Wann leben wir eigentlich?

17.02.2013

Ein Ex-Hells-Angel als Gralsritter und die Welt des Mittelalter-Reenactment

Die Reiter tragen Helm und Kettenhemd und sprengen zu Pferde über den Turnierplatz. Sie halten eine Lanze und zielen auf einen Strohsack. Der stellt ein Wildschwein dar. Sie werfen die Lanze - getroffen! Ein paar Jahrhunderte früher, und das Essen müsste nun gehäutet, ausgenommen, zerlegt und zubereitet werden. Heutzutage ist es einfacher, die blutige Arbeit wird in Schlachtfabriken erledigt, und man bekommt sein Schwein als Steak.

Ist auch besser so: Strohsäcke sind keine Keiler mit Hauern, also ungefährlich.

Aber egal, ob Schwein oder Strohsack: Das Mittelalter übt eine seltsame Faszination aus. Man kann sie bei anderen betrachten oder auch sich selbst hineinziehen lassen: Demnächst beginnt wieder die Saison für Mittelaltermärkte. Jeder kennt sie, mit Schauspielern, bewaffneten Rittern und schönen Damen - die Meisten scheinen die traditionellen Rollen vorzuziehen und tragen lieber lange Kleider als blanke Waffen - und bunt gekleideten Herolden, altmodischen Vorführungen etwa in alten Handwerkskünsten oder auch mal mit Frettchen, und natürlich nach alter Art hergestelltem Essen. Aber warum? Und was für Menschen stecken dahinter?

Re-Enactment der "Schlacht von Tannenberg" in Polen. Bild: Wojsyl. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Fotos von Einem, der dahinter steckt, werden demnächst ausgestellt: Im Januar begann in Berlin-Friedrichshain die Fotoausstellung Glaubenssache. Elf Fotografen aus mehreren europäischen Ländern haben glaubende Menschen fotografiert. Einer von ihnen, Frank Seeger, hat eine Langzeitreportage über Michael Marek gemacht. Marek hat eine Mittelaltergruppe gegründet, Die Grals-Familie. Diese ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Dahlewitz bei Berlin. Marek trägt nicht nur auf Mittelaltermärkten, sondern auch privat mittelalterlich anmutende Kleidung, er hält das Mittelalter für weniger kapitalistisch als die Gegenwart und genießt das altmodische Leben. Naja zumindest teilweise - so hat er zwar keine Waschmaschine, aber natürlich wäscht er seine Sachen nicht mit der Hand, sondern weibliche Mitglieder seiner Grals-Familie stecken sie in ihre Waschmaschine. Aber wer wird denn so kleinlich sein.

Die Grals-Familie ist Teil der Mittelalter-Bewegung. Falls man überhaupt von einer "Bewegung" sprechen kann, so unterschiedlich sind die Menschen und Gruppen, die Mittelalter-Märkte und Turniere veranstalten oder ihr Interesse sogar privat ausleben. Solche Gruppen existieren seit Jahrzehnten, viele in der damaligen DDR, und in den 1980er Jahren hat die Zahl ihrer Veranstaltungen stark zugenommen. Annemike Meyer schreibt in ihrer Magisterarbeit[1] von einem Мittelalter-Boom. Ihrer Ansicht nach suchten Besucher und Darsteller mittelalterlicher Veranstaltungen eine Alternative zur Komplexität der heutigen westlichen Gesellschaft und ein Gemeinschaftserlebnis. Diese Vergangenheit diene als Projektionsfläche unerfüllter Wünsche und enttäuschter Hoffnungen. Ähnlich Veruschka-Meike Jähnert in ihrer Bachelorarbeit[2], die auch die Unterschiede betont: zwischen kommerziellen Verkaufsständen auf der einen Seite und auf der anderen Seite jenen Menschen, die 24 Stunden am Tag ein mittelalterliches Lagerleben nachstellen, mit dem sie sich identifizierten.

Michael Marek steht Kommerz und Kapitalismus kritisch gegenüber, sagt er, und darum habe man sich auch von großen Veranstaltungen zurückgezogen. Früher hat die Grals-Familie auf Schloss Diedersdorf bei Berlin Mittelalterspektakel und Turniere veranstaltet, zu denen 4.000 Besucher kamen. Das sei ihm zu hektisch geworden, sagt Marek. So zog man die Konsequenz - und sich zurück.

