Sachbücher des Monats: Januar 2013

01.01.2013

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung

Jeden Monat neu präsentiert von der Süddeutschen Zeitung, dem Norddeutschen Rundfunk, Buchjournal, Börsenblatt und Telepolis. (Die Jury)

Anne-Maria Wittke, Eckart Olshausen, Richard Szydlak
Der neue Pauly
Historischer Atlas der antiken Welt, Sonderausgabe

Vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis ins 15. Jahrhundert n. Chr. - der Pauly-Atlas lädt Schüler, Studenten und alle Interessierten auf eine Reise durch die Antike ein. 168 vierfarbige Karten im Atlasformat führen durch die historischen Entwicklungen und Strömungen im Vorderen Orient, der Mittelmeerwelt, des griechischen Ostroms, der islamischen Welt und der christlich geprägten germanischen Reiche. Ein ebenso ausführlicher, wissenschaftlicher und spannender Kommentar begleitet jeden Welt- und Zeitausschnitt: Zahlreiche Tabellen, historisch-geografische Skizzen, Stadtpläne und Stammbäume veranschaulichen den Text und lassen so Seite für Seite Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur lebendig werden.
Metzler Verlag, 308 Seiten, € 39,95

Shulamit Volkov
Walther Rathenau
Ein jüdisches Leben in Deutschland 1867 - 1922

Walther Rathenau (1867-1922), eine herausragende Persönlichkeit der Weimarer Zeit, mächtiger Wirtschaftsboss nicht nur im großen Konzern der AEG, Schriftsteller und begabter Maler, starb 1922 durch Schüsse rechtsgerichteter Terroristen, die mit der Ermordung des Außenministers die Weimarer Republik insgesamt destabilisieren wollten. Auf der Grundlage ausführlicher Forschungen entwirft dieses Buch ein Porträt dieses Mannes, der sein ganzes Leben mit seiner jüdischen Identität rang, aber eine Konvertierung ablehnte und sich selbst als modernen Deutschen und Juden begriff. Shulamit Volkovs Biographie verfolgt diese Auseinandersetzung, die zahlreichen Enttäuschungen, das Ringen mit dem Vater Emil Rathenau bis hin zum politischen Aufstieg und gesellschaftlichen Erfolg. Das Lebensporträt eines vielseitig begabten Mannes, dem sein Erfolg zum Verhängnis werden sollte.
Übersetzt aus dem Englischen von Ulla Höber
C. H. Beck Verlag, 250 Seiten, € 22,95

Harald Weinrich
Über das Haben
33 Ansichten

Am Eingang dieses Buches begrüßt uns Diogenes von Sinope, der nichts haben will, nicht einmal von Alexander dem Großen. Er ist freilich die Ausnahme. Die meisten Menschen haben gern, und deshalb mangelt es auch nicht an Gründen und Anlässen, sich über das Haben zu äußern. In einer höchst unterhaltsamen Reise durch die Sinnwelten des Habens eröffnet Harald Weinrich Einsichten in unseren Gebrauch des Wörtchens Haben - und unser Haben-Denken, das sich darin offenbart. Von den philosophischen Kategorien des Aristoteles, von denen eine das Haben ist, bis zu Romeo und Julia, die nur noch sich selber haben, und Martin Luther King, der einen Traum hat, betrachtet Harald Weinrich in seinem neuen Buch den Umgang mit dem Wort "Haben". Selbst der "Habenichts" Hitler kommt darin zu Wort. Weinrichs Blick gilt aber nicht nur den Philosophen und Dichtern, den Tyrannen und Freiheitshelden. Auch das leidige Haben und Nicht-Haben, das Haben, das man nun einmal nicht besitzen kann, das höflichere Haben und der (andere) Umgang mit dem Haben in anderen Sprachen und Grammatiken finden in dieser kleinen Aufklärung über das Haben ihren eleganten Portraitisten.
C.H. Beck Verlag, 207 Seiten, € 19,95

Felix Hasler
Neuromythologie
Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung

Alle machen Hirnforschung. Kaum eine Wissenschaftsdisziplin kann sich wehren, mit dem Vorsatz "Neuro-" zwangsmodernisiert und mit der Aura vermeintlicher experimenteller Beweisbarkeit veredelt zu werden. Die Kinder der Neuroinflation heißen Neurotheologie, Neuroökonomie, Neurorecht oder Neuroästhetik. Der gegenwärtige Neurohype führt zu einer Durchdringung unserer Lebenswelt mit Erklärungsmodellen aus der Hirnforschung. Bin ich mein Gehirn? Nur ein Bioautomat? Felix Haslers Essay ist eine Streitschrift gegen den grassierenden biologischen Reduktionismus und die überzogene Interpretation neurowissenschaftlicher Daten: ein Plädoyer für Neuroskepsis statt Neurospekulation.
transcript Verlag, 264 Seiten, € 22,80

