Nach der Party

Matthias Brake 16.01.2013

Die Energie- und Klimawochenschau: Letzte Jahresendrallye beim solaren Zubau, jetzt liegen die Hoffnungen auf dem Eigenverbrauch und EU-Gebäudeenergieeffizienzrichtlinie

Während die Politik gerade bei der IRENA-Konferenz in Nah-Ost einen neuen "Club der Willigen" ausruft lauten die Prognosen für die Solarbranche auf Massensterben um Zweidrittel. Kann die Besinnung auf Energieerzeugung und auch Verbrauch vor Ort letztlich der Weg sein die Energieautonomie die die Regenerativen bieten wieder zurückzugewinnen?

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Kohlekraftwerk Jänschwalde bei Cottbus. Bild: Gabi Niechziol

Zu viele Hintertüren bei der Gebäudeenergieeffizienz - EU leitet Verfahren gegen Energieschleudern ein

Seit letztem Mittwoch müssen in der EU alle öffentlichen Gebäude ab 500 Quadratmetern Nutzfläche Energieausweise über ihre Gesamtenergieeffizienz öffentlich aushängen. Vorreiter sollten sie sein. Doch was man da zu sehen bekommt, wenn denn die Energielabel gezeigt werden, ist meist der Status quo. Die EU-Kommission drückt jetzt auf die Tube und leitet ein Verfahren ein, denn 19 Mitgliedstaaten, darunter auch Deutschland, haben ihre Vereinbarungen den eigenen Gebäudebestand auf Vordermann zu bringen, immer nicht noch in eigene Regelungen umgesetzt. Dabei drängt allmählich die Zeit.

Das "Energielabel" des Energieausweises für Nichtwohngebäude. Erstaunlich ist die extreme Diskrepanz zwischen dem angegebenen illusorischen Bereich für den Heizenergieverbrauch bis 1000 kWh und dem wohl ebenso illusorischen politisch avisierten Zielen des "Niedrigstenergie"-Hauses von 0 - 15 kWh/(m²*a).

Nach Artikel 9 der EU-Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden müssen die Mitgliedstaaten "gewährleisten, dass bis 31. Dezember 2020 alle neuen Gebäude Niedrigstenergiegebäude sind und nach dem 31. Dezember 2018 neue Gebäude, die von Behörden als Eigentümer genutzt werden, Niedrigstenergiegebäude sind".

Die Idee dahinter ist eigentlich sehr gut. Denn der Gebäudesektor ist der größte Energieverbraucher in der EU, auf ihn entfallen 40 % des Gesamtenergieverbrauchs und 36 % der CO2-Emissionen. Wenn die großen Gebäude als Vorreiter zeigen, wie man effizient baut und saniert, so die Idee, würden die Kleineren schon folgen. Durch die Sanierung, so kalkulierte die EU-Kommission, würden jährlich 25 Mrd. Euro Energiekosten eingespart, 450.000 neue Arbeitsplätze im Baugewerbe entstünden und die Sanierung von Wohnungen könnte auch eine zukünftige Energiearmut von EU-Bürgern verhindern.

Regenerative Energieerzeugung vor Ort wird obligatorisch

Zugegeben, die Ziele sind sportlich. Neue Gebäude sollen nicht nur "Niedrigstenergiegebäude" sein, sondern ihren Energieverbrauch vor allem auch regenerativ decken. Im Wortlaut der Richtlinie:

Der fast bei Null liegende oder sehr geringe Energiebedarf sollte zu einem ganz wesentlichen Teil durch Energie aus erneuerbaren Quellen - einschließlich Energie aus erneuerbaren Quellen, die am Standort oder in der Nähe erzeugt wird - gedeckt werden.

