"Eindeutig ein Stellvertreterkrieg"

26.01.2013

Die Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek über die "Gender-Ideologie"

In ihrem Buch Der falsche Feind - Schuld sind nicht die Männer wendet sich die Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek gegen die Dämonisierung des Mannes, die Einführung von Frauenquoten und die "Allmachtsfantasien" des Genderismus. Den wahren Feind macht sie im Neoliberalismus aus.

Frau Bauer-Jelinek, was meinen Sie: Können Frauen auch grausame Diktatoren sein?

Christine Bauer-Jelinek: Natürlich, das waren sie ja auch schon. Wenn man sich die wenigen Fälle in der Geschichte ansieht, wo Frauen an die Macht gelangt sind, war zum Beispiel eine Katharina die Erste durchaus eine grausame Kaiserin und es sind genug andere Frauen an der Staatsspitze bekannt, die ihre Gegner genauso eingesperrt haben, foltern ließen und Kriege geführt haben, wie ihre männlichen Kollegen, weil die Machtmechanismen unabhängig vom Geschlecht funktionieren.

" Spielregeln der Macht funktionieren nicht nach Geschlechterrollen "

Wie würde die Welt aussehen, wenn sämtliche Machtpositionen zu hundert Prozent mit Frauen besetzt wären?

Christine Bauer-Jelinek: Das ist ein so hypothetischer Gedanke, dass man ihn im Grunde verwerfen kann. Zu hundert Prozent wird das nie der Fall sein, abgesehen davon, dass selbst wenn die Welt nicht anders aussehen würde, als mit Männern besetzt, weil die Spielregeln der Macht nicht nach Geschlechterrollen funktionieren, sondern in einem größeren Zusammenhang zu sehen sind. Wenn man eine Diktatur hätte, wäre eine Frau an der Spitze genauso gezwungen, die Regeln einzuhalten, andernfalls wäre sie die längste Zeit Diktatorin gewesen. In einer Demokratie muss sie die Regeln der Öffentlichkeitsarbeit und der Manipulation beherrschen. Welches System in einer Gesellschaft etabliert wird, ist eine allgemeine politische Frage, die mit dem Geschlecht nichts zu tun hat.

Christine Bauer-Jelinek. Foto: Wilhelm Schraml.

Was ist der größte logische Fehler derjenigen, die Gremien und Wirtschaftsposten mit einer Frauenquote belegen wollen?

Christine Bauer-Jelinek: Erstens: Der Gedanke, Frauen wären anders oder Frauen an der Spitze würden verstärkt sogenannte traditionelle weibliche Eigenschaften etablieren können, als da wären: Empathie, Kommunikationsfähigkeit, soziales Denken et cetera. Das ist nicht der Fall. Zweitens: Die Meinung, dass mit Frauen an der Spitze automatisch mehr Frauen weiter unten eingestellt würden. Hier gibt es genug Beispiele, dass dies nicht der Fall ist, denn Frauen in Spitzenpositionen müssen sich genauso nach dem Markt richten und jemanden nehmen, der ihnen und dem System am meisten nützt und das muss nicht notwendigerweise eine Frau sein.

Drittens: Die Annahme, dass eine solche Maßnahme etwas mit Gerechtigkeit zu tun hätte. Diese zwanghafte Aufrechnung bringt nur statistisch einen Vorteil und politisches Kleingeld, schränkt aber Wahlfreiheit extrem ein: Frauen können bereits jetzt alles werden, wenn sie das wollen, und wenn sie wissen, wie das Spiel funktioniert, legt ihnen niemand etwas in den Weg.

"Die Ware Sex hat einen extremen Werteverfall erlitten"

: Sie schreiben in Ihrem Buch: "Das Prinzip "Geld für Sex" wird heute in der Prostitution angeprangert, zieht sich aber bei näherer Betrachtung jedoch durch alle Bereiche der Geschlechterbeziehungen." Wie meinen Sie das?

Christine Bauer-Jelinek: Der traditionelle "Warenaustausch" zwischen den Geschlechtern war bis zur Gleichberechtigung der Frau so gestaltet, dass die Frauen den Zugang zur Sexualität an die Männer auch über die Ehe sehr gut vermarkten konnten. Ich habe diesen Gedanken auch bei Hanna Rosin in ihrem Buch "The end of man" entdeckt: Die Ware Sex hat durch die sexuelle Revolution einen extremen Werteverfall erlitten - die Männer haben heute durch die Lockerung der "Sitten" und das Internet viel leichteren Zugang zu Sex. Dadurch verfügen die Frauen über dieses Alleinstellungsmerkmal nicht mehr. Sie müssen sich ebenso auf dem Arbeitsmarkt anstrengen, verdienen ihr eigenes Geld und müssen sich nicht mehr für einen Mann ständig bereit halten.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Frauen in der Geschichte verschiedene Phasen der Dämonisierung und der Idealisierung durchleben mussten. Heutzutage leben wir nach Ihrer Auffassung in einer Epoche der Idealisierung. Wie kommt das?