Jeremy Nicholas
Godowsky - Ein Pianist für Pianisten
Eine Leopold Godowsky Biographie

"Godowskys Ruhm als Pianist, Lehrer und Komponist war groß und international. Diejenigen, die so glücklich waren, ihn zu hören, haben bezeugt, dass die rhythmischen und melodischen Feinheiten seines Spiels von keinem anderen Pianisten übertroffen wurden. Er entwickelte auf dem Klavier polyrhythmische und kontrapunktische Möglichkeiten in einem Maß, wie sie kein Komponist sonst erreicht hat. Auf diese Weise wurde er zum letzten in der Reihe der Erneuerer auf dem Klavier: Beethoven, Chopin, Liszt und Rachmaninow. Als Interpret wurde er jedoch nie zu einem Star wie seine Zeitgenossen Hofmann, Rachmaninow, Cortot oder Gieseking. Warum konnte aber ein derartiges Talent in fast völlige Vergessenheit geraten? Sein Monumentalwerk auf der Grundlage der 27 Etüden Chopins provozierte das Kriegsgeschrei seiner Feinde. Wie konnte er sich erdreisten, in Chopins bedeutendem Werk herumzupfuschen? Wie konnte er es wagen, das harmonische, rhythmische und melodische Material Chopins auf 53 Etüden auszudehnen?
Staccato Verlag, 388 Seiten, € 30,00

Jan Plamper
Geschichte und Gefühl
Grundlagen der Emotionsgeschichte

Wie verändern sich Moral und Ehre im Laufe der Zeit, was bedeutet Vertrauen in der Wirtschaftsgeschichte, was richtete die sprichwörtliche "German Angst" im 20. Jahrhundert an, und wieso befinden wir uns im sogenannten therapeutischen Zeitalter? Gefühle schreiben Geschichte, sie bestimmen Macht und Politik. Triebe, Affekte und Leidenschaften sind kulturspezifi sch, zeitlichem Wandel unterworfen und für den Lauf der Geschichte von immenser Bedeutung. Wenn Menschen lieben oder hassen, wenn sie ehrgeizig, rachsüchtig oder stolz sind, wenn sie Freude, Mitleid, Zorn oder Schuld empfinden - dann hat das Einfluss auf ihr Handeln. Diese scheinbar banale Erkenntnis eröffnet völlig neue Perspektiven auf vergangene Zeiten und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart. Mit zahlreichen Beispielen aus der Vergangenheit führt Jan Plampers Buch in das boomende Forschungsgebiet der Emotionsgeschichte ein. Zugleich warnt er vor voreiligen Schlüssen und leichtfertigen Anleihen bei den Neurowissenschaften, die viele aktuelle Debatten - wie zum Beispiel die Frage nach der Willensfreiheit - bestimmen.
Siedler Verlag, 480 Seiten, € 29,99

Michael J. Sandel
Was man für Geld nicht kaufen kann
Die moralischen Grenzen des Marktes

Darf ein Staat Söldner verpflichten, um Kriege zu führen? Ist es moralisch vertretbar, Leute dafür zu bezahlen, dass sie Medikamente testen oder Organe spenden? Dürfen Unternehmen gegen Geld das Recht erwerben, die Luft zu verpesten? Fast alles scheint heute käuflich zu sein. Wollten wir das so? Und was könnten wir dagegen tun? Die Regeln des Marktes haben fast alle Lebensbereiche infiltriert, auch jene, die eigentlich jenseits von Konsum und Mehrwert liegen sollten: Medizin, Erziehung, Politik, Recht und Gesetz, Kunst, Sport, sogar Familie und Partnerschaft. Ohne es zu merken, haben wir uns von einer Marktwirtschaft in eine Marktgesellschaft gewandelt. Ist da nicht etwas grundlegend schief gelaufen? Michael Sandel wirft eine der wichtigsten ethischen Fragen unserer Zeit auf: Wie können wir den Markt daran hindern, Felder zu beherrschen, in denen er nichts zu suchen hat? Wo liegen seine moralischen Grenzen? Und wie können wir zivilisatorische Errungenschaften bewahren, für die sich der Markt nicht interessiert und die man für kein Geld der Welt kaufen kann?
Übersetzt von Helmut Reuter.
Ullstein Verlag, 299 Seiten, € 19,99

Ingo Schulze
Unsere schönen neuen Kleider
Gegen eine marktkonforme Demokratie - für demokratiekonforme Märkte

