Seit 1.600 Jahren auf dem Rückzug

04.01.2013

Syriens Christen marginalisieren sich selbst

Dass Syriens Christen nur mehr 10 Prozent der Bevölkerung stellen, wird zumeist der osmanischen Herrschaft sowie dem extremistischen Islam der vergangenen Dekaden zugeschoben. Dies stimmt zwar - blendet aber aus, dass die Schwächung der orientalischen Christen schon vor dem Aufkommen des Islam begann.

Damaskus und das Christentum. Unendlich viel Faszination begleitet dieses Thema. Allein schon die "Gerade Straße", die von Ost nach West durch die Altstadt verläuft und bereits in der Antike von den Römern angelegt wurde, weckt Ehrfurcht und vielfach Sehnsucht. Hier wurde, so berichtet es die Apostelgeschichte, der blinde Paulus in die Stadt geführt, um vom Christentum erleuchtet zu werden.

Damaskus weist somit eine der ersten Christengemeinden der Menschheitsgeschichte auf und noch heute gibt nahezu jeder Stein in der Altstadt Zeugnis von der Fortentwicklung der Weltreligion. So begegnet man auf halber Höhe der Geraden Straße dem Sitz des rum-orthodoxen Patriarchen von Antiochien - gleich neben dem Sitz des rum-katholischen Patriarchen von Antiochien und in einer nahe gelegenen Seitenstraße dem Sitz des syrisch-orthodoxen Patriarchats von Antiochien. Dies allein zeugt schon von der Vielfalt der Spiritualitäten und es wundert kaum, wenn Karl Pinggéra, Professor für Ostkirchengeschichte an der Universität Marburg, Damaskus als "regelrechtes Freilichtmuseum für Konfessionskunde" bezeichnet.

In der Stimme des Professors schwingt die altbekannte Faszination mit. Aber auch unüberhörbare Kritik. Denn die Buntheit des orientalischen Christentums, die den abendländischen Außenstehenden so malerisch anmutet, verliert an Zauber, wenn man sich ihre Konsequenz für die Glaubensgemeinschaft verdeutlicht: eine - buchstäblich heillose - Aufsplitterung.

Heillose Aufsplitterung

Die Wurzeln hierfür reichen 1.600 Jahre - und somit fast 200 Jahre vor die Entstehung des Islam - zurück: zum Konzil von Chalcedon, 451. Damals trieben christologische Debatten über die Natur der Person Jesu die Theologen in erbitterte Fehden. Die Kernfrage lautete, ob Jesu ein wahrer Mensch und ein wahrer Gott in einer oder in zwei Naturen ist. Im kleinasiatischen Chalcedon (einem heutigen Istanbuler Stadtteil) fiel eine bis dato nachwirkende Entscheidung: Jesu besitzt eine menschliche und zugleich eine göttliche Natur.

Die "Syrer" waren entsetzt: Ihnen galt die Definition von den zwei Naturen als zu gefährlich, weil sie die Einheit Christi zu verletzen schien. Infolge gründeten sie ihre eigene syrisch-orthodoxe Kirche, die heute rund 150.000 Mitglieder zählt. Der Begriff "Syrer" hat hier freilich nichts mit modernen Staatsbezeichnungen zu tun. Vielmehr umfasst er alle, die Aramäisch sprachen, das seit der Christianisierung als "syrisch" bezeichnet wurde und nach wie vor die Liturgiesprache der syrisch-orthodoxen Kirche ist.

Mit den Muslimen kam die Arabisierung

Während sich die "Syrer" gegen Chalcedon wandten, schlossen sich ihm die Rum-Orthodoxen an. Die Differenzen beschränkten sich allerdings nicht auf das Theologische. Auch auf ethnisch-kultureller Ebene trennten sich die Wege - bedingt durch den Siegeszug des Islam. Denn, nachdem die Muslime 636 Syrien erobert hatten, breitete sich auch die Sprache des Korans, das Arabische, aus. Im Unterschied zu den "Syrern", die sich eher mit den Aramäern der Antike identifizierten und den neuen Entwicklungen gegenüber reserviert blieben, passten sich die Rum-Orthodoxen an und stellten ab dem 13. Jahrhundert ihre Liturgiebücher von Aramäisch auf Arabisch um.

Allein der Umstand, dass sie das Wort "rum" auch im internationalen Sprachgebrauch angewandt sehen wollen, demonstriert ihr ethnisches Selbstverständnis - bedeutet "rum"-orthodox doch nichts anderes als "griechisch"-orthodox, nur eben auf Arabisch. All dies motivierte sie auch zu einer regeren Beteiligung am politischen Leben und es wundert nicht, dass gerade die Rum-Orthodoxen bis in die jüngste Vergangenheit Syrien aktiv mitgestalteten. Das wohl markanteste Beispiel der Moderne ist Michel Aflaq (1910-1989), der Hauptbegründer der Baath-Partei, zu deren Eckpfeilern bekanntlich der Pan-Arabismus zählt.

Mit den Missionaren kam Rom

Doch auch die rum-orthodoxe Kirche, die mit 400- bis 500.000 Mitgliedern die stärkste im heutigen Syrien stellt, hätte es möglicherweise noch zu mehr bringen können. Hätte sie sich nicht ihrerseits aufgespalten. Die Ursache ist nicht zuletzt im Wirken römisch-katholischer Missionare zu suchen. Als diese im 14. Jahrhundert vor allem Damaskus bereisten, begannen die dortigen Bischöfe mit der Union mit Rom zu liebäugeln.

1729 kam es schließlich zum Bruch: Neben die rum-orthodoxe Kirche, die seit jeher dem Patriarchat von Antiochien unterstand, gesellte sich eine mit Rom unierte rum-katholische Kirche. Die Hierarchien wurden somit verdoppelt - und die Gläubigen einander entfremdet. Hierfür sorgten schon die unterschiedlichen Kirchenrechte: So können sich Syriens 280.000 Katholiken beispielsweise nicht scheiden lassen, wohingegen Orthodoxe ihre Ehen durchaus auflösen dürfen.

Auf den Aussenstehenden wirkt diese Fülle an ethnischen und theologischen Partikularinteressen freilich fremd. Zumal sie schier endlos scheint: Neben den hier Genannten existieren noch die armenisch-apostolische, die armenisch-katholische, die syrisch-katholische, die römisch-katholische, die maronitische, die chaldäische sowie die protestantische Kirche. Und alle - bilanziert Karl Pinggéra - leben eingeigelt in ihren "kleinen Religionsnationen".

Endgültige Abspaltung von den Sunniten?

Die diversen ethnischen Profile und theologischen Meinungsverschiedenheiten hemmten an sich schon ein lebhaftes Miteinander. Hinzukam die lange muslimische Herrschaft, die die Christen zu Bürgern zweiter Klasse degradierte. Die Minderheitenpsychen, die so entstanden, implantierte die Assad-Diktatur schließlich vollends. Die Drohung "entweder wir oder die muslimischen Extremisten" fruchtete: Die Mehrheit der Christen schlossen sich dem vor allem von Sunniten ausgefochtenen Aufstand nicht an.

Dies ist - so nachvollziehbar es sein mag - schon problematisch genug, da es ihre gesellschaftliche Außenseiterstellung noch vergrößert. Dass manche Christen aber auch mit Waffengewalt gegen die Aufständischen vorgehen und somit auf Regimeseite kämpfen, ist mehr als gefährlich, weckt es doch auch bei moderaten Sunniten Ressentiments - und das möglicherweise auf Generationen hinaus.

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