Wie viel nackte Haut lassen Avatare sehen?

18.01.2013

In Second Life glauben Wissenschaftler erkennen zu können, wie viel oder wenig Menschen anziehen würden, wenn äußere Zwänge wegfallen

Second Life war kurze Zeit bis 2007 ein Hype, seitdem findet man hier meist nur noch Geisterstädte und täglich zwischen 30.000 und 70.000 Nutzer, die noch Vergnügen daran haben, sich mit einem Avatar in den grafischen Welten zu bewegen und mit anderen zu interagieren. Insgesamt haben sich schon mehr als 32 Millionen Nutzer angemeldet, die meisten Avatare sind allerdings Zombies.

Mit Sex in Second Life hat sich Burghard Schröder beschäftigt: Der verliebte Avatar und Einsame Herzen 2.0

Eine kleine Gruppe ist also in Second Life, das einmal das Metaversum von Neal Stephenson zu werden versprach, unter sich, stellt sich in einer virtuellen Verkörperung dar und spielt vorwiegend Rollenspiele. Nun haben die kanadischen Psychologen Anna M. Lomanowska und Matthieu J. Guitton untersucht, wie sich die Menschen, d.h. vielmehr, wie sie ihre Avatare als ihre persönlichen Stellvertreter kleiden bzw. wie viel nackte Haut sie sehen lassen.

Sie gehen davon aus, wie sie in ihrem Beitrag schreiben, der in der Open-Access-Publikation PLoS One erschienen ist, dass sich aufgrund klimatischer, umweltbedingter, körperlicher und kultureller Zwänge nicht erkennen lässt, was Frauen und Männer spontan und unbeeinflusst von diesen "äußerlichen" Zwängen an nacktem Körper zeigen, um damit sexuell attraktiv sein und auf andere wirken wollen. Das Bedecken des nackten Körpers schütze hingegen vor klimatischen Bedingungen wie Kälte, Regen oder Sonne, aber auch vor "rauen Oberflächen, scharfen Objekten oder Insektenbissen". Individuelle körperliche Eigenschaften wie Größe oder Hautfarbe würden auch beeinflussen, wie nackt oder bekleidet man auftritt. Dazu kommen dann die kulturellen Normen, die die Psychologen aber wohl eher als zu wenig wichtig erachten, schließlich ist Nacktheit oder das Zeigen von (nicht tätowierter) Haut beim Menschen nichts "Natürliches", sondern ebenso wie die Bekleidung oder Verhüllung ein kunstvolles Spiel mit den Normen und Vorschriften, was zwei verschiedene Formen der sozialen Regelung mit jeweils anderen Überschreitungen darstellen.

Naiv ist denn die Vorstellung, dass Menschen in Second Life, weil es dort die "vollständige Freiheit gibt, die Erscheinung und Kleidung ihrer Avatare ohne Anpassung an ein vorgegebenes Narrativ zu gestalten", ihre "spontanen" Neigungen zeigen würden, wie viel nackte Haut sie zeigen würden. Auch wenn es keine expliziten Vorgaben innerhalb von Second Life gibt, so spielen hier doch ebenso soziale und kulturelle Normen und Vorbilder herein, wie man in dieser Spielewelt für die Augen der Betrachter auftreten sollte, um diese oder jene Reaktion auszulösen bzw. in der Konkurrenz der Körperdarstellungen konkurrieren zu können oder interessant zu sein. Man ist hier nicht, sondern man tritt als Avatar mit eeinem Wunschkörper auf. Man kann erwarten, dass in der virtuellen Spielewelt die körperliche Zurschaustellung sexualisierter und insgesamt exzessiver ist als im Real Life ist. Ob sich darauf Rückschlüsse von der virtuellen Selbstdarstellung auf "spontane" Tendenzen schließen lassen, ist höchst fragwürdig. Zudem ist nicht klar, welches Geschlecht Nutzer besitzen, d.h. hinter weiblichen Avataren können Männer stecken und umgekehrt.

Insgesamt haben die Autoren zwischen Januar 2011 und Januar 2012 404 Avatare (192 männliche, 212 weibliche) untersucht, die nicht älter als 90 Tage waren, weil neuere Nutzer noch nicht so erfahren mit der Gestaltung seien. Repräsentativ ist diese Auswahl keineswegs, sondern bietet nur einen Blick in die Welt der Bekleidungs- und Entblößungsgewohnheiten der virtuellen Stellvertreter in Second Life. Der Anteil nackter Haut wurde mit der Lund-und-Browder-Karte erfasst, mit der normalerweise die Größe von Hautverbrennungen gemessen wird. Das Problem mit der Geschlechtsidentität der Nutzer versuchten die Autoren dadurch zu lösen, dass sie jeweils 25 Prozent der weiblichen bzw. der männlichen Avatare ausschlossen, die überdurchschnittlich wenig bzw. viel anhatten. Studien hätten gezeigt, dass 25 Prozent der Nutzer von Virtuellen Welten zur Selbstdarstellung das andere Geschlecht wählen.

Männliche Avatar sind zugeknöpft, weibliche geben sich locker

Wie immer fragwürdig die Methode und die Interpretation sind, so fanden die Wissenschaftler eine extreme Trennung der Geschlechter. Während die Besitzer von 71 der männlichen Avatare deren Haut zu 75-100 Prozent verhüllt hatten, waren es bei den weiblichen Avataren nur 5 Prozent. 47 Prozent hatten nur 25-49 Prozent ihrer nackten Haut verhüllt, bei den Männern waren nur 9 Prozent so freizügig. Der Unterschied war auch noch dann deutlich, wenn auch nicht mehr so stark, wenn die 25 Prozent ausgeschlossen wurden, die überdurchschnittlich viel oder wenig Kleidung trugen. Der Anteil nackter Haut stehe in keinem Verhältnis zur sexuellen Attraktivität von Körperproportionen. Die Wissenschaftler schließen deswegen aus, dass hinter dem Zeigen von viel nackter Haut eine "Hypersexualisierung" stehe.

Als Kontrollgruppe, durch die der Einfluss von subkulturellen Normen erfasst werden soll, wurden Avatare im Kontext von Star Wars, gefunden mit dem Suchbegriff "SWRP", untersucht, deren Bekleidung direkt mit Vorbildern spielen. Bei den männlichen Avataren ließ sich keine Abweichung zu den Filmvorbildern feststellen, bei den weiblichen gab es hingegen deutlich mehr nackte Haut.

Die Moral von der Geschichte in SecondLife? Erstmals, so die Wissenschaftler, habe man einen "Geschlechtsunterschied beim Zeigen menschlicher Haut außerhalb von externen Klima-, Umwelt- und Körperbedingungen entdeckt". Geht man davon aus, dass Frauen hinter den weiblichen Avataren stecken, dann würde diese "spontan" mehr nackte Haut zeigen. Dies sei eine "Verhaltenstendenz", die sich trotz der Vielzahl der verfügbaren Kleidungen für Avatare durchsetze. Da mehr nackte Haut bei den weiblichen Avataren nicht mit der beabsichtigten Steigerung der sexuellen Attraktivität einhergehen soll, entwickeln die Autoren eine gewagte andere Erklärung. Frauen würden bei der Kommunikation mehr auf Berührung setzen. Und weil es in Second Life keinen taktilen Kontakt gibt, könnte das Zeigen von mehr nackter Haut eine Kompensation für den Wunsch nach Körperberührung sein.

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