"Hepp, hepp, Jude friss Speck!"

02.02.2013

Erkenntnisse aus einer regionalen Studie über Judenbilder in der Mundartliteratur bis 1918

Der industriell betriebene Massenmord an sechs Millionen Juden im 20. Jahrhundert wäre ohne duldendes Stillverhalten und Kollaboration einer sehr großen Bevölkerungsmehrheit nicht möglich gewesen. Zu den Voraussetzungen gehören feindselige Einstellungen gegenüber Juden, die lange vor den Nationalsozialisten tief in der Gesellschaft verankert waren. Die ideengeschichtlich wirksamen Theoretiker des Antisemitismus, die im 19. Jahrhundert für neue Ausformungen des Judenhasses einstehen, sind weithin bekannt. Erkenntnisse über Alltagswirklichkeiten sind damit freilich noch nicht gewonnen. Auch auf dem Feld der literarischen Forschungen muss man in die Kleinräume hineingehen, um etwas über verbreitete Mentalitäten und Vorurteile zu erfahren. In diesem Beitrag geht es um eine entsprechende Studie von unten, die ich im Rahmen einer regionalen Mundartliteraturgeschichte für das südlichste Westfalen veröffentlicht habe.

"Sozialkatholischer" Antisemitismus: Judas Iskariot, dargestellt von Johann Zwink bei den Oberammergauer Passionsspielen 1900. Bild: Library of Congress

Seit den 1980er Jahren sind zahlreiche lokale Darstellungen zur Geschichte der Juden im Untersuchungsgebiet meiner Studie veröffentlicht worden. In diesen heimatgeschichtlichen Beiträgen meldet sich vor allem das Bedürfnis zu Wort, an die nahen Opfer der Shoa zu erinnern. Oftmals ist dies gepaart mit einer Tendenz, dem eigenen Ort hinsichtlich des christlich-jüdischen Zusammenlebens passable Noten auszustellen und positive Zeugnisse hervorzuheben. Auch deshalb ist der Blick auf Quellen, die noch nicht unter dem Gesichtspunkt von "Vergangenheitsbewältigung" geformt oder sortiert sind, für den Regionalhistoriker so wichtig.

Definitions-Probleme

In Forschung und Darstellung hat sich die - stark vereinfachende - Unterscheidung von drei Grundformen bzw. Dimensionen der Judenfeindlichkeit bewährt. In den Blick kommen der christliche Antijudaismus (bis hin zum religiös motivierten Judenhass), die Judenfeindlichkeit mit "sozioökonomischen" Hintergründen sowie der nationalistische und "völkisch-rassistische" Antisemitismus. Zur Distanzierung von weltanschaulich konkurrierenden Antisemiten und später zur Schönfärbung der eigenen judenfeindlichen Geschichte haben vor allem Christen auf eine saubere Abgrenzung der unterschiedlichen Komplexe des Judenhasses gedrängt. Doch im Licht der historischen Befunde erweisen sich entsprechende Rechtfertigungsversuche in den meisten Fällen als unhaltbar.

Andererseits hat die inflationäre Bedeutungsausdehnung des Begriffs "Antisemitismus", bei der am Ende z.B. ein jüdischer Kritiker von israelischen Nationalisten als "selbsthassender Antisemit" verleumdet werden kann, inzwischen viel zur Verwirrung der Gemüter beigetragen (auch als pro-jüdischer Pazifist hat man heute kaum Chance, dem von angeblich "emanzipatorischen" Kräften instrumentalisierten Antisemitismus-Vorwurf immer zu entgehen). Ich selbst bevorzuge - jeweils unter Hinweis auf mutmaßliche Motivationen - die Begriffe "Judenfeindlichkeit" oder "Judenhass". Um der Klarheit willen wäre es verlockend, die Bezeichnung "Antisemitismus" wirklich nur für explizit rassenbiologische Feindbildkomplexe zu reservieren, in denen das Judentum nicht als Religion, sondern als genetische Disposition verstanden wird. Dies ist jedoch nicht statthaft, da sich z.B. seit dem späten 19. Jahrhundert nicht wenige katholische Autoren selbst - expressis verbis - zu einem "guten" bzw. "richtig verstandenen Antisemitismus" bekannt haben.