Christine Bauer-Jelinek: Solche Wellenbewegungen scheinen immer wieder zu kommen. Das betrifft übrigens auch das männliche Geschlecht. Heutzutage sind die Frauen angeblich wieder die besseren Menschen, die moralischer wären, besser die verschiedenen Gegensätze vereinen könnten und sogar eine Art Trümmerfrauen wären, die die von den Männern verursachte Krise besser bewältigen könnten. Die Männer hätten alles verzockt und wären daran schuld, dass es Kriege und Armut gibt.

"Zyklus läuft seit der Industrialisierung"

Warum hat der Mann im Gegenzug zumindest im öffentlichen Diskurs so viel von seiner hegemonialen Position eingebüßt. Würden Sie diese Entwicklung generell als negativ erachten?

Christine Bauer-Jelinek: Dass die Männer zur Zeit so schlecht weg kommen und die Frauen so stark idealisiert werden, ist für beide Geschlechter schlecht, weil es unrealistische Zuschreibungen sind. Jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten und jedes Geschlecht hat soziale Rollen, die Vorteile und Nachteile bringen. Das aufzuteilen, ist eine Extrembelastung für beide Geschlechter. Frauen denken, sie müssten besonders sozial und erfolgreich sein, und Männer wissen schon gar nicht mehr, wie sie sich richtig verhalten sollen: Wenn sie Ehrgeiz entwickeln, sind sie Machos, und wenn sie mehr um die Familie bemüht sind, sind sie Softies. Männer können zur Zeit machen, was sie wollen, es ist immer verkehrt, und das halte ich für kontraproduktiv.

Der Zyklus läuft seit der Industrialisierung, denn mit dieser Wende wird die Körperkraft des Mannes im Arbeitsprozess immer weniger benötigt, mit welcher das männliche Geschlecht eine dominante Rolle im Arbeitsleben einnehmen konnte. Seitdem sind auch Frauen in der Lage, mit geringerer Muskelkraft Maschinen zu bedienen. Und dass es in Sachen Intelligenz keine Unterschiede gibt, ist mittlerweile hinlänglich bewiesen. Die Frauen studieren sogar schneller und besser. Hier hat sich durch die Wirtschaftslage die Position der Männer verschlechtert, sie können ihre traditionellen Fähigkeiten nicht mehr zu ihrem Vorteil ausspielen. Und die heutige Dienstleistungsgesellschaft kommt den traditionellen Eigenschaften der Frauen sehr stark entgegen.

Sie gehen davon aus, dass Chancengleichheit und Gleichberechtigung für Frauen in den westlichen Gesellschaften durchgesetzt sind. Was halten Sie von der These, dass Frauen ihrem Arbeitgeber aufgrund ihrer Gebärfähigkeit als potentieller Unsicherheitsfaktor gelten müssen, was ihren Aufstieg erschweren und den Wert ihrer Arbeitskraft schmälern muss und also Chancengleichheit und Gleichberechtigung durch die marktwirtschaftliche Logik verhindert wird?

Christine Bauer-Jelinek: Zum einen darf es rechtlich gesehen, keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern mehr geben. Das ist in den Verfassungen als Gleichheitsgrundsatz festgeschrieben. Dass die Frauen immer noch die Kinder bekommen - solange diese nicht geklont werden -, ist ein biologisches Faktum. Aber daraus eine Benachteiligung zu konstruieren, ist in der heutigen Zeit völlig unpassend, denn die Biografien sind schon lange nicht mehr so, dass man ein Leben lang im selben Unternehmen bleibt. Auch Männer wechseln die Unternehmen, steigen aus, steigen wieder ein, nehmen Fortbildungszeiten und Elternzeit. Die Angst, dass man nach drei Jahren Elternzeit keinen Job mehr findet oder keine Karriere mehr machen kann, halte ich für weitgehend unbegründet. Männer und Frauen werden stärker in Zyklen von Erwerbsarbeit, Familie und Fortbildungszeiten denken lernen.

Einerseits leben wir in einer Welt, in der nach neoliberaler Doktrin alles dem freien Spiel der Marktkräfte überantwortet werden soll, andererseits wird gleichzeitig die Einführung einer Frauenquote angemahnt. Wie passt das zusammen?

Christine Bauer-Jelinek: Das passt gar nicht zusammen und ist der Grund, warum ich mich so vehement gegen die Frauenquote und die einseitige Förderung der Frauen wehre. Das ist eine extreme Verzerrung des Wettbewerbs. Ich halte das alles im Grunde genommen für einen Verstoß gegen die Menschenrechte und ich warte nur darauf, dass jemand beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag Klage einreicht. Schließlich ist die Bevorzugung aufgrund des Geschlechts oder der Ethnie in Demokratien verboten.

"Strategie des Neoliberalismus"

Das Aufkommen des Genderismus hat natürlich etwas mit dem Sieg der Postmoderne in den Geisteswissenschaften zu tun. Wie kam dies an den Universitäten zustande und warum strahlt dies mit solcher Kraft auf die politischen Prozesse zurück?

