Riester-Rente oder doch ein Haus?
Der dritte Akt gehört dem alten Paar. Bark kommt nach New York, um von dort mit dem Zug nach Kalifornien zu fahren. Nach fünfzig Jahren Ehe bleiben den beiden fünf gemeinsame Stunden. Auch das könnte der Ausgangspunkt für triefende Sentimentalität sein. Aber Lucy hat sich ausbedungen, dass Bark von ihrer Unterbringung im Heim nichts erfahren darf - eine letzte fromme Lüge und das erste Mal in den fünfzig Jahren, dass sie ein Geheimnis vor ihm hat. Wenn er abgefahren ist wird sie die erste Nacht im Idylwild Home verbringen. Ihren Schaukelstuhl hat man schon hingebracht. Dieser Schaukelstuhl zieht sich als Motiv durch den Film. Am Anfang trägt ihn Mamie in das Wohnzimmer von George und Anita, wo sein Knarzen von Lucy als störender Präsenz im bis dahin geordneten Haushalt zeugt. Dann erweist sich die im Schaukelstuhl sitzende Lucy als "a real mensch", wie der Jude Rubens sagen würde. Und am Ende wird der Schaukelstuhl ins Altenheim transportiert, weil in diesem Film - und in der Gesellschaft, die er zeigt - Menschen wie Möbelstücke behandelt werden, die man von hier nach da verfrachtet.
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McCarey gelingt dabei das Kunststück, zu kombinieren, was sich eigentlich nicht kombinieren lässt. Es gibt ausreichend Momente, in denen man sein Taschentuch vollweinen kann, und doch wird der Film nie Rührstück oder Traktat, bleibt er nüchterne Bestandsaufnahme. Statt mit der Bibel oder mit religiösen Erbauungstexten nach uns zu werfen, wird McCarey, der katholische Regisseur von Pfarrer- und Nonnenfilmen, der vermeintliche Kommunistenhasser und Rechtsaußen von Hollywood, politisch, gibt er sich als Anhänger von Roosevelt zu erkennen. Man muss nur genau hinschauen. McCarey bleibt immer dezent, statt zu predigen. Es gibt nicht ein Wort, das direkt auf Roosevelt und seine Politik hinweisen würde. Und doch ist der New Deal nicht aus Make Way for Tomorrow wegzudenken.
Was macht man, wenn man ein paar Stunden in New York verbringt und kein Geld hat? Einen Schaufensterbummel, der kostet nichts. McCarey führt uns in eine der teuren Einkaufsstraßen und fragt (durch die Bilder, nicht im Dialog), was der Kapitalismus Leuten wie Lucy und Bark Cooper zu bieten hat? Zum Beispiel dies: Ein Herrenausstatter hat seine Auslage mit teurer Ware bestückt. Doch wer mit Barks Augen in das Fenster blickt sieht nur das Schild, auf dem ein Verkäufer (oder nur ein Hilfsarbeiter?) gesucht wird. Das wäre eine letzte Chance. Bark geht unter einem Vorwand in den Laden und kommt gleich wieder heraus; für den Arbeitsmarkt ist er viel zu alt. Die Bank nebenan hat das Bild eines wohlhabenden Paares ins Fenster gestellt, das seinen Lebensabend in bequemen Sesseln am Kamin genießt. Man solle vorsorgen, solange man noch jung ist, verlangt der Werbetext.
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Fürwahr. Bark und Lucy sind selber schuld. Hätten sie mal besser vorgesorgt, während sie mit dem mageren Gehalt eines Buchhalters fünf Kinder großzogen. Auch George und Anita sollten dringend etwas zur Seite legen, während sie das Geld für die Collegeausbildung ihrer Tochter ansparen und sich den Kopf zerbrechen, wie sie das Altenheim für die Oma stemmen sollen. Schöne neue Finanzprodukte wie die Riester-Rente, mit denen die Verkäufer satte Gewinne machen, gab es damals noch nicht. Aber wie wäre es mit einem Investment bei den Lehman Brothers? In Immobilien dagegen sollten sie nur investieren, wenn sie ganz sicher sind, dass sie den Kredit, den ihnen die Bank bestimmt großzügig gewährt (mit Bonitätsprüfung oder ohne), zurückzahlen können. Sonst nämlich pfändet ihnen die Bank die Eigentumswohnung oder das Haus wie Bark und Lucy und sie müssen froh sein, wenn sie danach keine Schulden haben, statt dem Heim, das sie jahraus jahrein abbezahlt haben, bis es nicht mehr ging. Hier, glaube ich, ist auch die Erklärung dafür zu suchen, warum McCareys Kritik an einem Land, das den Markt alles regeln lässt, so dezent ist. Er war ein gänzlich unzynischer Regisseur. Weil es aber schwer bis unmöglich ist, ohne Zynismus auf eine zynische Welt zu reagieren, wählte er den indirekten Weg.