Das Untersuchungsgebiet der Studie

Untersuchungsgebiet meiner Mundartstudie über Judenbilder ist das Sauerland, dessen Grenzen jedoch bisweilen hin zur direkten Nachbarschaft überschritten werden (im Wesentlichen geht es um die Kreise Olpe, Hochsauerlandkreis, Märkischer Kreis und Soest). Aufgrund einer unterschiedlichen politisch-konfessionellen Geschichte ist diese Mittelgebirgslandschaft gespalten in das protestantisch geprägte märkische und das katholisch-kurkölnische Sauerland. Der evangelische Teil im Westen stand schon seit 1609 unter der Herrschaft von Brandenburg-Preußen, war früher industrialisiert und zeichnete sich durch eine größere Bevölkerungsdichte aus. Zur napoleonischen Zeit gehörte er zum Herzogtum Berg (1806-1813), in dem das französische Vorbild einer rechtlichen Gleichstellung der Juden zumindest teilweise Nachahmung fand.

Ehemalige Synagoge im sauerländischen Padberg. Bild: Rmbonn. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die früher sehr kleinbäuerlich geprägte katholische Hälfte im Osten unterstand dagegen schon seit 1449 jahrhundertelang den Kölner Kurfürstbischöfen und hielt in dieser Zeit einer recht fernen Landesobrigkeit zäh an regionalen Selbstverwaltungstraditionen fest. 1803 übernahm hier Hessen-Darmstadt für ein gutes Jahrzehnt die Herrschaft, ohne allerdings für einen Durchbruch zur Judenemanzipation zu sorgen. Man berief sich sogar weiterhin in Rechtsfragen auf die letzte kurkölnische Judenordnung von 1700.

Nach dem endgültigen Fall Napoleons 1815 gehörte das gesamte Sauerland unterschiedslos zur neugebildeten preußischen Provinz Westfalen. Hohe Beamte wie Ludwig von Vincke, Oberpräsident der Provinz, und der Landtagsmarschall Freiherr von Stein hatten nunmehr allerdings mit dem 1812 auch in Preußen erlassenen Reformedikt über "die bürgerlichen Verhältnisse der Juden" nicht mehr viel zu schaffen. Sie versuchten vielmehr, erreichte Fortschritte rückgängig zu machen, und ignorierten liberale Gutachten zugunsten von unhaltbaren Schauermärchen über eine neue Versklavung der Bauern durch jüdische Geldverleiher. Einzelne Vertreter des frühliberalen Bürgertums im katholischen Sauerland, das man als hoffnungslos rückständig betrachtete, zeigten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an dieser Stelle eine eindeutig fortschrittlichere Gesinnung als die Sachwalter Preußens in Westfalen.

Übrigens waren auch führende Persönlichkeiten des Judentums im südlichen Westfalen stark von der Aufklärung geprägt, doch nicht alle kleinen Leute in den Synagogen-Gemeinden hießen deren Reformeifer gut. (Vor dem Siegeszug des "Ultramontanismus" gab es bei den Katholiken ganz ähnliche Konflikte.)

Der Untersuchungsgegenstand: plattdeutsche Literatur bis 1918

In meiner Studie, deren nun veröffentlichter Teil nur den Zeitraum bis zum Ende des ersten Weltkrieges erfasst, stehen plattdeutsche Sprachzeugnisse im Vordergrund, in denen "Juden" zum Thema werden (im vorliegenden Beitrag konzentriere ich mich bewusst nur auf die unfreundlichen oder feindseligen Inhalte). Die entsprechenden Quellen, erschlossen im Rahmen einer seit mehr als 20 Jahren betriebenen Archivarbeit, sind sogar den wenigen Mundartspezialisten der Landschaft zum Großteil unbekannt. Sie geraten auch aufgrund der geschwundenen niederdeutschen Sprachkompetenz leicht in Vergessenheit und müssen heute durch hochdeutsche Übersetzungen oder Inhaltsangaben vermittelt werden. In der Darstellung werden lokal- oder regionalhistorische Kontexte mit berücksichtigt. Ein Exkurs wirft außerdem Licht auf Vergleichstexte von "norddeutschen Klassikern" (vgl. Uns’re Lait werden dann Schossehstein klöppern).

