Hannah Arendt, Adolf Eichmann, Martin Heidegger und der Zivilisationsbruch von Auschwitz

11.01.2013

Denken ohne und Filmen mit Geländer: Margarethe von Trottas filmische Annäherung an Hannah Arendt

The Good, the Bad and the Ugly: Das verhängnisvolle Dreieck Arendt-Heidegger-Eichmann steht jetzt im Zentrum eines Kinosfilms: Die deutsch-jüdische Denkerin Hannah Arendt, die sich 1961 selbst freiwillig mit dem Bösen der Gedankenlosigkeit konfrontierte, einem Mann, der nicht dumm ist, der aber darauf verzichtet, sich der eigenen Gabe, denken zu können, zu bedienen und diese einfach an eine Ideologie abgibt - und dazwischen dann der schwarze Zauberer Heidegger, Arendts Lehrer und Liebhaber, der zwar denkt, sich aber von der Ideologie verführen lässt.

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Was für mich wirklich wesentlich ist: Ich muss verstehen! ... Dieses Verstehen-müssen, das war sehr früh schon da.

Hannah Arendt in Günter Gaus' "Zur Person"

Margarethe von Trotta (geb.1942 in Berlin) ist eine der politisch engagiertesten deutschen Filmemacherinnen. Seit 1977 - Debüt mit "Das zweite Erwachen der Christa Klages" - hat sie mit Filmen wie "Die bleierne Zeit", "Rosa Luxemburg", "Rosenstraße" historische Frauenfiguren im Kampf gegen Widerstände und für Freiheit und Selbstbestimmung portraitiert und immer wieder Frauen ins Zentrum gestellt, die stark angefeindet worden sind. Die sich rechtfertigen mussten, die von der Mehrheit der Gesellschaft ausgegrenzt worden sind.

Trotta benutzt diese Figuren, um von deutscher Geschichte zu erzählen. Jetzt handelt ihr neuer Film von Hannah Arendt und deren Konfrontation mit dem NS-Mörder Adolf Eichmann. Mit ihrem Film gelingt ihr das eindrucksvolle Portrait einer Aufklärerin im 20.Jahrhundert. Zugleich reizt Trotta die Konfrontation einer starken Frau mit einer dunklen Macht.

Es handelt sich um eine der interessantesten Episoden der Geistesgeschichte des 20.Jahrhunderts: Im Jahr 1961 ging die aus Deutschland stammende US-amerikanische Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) für einige Wochen nach Jerusalem, um dort als Reporterin des "New Yorker" den Prozess gegen den NS-Täter Adolf Eichmann zu verfolgen. Wie Siegfried sich dem Drachen stellt, will sich dem absolut Bösen stellen - und ist auf gewisse Weise enttäuscht: Kein Drache, kein Monster sitzt da auf der Anklagebank, kein selbstgewisser Mephisto, der weiß, was er getan hat, sondern ein Männlein, ein Hanswurst, der dumme Ausreden und abgenutzte Rechtfertigungen sucht.

Als nach dem Todesurteil gegen Eichmann Arendts langer Essay "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" zuerst in fünf Magazin-Teilen und bald darauf als Buch erschien, löste er eine der heftigsten Kontroversen der Nachkriegszeit aus - einen Streit, der nicht allein Arendts weiteres Leben wie ihr Werk als Philosophin deutlich beeinflusste, sondern auch den politischen wie historischen Blick auf den Nationalsozialismus überhaupt.

Bis heute ist diese "Eichmann-Kontroverse" nicht wirklich abgeklungen, wie selbst die Veröffentlichungsgeschichte von Arendts mittlerweile in 15 Auflagen erschienenen Buches in Deutschland belegt: 11 Jahre nach Arendts Tod stellte der Piper-Verlag 1986 der Neuauflage plötzlich einen "einleitenden Essay" des Historikers Hans Mommsen voran, der in seiner tendenziösen Einseitigkeit mehr der Diskreditierung der Autorin und der Verteidigung von Mommsen Werk dient als dem Verständnis des Textes.