Der Standard "Niedrigstenergiehaus" wurde dabei neu eingeführt und soll zwischen Nullenergiehaus und Passivhaus liegen, also bei Heizenergieverbräuchen zwischen 0 und 15 kWh/(m²*a). Einerseits ist das schwammig ausgedrückt, andererseits überaus ambitioniert. Denn obwohl große Gebäuden durch ihr meist recht gutes Verhältnis von großem beheizten Volumen zu kleiner Oberfläche im Vorteil sind, gibt es viel zu tun:

Dämmschichtdicken von 30 cm und mehr würden obligatorisch

Fenster nur noch als Dreifach-Verglasung

Wärmebrücken, also Zonen mit höheren Energieverlusten in der Gebäudehülle, müssten verschwinden

Luftdichtheit der Hülle und Lüftung mit Wärmerückgewinnung wären obligatorisch

Gebäudetechnik und Heiztechnik müssten hocheffizient ausgelegt werden

Energiebedarf muss zum größten Teil aus erneuerbaren Energiequelle gedeckt werden, weil nur so bilanztechnisch ein Null-Energie-Standard möglich ist

Baustandards in Bezug auf den Heizwärmebedarf. Für Neubauten liegen die Anforderungen heute bereits bei rund 70 (kWh/m²*a), dem alten "Niedrigenergiehaus"-Standard. Ein Passivhaus darf dagegen nicht mehr als 15 kWh zum Heizen brauchen. Grafik: M. Brake

Letztendlich würde das bei der geforderten Gewinnung der regenerativen Energie vor Ort und den für die Bilanz günstigen regenerativen Primärenergien bei uns in Mitteleuropa neben Nahwärmesystemen und Biomasseheizungen also vor allem die Nutzung von Sonnenenergie für Thermie und Photovoltaik bedeuten.

Aber Verbrauchswerte in der Klasse eines Passivhauses sind nur möglich, wenn das Gesamtkonzept aus Konstruktion, Ausrichtung und Gebäudetechnik stimmt. Zu erwarten ist also, dass bei der Realisierung des Niedrigstenergiehauszieles sehr viel versucht werden wird, die Ziele über Bilanzierungsmethoden und besonders Primärenergietricksereien hinzubekommen. Dabei wird dann der tatsächliche Heizenergiebedarf relativiert, wenn regenerative Energieträger mit ihren besseren nominellen Primärenergiefaktoren eingesetzt werden. Um solche Bilanztricks auszuschließen verlangt etwa das Passivhausinstitut, also die Erfinder des Passivhausstandards von 15 kWh/(m²*a), Angaben auf Grundlage des tatsächlichen Energieverbrauchs ohne Schönrechnerei.

Doch die EU-Verantwortlichen haben bereits vorgesorgt und für die energetische Sanierung des Bestands Hintertüren vorgesehen. Die Auflagen werden nur bei "größeren Renovierungen" fällig, bei denen die Gesamtkosten der Renovierung 25 % des Gebäudewerts übersteigen oder 25 % der Oberfläche der Gebäudehülle einer Renovierung unterzogen werden.

Läuft das Ganze also am Ende völlig aus dem Ruder, wird die die Energieeffizienzrichtlinie zu einem Modernisierungsverhinderungsgesetz, wenn sich die öffentlichen Eigentümer einfach Sanierungen überhaupt verweigern oder immer nur in kleinen Teilabschnitten vornehmen, um nicht umfassend sanieren zu müssen? Am Ende könnte sich die Politik also wieder einmal durch zu viele Kompromisse und Ausnahmeregelungen selbst gelähmt haben.

Nur ein Drittel der Solarindustrieunternehmen wird 2013 überstehen

Eine gute Idee also, Solarstrom mehr selbst und vor Ort zu verbrauche, anstatt ihn den Stromhändlern zum Einstreichen von "Ausgleichszahlungen" zu übereignen. Gerade hatte die FAZ kolportiert, dass die von den Netzbetreibern abgerechneten Ausgaben im Zusammenhang mit EEG-Strom im vergangenen Jahr erstmals die Marke von 20 Mrd. Euro überschritten haben. Hiervon entfielen 16,6 Milliarden auf die Einspeisevergütung. Gleichzeitig wurden für den Verkauf des EEG-Stroms an der Börse nur rund 2,9 Mrd Euro erzielt. Eine riesige Diskrepanz zwischen Inwertstellung des regenerativen Stroms und seinem Nutzen.

