Feynman, Lederman, Einstein, sie lagen eigentlich alle falsch - aber nur einer hat's bemerkt

Unzicker bescheinigt einer Reihe berühmter Wissenschaftler eklatante Fehler in ihren Lebensleistungen. Da ist zunächst einmal Richard Feynman, "der Paradigmenwechsler"[8] Zwar versichert Unzicker, er möge Feynman, schätze seine Selbstkritik und die Offenheit, mit der er Probleme ansprach. Es sei typisch für Feynman gewesen, sich zwar einerseits der Unzulänglichkeiten seiner eigenen Theorie, der QED (Alles ist relativ), bewusst zu sein, sich aber dennoch über ihre Erfolge "wie ein kleiner Junge" begeistern zu können.

Mit Feynman sei die Physik zu leichtgewichtig geworden. Obwohl Unzicker sich immer wieder auf Feynmans berühmte Vorlesungen bezieht, findet er Feynmans Einfluss auf den Verlauf der Physik "fast beängstigend groß, nicht nur wenn man an seine vielen Schüler und akademischen Enkel denkt".

Direkt nach Wigner, dessen Formel noch an der Tafel steht, beginnt Dirac seine Ausführungen. Wie Wigner, der übrigens sein Schwager war, spricht er über Grundsätzliches. Tagung der Physik-Nobelpreisträger, Lindau, 1982. Foto: Christian Gapp

Ein weiterer wichtiger Physiker, diesmal ein begnadeter Experimentator, der Bahnbrechendes in der Neutrinophysik geleistet hat, ist Leon Lederman.

Lederman ist ein Pionier der Beschleunigerexperimente und einer der kreativsten Physiker der Nachkriegszeit... Aber es ist durchaus möglich, dass seine Lebensleistung dazu beitrug, die Physik in die Irre zu führen.

Auf dem Holzweg durchs Universum, S. 182

Unzicker nennt Schwierigkeiten der Brookhaven-Experimente, mit denen die Experimentatoren um Lederman kämpfen mussten, als sie auf der Suche nach neuen Neutrinos waren. Er führt die Möglichkeit ins Feld, ein messtechnisches Artefakt könne fälschlich als Beleg für eine theoretische Vorhersage genommen werden, wenn die Auswertung sehr kompliziert ist und der Experimentator unbedingt ein positives Ergebnis finden will. In der Tat kann so etwas passieren. Unzickers Forderung: "Es ist unerlässlich, dass solche Experimente wiederholt und die Rohdaten frei verfügbar werden", führt jedoch in die Irre. Es klingt so, als ob es nur ein einziges Experiment gegeben hätte, auf dessen fragwürdiger Datenlage seit gut einem halben Jahrhundert die Akzeptanz der Existenz einer neuen Sorte Neutrinos begründet ist. Das ist natürlich nicht der Fall. Aber die moderne Neutrinophysik ist ja laut Unzicker sowieso "krank", womit er sich gegen rationale Argumentationen wirkungsvoll selbst immunisiert.

Wie auf dem Bau: Demontage mit System

Nebenbei bemerkt wird hier ein Schema erkennbar, mit dem Unzicker seine Demontagen durchführt. Zunächst lobt er den zu Kritisierenden in den Himmel, um dann festzustellen, die Leistungen, für die derjenige berühmt und geachtet ist, seien eigentlich irreführender Mist. Nach diesem Schema ging er auch Edward Witten nach dessen Vortrag an der Uni München an. Selbst Einstein bekommt sein Fett weg, weil es Unzicker nicht gefällt, wie der von seiner 1911 angedachten Möglichkeit, die Lichtgeschwindigkeit könne im Gravitationsfeld variabel sein, abrückte, um vier Jahre später in der endgültigen Fassung seiner allgemeinen Relativitätstheorie von gekrümmten Räumen zu sprechen.[9] Unzicker jedoch liebt Vorstellungen von mit der Zeit sich verändernden Naturkonstanten, wie sie beispielsweise durch P.A.M. Dirac und Pascual Jordan vorgebracht wurden. Was berechtigt Unzicker eigentlich zu seiner harschen Kritik, die im Falle von Witten sogar als verletzend empfunden werden könnte? Ist er vielleicht selbst ein "Supergenie"? Seine Positionen wirklich greifbar zu machen, ist gar nicht so einfach. Unzickers Schreibstil ist gehetzt. Kaum eine Seite ohne eine Zwischenüberschrift, kaum ein Gedanke, der mehr als ein paar Zeilen zur Entfaltung bekommt, schon ist wieder etwas Neues dran.

Für viele begeisterte Leser ist dies offenbar beeindruckend und unterhaltsam, es kann aber auch schlichtweg als Immunisierungsstrategie verstanden werden, denn erstens kann so auch die ausführlichste Kritik nicht alle Behauptungen würdigen. Zweitens können aufgefundene Fehler leicht mit dem Argument weggewischt werden, bei einer so großen Fülle an Argumenten sei die eine oder andere Schwachstelle doch verzeihlich. Unzicker selbst ist sich dieser Möglichkeiten offenbar bewusst, denn er zitiert ein passendes chinesisches Sprichwort nach dem "ein Narr an einem Tag mehr Unsinn reden, als sieben Weise in einem Jahr widerlegen können". Er bezieht das natürlich nicht auf sich, sondern sieht darin "ein methodisches Problem vieler Wissenschaften".[10] Dennoch, hier die exemplarische Konzentration auf seine Behauptungen zu Antiteilchen, Dirac-Gleichung und Higgs-Teilchen.

Es ist so einfach, oder: Warum es so wenig Antimaterie im Universum gibt

Die Existenz von Antimaterie wurde vorhergesagt, als die relativistische Quantenmechanik entstand. Die QED ist der Prototyp einer solchen Theorie. Ein Elektron kann beispielsweise mit seinem Antiteilchen, dem Positron, zusammenstoßen und in ein Photon zerstrahlen, das dann wiederum mit weiteren geladenen Teilchen wechselwirken kann.

Derselbe Vorgang kann, im Ergebnis identisch, aber auch folgendermaßen beschrieben werden. Das Elektron strahlt ein Photon ab und verwandelt sich so in ein in der Zeit rückwärts laufendes Elektron. Ein in der Zeit zurück laufendes Elektron ist äquivalent zu einem in der Zeit fortschreitenden Positron. Dieser bekannte Effekt wird von Unzicker messerscharf zu einer kühnen Behauptung verdichtet: "Klingt verrückt, aber diese Sicht der Dinge würde erklären, warum wir so wenig Antimaterie beobachten: eben weil die Zeit 'normal' abläuft und nicht umgekehrt."[11]

Verrückt wäre vor allem, wenn er Recht hätte und mehr als zwei Generationen von Physikern zu blöd waren, diese Erklärung zu entdecken. Zudem spricht er der gesamten relativistischen Quantenfeldtheorie ja eigentlich die Vorhersagekraft ab, allerdings braucht er für diesen Geistesblitz genau diese. Völlig unerwähnt bleibt bei ihm, wie symmetrisch der Fall in Wahrheit ist. Was Teilchen, was Antiteilchen ist, ist nämlich auch eine Ansichtssache. So ist ein sich rückwärts in der Zeit bewegendes Positron eben auch äquivalent mit einem sich mit dem Zeitpfeil bewegendem Elektron. Diese Interpretation eignet sich daher gerade eben nicht dafür, die ungleiche Verteilung von Materie und Antimaterie zu erklären. Der Nobelpreis muss warten.

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