"Das hätte nicht geschehen dürfen! Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet"

Die aus Deutschland stammende US-amerikanische Hannah Arendt war 1961 bereits eine internationale Berühmtheit. 1906 in Hannover geboren und in Königsberg aufgewachsen hatte Arendt, eine säkularisierte Jüdin, Philosophie in Marburg, Freiburg und Heidelberg studiert, bei Martin Heidegger und Karl Jaspers, bei dem sie 1928 über Augustins Liebesbegriff promovierte. 1933 war sie vor dem beginnenden Nazi-Terror zunächst ins französische Exil geflohen. 1940 dort interniert gelang ihr 1941 die Flucht in die USA, wo sie 18 Jahre zunächst als Staatenlose lebte.

Arendt lebte und lehrte seitdem mit ihrem Mann, dem Historiker Heinrich Blücher, weiter in New York und schrieb eine Reihe bahnbrechender Werke, die sich fast alle mit politischer Theorie und Geschichte auseinander setzten: "Über die Revolution", "Vita Activa" und vor allem bereits 1951 "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft".

Die Erfahrung des Zivilisationsbruchs Mitte des 20.Jahrhunderts wurde zum zentralen Erlebnis ihres Lebens - das sie im deutschen Fernsehen in ihrem legendären Auftritt im August 1964 als erste Frau überhaupt in Günter Gaus' Gesprächssendung zur Person resümierte:

Meine Überlegung seit '45 war die Folgende: Was immer '33 geschehen ist, ist eigentlich angesichts dessen was dann geschah, unerheblich. Gewiss: die Treulosigkeit der Freunde... Aber das waren ja alles keine Mörder, das waren ja nur Leute, die in ihre eigenen Fallen geraten sind... Wissen Sie, das Entscheidende ist ja nicht '33, jedenfalls für mich nicht; das Entscheidende ist der Tag gewesen, an dem wir von Auschwitz erfuhren. ... Das ist der eigentliche Schock gewesen. Vorher hat man sich gesagt: Man hat halt Feinde in der Welt. Nicht? Das ist doch ganz natürlich. Warum soll ein Volk keine Feinde haben? Das ist doch eine Bande. Ja?
Aber dies ist anders gewesen. Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man irgendwie die Vorstellung gehabt hat: Alles andere hätte irgendwie noch einmal wieder gut gemacht werden können, wie in der Politik ja alles irgendwie wieder gut gemacht werden können muss. Dies nicht! Dies hätte nie geschehen dürfen! Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Sondern ich meine die Fabrikation der Leichen und so weiter... Ich brauch' mich darauf ja nicht weiter einzulassen. Dieses hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht mehr fertig werden.

Die komplette Sendung ist bei You Tube einsehbar. Aktueller Anlass des Gesprächs mit Gaus war die Eichmann-Kontroverse in Folge von Arendts Besuch des Prozesses gegen Adolf Eichmann.

Gedankenprozesse auf die Leinwand bringen

Diesen Jerusalem-Besuch, die Konfrontation mit Eichmann und den Beginn der Kontroverse über ihren Text, stellt Margarethe von Trotta nun ins Zentrum ihres Films Hannah Arendt, einem der leider zu seltenen Versuche, Intellektuelle und Denkprozesse zum Thema eines Kinofilms zu machen.

"Hannah Arendt" setzt im Jahr 1960 ein, mit der einzigen "Action"-Szene des Films, die die Entführung Adolf Eichmanns aus Argentinien durch den israelischen Geheimdienst zeigt. Eichmann, frühes SS-Mitglied und überzeugter Nationalsozialist, gehörte seit 1940 als Leiter des "Referat IV" beim "Reichssicherheitshauptamt" zu den zentralen Organisatoren der systematisch-industriellen Deportation und Ermordung der europäischen Juden in deutschen Vernichtungslagern. Nachdem Eichmann in Israel verhört und wegen zahlloser "Verbrechen gegen die Menschheit" [Sic!] angeklagt wurde, bemühte sich Arendt, ihrerseits bereits berühmt als Totalitarismusforscherin und Dozentin an der New Yorker "New School for Social Research", selbst aktiv um den Auftrag zur Berichterstattung.