Soziale Sicherung für weiße Männer
Wahrscheinlich fiel ihm die Zurückhaltung leicht, weil er für etwas sein konnte statt dagegen. Im August 1935 verabschiedete der Kongress den Social Security Act, eines der wichtigsten Vorhaben der Regierung Roosevelt. Damit wurde in den USA die Rentenversicherung eingeführt. Die Sozialgesetzgebung im Rahmen des New Deal war so umstritten wie später Obamas Reform des Gesundheitswesens, mit der Einführung einer verpflichtenden Krankenversicherung. Es gab erbitterten Widerstand vom rechten Flügel des politischen Spektrums und den Vorwurf, Roosevelt sei "unamerikanisch" und wolle Amerika dem "Sozialismus" ausliefern (die Tea-Party-Bewegung lässt grüßen). Wenn man aus der Geschichte etwas lernen kann, dann dies: Obama wird sich in seiner zweiten Amtszeit nicht nur deshalb um die Aussöhnung in einem zerstrittenen Land bemühen müssen, weil er sonst den Staatshaushalt nicht genehmigt kriegt. Durch das Lagerdenken der 1930er wurde der Paranoia und der Verfolgung Andersdenkender in der McCarthy-Ära der Boden bereitet (die aktuelle Rhetorik erinnert an finstere Zeiten). Viele von denen, die sich als Roosevelt-Unterstützer exponiert hatten, landeten auf schwarzen Listen. Darum ist es umso bedrückender und unverständlicher, dass sich McCarey dafür hergab, das Projekt der Hexenjäger durch seine Anwesenheit zu legitimieren, auch wenn er keine Namen nannte.
Obwohl 1935 verabschiedet, war der Social Security Act so umkämpft wie nie zuvor, als der Film entstand. Die Gegner versuchten, Roosevelts Sozialgesetze vor dem Supreme Court zu Fall zu bringen. Auch das kennt man. Obamas Krankenversicherung wurde mit einer knappen Mehrheit der Richterstimmen bestätigt (am bedeutsamsten an seiner Wiederwahl könnte sich einmal erweisen, dass jetzt die Demokraten und nicht die Republikaner Richter ernennen, die noch ihre Posten innehaben werden, wenn Obama längst in Rente ist). Roosevelt hatte bereits erleben müssen, dass einige seiner New-Deal-Gesetze von Richtern, denen er eine politische Motivation unterstellte, als verfassungswidrig kassiert worden waren. Um sich eine ihm und seiner Politik zugeneigte Mehrheit zu sichern, schlug er Anfang 1937 eine neue Regelung vor. Dem Präsidenten sollte es erlaubt werden, zusätzliche Bundesrichter zu ernennen, wenn sich amtierende Richter über 70 weigerten, in den Ruhestand zu gehen (damals allein sechs am Supreme Court). Das Manöver scheiterte am negativen Echo in der Öffentlichkeit, belastete das ohnehin vergiftete politische Klima noch weiter und brachte Roosevelt erst recht den Vorwurf ein, eine sozialistische Diktatur errichten zu wollen (bei der Rentenversicherung kam ihm die Biologie zu Hilfe: einer von den republikanischen Richtern starb).
Soweit der historische Hintergrund. Alles, was in Make Way for Tomorrow passiert, ist ein Beleg für die Notwendigkeit des Social Security Act. Daraus folgt nicht automatisch, dass McCarey und seine Drehbuchautoren blind gegenüber den Schwächen und Ungerechtigkeiten in den Sozialgesetzen gewesen wären. Bezeichnenderweise endet der zweite Akt nicht, wie zu erwarten, mit Anita und George vor dem Spiegel. McCarey schiebt an dieser dramaturgisch wichtigen Stelle eine kleine, aber feine (und ihm zur Ehre gereichende) Szene mit Lucy und Mamie ein. Lucy schenkt Mamie eine von ihr angefertigte Handarbeit, als Dank für die ihr erwiesenen Freundlichkeiten. Mamie sagt, dass sie den Nachmittag mit ihrem Mann verbringen kann, weil ihr die Coopers freigegeben haben.