Jetzt konzentriert sich die Grals-Familie auf ihren Vereinssitz in dem 2000 Seelen-Dorf. In der Dorfstraße liegt ein Anger mit einer alten Dorfkirche, die im Jahr 1305 zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt wird.

Meyer fragt in ihrer Magisterarbeit, ob "die Hinwendung zu einer vergangenen Epoche wie dem Mittelalter bei Reenactors wie Besuchern Ausdruck von Bedürfnissen und Wünschen ist, die sie offenbar in der modernen Gesellschaft nicht befriedigen können."[3]

Man kann sich fragen, ob das auch für religiöse Traditionen gilt. So treten bei Mittelaltermärkten Wahrsager, Hellseher oder Heiler auf, auch für manche Mitglieder der Grals-Familie ist die Religion sehr wichtig. Besonders für Marek. Er hat einen Kurs zum Lektor - so heißen die ehrenamtlichen Mitarbeiter beim Gottesdienst - bei der Kirche absolviert und hielt seitdem fast jeden Sommer eine Predigt. Dann - und nur dann - war die Dorfkirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Dabei war Marek gar kein Mitglied in der Landeskirche - aber das hatte er verschwiegen. Seine Gruppe engagierte sich auch so für die Kirche, so hat sie etwa Reparaturen am Dach ausgeführt.

Nachgestelltes mittelalterliches Lagerleben in Ehrenberg. Bild: Lechleitneran. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Der frühere Dahlewitzer Pfarrer Gunther Seidel hat Marek vor ein paar Jahren zum geistlichen Ritter gesegnet. "Eigenartig", fand Seidel dies, "die Traditionen sind mir sehr fremd." Aber er wollte den Segen selber spenden, "um es nicht anderen zu überlassen". Denn: "Ich wollte es in meinen Händen lassen, damit es ein bisschen geordnet bleibt." Am Vorabend der Segnung schloss er Michael Marek in der Kirche ein, am darauffolgenden Morgen um sechs Uhr in der Frühe schloss er die Kirchentür wieder auf und ließ die Grals-Familie zu Marek ein. "Ein eigenartiges Bild", erinnert er sich: "die Grals-Familie kam mit malerischen Gewändern aus dem Nebel heraus." Sie zogen Marek sein altes Gewand aus - "bis auf die Unterhose, das war peinlich, wenn da jemand reingekommen wäre" - und ein weißes Gewand an. "Als Christen in der Kirche müssen wir damit rechnen,. Dass der Geist weht, wo er will. Nicht immer, wie man es erwartet", sagt der Pfarrer etwas lakonisch: "So weit ich konnte, habe ich das begleitet."

Solch eine Segnung ist keine kirchliche Tradition. Marek wurde aber auch in einer Kirche zum Ritter geschlagen. Ritter ist heutzutage kein geschützter Begriff, und jeder kann sich so nennen. In der Mittelalterszene sollte man eigentlich erst nach einer langen Lehrzeit als Page und Knappe zum Ritter geschlagen werden, so hielt es auch Marek. Aber so hält es nicht jeder. Zwar wird in der Szene viel über "Authentizität" diskutiert, manch einer übt alte Handwerkskunst aus wie damals. Aber natürlich lebt kaum jemand wirklich wie im Mittelalter, ohne Antibiotika, Behörden und Beruf. Es kann halt auch ein großer Spaß sein. Und Spaß verträgt sich nicht unbedingt mit harter Arbeit, rissigen Händen und durchgelaufenen Schuhsohlen. Annemike Meyer: "Experten beklagen, dass die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft so gut wie keinen Einfluss auf das populäre Mittelalter-Bild hätten. Das ist logisch - denn nur in einem solchen Mittelalter-Verständnis ist Platz für die schillernden Mythen, die das Publikum offenbar so liebt. Kaum ein Tourist dürfte an historischen Fakten interessiert sein, solange Medienmacher und Veranstalter mit immer neuen Sagen und Mythen aufwarten, um die gezielt geweckten Sehnsüchte von 'heiler Welt' bis "ritterliche Heldentaten" anschließend auch zu befriedigen."[4]