Im Folgenden ist Trottas Film eine Gratwanderung zwischen Doku-Fiction und freierer Meditation, die mit den Mitteln des Spielfilms intellektuellen Vorgängen ästhetische Gestalt zu geben sucht und zentrale philosophische Fragen wie Schuld und Verantwortung, das Engagement eines Denkers in der Öffentlichkeit und das Wesen des Bösen ins Zentrum rückt.

Die zentrale Herausforderung ist dabei, wie es einem Spielfilm überhaupt gelingen kann, komplizierte Thesen, sowie Ideen und Gedankenprozesse, am Ende das Denken selbst, auf die Leinwand zu bringen. Über weite Strecken funktioniert dies in diesem Fall gut und ohne Arendts Standpunkte zu banalisieren. Trotta verzichtet ganz auf die gern verwandte und sich in mancher Hinsicht anbietende Off-Tonspur, die die Hauptfigur direkt in ihrem Denken zur Sprache bringen könnte und bedient sich dafür verschiedener anderer mehr oder weniger naheliegender Kunstgriffe: Sie zeigt Arendt bei Vorträgen und vor ihren Studenten im Seminar.

"Ohne den Totalitarismus hätten wir die radikale Natur des Bösen nie kennengelernt"

...wir wissen heute, dass das Böseste, oder das "radikal Böse" mit solch menschlich begreifbaren, sündigen Motiven wie Selbstsucht gar nichts mehr zu tun hat. Es hat viel mehr mit dem Folgephänomen zu tun: Der Überflüssigmachung des Menschen als Menschen. Das gesamte System der Konzentrationslager war darauf ausgerichtet, die Gefangen davon zu überzeugen, dass sie überflüssig waren. bevor sie umgebracht wurden.
In den Konzentrationslagern mussten die Menschen lernen, dass Strafe keinen Sinnzusammenhang mit einem Vergehen haben muss, dass Ausbeutung niemandem Profit bringen muss, und dass Arbeit kein Ergebnis zu zeitigen braucht. Das Lager ist ein Ort, wo jede Handlung und jede Regung prinzipiell sinnlos wird. Wo mit anderen Worten Sinnlosigkeit direkt erzeugt wird.
Wenn es wahr ist, dass in den letzten Stadien des Totalitarismus ein absolutes Böses erscheint - absolut, weil es nicht mehr auf menschliche Motive zurückzuführen ist -, dann ist es ebenso wahr, dass ohne ihn, ohne den Totalitarismus, wir die radikale Natur des Bösen nie kennengelernt hätten.

Dialog-Auszug aus dem Film

Trotta lässt ihre Hauptfigur kurze Passagen aus ihren Texten vorlesen oder mit ihrem Mann Heinrich Blücher und einem festen Kreis von Freunden debattieren. Dies wirkt nie zu trocken und akademisch, ist durchaus abwechslungsreich und im Rahmen des Möglichen dynamisch erzählt. Besonders gelungen ist dabei die Schilderung des New Yorker Milieus der deutsch-jüdischen Emigranten um 1961.

Auch 15 Jahre nach Kriegsende sind diese Menschen immer noch überaus stark in der deutschen Kultur und eigenen Jugendzeit vor 1933 verhaftet. Es wird deutsch gegessen, deutsch gesprochen, und auch die Debatten und der Stil des Streitens erscheinen den wenigen nichtdeutschen Gästen wie Arendts enger Freundin, der Schriftstellerin Mary McCarthy, als derart fremd, dass sie sich hier immer als Außenseiter fühlen.

