Libysche Regierung korrigiert die Zahl der getöteten Rebellen nach unten

09.01.2013

Die Korrektur bestätigt das Misstrauen gegenüber Zahlenangaben, die im Laufe eines Konflikts veröffentlicht werden

4.700 Rebellen starben in den acht Monaten des Jahres 2011, die zum Sturz der alten Herrschaft und zum Tod Gaddafis führten; 2.100 Personen beider Lager werden vermisst, gab das "Ministerium für Märtyrer und Vermisste" als offizielle Zahlen bekannt

Absolut exakt sei die Zahl von 4.700 nicht, die Verluste der Rebellen würden weiter überprüft, aber man gehe davon aus, dass sich die Zahl in dieser Größenordnung bewege, wird der Vizechef des Ministeriums widergegeben.

Unklar sei noch, wieviele derjenigen, die auf der Seite Gaddafis kämpften, umgekommen sind. Man schätzt nach bisherigen Ermittlungen, dass die Zahl der Toten aus den Reihen der Kämpfer für Gaddafi der Zahl der anderen ungefähr gleichkomme, heißt es in der Meldung der Zeitung Libya Herold.

Die Korrektur bestätigt das Misstrauen gegenüber Zahlenangaben, die im Laufe eines Konflikts veröffentlicht und als Argumente verwendet werden. Aktuell ist das etwa im syrischen Konflikt der Fall. So hatte die UN vor einigen Tagen die "Zahl der Toten im syrischen Bürgerkrieg" auf 60.000 beziffert (dem widersprach sogar das Syrian Observatory for Human Rights, dessen Parteinahme für die Gegner der Regierung bekannt ist).

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Dem militärischen Nato-Einsatz in Libyen lag eine UN-Sicherheitsratsresolution zugrunde, die den Schutz der Zivilbevölkerung als Ziel proklamierte; die Bedrohung der Zivilbevölkerung wurde durch Zahlen veranschaulicht. Die Befürworter der No-Fly-Zone, die den Einsatz militärischer Mittel (" mit allen notwendigen Maßnahmen") zum Schutz der Zivilbevölkerung legitimierte, argumentierte mit möglichen hundertaussend Toten, die bei einem Nichteingreifen zu befürchten seien (Gegen ein "Srebrenica on Steroids").

Dass man solche Zahlen überhaupt für möglich hielt, stützte sich nicht nur auf prahlerisch böse Ankündigungen des Operettendikators, sondern auch auf gestreute diffuse Meldungen, wonach Gaddafis Truppen bereits tausende Gegner getötet hätten. Das verstärkte die Vorstellung eines rücksichtslosen Kriegs gegen weniger gut gerüstete politische Gegner, die dadurch gezwungen waren, sich zu bewaffnen - mit großen Opferzahlen auf deren Seite.

Noch nach dem Sieg der Rebellen war die Rede von 50.000 getöteten Gegnern Gaddafis, um dessen Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit noch einmal vor Augen zu führen - ebenso wie die eigene Opferbereitschaft. Im Oktober 2011 wurde dann von 25.000 Toten im Lager der Rebellen gesprochen. Genau belegt war dies, wie sich nach und nach herausstellt, nicht.

Noch immer ist unklar, wie viele Zivilisten ihr Leben verloren. Gewiss ist, dass während des Konflikts der Eindruck geschaffen wurde, dass auch die Zivilbevölkerung einen Blutzoll zahlen musste oder eben Gefahr lief, hohe Opferzahlen zu riskieren, würde der "Kriegsmaschine Gaddafis" freier Lauf gewährt. Die dadurch emotionalisierte Öffentlichkeit symathisierte folgerichtig mit den militärisch unterlegenen Gegnern Gaddafis.

Die korrigierten Zahlen, die jetzt von der libyschen Regierung veröffentlich werden, schieben den pathetischen Vorhang auf die Seite. Zurück bleibt ein Publikum, das merkt, dass es einem Theaterstück mit Illusionen und Fiktionen beigewohnt hat, einem blutigen Stück. Nahezu 5000 Tote auf jeder Seite und 2.100 Vermisste, die nicht vermutlich wiederkommen, das bleibt eine Tragödie.

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