Organspende: Für und Wider

10.01.2013

Faktencheck: Leser recherchieren mit!

In den kommenden Wochen und Monaten werden alle Versicherten Post von ihren Krankenkassen erhalten. Wir werden aufgefordert, uns zu entscheiden, ob wir unsere Organe nach dem Tod spenden wollen. Die Korruptionsskandale der jüngeren Zeit – wie zuletzt die Manipulation von Patientendaten im Leipziger Transplantationszentrum – schrecken viele potenzielle Spender ab. Außerdem gibt es immer wieder Zweifel, ob Patienten, deren Organe entnommen werden, auch wirklich tot sind. Wie triftig sind die Einwände der Skeptiker?

Über einen Zeitraum von drei Tagen findet hier eine Live-Recherche statt. Auf Grundlage des folgenden Textes können Sie sich als Leser mit eigenen Informationen und Stellungnahmen beteiligen. Ein Moderator überträgt die laufende Diskussion auf eine Wissenskarte. Neue Elemente oder Elemente, zu denen neue Inhalte hinterlegt wurden, sind auf der Karte mit einem gelben Sternchen markiert.

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Bis zu sieben Menschen können dank der Organe eines einzelnen toten Spenders überleben – so die Statistik. Um die Spende zu ermöglichen, genügt ein Vermerk auf dem scheckkartengroßen Organspendeausweis, der in jedes Portemonnaie passt. So weit, so einfach. Viele Gründe sprechen aber auch gegen die Organspende: So die in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder ans Licht gekommenen Fälle, bei denen Krankenhausärzte offenbar Laborwerte von Patienten gefälscht hatten, um diesen einen besseren Platz auf den Wartelisten zu beschaffen. Sind diese Skandale bereits an sich ein Grund, die Spende zu verweigern?

Fehler bei der Todesfeststellung

Schwerer noch als die gefälschten Patientendaten wiegt vielleicht ein vor kurzem publik gewordener Fall, der sich 2005 in einem Düsseldorfer Klinikum ereignet hat. Wie ein im Dezember vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit gelangter Untersuchungsbericht der Bundesärztekammer nahelegt, war in diesem Fall der Hirntod des Spenders nicht so gründlich untersucht worden, wie es das Transplantationsgesetz vorschreibt.

Der Vorgang (siehe Silvia Matthies Bericht im Freitag) lässt stark daran zweifeln, ob die vereinbarten Standards zur Diagnose des Hirntodes (der eine Voraussetzung für die Organentnahme ist) auch immer eingehalten werden. Der Vorfall ist kein Einzelereignis: Immer wieder kursieren Berichte darüber, dass Patienten zunächst fälschlich als hirntot diagnostiziert werden und dann doch wieder ins Leben zurückkehren.

Gibt es ein wissenschaftliches Kriterium für den Eintritt des Todes?

Auseinandersetzungen gibt es auch über das Todeskriterium selbst. Das ist kein Wunder: Die Medizintechnik sorgt dafür, dass sich die Definition des Todes immer wieder verändert. Vor der Erfindung der Herz-Lungen-Maschine im Jahr 1952 galt der irreversible Kreislaufstillstand noch als Kriterium des Todes. Der Grund: Steht der Kreislauf länger still, funktionieren auch die Organe nicht mehr. Nach und nach schaltet sich der Organismus ab – einschließlich des Gehirns, welches wiederum die Atmung steuert.

Erst mit der Einführung der Herz-Lungen-Maschine wurde es möglich, dass Herzversagen und Gehirnversagen zeitlich auseinanderfallen: Bei totem Gehirn kann der künstlich aufrecht erhaltene Kreislauf dennoch weiter funktionieren. In der Folge wurde ein neues Todeskriterium eingeführt: der Hirntod. Das Todeskriterium "Hirntod" wurde erstmals 1968 offiziell verwendet – bedenkenswerter Weise, um einen Arzt, der einem nach damaliger Definition nicht-toten Patienten Organe entnommen hatte, gegen die Anklage des Mordes zu verteidigen. Aber auch ohne die Organspende hätte das Herzversagen als Todeskriterium früher oder später ausrangiert werden müssen. Spätestens mit der in den sechziger Jahren erfolgten Einführung des Defibrillators, mit dem ein still stehendes Herz durch einen Stromschlag wieder in Gang gesetzt wird, konnte der Kreislaufstillstand, da von nun an nicht mehr per Definition irreversibel, nicht mehr als Todeskriterium gelten. Technische Innovationen haben allerdings auch die Definition des Hirntods in den Folgejahren immer wieder verändert. In einer Untersuchung, die vor einiger Zeit im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, konnte nachgewiesen werden, dass Patienten, die eigentlich als hirntot galten, noch Bewusstseinsaktivitäten aufwiesen.

Forderungen nach besserer Diagnose

Kritiker fordern, dass zusätzlich zu den standardmäßig praktizierten und von der Bundesärztekammer vorgeschriebenen Untersuchungen eine Untersuchung des Blutflusses im Gehirn und, in zweifelhaften Fällen, ein visueller Hirn-Scan erfolgen sollte. Außerdem sind einige Mediziner der Meinung, dass die Organentnahme bei Hirntoten unter Vollnarkose erfolgen sollte – um ganz sicher zu sein, dass die Patienten aufgrund weiterhin vorhandener Rückenmarksaktivität keine Schmerzen erleiden. In der Schweiz ist die Vollnarkose sogar vorgeschrieben.

Die Entscheidung

All dies sind keine zwingenden Argumente gegen die Organspende. Schließlich sollte man sich auch fragen, ob man als Empfänger einer Organspende ähnliche Skrupel hegen würde wie als potenzieller Spender. Nur: Wer sagt, dass wir uns bei unserer Entscheidung auf ein resolutes "Nein" oder ein vorbehaltloses "Ja" beschränken müssen? Wäre es nicht eine attraktive Option, das "Ja" damit zu verknüpfen, dass die bisherigen Kriterien zur Feststellung des Hirntodes um zusätzliche Checkpunkte erweitert werden? Dass die Qualitätskontrolle der Diagnose verbessert wird, so wie etliche Experten dies fordern?

Leider gibt es keine Möglichkeit, dies auf dem Organspende-Ausweis zu vermerken, geschweige denn, anderweitig wirkungsvoll mitzuteilen. Das ist schade für uns, die wir die Wahl haben – und eine Tragödie für diejenigen, die so dringend auf eine Transplantation angewiesen sind, aber unter den derzeitigen Bedingungen keinen Spender finden.

Diskutieren Sie mit: Welche der Argumente für oder gegen die Organspende finden Sie besonders überzeugend? Wo gibt es Lücken in der Auflistung von Für und Wider? Unter welchen Bedingungen wären Sie bereit, einer Organspende zuzustimmen? Kommentare im Forum werden in die Mindmap (siehe oben) übertragen.

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Das Projekt Faktencheck wird gefördert durch die Robert Bosch Stiftung. Kostenfreie Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de.

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