Gender-Trolle und Godwin-Leugner

11.01.2013

Wie Fanatiker das Gegenteil dessen bewirken, was sie als Ziel vorgeben

Während Bürger, Medien und Politiker in den 1980er und 1990er Jahren vor allem von Fundamentalisten aus dem zum Glauben degenerierten Teil der Wirtschaftswissenschaften inquisitioniert wurden, so kommen die Fanatiker heute verstärkt aus dem zur Religion verkommenen Teil der Geisteswissenschaften: In Deutschland sind die beiden auffälligsten Gruppen darunter die Gender-Trolle und die Godwin-Leugner.

"Gender-Trolle" ist ein Begriff, den Felix von Leitner unlängst in seiner Rückschau auf den 29. Chaos Communication Congress in Hamburg prägte: Dort hatten sich "Aktivist*innen" eingeschlichen, die mit gelben und roten Karten (die mit einer Gewaltandrohung versehenen waren) auf angeblich "sexistisches" Verhalten aufmerksam machen wollten. Ihr grundsätzliches Problem war, dass die Veranstaltung des Chaos Computer Club eine ganz andere Tradition hat als die Defcon, die zwischen Stripperinnen und Hangover-Touristen in Las Vegas stattfindet (und von der die Gender-Trolle offenbar gehört hatten).

Für die Creepercard-"Aktivist*innen" der Gipfel des "Sexismus" auf dem 29c3: Hacker Jeopardy

Deshalb hatten sie auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs (in dem unter anderem die Sprecherin Constanze Kurz ein lebender Beweis dafür ist, dass Geschlecht und Dialekt keine großen Hindernisse sein können) offenbar so große Mühe, wirklich sexistische Vorkommnisse zu finden, dass sie ihre Karten schließlich für das Aufhalten von Türen verteilten. So etwas spornte freilich den Diskordianer in manchem Hacker an – und eine [sic!] davon legte aus solchen "Creepercards" (anfangs anonym) den Umriss einer Frau – was die Gender-Trolle dann als Beweis ihrer anfangs nicht bestätigten Hypothese werteten. Leitners Fazit:

Das fühlt sich alles an wie ein Trollversuch, nicht wie der berechtigte Hinweis auf ein tatsächliches Problem. Und der Verlierer ist am Ende der Kampf gegen den tatsächlichen Sexismus, denn hier werden Begriffe wie 'Sexismus', 'Vergewaltigung', 'Rape Culture' u.ä. so inflationär durcheinandergeworfen, dass am Ende jemand mit einem wirklichen Übergriffsproblem statt der nötigen Hilfe ein 'Haha, hat dir jemand was an die Klotür gemalt?' kriegt, weil drumherum so viel undifferenziert hyperventiliert wurde.

Die zweite Gruppe, die Godwin-Leugner, stellen Godwin's Law auf den Kopf: Konkret erachten sie eine Diskussion nicht als verloren, wenn ein Nazivergleich erfolgt, sondern glauben offenbar das Gegenteil. So nannte etwa der Berliner Piraten-Politiker Stephan Urbach den Rechtsanwalt Udo Vetter einen "Naziverteidiger". Sein Parteifreund Oliver Höfinghoff bezeichnete die Partei der Vernunft als "Nazis im libertären Deckmäntelchen" und die Berliner CDU als "rechtsradikal". Und Gerwald Claus-Brunner, ein dritter Hauptstadtpirat, verglich die bis 1933 in einem jüdischen Verlagshaus erschienene Tageszeitung B.Z. mit dem Völkischen Beobachter.

Auch wenn es sich bei allen drei hier als Beispiele aufgeführten Godwin-Leugner um Piraten handelt, ist dieses Phänomen nicht auf diese Partei begrenzt: Den Rekord führt hier immer noch der ehemalige grüne Außenminister Joseph Fischer, der Auschwitz instrumentalisierte, um einen Angriffskrieg auf Basis einer Geheimdienstlüge zu führen. Fischer war in den 1970er Jahren ein "Autonomer" und damit Teil einer Subkultur, in dem Godwin-Leugner ganz besonders forsch zur Sache gehen: Auf dem Wave-Gotik-Treffen (WGT) in Leipzig "kontrollierten" solche "Autonomen" Besucherinnen (deren Angaben nach) mit ihren Händen, um festzustellen, ob sie auch keine "Nazis" sind. "Creepercards" waren hier nirgendwo in Sicht.

Damit entwerten die Godwin-Leugner natürlich die Greuel des Nationalsozialismus – allerdings offenbar, ohne sich dessen selbst bewusst zu sein. Trotzdem hat ihr Tun Folgen: Als 2011 die NSU-Mörder entdeckt wurden, waren viele Beobachter verblüfft, dass es noch echte Nazis gibt, weil sie in den vergangenen Jahren ausschließlich die inflationäre Anwendung des Begriffs durch Godwin-Leugner erlebt hatten.

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