Christine Bauer-Jelinek: Die Vorstellung, dass die Geschlechter nur soziale Geschlechter wären, hat auch in der Psychologie im Konstruktivismus eine Entsprechung. In der Lerntheorie von Skinner aus den 1970er Jahren hat man auch postuliert, alles wäre anerzogen und es gäbe keine Vererbung. Warum die "Gleichmacherei" der Geschlechter nun einen so starken Einfluss hat, hängt meiner Meinung nach mit der Strategie des Neoliberalismus insgesamt zusammen, weil dieser eine enorm erfolgreiche Fähigkeit besitzt, Dinge für die eigenen politischen Zwecke zu vereinnahmen. So wurde das ursprüngliche Ziel der Frauenbewegung nach Gleichberechtigung und Chancengleichheit zu einem Zwang zur Erwerbstätigkeit verfremdet und in sein Gegenteil verwandelt.

Das ist zum Beispiel auch mit dem Recht auf Arbeit passiert, das heutzutage eine Verpflichtung darstellt: Was einmal ein Recht war, wird nun zum Zwang. Oder nehmen Sie die Ökologiebewegung, in der es mittlerweile anstelle von wichtigen Themen um das Einschrauben der richtigen Lampe geht. Der Neoliberalismus beschäftigt die Menschen mit lauter kleinen unnötigen, unwesentlichen Dingen, um sie von den Wesentlichen Fragen wie die Armutsgefährdung oder die Krise der Demokratie abzulenken. Und dafür eignet sich diese Gender-Ideologie hervorragend.

"Die Interpretation des Geschlechtes ist in verschiedenen Kulturen unterschiedlich"

Was hat Ihrer Meinung auf die Geschlechterdispositionen mehr Einfluss, das Natürliche oder soziale Faktoren?

Christine Bauer-Jelinek: Das Verhältnis zwischen angeboren und anerzogen zu quantifizieren, versuchen die Wissenschaftler ununterbrochen - da gibt es immer beide Positionen. Momentan kann man allgemein einen Backlash in Richtung Biologismus beobachten, was sich aber noch nicht auf die Geschlechterfrage ausgewirkt hat, weil die Macht des Feminismus sehr groß ist. Meine Meinung dazu ist: Es gibt zwar eine genetische Disposition, durch die das Geschlecht vorgegeben ist, aber der Mensch ist ein solches Lernwunder, welches vor allem über Hormone gesteuert wird, daher besteht ein großer Spielraum für die sozialen Rollen. Wir sehen, dass die Interpretation des biologischen Geschlechtes in den verschiedenen geschichtlichen und geographischen Kulturen so unterschiedlich ist, dass man die natürlichen Anlagen nur als Ausgangspunkt dafür bezeichnen kann, was Mann und Frau auszeichnet.

Ich gehe davon aus, dass man mit entsprechender Anstrengung (fast) alles lernen kann, dass es für eine Frau jedoch schwieriger ist, zum Beispiel an kriegerischen Handlungen teilzunehmen, wie es auch für einen Mann mehr Anstrengung erfordert, im Kreißsaal durchzuhalten oder einen Säugling aufzuziehen. Aber möglich ist es.

Sie sagen, der Geschlechterkampf lenkt von den wesentlicheren Fragen der Gesellschaft ab und fordern Frauen und Männer im letzten Kapitel dazu auf, "gemeinsam auf die Barrikaden" zu gehen. Welche Forderungen meinen Sie damit?

Christine Bauer-Jelinek: Die politische Erkenntnis bei der Erforschung dieses Geschlechterkampfes war für mich, dass es sich eindeutig um einen Stellvertreterkrieg handelt. Wenn man genau hinsieht, wird um nichts Wesentliches gekämpft, was es nicht schon gäbe. Das was erreicht wird, sind Marginalien, ob es nun zehn Frauen mehr in Aufsichtsräten gibt, ist doch total uninteressant. Die Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern stellt sich als Mythos heraus und somit sind diese Kämpfe darum Seifenblasen und Scheingefechte. Die wirklich großen Verwerfungen in unserer Gesellschaft sind das Auseinanderdriften von Arm und Reich. Die Schere ist keine zwischen den Geschlechtern, sondern eine zwischen den Klassen. Die Einkommen der Reichen steigen in extremen Maßen an, während immer mehr Menschen immer ärmer werden, während der Mittelstand aufgelöst wird. Das kann man zwar hin und wieder in der Fachliteratur lesen und auch in Sonntagsreden hören, aber wirklich etwas dagegen unternommen wird nichts.

Ganz im Gegenteil: Der Sozialstaat wird weiter zurück gefahren und die Sparpakete fressen noch die letzten Möglichkeiten der Daseinsvorsorge auf. Meiner Meinung nach steuert die Gesellschaft hier auf schwere soziale Unruhen hin. Diese Entwicklung wird zwar auch gehen, aber es wird keine wirkliche politische Anstrengung dagegen unternommen. Dafür lässt sich viel politisches Kleingeld mit der Frauenförderung einstreichen.

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