Nicht der Krieg, sondern der Militärdienst erhöht die Selbstmordrate

16.01.2013

Auch wenn die Zahl der Selbstmorde bei aktiven US-Soldaten 2012 einen Rekord erreicht hat, so sieht es bei den Veteranen weitaus düsterer aus

2012 haben nach vorläufigen Angaben 349 US-Soldaten Selbstmord begangen. Fast täglich hielt es also ein US-Soldat nicht mehr aus und zog es vor, sich aus dem Leben zu verabschieden. Nachdem US-Präsident Barack Obama den Irak-Krieg bereits beendet und auch die Zahl der Soldaten in Afghanistan reduziert hat, haben sich 2012 mehr Soldaten selbst umgebracht, als in Afghanistan getötet wurden. Die Zahlen sind allerdings trügerisch, denn nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst erhöht sich die Selbstmordrate noch drastisch.

Bild: DOD

Seit 2005 sind die Zahlen weiter nach oben gegangen, nachdem sie bereits nach der Ausrufung des Globalen Krieg gegen den Terror angestiegen waren. Es scheint also einen Zusammenhang mit den Kriegen und Auslandseinsätzen zu geben. Allerdings überrascht, dass die Zahl der Suizide - dazu kommen zahlreiche Selbstmordversuche - weiter ansteigt, nachdem die Zahl der Soldaten im kriegerischen Auslandseinsatz zurückgeht. Ganz einfach kann also eine Erklärung nicht sein.

Daraus kann man schließen, was auch schon lange bekannt ist, dass die Folgen des Krieges, meist wird vom posttraumatischen Belastungssyndrom oder von Depression gesprochen, oft erst nach Beendigung des Einsatzes oder nach dem Ausscheiden aus dem Militär zum Tragen kommen. Dabei ist 2011 die Mehrzahl derjenigen, die Selbstmord begingen, nicht direkt an Kriegshandlungen beteiligt gewesen. Auch bei den in den USA verbliebenen Soldaten, die nicht nach Afghanistan oder in den Irak mussten, sei ab 2004 der Stress gestiegen, möglicherweise auch aus der Erwartung heraus, irgendwann doch in den Krieg ziehen zu müssen.

Meist geht es um Beziehungsprobleme oder um Disziplinarverfahren, bis 2009 sind 91 Prozent der Suizide in den USA ausgeübt worden, in der Mehrzahl durch Schusswaffen und durch Erhängen. Überwiegend wurden die Selbstmorde in den Wohnungen oder Häusern auf den Stützpunkten vollzogen. Seit Jahren versucht das Pentagon, mit Präventions- und Beratungsprogrammen die Selbstmordrate zu senken, bislang ohne Erfolg. 2014 soll eine umfassende, 50 Millionen-US-Dollar-Studie über den Selbstmord bei den Soldaten veröffentlicht werden. Viele Millionen werden jährlich für die Entwicklung von Programmen und Maßnahmen zur Prävention ausgegeben. Nach Studien ist die Scheu beim Militär besonders hoch, aufgrund von psychischen Problemen Unterstützung zu suchen.

Aus einem Präventionsprogramm des Pentagon

Allerdings könnte die Zahl der Selbstmordfälle ohne die Aktivitäten des Pentagon noch höher sein. Diese liegt im Schnitt unter der Zahl der Selbstmorde in der Gesamtbevölkerung, die ebenfalls seit 2000 angestiegen ist (während sie nach dem Ende des Kalten Kriegs zwischen 1991 und 2000 zurückgegangen ist). Die höhere Zahl rührt auch daher, dass viele Menschen über 65 Jahre Selbstmord begehen, die keinen Militärdienst leisten. 2009 gab es nach CDC-Angaben in der Altersgruppe der 25-64-Jährigen 16,25 Selbstmorde pro 100.000 Personen, beim Pentagon lag das Verhältnis 2012 bei 17,5 pro 100.000. Man muss allerdings berücksichtigen, dass Männer deutlich öfter Selbstmord begehen als Frauen - und es im Pentagon nur einen Frauenanteil von etwa 14,5 Prozent gibt, was auch in etwa dem Anteil von Frauen entspricht, die sich getötet haben. 2009 lag die Selbstmordrate in der US-Gesamtbevölkerung im Alter zwischen 25 und 64 Jahren bei 25,37 pro 100.000, also deutlich höher als im Pentagon. Nimmt man nur die Army, wo am meisten Selbstmorde begangen werden, dann lag die Suizidrate 2009 dort allerdings bei 21 auf 100.000.

Ein Fünftel der Selbstmorde in den USA werden von Veteranen begangen

Die 349 Soldaten, die 2012 Selbstmord begangen haben, sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Es handelt sich nur um die Soldaten, die während der Beschäftigung im Militärdienst Suizid begangen haben. Schaut man auf die Zahl der Veteranen, die nach dem Militärdienst Hand an sich legten, dann sieht es gleich deutlich düsterer aus und zeigt, dass der Militärdienst langfristig die Zahl der Selbstmorde in der Gesamtbevölkerung erhöht - und auch das Risiko für Obdachlosigkeit, also für den Rausausfall aus der Gesellschaft, erhöht. Durchschnittlich sollen über 67.000 Veteranen täglich obdachlos sein.

Das Pentagon räumt ein, dass nur ein Prozent der Amerikaner im Irak- oder Afghanistankrieg eingesetzt war, aber dass 20 Prozent der Selbstmorde in den USA von Veteranen begangen werden. Nach Angaben des Department of Veterans Affairs sollen sich täglich 18 Veteranen umbringen, im Monat begehen durchschnittlich 950 Veteranen einen Selbstmordversuch. Nicht der Krieg selbst ist für eine Hightech-Armee tödlich, wohl aber die Folgen des Militärdienstes. Nach einer Studie lag die Selbstmordrate bei Veteranen zwischen 2000 und 2007 bei 34.3 bis 39.8 pro 100.000, also weit über der Rate in der Gesamtbevölkerung.

2007 haben sich in den USA 34.000 Menschen, umgebracht, nach Angaben der CDC haben 1,1 Millionen einen Selbstmordversuch begangen. Nach Angaben des Pentagon hat es 2011 301 Selbstmorde und 915 Selbstmordversuche gegeben. Damit würde, sollten die Zahlen zutreffen, die Selbstmordneigung in der Gesamtbevölkerung sehr viel höher als im Militär liegen, allerdings ist die Zahl der "erfolgreichen" Suizide im Verhältnis zu den Versuchen bei den Soldaten deutlich höher.

Auch in der Bundeswehr kommen Selbstmorde vor, heißt es in einer Mitteilung des Verteidigungsministeriums. Seit 1957 haben 3.400 Angehörige der Bundeswehr Selbstmord begangen, die Bundeswehr versichert jedoch, dass die Zahl der Suizide "im Vergleich unter der Suizidrate des männlichen Anteils der deutschen Bevölkerung" liege, wobei aber auch hier nicht die Altersstruktur berücksichtigt wird. Am meisten Selbstmorde gab es in den 1970er und 1980er Jahren. Die Afghanistan-Mission oder andere Auslandseinsätze haben die Selbstmordrate nicht erhöht. Zwischen 2000 und 2011 liegt sie niedriger als noch in den 1990er Jahren, als sie auch schon niedriger als im Jahrzehnt zuvor lagen. Über die Selbstmordversuche wird nicht berichtet.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.