Im subliterarischen Bereich angesiedelt ist das sogenannte Volksgut, zu dem u.a. Brauchtumslieder, Tanzverse, Kinderreime, Redensarten und Sprichwörter gehören. Aufzeichnungen dazu sind meistens erst durch die frühe Heimatbewegung zur Zeit des Kaiserreiches erfolgt, aber zahlreiche Überlieferungen reichen wohl sehr viel weiter zurück. Für die genannten Gattungen darf man einen festen Sitz im sozialen Leben bzw. im Alltag der Leute annehmen.

Der eigentliche Durchbruch zu einer neuniederdeutschen Mundartliteratur erfolgte zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Material auf diesem Feld ist im Rahmen einer auf Vollständigkeit zielenden Recherche zusammengetragen worden. Es handelt sich - zumindest im Bereich der Bucherzeugnisse - in keiner Weise um Zufallsfunde. Die behandelten Mundartautoren, mehr als 20 an der Zahl, schreiben für ihre heimatliche Region und meistens wohl auch für ein bestimmtes Herkunftsmilieu. Sie verarbeiten eigene raumbezogene Erfahrungen und wissen um Erwartungen ihrer Leser. Man darf mit einiger Berechtigung vermuten, dass ihre - z.T. sehr populären - Textproduktionen auch regionale Mentalitäten, in der Landschaft verbreitete Stereotypen und dörfliche Erzähltraditionen spiegeln. Im Einzelfall kann man hinter den Gestalten der "heiteren Schwankprosa" sogar identifizierbare Personen entdecken.

Religiöse und konfessionelle Aspekte

Die deutlichsten Bezüge zur althergebrachten christlichen Judenfeindlichkeit begegnen uns im Bereich der leutenahen Überlieferungen. Besonders drastisch fallen die Attacken auf den "Judas" aus, welcher mitunter in einer symbolischen Menschenverbrennung auf dem Osterfeuer hingerichtet wird. Das hierzu gesungene plattdeutsche "Jiudaslaid" thematisiert allerdings nur in einer einzigen Zeile das religiöse Motiv des "Heilands-Verrats". Im Vordergrund steht die Verkörperung des Geldgierigen und Geizigen, der den armen Leuten nichts gönnt.

Fronleichnamsprozession 1931 in Eslohe (Sauerland): Im Hintergrund ist das Haus des jüdischen Kaufmanns Robert Goldschmidt zu sehen, anlässlich der katholischen Sakramentsverehrung geschmückt mit einem Wandbehang, großen und kleinen Fahnen sowie Büschen an der Straße. Bild: Archiv Museum Eslohe

Bezogen auf den Untersuchungszeitraum ist der fromme Katholik Friedrich Wilhelm Grimme (1827-1887) der auflagenstärkste, populärste und wirkungsgeschichtlich bedeutsamste Mundartautor des Sauerlandes. Seine aggressivsten Stücke stehen eindeutig im Zusammenhang mit dem Kulturkampfkomplex und entfalten ein breites Arsenal an antisemitischen Feindbildern. Sie erscheinen - wohl kaum zufällig - zum ersten Mal 1872 im Zuge einer erweiterten Neuauflage der Schwänke von 1859/60. Im Hintergrund sind die katholische Ablehnung der Moderne und das antisemitische Klima im Erzbistum Paderborn unter Bischof Konrad Martin zu beleuchten. Der Priester Joseph Rebbert aus dem sauerländischen Winterberg gehörte neben dem sozialklerikalen Georg Ratzinger aus Bayern, einem Großonkel des heutigen Papstes, und dem Münsterländer August Rohling zu den schärfsten Vertretern des konfessionell geformten Judenhasses vor 1900.

