

Bis zur Bundestagswahl im Herbst 2013 sind auch keine konjunkturellen Impulse - etwa in Gestalt schuldenfinanzierter Konjunkturprogramme - aus dem Euroraum zu erwarten. Bundeskanzlerin Merkel will bis zum Urnengang jedweden Eindruck vermeiden, wonach weitere Hilfen oder Transferzahlungen an die südeuropäischen Krisenländer anstünden. Stattdessen beharrt Berlin auf der Fortführung der Sparpolitik in der Eurozone, obwohl diese erwiesenermaßen in allen Euroländern spektakulär scheiterte, in denen sie zur Anwendung gelangte. Bislang haben sich die Europäer nach erbitterten Streitereien immer nur auf die notwendigsten geldpolitischen Maßnahmen einigen können, um die Eurozone vor dem Kollaps zu bewahren.

Dennoch bleibt der europäische Währungsraum ein höchst instabiles Gebilde, da die Sparpolitik die Rezessionen in den südeuropäischen Euroländern verschärft – und somit deren Haushaltskrisen weiter schwelen lässt. Bisher sind weder Griechenland noch Italien, Spanien oder Portugal aufgrund des mit der Sparpolitik einhergehenden Wirtschaftseinbruchs dem Ziel einer Haushaltskonsolidierung näher gekommen. Bei einer – derzeit recht wahrscheinlichen – Wiederwahl Merkels dürfte sich an diesem deutschen Sparfetischismus auch nichts ändern. Im Gegenteil: Die Indiskretionen um einen geheimen "Sparkatalog", den Finanzminister Schäuble bereits für den Fall eines Wahlsiegs vorbereitet, deuten eher darauf hin, dass Ende 2013 die Bevölkerung Deutschlands einer ähnlichen ökonomischen Rosskur unterzogen werden soll, wie sie bereits in Südeuropa für Verbitterung und Verzweiflung sorgt. Die Eurozone scheidet als eine Konjunkturlokomotive im kommenden Jahr somit definitiv aus.

Auch die USA wird die Konjunktur nicht anschieben können

Nachdem im bisherigen Krisenverlauf hinlänglich klar wurde, dass die Rohstoffexporteure und die großen Schwellenländer immer noch von den Zentren des kapitalistischen Weltsystems abhängig http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Globalisierung/euro-brics.html sind und nicht als eigenständige "Konjunkturlokomotiven" fungieren können, bleiben nur noch die USA als diesjähriger Weltwirtschaftsmotor übrig, der 2012 mittels seines enormen schuldenfinanzierten Handelsdefizits einen großen Teil der globalen Überschussproduktion aufnahm und so stabilisierend auf das gesamte kapitalistische Weltsystem wirkte. Diese US-amerikanische Defizitkonjunktur wird aber künftig in diesen Dimensionen nicht mehr aufrechterhalten werden können.

Im Rahmen der aktuellen haushaltspolitischen Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Demokraten, die nur um das Ausmaß der in den kommenden Jahren anstehenden Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen kreisen, werden harte Einschnitte staatlicher Ausgaben in den USA erfolgen. Selbst der Vorschlag von Präsident Obama sieht inzwischen umfangreichen Sozialkürzungen vor, die unmittelbar auf die Binnennachfrage durchschlagen werden. Sollten sich beide Seiten bis Jahresende nicht einigen können, droht ohnehin der Sturz von der "Fiskalklippe", bei dem umfassende Ausgabenkürzungen von 600 Milliarden zu einem Nachfrageeinbruch und einer Rezession führen werden.

Die einzig gangbare Option, mittels Steuererhöhungen für die Oberschicht der USA die Haushaltslage ohne eine starke Belastung der Binnennachfrage zu entspannen, scheint hingegen am verbissenen Widerstand der Republikaner zu scheitern. Somit werden im kommenden Jahr die – schuldenfinanzierten – globalen Wachstumsimpulse aus den USA garantiert zurückgehen –, es bliebt nur unklar, in welchem Ausmaß dies geschehen wird.

Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums ist sicher, ein globaler Absturz bleibt möglich

Alle diese drei entscheidenden Wirtschaftsräume – China, Europa, USA - werden im kommenden Jahr somit höchstwahrscheinlich eine Verlangsamung ihrer konjunkturellen Dynamik erfahren, da in ihnen die Bereitschaft oder Fähigkeit nicht mehr gegeben ist, eine privat oder staatlich generierte Verschuldungsdynamik zu intensivieren. In allen drei Wirtschaftsräumen bestehen zudem nicht unerhebliche Risiken, die zu einer wirtschaftlichen Destabilisierung mit anschließender Rezession führen können. China, die USA und insbesondere Europa sind ökonomisch instabil.

Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass die Weltwirtschaft nun mal verflochten ist. So wie die Schuldenmacherei etwa in den USA konjunkturbelebend auf andere Volkswirtschaften und Währungsräume wirkte, so können auch Rezessionen und Wirtschaftsschocks eines der genannten Wirtschaftsräume auf die anderen ausstrahlen und somit vermittels von ökonomischen Rückkopplungseffekten diese ebenfalls in die Rezession führen. Eine Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums ist somit sicher, ein globaler Absturz bleibt aber durchaus möglich, wenn nur eines der drei genannten Wirtschaftszentren in Rezession übergeht, da alle drei auf einem instabilen ökonomischen Fundament (in Gestalt gigantischer Schuldenberge) fußen.

Für die Bundesrepublik, die inzwischen eine extreme Abhängigkeit vom Export ausbildete, kann deswegen keine einheitliche Prognose gegeben werden. Solle es in 2013 bei einem Abschwung der Wirtschaftsdynamik bleiben, ohne dass die Eurozone zerfällt oder eine globale Rezession ausbricht, wird Deutschland zumindest eine bessere Konjunkturentwicklung als die meisten anderen Eurozonenländer erfahren. Die deutschen Exporteure haben es seit dem Krisenausbruch in Europa verstanden, den niedrigen Eurokurs zu nutzen, um außerhalb der Eurozone kräftig Marktanteile zu gewinnen. Die Sparpolitik in anderen Eurostaaten wird die deutsche Exportindustrie tendenziell immer weniger tangieren, je weiter diese geografische Neuausrichtung der deutschen Exportindustrie vonstattengeht. In Deutschland ist folglich in einem solchen Fall eine Stagnation zu erwarten, während die Eurozone in Rezession verharren wird.

Bei einem ernsthaften Absturz der Weltkonjunktur sieht die Lage hingegen ganz anders aus: Dann geraten die massiven Exporteinbrüche in Wechselwirkung mit einem anämischen Binnenmarkt, dessen Entwicklung in Jahrzehnten des Lohndumpings und der Prekarisierung der Zielsetzung einer aggressiven Exportausrichtung geopfert wurde. Wie solch ein Wirtschaftseinbruch dann aussieht, konnten wir 2009 erfahren, als in der Bundesrepublik das BIP um fünf Prozent schrumpfte, bevor die global aufgelegten Konjunkturprogramme ihre Wirkung entfalten konnten.

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