Dies bietet der Regisseurin auch Gelegenheit einem Dutzend hervorragender Schauspieler prägnante Auftritte zu geben: Hervorzuheben sind hier Julia Jentsch als Arendts Freundin und Assistentin Lotte Köhler, Ulrich Noethen als Philosoph Hans Jonas, aber auch hierzulande wenig bekannte englischsprachige Darstellerinnen: Janet McTeer als Mary McCarthy, Sascha Ley als Lore Jonas und Megan Gay als Frances Wells.

Das Mäuschen und der Meisterdenker

Es ist unvermeidlich, dass der Film mitunter ins Anekdotische abdriftet, etwa in wenigen Rückblickspassagen, in denen Arendt am Schreibtisch sinnend an ihre Begegnungen mit Martin Heidegger zurückdenkt, ihren philosophischen Lehrer, mit dem sie zeitweilig eine Liebesbeziehung verband, der nach 1933 aber sich wie seine Philosophie unrettbar kompromittierte, indem er offen Partei für das NS-Regime ergriff und sich öffentlich an der antisemitischen Hetze, etwa gegen seinen Lehrer Edmund Husserl, beteiligte.

Gerade diese Momente lassen die Hauptfigur schwächer erscheinen als nötig, bringen sie sie doch in die längst überwundene Position einer Schülerin, die plötzlich wieder ein kleines Mäuschen ist und immer noch innerlich dem bewunderten Meisterdenker lauscht - obwohl die reale Hannah Arendt mit Heidegger auch philosophisch längst gebrochen hatte und sich nur öffentlich auf respektvolle Distanz beschränkte.

Innere Emigration - das gibt's eben nicht. Es gibt nur äußeren Widerstand. ... Das sind ja alles Lebenslügen, die verständlich sind und ziemlich ekelhaft.

Hannah Arendt in einem SWR-Gespräch mit Joachim C. Fest, 1964

Zudem: Wenn man schon von dem berühmten Wiedersehen zwischen Arendt und Heidegger nach dem Krieg berichtet, dann müsste man vielleicht doch jene von Arendt wiederholt beschriebenen Moment zeigen, als Heidegger die einstige Geliebte zu sich nach Haus gebeten hatte - und zu seiner Frau, die ihr Kuchen gebacken hatte. Diese Szene erzählt mehr als fast alles sonst über Heidegger und sein Verhältnis zu Arendt.

"Ich kann doch nicht sagen: in Wahrheit geht in meinem Herzen dies und jenes vor - das ist doch lächerlich."

Ansonsten hält sich Trotta eng an historische Vorgänge. Der Eichmann-Prozess wird durch einige Passagen der realen Prozessaufnahmen illustriert. Eichmann wird nicht von einem Schauspieler gespielt: "Ich wollte, indem ich den Eichmann selbst zeige, dass der Zuschauer die Möglichkeit hat, durch das Zusehen zur selben Einstellung zu kommen, zu der Hannah Arendt kam. Und das kann man nur anhand des echten Eichmann. Beim Schauspieler sagt man immer: Hm, großartig, das kann er gut. Aber man sieht immer den Schauspieler", erläutert Trotta dazu.

Die enorme Bedeutung bestimmter Szenen wie etwa einiger Zeugenaussagen oder der bereits im Prozess umstrittenen Rolle der Judenräte, dürfte sich dem uninformierten Betrachter dabei nur schwer erschließen. Dies gilt auch für anderes: Klar wird, warum Eichmann Arendt als exemplarischer Täter erschien, als persönlicher "Nobody", dessen Statements Arendt immer wieder zu schallendem Gelächter provozierten.

Die Leute nehmen mir eine Sache übel - und das kann ich gewissermaßen verstehen, von Außen - nämlich, dass ich da noch lachen kann. Und ich war wirklich der Meinung dass der Eichmann ein Hanswurst ist. ... Der Ton ist weitgehend ironisch natürlich... Da kann man nix machen. Ich kann den Leuten doch nicht sagen: Ja, aber in Wahrheit geht in meinem Herzen dies und jenes vor - das ist doch lächerlich.

