UN erlässt Resolution gegen weibliche Genitalverstümmelung

04.01.2013

Ein Meilenstein im Kampf gegen Beschneidung von Mädchen - der auch auf Jungen ausgeweitet werden muss

Wer bei der Internet-Suchmaschine Google das Wort "Beschneidungen" eingibt, erhält seitenweise Informationen zum Thema "Beschneidungen von Jungen". Wer sich indes für Beschneidungen von Mädchen interessiert, muss entweder tief graben oder andere Suchwörter eingeben, wie z.B. Genitalverstümmelung oder Female Genital Mutilation (FGM). Das Thema Beschneidung von Jungen beherrscht die aktuelle Debatte, das spiegelt sich auch in den Suchmaschinen im Netz wieder.

Da sind Nachrichten wie die über die am 20.Dezember von der UN-Vollversammlung erlassene Resolution gegen weibliche Genitalverstümmelung anscheinend kaum der Rede wert. In der Resolution sprechen sich alle 194 Mitgliedsstaaten dafür aus, entsprechende Gesetze zu erlassen und deren Einhaltung streng zu überwachen.

Verbreitung der Beschneidung von Frauen in Afrika. Bild: afrol News

Um nicht missverstanden zu werden, die männliche Beschneidung hat ebenfalls weitreichende Konsequenzen für das Leben und die Sexualität der Betroffenen und kostet Menschenleben. Deshalb ist die Zirkumzision genauso als Verletzung der Menschenrechte weltweit abzulehnen und unter Strafe zu stellen wie die FGM. Auch der Ratschlag der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Beschneidungen als Präventivmaßnahme zur Verhinderung von Ausbreitung von AIDS durchzuführen, ist zu hinterfragen und für Minderjährige grundsätzlich abzulehnen.

Im Zuge der Debatte um die religiöse Beschneidung wurde der Ruf nach Gleichbehandlung der Geschlechter, also der Legalisierung der Klitoris-Beschneidung Typ I (siehe unten), laut. Das forderte z. B. der ägyptische Professor Mohamed Kandil von der Universität Menofiya.

Gleichbehandlung der Geschlechter, da läuten sämtliche Alarmanlagen. Gleiches Recht auf Schmerzen - das klingt ähnlich plausibel wie die Forderung "Frauen in die Bundeswehr", weil ihnen da so wahnsinnig viele Karrierechancen offen stehen …Gleichbehandlung von was eigentlich?

Beschneidung von Mädchen

Laut Unicef sind weltweit ca. 100 - 140 Millionen Frauen an ihren Genitalien verstümmelt worden. Jährlich werden mehr als zwei Millionen Mädchen einem solchen Eingriff unterzogen; 8.000 pro Tag, alle 15 Sekunden irgendwo auf der Welt. Die Desert Flower Foundation geht von 150 Millionen betroffenen Frauen weltweit aus. Dabei bezieht sich die Organisation auf die WHO.

Die WHO unterscheidet zwischen vier verschiedenen Typen:

Typ I: teilweise oder vollständige Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris (Klitoridektomie) und/oder der Klitorisvorhaut (Klitorisvorhautreduktion).

  • Type Ia: Entfernung der Klitorisvorhaut
  • Type Ib: Entfernung der Klitorisvorhaut und der Klitoris

Typ II: teilweise oder vollständige Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Schamlippen (ExzisionExzision).

  • Type IIa: Entfernung der kleinen Schamlippen
  • Type IIb: Entfernung der kleinen Schamlippen und ganz oder teilweise Entfernung der Klitoris
  • Type IIc: Entfernung der kleinen und großen Schamlippen und ganz oder teilweise der Klitoris

Typ III (auch Infibulation): Verengung der Vaginalöffnung mit Bildung eines deckenden Verschlusses, indem die inneren und/oder die äußeren Schamlippen aufgeschnitten und zusammengefügt werden, mit oder ohne Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris.

  • Type IIIa: Abdeckung durch Aufschneiden und Zusammenfügung der kleinen Schamlippen
  • Type IIIb: Abdeckung durch Aufschneiden und Zusammenfügung der großen Schamlippen

Typ IV: In dieser Kategorie werden alle Praktiken erfasst, die sich nicht einer der anderen drei Kategorien zuordnen lassen. Die WHO nennt beispielhaft das Einstechen, Durchbohren (Piercing), Einschneiden (Introzision), Abschaben sowie die Kauterisation von Genitalgewebe, das Ausbrennen der Klitoris oder das Einführen ätzender Substanzen in die Vagina.