Insgesamt gibt es - auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Quellenquantität - in meiner Studie für das Sauerland ein eindeutiges konfessionelles Ungleichgewicht zu konstatieren: Populäre judenfeindliche Mundartzeugnisse sind eine besondere Spezialität im katholischen Teil der Landschaft. Beim Vergleich der Landschaftsteile muss man neben der Konfessionsverschiedenheit natürlich auch Aspekte der politischen, wirtschaftlichen und sprachlichen Geschichte berücksichtigen. Im Licht der neueren Katholizismus-Forschung, insbesondere der Arbeiten von Olaf Blaschke, verweisen die meisten judenfeindlichen Textbefunde jedoch deutlich auf einen "konfessionellen" Milieukontext (vgl. auch: Pro Judaeis).

Sozialneid und "Kleineleute-Populismus"

Bei den negativen Judenstereotypen nehmen Vorurteile im Bereich der Ökonomie, wie sie schon in den plattdeutschen Sprichwörtern über Handelsjuden oder auch sonst im "Volksgut" und dann am nachdrücklichsten in den Mundartprosastücken entfaltet werden, den größten Raum ein. Der "Judas-Jude", der die Armen betrügt oder ihnen nichts gönnt, muss - sofern er eben nicht samt Geldsack im Osterfeuer verbrennt - überlistet werden. Das im Schwank-Genre ohnehin sehr bedeutsame Erzählmuster der "Übertrumpfung" ist ideal, um den Sieg des kleinen Mannes über "den Juden" in Szene zu setzen (eine mustergültige Form dafür bietet z.B. schon das von den Brüdern Grimm in mehreren Varianten dargebotene Märchen "Der Jude im Dorn"). Dass die konstruierte Rollenaufteilung in einen "geldgierigen Täter" und ein "armes Opfer" mitunter in eine gehörige Schieflage gerät, wird den antisemitischen Autoren nicht zum Problem. Die "Kriegführung" auf der Seite von Christenmenschen ist in ihren Augen scheinbar immer gerecht. Unehrlichkeit und Schliche gelten bei den christlichen Helden einfach nur als Pfiffigkeit. Bereits in der 35. Historie des "Til Ulenspiegel"-Buches (um 1510) liest man ja gleich zur Einleitung: "Niemand soll betrübt sein, wenn den listigen Juden ein Auge zugehalten wird." Im antisemitischen "Sozialismus der dummen Kerls" (August Bebel) und ebenso in manchen "sozialkatholischen" Zusammenhängen galt das noch immer.

Die "Judas-Puppe" in der Karwoche auf einem Osterfeuer von Katholiken im Hochsauerland noch im Jahr 1982. Bild: Pfarrer Hartmut Köllner, Meschede

Es lohnt sich aber, ganz genau hinzusehen. Die Schwankautoren verraten nämlich in ihren Texten sehr viel über die vorurteilsbeladene, ganz ungerechte Erwartungshaltung der christlichen Kunden von jüdischen Kaufleuten, die sich ein unehrliches Geschäftsgebaren im nahen Sozialgeflecht am allerwenigsten hätten leisten können. Auch bezüglich des sprichwörtlichen Viehhändlerbetrugs enthalten die Schwänke zwar viele Vorurteile, am Ende aber keine substantiellen Vorwürfe. Wiederum gilt es als löblich, wenn der christliche Metzger die Kuh bekommt, obwohl er viel weniger zahlt als der jüdische Viehhändler.

