Steigt die Schulausbildung, sinkt die Moral

08.01.2013

Das scheint zumindest das Ergebnis einer Umfrage unter südkoreanischen Schülern zu sein

Nach einer Umfrage unter südkoreanischen Schülern wird deren moralischer Verfall und ausgeprägter Materialismus kritisiert. Im Auftrag der Antikorruptionsorganisation Heungsadahn Transparenzbewegung wurden Anfang Dezember 6000 Schüler an Grund-, Mittel- und Oberschulen in Seoul, Incheon und der Provinz Gyeonggi befragt. Ihnen wurden 25 Aussagen vorgelegt, anhand derer sie entscheiden sollten, wie sie handeln würden.

Wenn die Schüler viel Geld gewinnen würden, dann würden viele auch eine Straftat begehen und für ein ins Gefängnis gehen. Bei der Frage ging es um ein Milliarde Won (716.000 Euro). Die Bereitschaft, dafür kriminell zu werden und eine Haftstrafe abzubüßen, äußerten 44 Prozent der Oberschüler, aber nur 28 Prozent der Mittel- und 12 Prozent der Grundschüler. Das dürfte nicht allein mit dem Bildungsgrad zu tun haben, sondern wird auch vom Alter abhängen. Je jünger die Schüler sind, desto braver sind sie - oder desto weniger trauen sie sich, Anstößiges von sich zu geben. Möglicherweise neigen aber die älteren, besser gebildeten Schüler auch deswegen im Gedankenspiel zur schnellen, wenn auch kriminellen Bereicherung, weil sie schon bald mit dem mühsamen Arbeitsleben konfrontiert sind - oder viele entsprechende Vorbilder in der Wirtschafts- und Finanzwelt sehen und sich fragen, warum sie ehrlich und arm bleiben sollen.

Wie sie sich im wirklichen Leben entscheiden würden, ist natürlich etwas ganz anderes und lässt sich davon nicht ableiten. Für Ahn Jong-bae von der Hansei-Universität zeigt sich daran jedenfalls der Verfall des Lehrfachs Ethik an den Schulen. Ethik wäre nur noch ein Mittel, um Punkte bei Tests zu erzielen. Eigentlich sollten die Schüler "ihre moralischen Werte sichern und sich der moralischen Anerkennung bewusst sein können, wenn sie eine höhere Ausbildung durchlaufen. In Wirklichkeit aber geschieht das Entgegengesetzte", bedauert der Professor die moralische Verfassung der Schüler.

Auch sonst zeigen die Schüler wenig Respekt vor dem, was man tun soll, was aber massenhaft im wirklichen Leben auch nicht eingehalten wird. Gefragt, ob sie oft etwas für Schularbeiten aus dem Internet kopieren, antworteten 47 Prozent der Grundschüler, 68 Prozent der Mittelschüler und 73 Prozent der Oberschüler mit Ja. Ob da Verbote gegen Copy&Paste helfen? Sinnvoller wäre wahrscheinlich, von den Schülern nicht leicht Abrufbares zu verlangen und das zu benoten (wobei sie ja blöd wären, Hilfsmittel nicht zu benutzen), sondern sie zum kreativen Arbeiten anzuleiten, das auch mal in die Hose gehen kann. Aber da müsste man nicht nur den Ethikunterricht, sondern die Schulausbildung insgesamt reformieren, die in Südkorea vor allem aus purem Pauken besteht. Allerdings ist es auch für 84 Prozent der Oberschüler in Ordnung, Musik oder Filme illegal aus dem Internet herunterzuladen, 62 Prozent gehen davon aus, es sei moralisch akzeptabel, etwas zu behalten, was andere verloren haben.

Ausgerechnet wurde aus den Antworten auch ein Ehrlichkeitsquotient, der bei den Grundschülern noch bei 85 liegt, bei den Oberschülern aber nur noch bei 67. Für die sinkende Moral wird das auf pures Lernen setzende Schulsystem und die Eltern verantwortlich gemacht, die nur darauf schauen, ob die Noten ihrer Kinder gut sind. Ahn weist aber auch darauf hin, dass der südkoreanischen Gesellschaft Organisationen fehlen, die Transparenz propagieren. Zudem würde gängiges amoralisches Verhalten wie Bestechung zum Problem beitragen. Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency liegt Südkorea an 45. Stelle mit einem Wert von 59 zwischen Mauritius und Brunei. Am besten schneiden Dänemark, Finnland und Neuseeland mit einem Wert von 90 ab. Deutschland liegt an 13. Stelle mit einem Wert von 79. Afghanistan, Somalia und Nordkorea bilden das Schlusslicht mit einem Wert von 8.

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