Streiten für die Rettung der Wissenschaft: Wissenschaftsskeptiker

Grob eingeteilt unterscheide ich zwei Hauptgruppen ernstzunehmender Kritiker der modernen Physik. Die erste besteht aus forschenden Physikern, die selbst aktiver Teil der Grundlagenforschung sind, wie Lee Smolin, der in seinem spannenden Werk mit dem an eine wunderbare Star-Trek-Folge erinnernden Titel "The Trouble with Physics" eine intelligente, vielfach zitierte Kritik an der Stringtheorie formuliert hatte.[2]

Die zweite Gruppe, die "Wissenschaftsskeptiker", ist wesentlich heterogener. Zu ihr rechne ich all jene mit einem wissenschaftlich-technischen Hintergrund, die in Einzelfällen sogar die eine oder andere Publikation in physikalischen Fachblättern oder Vorträge auf Konferenzen vorweisen können, die aber nichts zum Fortschritt der Physik durch eigene neue Erkenntnisse beitragen. Sie wiederholen meist nur selektiv Kritikpunkte anderer, etwa solche von Smolin, kompilieren verschiedenste Aussagen zu einer Melange und kommen dann zu dem Schluss, in der modernen Physik läge nicht nur derzeit einiges im Argen, sondern in Wahrheit laufe alles schon seit vielen Jahrzehnten vollkommen aus dem Ruder.

Ein Vertreter der Wissenschaftsskeptiker ist Ekkehard Friebe, umtriebiger Gegner der Relativitätstheorie. Ein weiterer ist Alexander Unzicker, Gymnasiallehrer für Physik und Mathematik und erfolgreicher Sachbuchautor. Sein Erstlingswerk "Vom Durchknall zum Urknall"[3] wurde 2010 sogar zum "Wissenschaftsbuch des Jahres" gekürt. In der wissenschaftsaffinen Blogosphäre hatte dies alles andere als Begeisterung ausgelöst. 2012 erschien sein zweites Buch: "Auf dem Holzweg durchs Universum"[4]. Anders als Kritiker ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund, denen es oft vor allem um die "Dekonstruktion" der Naturwissenschaften geht, ist es typisch für die Klasse der hier betrachteten Wissenschaftsskeptiker, an der Rettung der Physik interessiert sein zu wollen.

Friebe, laut eigenen Angaben "Regierungsdirektor i.R. des deutschen Patentamts", wettert schon seit etwa drei Jahrzehnten gegen die Relativitätstheorie. Auf seiner Website listet er eine beachtliche Anzahl an Beiträgen auf, die er in Publikationen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DGP) platzieren konnte. Ironischerweise hat ihm und weiteren Einsteingegnern gerade das WWW zu größerer Bekanntheit und Vernetzung mit anderen "Cranks" verholfen, also gerade das Medium, das am CERN für die Kommunikation zwischen Elementarteilchenphysikern entwickelt worden war. Er vertritt die beliebte These, die Physik würde von Dogmatikern beherrscht, die - seit inzwischen mehr als 100 Jahren - die physikalischen Publikationsmedien beherrschen und die eigentliche Wahrheit unterdrücken. Das passt natürlich ganz und gar nicht zur langen Liste seiner DPG-Aktivitäten, denn er konnte seine Ansichten immer wieder präsentieren. Interessant an solchen kruden Vorstellungen ist vor allem, wie unausrottbar und immer wiederkehrend sie sind.

Die Positionen von Alexander Unzicker sind vielseitiger. Nach Jura- und Physikstudium arbeitet er heute als Physik- und Mathematiklehrer an einem Münchner Gymnasium. Laut Klappentext "promovierte er im Bereich der Gehirnforschung". "Sein besonderes Interesse gilt nun der Gravitationsphysik und der Kosmologie." Mit Friebe teilt er die generelle Auffassung, die Physik hätte sich seit dem beginnenden 20. Jahrhundert verirrt und es gäbe "Dogmen" und "Denkverbote". Für ihn und Friebe ist die Physik nicht in einer spannenden Phase, sondern in einer Sackgasse. Dass immer mehr finanzielle Mittel aufgewendet werden müssen, um immer tiefer zu schürfen, ist für ihn Indiz eines fundamentalen Problems: "Aber trotz der enormen Mittel, trotz langer Planung und aller Anstrengung sind wir Zeugen einer ermüdend langsamen Entwicklung. Kein gutes Zeichen."[5]