Wir befinden uns auf dem Lande. Die Mehrheit der Juden, die dort bleiben und nicht in die Stadt ziehen, zählt auch im späten 19. Jahrhundert zu den kleinen Leuten. Viehhändler und Bauern kennen sich gut. Man duzt sich. Sogar antisemitisch disponierte Mundartautoren kommen nicht umhin, das jüdische Alltagsleben in der Landschaft noch irgendwie halbwegs realistisch darzustellen. Im Einzelfall muss man allerdings den absurden Vergleich der friedlichen Koexistenz von zwei jüdischen Dorfmetzgern mit den Geschäftsabsprachen von Großkonzernen über sich ergehen lassen.

Exkurs: Und die christlichen Wanderhändler?

Besonders viele unfreundliche Textbefunde kommen aus dem oberen Sauerland, wo einstmals nicht nur die jüdischen Sauerländer, sondern auch viele Getaufte dem Handelsgewerbe nachgingen. Der Wanderhandel, der von unterbäuerlichen Schichten ausging, schon im 17. Jahrhunderte verstärkte Bedeutung erlangte und im Zeitalter der Industrialisierung einem großen Wandel unterlag, umfasste arme Holzwarenhausierer, ambulantes Textilgewerbe und schließlich die berühmten Sensenhändler. Wie die Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts spiegelt er widrige Agrarverhältnisse und die Not in der Landschaft. Doch der Heimatdichter F.W. Grimme benutzt das aus der Not geborene Phänomen gerade zur Auszeichnung des "Sauerländers", der in seinen Augen gewitzt, beweglich, tüchtig, kommunikationsfreudig und weltoffen ist. Beim jüdischen Händler würde der Antisemit an gleicher Stelle negative Bezeichnungen wählen (verschlagen, gewinnsüchtig, aufdringlich, heimatlos-entwurzelt etc.).

Wenn wir nun die in Peter Höhers Dissertation "Heimat und Fremde" (1985) belegten weniger vorteilhaften Fremd- und Selbstbilder aus dem Bereich des sauerländischen Wanderhandels alle auflisten würden, käme ein wahres Sammelsurium von solchen Zuschreibungen zustande, wie sie auch von Antisemiten benutzt wurden: Die katholischen Wanderhändler des oberen Sauerlandes sind verschlagen, listig, gerissen, geizig, materialistisch, profitgierig, religiös-sittlich unzuverlässig, rastlos, konkurrenzorientiert (auch unter Ihresgleichen) und abgeneigt gegenüber körperlich-landwirtschaftlicher Arbeit; sie üben sich in Heimlichtuerei (mit einer unverständlichen "plattdeutsch-jiddischen" Sondersprache), betreiben Gaunerei (als "Hampelkniffer"), Preisbetrug und sogar Schieberhandel, jammern rituell oder in steuerbehördlichen Zusammenhängen über "schlechte Geschäfte", kleben Phantasie-Etiketten auf ihre "Qualitätsprodukte", wickeln ihre Kunden mit "Schmus", Hypnose, Garantieversprechen und der Möglichkeit zu späterer Bezahlung um den Finger, geben Geschäftspartner ohne Gewerbeschein als "Handelsknechte" aus, treten auf wie "Barone", blicken in ihrer heimatfernen Verkaufsregion auf einfache Bauern geringschätzig herab, verdrängen in der nahen Nachbarschaft einen Erwerbszweig kleiner Leute, lassen zwangseintreiben und sogar pfänden, leisten sich als "Sensenschaitze" besonders gutes Essen, imponieren alsbald durch "sozialen Aufstieg" (Landerwerb, Hausbau, später auch Autokauf), beuten nach Verabschiedung gleichberechtigter Geschäftsmodelle Lohnabhängige in Kolonnen aus … Eigentümlichkeiten, Verkaufsstrategien und Weiterentwicklungen ambulanter Handelstätigkeit kann man eben auf ganz verschiedene Weise betrachten. Doch welcher katholische Wanderhändler aus dem früheren Sauerland würde sich in unserer pauschalen Auflistung wiederfinden?