"Aber er hat ja gar nichts an!", ruft das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern und spricht damit aus, was alle sehen, doch nicht zu äußern wagen. Diese Parabel auf die Bereitschaft des Menschen zum Selbstbetrug stellt Ingo Schulze seiner großen Dresdner Rede voran. Wie nur wenige Schriftsteller und Intellektuelle bezieht Ingo Schulze als politischer Mensch öffentlich Position. In seiner so faktenreichen wie poetischen Analyse des Status quo benennt er die Ursachen von Demokratieverlust und sozialer Polarisierung in unserer von Globalisierung geprägten Gesellschaft. Er zeigt, dass es notwendig ist, sich selbst wieder ernst zu nehmen, die Vereinzelung zu überwinden und die Welt als veränderbar zu begreifen.
Hanser Berlin Verlag, 80 Seiten, € 10,00

Volker Gerhardt
Öffentlichkeit
Die politische Form des Bewußtseins

Von der "Öffentlichkeit" wird erwartet, dass sie alles ans Licht bringt. Nur sie selber bedarf noch einer philosophischen Klärung. Volker Gerhardt unterzieht den Begriff erstmals einer historischen und systematischen Analyse und vermag dabei zu zeigen, dass gesellschaftliches und individuelles Bewusstsein eine strukturelle Einheit bilden, in der das Bewusstsein niemals nur "subjektiv" ist. Der Mensch ist ein "öffentliches Wesen", ein homo publicus. Nur unter seinesgleichen findet er zu sich selbst. Zugleich aber kann diese öffentliche Welt dem Menschen nichts bedeuten, wenn er sich nicht in sich selbst und die Sicherheit der Privatsphäre zurückzuziehen vermag. Aus dieser Disposition unseres Bewusstseins entfaltet der Berliner Philosoph in seiner Studie, die Theorie der Politik und Philosophie des Geistes miteinander verbindet, eine grundlegende Theorie der Öffentlichkeit.
C.H.Beck Verlag, 584 Seiten, € 39,95

Hua Yu
China in zehn Wörtern
Eine Einführung

Yu Hua ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Chinas. Seine Bücher haben sich in China Millionen Mal verkauft. Dass sein neues Buch "China in zehn Wörtern" von den Chinesen verboten wurde, liegt weniger an seiner Kritik am heutigen China als an den Parallelen, die er zwischen der Kulturrevolution und dem neuen kapitalistischen System zieht. Wie zu Zeiten Mao Zedongs, sieht Yu auch heute Unmenschlichkeit und Gewalt. Der Großteil der chinesischen Gesellschaft profitiert nicht vom Wohlstand, sondern wird auf brutale Weise an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die persönlichen Essays lassen aber auch Yus Verbundenheit zu seinem Heimatland erkennen. "China in zehn Wörtern" wirft einen ganz anderen, einen neuen Blick auf ein Land, von dem noch viel zu erwarten ist.
Übersetzt von Ulrich Kauz.
S. Fischer Verlag, 335 Seiten, € 19,99

Besondere Empfehlung des Monats Januar von Ludger Lütkehaus:

Ferdinand Beneke
Die Tagebücher I (1792-1801)

Die Beneke-Tagebücher gehören zu den umfassendsten und fesselndsten Dokumenten zur Kultur und Lebenswelt des Bürgertums zwischen Französischer Revolution und Vormärz. Ferdinand Beneke führte von 1792 bis 1848 täglich und detailreich Tagebuch, registrierte politische Ereignisse, reflektierte Zeitströmungen, rezipierte die aktuelle Literatur und beschrieb Alltag und gesellschaftliches Leben. Überdies fügte er seinen Tagebüchern unzählige Beilagen, Briefwechsel und Manuskripte hinzu. Die Lektüre der Beneke-Tagebücher wird so zu einer im weitesten Sinne kulturgeschichtlichen Exploration ihrer Epoche, zur Erkundung einer Gesellschaft im Übergang, eingeschrieben in ein facettenreiches Bürgerleben. Das bislang unveröffentlichte Corpus wird vollständig kritisch ediert und in vier Abteilungen mit je einem umfangreichen Einleitungsband herausgegeben. Die Edition ist auf ca. 20 Bände angelegt und wird in den kommenden vier Jahren erscheinen. Die erste Abteilung umfasst die Jahre 1792 bis 1801, Benekes Studium in Halle und Göttingen, seine Anstellung bei der preußischen Provinzialregierung in Minden und Etablierung in Hamburg vor dem Hintergrund einer politisch wie weltanschaulich unruhigen Zeit.
hrg. von Frank Hatje, Ariane Kuth und Juliane Bremner.
Wallstein Verlag, 5 Bände, zus. 2672 Seiten, € 98,00

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