Eugene Wigner (links) und Arnold A. Penzias (von hinten) in einer hitzigen Diskussion mit Studenten. Thema der Debatte ist die NATO-Nachrüstung. Kurz vor der Aufnahme dieses Fotos hat Wigner die Studenten sehr erregt gefragt, ob sie denn eigentlich wirklich glaubten, die USA könnten tatsächlich einmal einen nuklearen Erstschlag durchführen. Dies würden sie niemals tun. Penzias versucht, die Wogen zu glätten während Wigner sich abwendet und geht. Tagung der Physik-Nobelpreisträger, Lindau, 1982. Foto: Christian Gapp

Signale aus dem Innersten der Physikergemeinde

Unzicker hat offensichtlich einen Nerv des Zeitgeists getroffen. Die positiven Rezensionen seiner Bücher auf Amazon sprechen für sich. Sein Erfolgsrezept: Deftige Stammtischsprache, kombiniert mit vermeintlichem Insiderwissen, das aus Erwähnungen von Gesprächen mit aktiven Forschern besteht, die er am Rande von Konferenzen trifft. Hier drei Bespiele für seinen plakativen Schreibstil:

Der gesamten Quantenfeldtheorie fehlt aus prinzipiellen Gründen die Vorhersagekraft - ein wissenschafttsheoretischer Papiertiger.

Auf dem Holzweg durchs Universum, S. 127

Das Standardmodell muss - anders geht es nicht - als Ganzes auf den Müll.

Auf dem Holzweg durchs Universum, S.217

Die Neutrinophysik ist krank.

Auf dem Holzweg durchs Universum, S. 188

Sein Insiderwissen verpackt er gerne geheimnisvoll: "Bei einer Tagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Bonn unterhielt ich mich in kleiner Runde mit einer erfahrenen Experimentatorin, die eine leitende Position an einem Max-Planck-Institut innehatte."[6] Wenige Zeilen weiter: "Beim Abendessen einer Festveranstaltung saß ich einmal zufällig neben dem langjährigen Chefredakteur eines bekannten Wissenschaftsjournals, ...". Zwei Seiten später schildert er, während eines Seminars von Physikern und Theologen habe "sich ein bekannter Astrophysiker" für die Messungen am CERN ereifert. Ist das Koketterie oder einfach nur der Versuch eines studierten Juristen, durch Weglassen von Namen möglichen rechtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen?

Eugene Wigner zu Beginn seines Vortrags. Gleich wird er seine Version der Schrödingergleichung auf die Tafel schreiben und über das Problem sprechen, einen universellen Hamiltonoperator zu finden. Mit anderen Worten: so etwas wie die Weltformel. Tagung der Physik-Nobelpreisträger, Lindau, 1982. Foto: Christian Gapp

Allerdings kann Unzicker auch ganz persönlich werden. Sein Lieblingsfeind ist der herausragende Stringtheoretiker Edward Witten. "Viele Stringtheoretiker verbringen am CERN Gastaufenthalte, allen voran das Supergenie Edward Witten, ..."[7] In seinem Erstlingswerk hatte er sich schon an Witten abgearbeitet unter dem Titel: "Der Guru - ein Herr der Stringe". Unzickers Fazit: Witten mache keine Physik. Diesen Sommer hielt Witten im Rahmen der "Strings 2012" einen Vortrag. Im Anschluss daran war Alexander Unzicker der erste Fragesteller, was er Telepolis per E-Mail bestätigte. Aufschlussreich ist die Art und Weise, in der Unzicker Witten anging. Es ist empfehlenswert, sich selbst einen Eindruck im Webcast der Uni München zu verschaffen (einige Reaktionen). Zusätzlich hat Unzicker seine Intervention auf Peter Woits Blog gepostet.

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