Physiognomie und Charaktereigenschaften

Thomas Gräfe schreibt über die Zeit des Kaiserreiches: "Die Darstellung der >jüdischen Physiognomie< war eine allgemein akzeptierte Norm." An Bestätigungen für diese Feststellung fehlt es auch in meiner regionalen Mundartstudie nicht. Der Judas des plattdeutschen Osterfeuerliedes guckt mit einem Auge scheel. F.W. Grimme zeichnet die lächerliche Gestalt des jüdischen Händlers Schmuhl Kalmen Löwenstein so: seine Gestalt ist winzig, das Barthaar rot, ein Auge schief und der Nasenzipfel bis hinunter zu den Lippen gekrümmt. Einem Packjuden aus Menden bescheinigt der gleiche Autor Zwiebelgeruch, und seine Figur des "Kuier-Joistken" lässt er über einen "stinkigen Juden" schimpfen. Ein geistlicher Autor präsentiert - hochdeutsch - den zwergenhaften Rabbi Jehuda Ben Thema mit einem sehr breiten Mund, der an beiden Seiten fast bis hin zu den Ohren reicht. In einem plattdeutschen Schwank geht es um ein "krummbeiniges Judenjüngelchen mit krausen, roten Haaren" und Gesichtsflecken. Krummbeinigkeit, kleiner Wuchs und Rothaarigkeit tauchen immer wieder in den Sprachzeugnissen auf. (Nach 1900 ist im größeren Kontext mit Einflüssen der westfälischen - völkisch geformten - Stammesideologie zu rechnen.)

Karikatur "Der Ewige Jude" von Gustave Doré, 1852

Bezüglich der Zuschreibung von Charaktereigenschaften gibt es in den berücksichtigten Textquellen nicht nur Beispiele für Geiz, Habgier, betrügerisches Gaunertum oder "Fleischeslust" im doppelten Sinn des Wortes. Schon im Kontext der sprichwörtlichen plattdeutschen Frauenverachtung werden "Weiber und Juden" in einem Atemzug genannt, was sich im Schwankgenre wiederholt. Juden sind außerdem eitle und geltungssüchtige Sonntagsjäger oder "Judenjüngelchen" in der Schule, die "lieb Kind" machen, d.h. sich beim Lehrer förmlich einschleimen. Sie leiten mit freundlichen Worten hinterrücks eine Pfändung ein und pflegen zumeist eine Klagementalität. Bei - von Mitmenschen inszenierten - Bedrohungen erweist sich ihre große Feigheit. Die Angstzustände, die in entsprechenden Beispielen anschaulich und drastisch vermittelt werden, sind für den kritischen Leser eigentlich nur vor dem Hintergrund einer langen Geschichte von Diskriminierung, Verfolgung und Gewalt verständlich. Dass Juden auch bei ganz kleinen Ordnungsvergehen und nachfolgender behördlicher Verfolgung besonders verwundbar sind, machen sich die christlichen Helden der Mundartschwänke genüsslich zunutze. Sie wollen sich über den zitternden Juden amüsieren bzw. den vom jüdischen Dorfbewohner erlegten Hasen ohne Gegengabe selber essen. Schließlich bahnt in der Fremde der gemeinsame Unmut von zwei Sauerländern über einen "krummbeinigen Sohn Israels" den Weg zur landsmannschaftlichen Heimatverbrüderung beim Bier.

Beobachtungen zu Sprache und Sprachverhalten

Im Sauerland wurde - zumindest ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - von Juden vermutlich kein reiner westjiddischer Dialekt mehr gesprochen. In den meisten Texten aus der Mundartliteratur, die ich berücksichtigt habe, sprechen die sauerländischen Juden in dörflichen oder beruflichen Zusammenhängen plattdeutsch wie ihre Umgebung auch. Ich vermute, dass damit für die Zeit bis Anfang des 20. Jahrhunderts das tatsächliche Sprachverhalten zutreffend gespiegelt wird. Die Autoren aus dem oberen Sauerland bezeugen außerdem, dass - höchstwahrscheinlich über die Sondersprache der sauerländischen Wanderhändler ("Schlausmen") - aus dem Jiddischen oder Hebräischen entlehnte Wörter Eingang in ihre plattdeutsche Muttersprache gefunden haben.