Hannah Arendt in Günter Gaus' "Zur Person"

Es ist heute "in", Hannah Arendt Irrtümer in bestimmten Einzelheiten nachzuweisen und ihr nie unumstrittenes Buch dadurch zu diskreditieren, ohne ihr aufs Ganze zielendes philosophisches Argument wirklich zu würdigen. Dieses Hauptargument wird bei Trotta sehr wohl deutlich: Das Böse ist keine Charakterschwäche, sondern ein soziales Verhalten.

Weit unklarer bleibt die berühmte Formel von der "Banalität des Bösen" - weil das englische "banality" keineswegs "Nichtigkeit" meint, sondern "Allgemeingültigkeit". Arendt dazu: "Ein Missverständnis ist das folgende: Man hat geglaubt, was Banales ist auch alltäglich. Ich habe es so nicht gemeint. Ich habe keineswegs gemeint, der Eichmann sitzt in uns, jeder von uns hat den Eichmann und weiß der Teufel was. Nichts dergleichen!" Arendts Gedanke ist eine Radikalisierung, keineswegs die Abschwächung von Eichmanns Schuld, als die sie zum Teil verstanden wurde.

"Diese geradezu verrückte Idealisierung des Gehorsams in Deutschland"

Ich würde sagen, diese Art zu morden ... ist natürlich ein unvergleichlich furchtbarerer Typus Mensch als jeder Mörder. Weil er gar keinen Bezug mehr auf sein Opfer hat. Er tötet ja wirklich, als ob's Fliegen sind. Die Teilverantwortung war natürlich noch nie ein Grund für geteilte Schuld.

Hannah Arendt im SWR-Gespräch mit Joachim C. Fest, 1964

Im Fall ihrer Kritik an der Rolle der Judenräte wiegt die Vereinfachung gravierender: Hier bleibt im Film vor allem der Gedanke schlichter Mitschuld haften, der sich bei Arendt weit komplexer liest. Zudem lautet Arendts Argument vor allem, noch in der Vernichtung hätten die Judenräte zu sehr für Recht und Ordnung gesorgt, seien "zu deutsch" gewesen - Chaos und Unordnung hätte womöglich mehr Menschen gerettet.

Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen bei Kant. Dieser kuriose Pflichtbegriff in Deutschland - Was mir spezifisch deutsch scheint, ist diese geradezu verrückte Idealisierung des Gehorsams. Gehorchen in diesem Sinn tun wir, solange wir Kinder sind.

Hannah Arendt in einem SWR-Gespräch mit Joachim C. Fest, 1964

Zu wenig Raum wird insgesamt den Gegenargumenten gegeben. Vielleicht ist es von einem Spielfilm zu viel verlangt, alle Seiten fair darzustellen, doch schlägt sich "Hannah Arendt" ganz auf die Seite seiner Heldin.

So fällt nicht nur unter den Tisch, wie orchestriert einerseits die Kampagne gegen Arendt lief, sondern auch, dass sie andererseits sehr wohl substantiell begründet war. Stattdessen erlebt man das private Drama einer Frau in der Männerwelt und einer Außenseiterin, die einmal mehr von manchen Freunden im Stich gelassen wird.

Hans Jonas: "Ja aber Eichmann ist ein Monster - dann meine ich nicht der Teufel. Man muss nicht besonders klug, auch nicht besonders mächtig sein, um sich als Mörder zu verhalten."
Hannah Arendt: " Damit machst Du's Dir zu einfach. Das Neue an dem Phänomen Eichmann ist doch, dass viele ihm so ähnlich sind; dass er ein erschreckend normaler Mensch ist."
Jonas: "Hannah bitte, Du kannst das so nicht schreiben, nicht für den New Yorker, so nicht. Das ist zu abstrakt, das ist missverständlich."