[Edit: In der obigen Aufzählung fehlte zunächst der Punkt "Type Ia: Entfernung der Klitorisvorhaut". Das wurde nach Hinweisen von Lesern verbessert. Der Grund war kein inhaltlicher, sondern lediglich ein technischer Fehler]

Laut WHO ist es schwierig, genaue Daten über die Verteilung der betroffenen Frauen und Mädchen auf die einzelnen Kategorien zu erfassen. Schätzungen aus 2008 zufolge wurden in Afrika Frauen und Mädchen über 15 Jahren zu 90% Genitalveränderungen der Typen I, II und IV vollzogen, an 10 % des Typs III, bei den unter 15 jährigen 20% des Typs III. Das würde bedeuten, dass dieser barbarische Akt sich weiter verbreitet.

Bei besagtem Typ III, oder auch Infibulation, werden die Beine des Mädchens von der Hüfte bis zu den Knöcheln für bis zu 40 Tage zusammengebunden, damit die Wunde heilen und die Haut über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre zusammen wachsen kann. Lediglich eine kleine Öffnung für den Austritt des Urins, des Menstruationsbluts und der Vaginalsekrete soll bleiben. Dazu wird den Mädchen ein dünner Zweig in die Vagina gelegt oder Steinsalz in die Wunde gestreut (!).

Hüterinnen der Moral mit rostigen Eisenklingen

Durchgeführt wird der Eingriff von professionellen Beschneiderinnen, die hohes Ansehen in der Gesellschaft genießen und so etwas wie die Hüterinnen der Moral sind. Denn nur beschnittene Mädchen gelten als ehrbar und haben die Chance, geheiratet zu werden. Weil nur sie den potentiellen Ehemännern die Garantie auf sexuelle Treue bieten. Bei der Eheschließung muss im Falle der Infibulation die Öffnung zum Zwecke des Sexualverkehrs weiter geöffnet werden. Erneut eine schmerzhafte Prozedur.

Der Eingriff findet unter den abenteuerlichsten Bedingungen statt, nicht selten wird sie mit rostigen Rasierklingen oder schmutzigen Glasscherben ausgeführt. Rund ein Viertel aller Mädchen überlebt deshalb diese Tortur nicht, unabhängig davon, welcher Typ der Beschneidungen an ihr praktiziert wird. Außerdem werden auf diese Weise Infektionskrankheiten übertragen, weil nicht selten mehrere Mädchen mit denselben "Instrumenten" beschnitten werden.

Die betroffenen leiden lebenslang unter den Folgen des Eingriffs: chronische Infektionen, starke Schmerzen bei der Menstruation und beim Geschlechtsverkehr. Genau das ist auch genau der Sinn der Sache: die Kontrolle über weibliche Sexualität.

Praktiziert wird diese Unsitte vor allem in Afrika, aber auch in asiatischen Ländern. In etwa 28 afrikanischen Ländern ist es Brauch, aber auch im Jemen oder in den kurdischen Gebieten des Irak wird er praktiziert, und der "arabische Frühling" verhalf dieser barbarischen Tradition in Ägypten zu neuem Aufschwung.

Indonesien

Indonesien stellt mit mehr als 200 Millionen Muslimen den Staat mit der größten muslimischen Bevölkerung dar. Trotzdem ist Indonesien kein islamischer Staat, aber fundamental-islamische Vorschriften und Riten finden immer mehr Verbreitung: So tragen Frauen zunehmend Kopftücher, die nicht nur das Haupt bedecken, sondern fast das gesamte Gesicht verhüllen, und der barbarische Akt der weiblichen Genitalverstümmelung nimmt zu.

In der Region Java zum Beispiel gehören 94% der Bevölkerung dem muslimischen Glauben an - 96% der dort ansässigen Familien lassen ihre Töchter beschneiden. Organisiert von der Assalaam Foundation finden an speziellen Tagen Massenbeschneidungen in Schulen oder Gebetssälen statt. Diese sind zwar grundsätzlich abzulehnen, finden aber unter wesentlich besseren hygienischen Standards statt als in Afrika.

Somalia

Bekanntestes Beispiel für Länder, in denen FGM praktiziert wird, ist Somalia, das ehemalige Model Waris Dirie erregte mit ihrer Biographie "Wüstenblume" weltweit Aufsehen. Dort sind 97% aller Frauen und Mädchen beschnitten.

Somalia gehört zu den Plätzen der Welt, wo es für Frauen am gefährlichsten ist. Hinter Afghanistan, Kongo, Pakistan und Indien belegt der ostafrikanische Staat den Platz fünf in der "Weltrangliste" der gefährlichsten Plätze für Frauen. Das belegt eine Studie der Organisation Women Change Makers. Beschneidung, Vergewaltigung und Geburt sind die höchsten Risiken dort. Es gibt eine sehr hohe Müttersterblichkeit, weil quasi keine medizinische Versorgung vorhanden ist.