Genau so sieht man das aber auch in der Grals-Familie. Vor allem Familienmitglied Volker Manz, Theologe. Er steht dem derzeitigen Mittelalter-Boom mit Filmen wie der "Wanderhure" skeptisch gegenüber, "die Ausstattung solcher Mittelalter-Filme ist teilweise grottenschlecht", sagt er. Im bürgerlichen Leben arbeitet in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an der Publikation und wissenschaftlichen Erschließung der Urkunden und Briefe des Kaisers Friedrich III. In der Grals-Familie heißt der Wissenschaftler "Magister Volker" und nutzt jede Gelegenheit, ein paar sachliche Informationen über die Epoche zu verbreiten. Marek und Manz besuchen gemeinsam Gemeinden, Kindergärten und Schulen, dabei erklärt Volker Manz den Kindern Aspekte des Mittelalters und Michael Marek zeigt ihnen, wie man damals mit dem Schwert gekämpft hat.

Mittelalterliches Riiterturnier in Schiedam. Bild: Marjon. Lizenz: CC-BY-2.0

Manz betrachtet Ritterorden als eine schon lange untergegangene Form. Aber als irgendwie auch wieder aufgegangen, er nennt es eine "doppelt gebrochene Ritterwahrnehmung": Nach seinem Untergang kam das Rittertum nämlich zweimal wieder in Mode: Erst im Spätmittelalter mit Ritterromanen und Prunkrüstungen, dann im 19. Jahrhundert mit einer Bewegung "Zurück zur Natur." Die heutige Mittelalterszene betrachtet Manz als Spielart hiervon.

Ach ja, die Natur, und die Sehnsüchte nach einer "heilen Welt"... Die spürt wohl auch Michael Marek. Sogar viele Rocker seien kapitalistisch geworden, sagt er. - Er war selber Rocker, damals, in Berlin-Kreuzberg: Als Junge ein "Fahrradrocker", später Mitglied bei den "Kettenhunden" und später bei "Phönix", und als diese Gruppe zu den Hells Angels übertrat, trat er aus. Glaubt er nicht, dass auch die Grals-Familie kapitalistisch werden könnte? "Nein", protestiert er, "da passe ich auf. Wir haben drei Punkte: Idealismus, Kultur, und an dritter Stelle steht, das es sich amortisieren soll." Und letzteres solle an dritter Stelle bleiben, und dass man dazu in der Lage sei, habe man bewiesen, indem man sich von den großen Turnieren in Diedersdorf zurückgezogen habe. "Das ist nicht unser Thema, da machen wir lieber kleine Sachen." Ähnlich Volker Manz: "Da ist man Teil der Freizeitindustrie, da geht es nur um eines: Wie kann man Geld verdienen." Das wollen sie nicht: "Das ist uns zu kommerzialisiert."

Neben kommerziellen Gruppen, die tatsächlich von ihrer Beschäftigung mit dem Mittelater und von öffentlichen Auftritten leben, gibt es dennoch eine ganze Menge "Mittelalter-Fans", denen ihre Beschäftigung "mehr als nur ein Hobby und Interesse an Geschichte" ist, schreibt Veruschka-Meike Jähnert. "Von den Befragten gaben 88% an, dass das Mittelalter auch in anderen Lebensbereichen eine Rolle spielt"[5], und mehr als die Hälfte der Teilnehmer an ihrer Umfrage gaben an, dass die Teilnahme an Mittelaltermärkten "ein wichtiger Faktor" für sie sei. Einige Menschen tragen tatsächlich keine Brillen oder Unterwäsche[6], die meisten sind gemäßigter, aber "je größer das Wissen und je stärker die Vernetzung, desto mehr nehmen mittelalterliche Elemente Einfluss auf das restliche Leben."[7]

Warum? Für Jähnert geht es "um eine Übertragung der derzeitigen Wünsche und Vorstellungen auf die damalige Zeit, um aktuelle Defizite und Probleme zu kompensieren. [...] im Hinterkopf bleibt die romantische Vorstellung einer Gesellschaft, die im Gegensatz zu unserer heutigen steht, obwohl man sich der Verklärungen bewusst ist und die realen Umstände beachtet."[8] - Immerhin.

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