Dialog-Auszug aus dem Film

"Sie glaubt ja noch ans Denken. Dass man durch Denken Katastrophen verhindern kann"

Am Ende interessiert sich Trotta für Arendt aber weniger als repräsentatives Schicksal einer intellektuellen Frau, als dass Arendt eine der wenigen Intellektuellen ist, die die Summe eines Jahrhunderts der Verwerfungen zieht, dessen Beginn Trotta mit der Utopistin Rosa Luxemburg erzählt hatte:

Und dann kommt Hannah Arendt und blickt zurück und sieht auf dieses Jahrhundert gar nicht mehr mit einem utopischen Blick oder einem hoffnungsvollen..., die sieht, was in der Zwischenzeit und mit dem Totalitarismus und dem Nationalsozialismus geschehen ist. Wie er die Menschen verdorben hat. Dieser ganze Kollaps der Moral im 20.Jahrhundert - das beschreibt sie ja. Das finde ich grandios an ihr, dass sie sagt: Es waren eben nicht nur die Täter, es waren auch die Opfer, die unter dieser Macht des Totalitarismus zusammengebrochen sind, moralisch zusammengebrochen sind. Trotzdem glaubt sie ja noch ans Denken. Sie hat auch irgendwo noch eine Utopie, und das ist die, dass man durch Denken Katastrophen verhindern kann.

In der Hauptrolle erscheint Barbara Sukowa auch auf den zweiten Blick nicht als Idealbesetzung der Hannah Arendt. Zu asketisch, spröde und ätherisch ist ihr Darstellungsstil. Und wer je die Originalstimme und -diktion Hannah Arendt gehört hat, wird mit der Sukowa nicht warm.

Um als Arendt zu überzeugen, entschied man sich daher für die Betonung bestimmter Äußerlichkeiten: Immerzu sieht man sie rauchen, und Arendts deutscher Akzent im Englischen wird sehr stark betont - mag beides auch den Tatsachen entsprechen, entfaltet es in Sukowas Spiel die Wirkung eines Manierismus. Die emotionale Mitte des Films ist Axel Milberg als Arendts Ehemann Heinrich Blücher.

Heimatlose Existenzphilosophin

Nicht immer klar ist zudem Trottas Erzählhaltung. Meist bleibt sie ihrer Hauptfigur eng auf der Spur, erschließt die Vorgänge den Zuschauern mit deren Augen. Dies führt immer wieder zu starken Momenten, etwa jener Szene gegen Ende, die Arendts Konfrontation mit ihrem langjährigen Freund Hans Jonas zeigt, in der der Bruch zwischen beiden vollzogen wurde. Doch in einigen Szenen fehlt sie, ohne dass die Gründe dieser Entscheidung immer schlüssig wären.

So sehr "Hannah Arendt" im Einzelnen überzeugt und insgesamt als spannendes, persönliches wie geistiges Drama sehenswert ist, bleibt doch die Einschränkung, dass Trottas Film insgesamt eine Tendenz zum Illustrativen hat und sich der Form eines Fernsehdramas annähert: Szene folgt auf Szene, aber der Film ist zu wenig filmisch, "atmet" kaum und scheut offene Subjektivität. Sie schätze besonders Arendts Formel von der Philosophie als "Denken ohne Geländer", hat Margarethe von Trotta in einem Interview erklärt. Etwas mehr Filmen ohne Geländer hätte man sich von ihr gewünscht.

Doch als Portrait eines freien Menschen überzeugt der Film:

Ich weiß, man muss einen Preis für die Freiheit zahlen, aber ich kann nicht sagen, dass ich ihn gern zahle.

Hannah Arendt in Günter Gaus' "Zur Person"

Man sieht, dass Hannah Arendt sich eigentlich durchsetzt, dass sie dafür auch bereit ist, Freundschaften zu opfern, dass sie an das, wovon sie überzeugt ist, nicht nur glaubt, sondern dafür auch persönlich einsteht. Auch das kann man einen existenzphilosophischen Ansatz nennen. Und damit sympathisiert Margarethe von Trotta ganz eindeutig, so wie mit der polyglotten, globalen Klugheit, die Hannah Arendt repräsentiert hat - eine Frau, die immer wieder ihre Identitäten gewechselt hat und gewissermaßen im positiven Sinn heimatlos war.

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