Bei uns hat noch einmal eine Jahresendrallye beim Photovoltaikzubau stattgefunden. Nicht nur die Vergütung ging weiter zurück, sondern es mussten auch die die letzten PV-Großanlagen über 10 MW ans Netz, denn danach entfällt ab jetzt die EEG-Vergütung für neue Anlagen dieses Typs. Sie müssen nun Verträge direkt mit Stromversorgern abschließen. Insgesamt gingen 2012 so noch einmal 7.630 MW ans Netz. Damit waren zum Jahresende 32.400 MW installiert. Das Bundesumweltministerium rechnet für dieses Jahr mit einer Halbierung des Zubaus um 3,5 bis 4,5 GW.

2012 stammten so aus den 1,3 Mio. Photovoltaik-Anlagen in Deutschland 28 Mrd. kWh Strom, 45 Prozent mehr als noch 2011, und deckten 2012 so, nach Informationen des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW-Solar), rechnerisch den Jahresstromverbrauch von acht Millionen Haushalten. Für 2013 sieht der Branchenverband neue Trends auf die Solartechnik zukommen: den Einsatz von Batteriespeichern und modernen Energiemanagementsystemen.

Der Bundesverband Solarwirtschaft setzt ab jetzt auf den Einsatz von Solarspeichern und intelligenten Energiemanagementsystemen. So soll der Wechsel von der reinen Netzeinspeisung hin zu mehr Eigenverbrauch gelingen. Im Eigenheimbereich würde der Einsatz von Speichern um die 10 kWh den Deckungsgrad des Eigenverbrauchs von heute rund 30 % auf mindestens 60-70 % erhöhen. In Branchen, die ihren Energieverbrauch vor allem tagsüber haben, ist Vollversorgung möglich. Bild: BSW-Solar

Ausgelöst wurde der letzte Installationsansturm von den großen Einschnitten in die Einspeisevergütung und der Unsicherheit, die angesichts der aktuellen Politik gegenüber der regenerativen Energieversorgung besteht. Das US-amerikanische Marktforschungsunternehmen IHS iSuppli prognostiziert für dieses Jahr große Verluste der weltweiten Solarindustrie. Von rund 500 derzeit noch aktiven Unternehmen würden nur knapp 150 dieses Jahr überstehen. Besonders am oberen Ende der Wertschöpfungskette würden die meisten der nicht wettbewerbsfähigen Unternehmen aufhören zu existieren. Low-Cost-Firmen würden statt dessen den größten Anteil des weltweiten Marktes ausmachen.

Peter Altmaier zur Zeit wieder in diplomatischer Mission auf der Konferenz der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) unterwegs, schlägt der vom Firmensterben gebeutelten Solarbranche einen europäischen Zusammenschluss vor, ähnlich wie es die Luftfahrtbranche mit dem Airbus-Konsortium vorgemacht habe. Also noch mehr Konzentration statt dezentraler Produktion und lokaler Wertschöpfung. Bei der IRENA-Vollversammlung, an der 136 Länder teilnehmen, möchte er außerdem einen Club der Vorreiter gründen die sich für den Einsatz Erneuerbarer Energiequellen einsetzen. Altmaier:

Wir wollen dazu beitragen dass es eine größere politische Aufmerksam der Weltöffentlichkeit für Fragen der Erneuerbaren gibt, wir wollen erreichen dass neue Märkte schneller entstehen, wir wollen erreichen dass in anderen Ländern Fehler vermieden werden die wir in Deutschland in den letzten Jahren gemacht haben."

Stattdessen greifen andere europäische Länder jetzt zur Selbsthilfe. Nach dem Vorbild Italiens baut Frankreich zur Zeit eine "Local-Content"-Regelung in seine Vergütung ein, wie der Erneuerbare-Energien-Verband Syndicat des Energies Renouvelables (SER) gerade ankündigte. Das soll vor allem kleinen und mittelständischen französischen Solarunternehmen bei der Vermarktung ihrer Produkte helfen. Der Local-Content-Bonus kommt als 10 % Aufschlag auf die Einspeisevergütung.

Auch das französische Ministerium für Ökologie, nachhaltige Entwicklung und Energie hat einen Sanierungsplan für die französische Solarindustrie angekündigt und festgelegt, dass Einspeisetarife nicht um mehr als 20 Prozent pro Jahr reduziert werden dürfen - anscheinend hat man sehr genau beobachtet was die tiefen Einschnitte in Deutschland in den letzten beiden Jahren ausgelöst haben.

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38363/1.html
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