Europa

Laut der Desert Flower Foundation leben in Europa 500.000 Frauen und Mädchen, an denen ein solcher Eingriff bereits vollzogen wurde, oder die ihn noch vor sich haben. Dazu werden die Mädchen entweder in den Ferien "nach Hause" geschickt - die Beschneidungen werden von Ärzten der entsprechenden Community durchgeführt - oder traditionelle Beschneiderinnen werden eingeflogen.

Zwar ist FGM in allen EU-Staaten verboten, aber nur Frankreich setzt dieses Verbot konsequent um. So wurde beispielsweise im Juli 2012 ein aus Ghana stammendes Ehepaar zu Haftstrafen verurteilt, weil sie ihre vier Töchter in Frankreich beschneiden lassen haben.

Beschneidung von Jungen

Zirkumzision, die teilweise oder vollständige Entfernung der männlichen Vorhaut, zählt laut WHO "zu den weltweit am häufigsten durchgeführten körperlichen Eingriffen". Schätzungsweise zwischen 25 und 33% der männlichen Weltbevölkerung ist beschnitten. Das betrifft also grob geschätzt eine Milliarde Männer.

Der überwiegend größte Teil davon ohne jedwede medizinische Medikation, sondern aus religiösen Gründen, wie es das Judentum und der Islam angeblich vorschreiben oder aus ästhetischen Gründen wie häufig in den USA. Hierzulande weitestgehend unbekannt ist, dass in Afrika auch Beschneidungen an Jungen als Stammesriten durchgeführt werden.

Die WHO rät zu Beschneidungen als AIDS-Präventionsmaßnahme. Eine Maßnahme, deren Erfolg laut dem Wochenmagazin Focus indes nicht durch Studien belegt werden konnte. Allerdings soll eine Beschneidung das Risiko der Neuansteckung bei Männern senken.

Auch die Annahme, Beschneidungen von Männern senke das Risiko von Frauen, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, erwies sich als Irrglaube.Die Zirkumzision hat weitreichende Konsequenzen für Gesundheit und Sexualität der Betroffenen.

"Der empfindlichste Teil des Penis wird durch die Beschneidung entfernt, und die normalen Mechanismen des Geschlechtsverkehrs und der erogenen Stimulation werden gestört", konstatiert der britische Arzt John Warren.

Abgesehen davon ist die Beschneidung von Jungen riskant. Der Arzt Robert Baker schätzte 1979 etwa 229 Todesfälle pro Jahr aufgrund der Beschneidung in den USA. Die südafrikanische Zeitung The Mail and Guardian berichtet im Herbst 2003 von ca. 250 Todesfällen bei Beschneidungen als Stammesriten seit 1995. 2012 starben insgesamt 50 Jugendliche an den Folgen ritueller Beschneidung allein in der südafrikanischen Provinz Eastern Cape.

Macht und Herrschaft

Obwohl Beschneidungen sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen größtenteils mit dem Islam oder dem Judentum in Verbindung gebracht werden können, ist Religion nicht der Ursprung dieses barbarischen Brauchtums. Der Internet-Enzyklopädie Wikipedia zufolge vermuten Medizinhistoriker, dass bereits im Altertum die Beschneidung zur Kontrolle des Geschlechtslebens der Sklaven und der Unterschicht dienen sollte, ohne gleichzeitig die Fruchtbarkeit zu beeinflussen.

In den Religionen wird sich dieser drastischen Maßnahme bedient, um die Sexualität zu kontrollieren, Masturbation möglichst unterbinden, und Frauen zur Treue zu verdammen. Sexuelle Kontrolle, Macht und Herrschaft, darum geht’s. Der Ruf nach gleichem Recht für beide Geschlechter ist in Wahrheit der Ruf nach gleichem Unrecht.

Die UN-Resolution gegen weibliche Genitalverstümmelung ist ein Meilenstein im Kampf gegen FGM. Ebenso der von der UN-Menschenrechtskommission 2003 ausgerufene "Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung". Doch das richtige und wichtige Engagement auf körperliche und sexuelle Unversehrtheit von Mädchen muss indes auch auf Jungen ausgeweitet werden. Das wäre die einzig richtige Forderung nach gleichem Recht. Der Ruf nach Gleichbehandlung im Sinne von Kandil bedeutet die Lizenz zur Unisex-Folter, was letztendlich nichts anderes heißt, als beide Geschlechter im wahrsten Sinne des Wortes ans Messer zu liefern.

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