Einen echten Ausnahmebefund für das Sauerland bieten Prosastücke mit Sprechpassagen aus den Mundartbüchern von Gottfried Heine aus Bödefeld: Eine strikte Unterscheidung nach unterschiedlichen Sprachsituationen ist nicht auszumachen. In sieben Beispielen sprechen Juden Plattdeutsch (dreimal mit Abweichungen, die wohl "jiddisch" sein sollen). In dreizehn Texten sprechen Juden Hochdeutsch, davon nur in zwei Beispielen frei von einer "pseudojiddischen Umformung" durch den Autor (das entspricht mit Sicherheit nicht dem Sprachverhalten von jüdischen Sauerländern zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichungen). Somit wird hier mit der sonst vorherrschenden Regel gebrochen, dass einheimische Juden in Mundartschwänken "Plattdeutsche" sind wie andere Sauerländer auch. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Befund nicht mit der besonders offenkundigen Judenfeindlichkeit des Autors zusammenhängt, die sich auch durch eine außergewöhnliche Quantität entsprechender Texte ausdrückt.

Wo die Mundartautoren sich "judendeutsche" Sprechpassagen zusammenreimen, tritt im Übrigen die Absicht, die sprechenden Gestalten lächerlich wirken zu lassen, in sehr vielen Fällen offen zutage.

Hinweise auf Aggressionsbereitschaft

Die Zeugnisse spiegeln mehrheitlich Vorurteile, Klischees und Feindbilder zur Zeit des Kaiserreiches. Im Gefolge des ersten Weltkrieges wird es zu einer weiteren Radikalisierung der judenfeindlichen Hetze kommen, doch die in der Studie gesichteten Texte lassen schon etwas von den Voraussetzungen dieser Entwicklung ansichtig werden. So begegnen wir etwa in mehreren Beispielen Wirtshaushelden, die ganz grundlos auf Kosten von Juden ihren Spaß bzw. ihr böses Spiel treiben. Offenbar gelten Juden als ideale Opfer, denn die sie verspottenden "Helden" können unter Beifall auftrumpfen, ohne mit Widerspruch rechnen zu müssen.

Illustration zu dem verbreiteten Sprichwort "Haust du meinen Juden, so hau ich deinen Juden" (Quelle: Fuchs, "Die Juden in der Karikatur" 1921.)

Nun ließe sich an dieser Stelle noch einwenden, dass bei den Mundartautoren ja auch auf Kosten anderer Gruppen gelacht wird und man im Einzelfall die Feindseligkeit gegenüber einem Nachbardorf ebenfalls nicht nur über Lästerverse austrägt. Ein solcher Einwand überzeugt nicht. In plattdeutschen Streichen, die sich z.B. nur innerhalb des katholischen Kollektivs abspielen, geht es fast immer wesentlich gemütlicher bzw. gutmütiger zu als in jenen Stücken, in den sich die Autoren ganz speziell auf "die Juden" eingeschossen haben.

Auch verbale Gewalt ist Gewalt. Aber noch beunruhigender sind jene Hinweise auf Aggressionsbereitschaft in den von uns gesichteten Textzeugnissen, mit denen zusätzlich Verletzungen der körperlichen Unversehrtheit ins Blickfeld rücken. Das fängt - auf der Folie einer langen Gewaltvorgeschichte - beim Brauchtum an. Am Sankt-Peterstag soll das unerwünschte Kleingetier ins Judenhaus getrieben werden, und ein Berichterstatter behauptet 1932, bei den entsprechenden Umzügen der Briloner Jugend hätten die Juden einstmals Türen und Fenster verrammeln müssen. Der Fastnachtskerl aus Stroh ist ein "alte Jude" und wird unbarmherzig mit einem Prickelstock malträtiert. Die Verbrennung der Gestalt des geldgierigen Judas im Osterfeuer erfolgt mit größter Genugtuung und mündet in freudige Halleluja-Rufe. In plattdeutschen Tanzversen soll "der Jude" sich "in die Hose scheißen", unter Hepp-Hepp-Rufen Speck fressen oder ein Ohr abgeschnitten bekommen. Dergleichen gehörte auf manchen Tanzböden offenbar mit zum beliebtesten Standard-Repertoire.

In einem Mundartband von 1907 prügelt ein Sauerländer Adeliger den Olsberger Juden Moses wegen der Nutzung eines Privatweges mit einem Krückstock "halb kaputt". Es folgt ein vermeintlich harmloses Stück, das die Assoziation "Jude stirbt auf der Miste" weckt. Die Sammlung enthält gleichfalls das Stück "Aaron fisket", in welchem ein Polizist dem jüdischen Schwarzangler gleich mit sechs Pistolenmännern Angst einjagen lässt. In einem Prosatext "Odam un dai Jiuden" von 1908 verprügelt ein halbinvalider Bergmann hinter verschlossener Tür zwei Juden und zwar so kräftig, dass sie an den Wänden hochfliegen. Dieses Stück ist dann 1940-1942 mindestens dreimal nachgedruckt worden, nachdem eine etwas andere Version der Geschichte bereits 1938 aufgetaucht war.

Zweckfreie Forschung?

Wenn gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit eskaliert, gibt es immer eine Vorgeschichte. Die heute im Alltag fest verankerte Islamfeindlichkeit lässt sich über die kommerzielle Massenkultur bis in die 1980er zurückverfolgen, wie ich in meinen Filmstudien "Kino der Angst" (2005/2007) und "Bildermaschine für den Krieg" (2007) aufzeige. In bürgerlichen Kreisen findet heute der islamophobe Populist Thilo Sarrazin (SPD) Beifall, der unter Hinweis auch auf angebliche genetische Dispositionen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen und besonders gegen Menschen mit Migrationshintergrund hetzt. Anfang 2012 strahlte der öffentlich-rechtliche Hessische Rundfunk trotz der rassistischen Serienmorde von Rechtsterroristen einen schäbigen Karnevalsbeitrag mit antitürkischen Stereotypen aus der untersten Schublade gleich zweimal aus. Fast zeitgleich zeigte sich die Menschenrechtsorganisation amnesty international entsetzt über rassistische Karikaturen in einem Kalender des bayrischen Landesverbandes der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Eine zehnjährige Studie "Deutsche Zustände" (2002-2012) des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung unter Leitung von Wilhelm Heitmeyer weist auf eine regelrechte Verrohung der Mittelschicht hin.

In Europa, das unter deutscher Federführung vom esoterischen Komplex des Neoliberalismus nicht lassen will und viele Menschen systematisch in die Armut treibt, wächst die Gefahr rassistischer Gewalt - im Verein mit aggressiv-ausgrenzenden Formen von Regionalismus. Speziell die neuerliche Zunahme von Judenhass, der in historischer Perspektive immer als gefährlichster Sonderfall von Menschenhass betrachtet werden muss, ist nicht mehr zu übersehen. Die bis ins 19. Jahrhundert zurückgehende Sichtung von menschenfeindlichen Mentalitäten und Kulturerzeugnissen kann auch angesichts eines solchen Klimas nicht als zweckfreie Forschung betrachtet werden.

Die hier mit einigen ausgewählten Ergebnissen vorgestellte Studie über Judenbilder in der sauerländischen Mundartliteratur umfasst samt Quellenteil 236 Seiten und ist veröffentlicht in:
Peter Bürger, Liäwensläup. Fortschreibung der sauerländischen Mundartliteraturgeschichte bis zum Ende des ersten Weltkrieges. Eslohe: Eigenverlag Museum Eslohe 2012, S. 553-740 und 749-787. [Internet-Dokumentation mit Kurzvorstellung, Inhaltsverzeichnis und Register des Bandes: daunlots nr. 58 ]

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