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Das ist wieder eine dieser unprätentiösen, auf Regie-Schnickschnack verzichtenden McCarey-Szenen, die einem verschiedene Perspektiven anbieten und dadurch ein komplexes Bild ergeben. In Krimis gibt der Ehemann dem Personal frei, wenn er seine Gattin ermorden und die Leiche beseitigen will. George und Anita, vom schlechten Gewissen geplagt, haben es so eingerichtet, dass niemand aus dem Haushalt dabei ist, wenn Lucy ein letztes Mal die Wohnung verlässt; ganz so, als wollten die beiden keine Zeugen haben, denen sie später wieder begegnen müssen (den mit beinahe menschlichen Eigenschaften ausgestatteten Schaukelstuhl transportiert ein Arbeiter ab). Mamie ist wegen des Abschiedsgeschenks beschämt, weil sie die alte Dame - wie wir auch - falsch eingeschätzt hat und aus jetziger Sicht nicht freundlich genug zu ihr war. Und Lucy wird bewusst, dass auch Mamie ein Familienleben hat (oder haben könnte) und sie ein ähnliches Schicksal teilen. Beide sind wegen ökonomischen Notwendigkeiten von ihren Männern getrennt.
Dazu kommt der Subtext. Lucy und Mamie sind die beiden Personen im Cooper-Haushalt, die der von weißen Männern formulierte Social Security Act am stärksten diskriminiert. Hausfrauen wie Lucy blieben von ihren Männern abhängig, Kindererziehung etc. wurden von der Rentenversicherung nicht erfasst. Etwa zwei Drittel aller berufstätigen schwarzen Frauen waren Hausangestellte wie Mamie. Diese Berufsgruppe war von der Rentenversicherung ausgenommen, genauso wie das Pflegepersonal, ob weiß oder schwarz, das sich im Idylwild Home um Lucy und die anderen Seniorinnen kümmern wird. Das Sozialversicherungssystem war so konstruiert, dass die Mehrheit der Frauen und der Schwarzen durch das Raster fiel.
Make Way for Tomorrow ist auch deshalb ein so guter Film, weil McCarey es versteht, solche Dinge mit zu reflektieren, ohne dafür den moralischen Zeigefinger heben zu müssen oder ermüdende Dialoge in Leitartikelform zu brauchen. Das Mittel seiner Wahl ist die Auslassung, die Freisetzung eines Maximums an Phantasie durch Minimalismus. So erfahren wir zum Beispiel nie, wo Rhoda war, als sie nachts nicht nach Hause kam, wie lange und mit wem sie weg war, wie ein Skandal vermieden wurde und was das für ein Skandal gewesen wäre. McCarey baut seine Szenen so auf, dass sie uns zum Nachdenken darüber inspirieren, was früher war, was gerade geschehen ist und was die Zukunft bringen wird. Paradoxerweise sind es die Ellipsen, die Löcher im Gewebe (und das Mitdenken des Publikums), durch die ein enorm dichter Film entsteht.
Rhythmuswechsel
Höchste Zeit für die utopischen Momente, für die Alternativen in der Alternativlosigkeit. Statt in der Depression zu versinken und sich gegenseitig zu sagen, wie schlimm alles ist, versuchen die beiden alten Leute, das Beste aus den fünf Stunden zu machen, die ihnen bleiben. McCarey unterstützt sie dabei nach Kräften. Einen eigenen Wagen konnten sich Bark und Lucy nie leisten. Aber jetzt bietet ihnen ein Autoverkäufer spontan eine Spritztour in einer Luxuskarosse an. In diesem Wagen, das ist eine der vielen Paradoxien des Films, reduziert sich das Tempo der modernen Welt, in der alles zu schnell für Lucy und Bark ist, es ist nun ihr Rhythmus, an dem wir uns orientieren. Der Verkäufer setzt sie vor dem Luxushotel ab, in dem sie vor fünfzig Jahren schon einmal waren, auf Hochzeitsreise. Hier erlaubt sich McCarey den am deutlichsten politischen Kommentar des Films.
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Im Hintergrund ist ein Ausschnitt von einem dieser pompösen Paläste des Finanzwesens zu sehen, das Gebäude der Republic National Bank. Man darf hier an die republikanischen Grundsätze denken, an das Streben nach Glück und so weiter, aber eben auch an die Republikanische Partei, an ihre Ablehnung von Roosevelts Sozialgesetzen und ihre Verflechtung mit der Finanzlobby. Zugleich wird dadurch die Utopie relativiert, an der uns McCarey teilhaben lässt. Ganz egal, wie vielen freundlichen und hilfsbereiten Menschen Lucy und Bark Cooper in ihren fünf Stunden begegnen: auf der anderen Straßenseite steht immer das steinerne Monument eines wenig sozialen Kapitalismus, die Republikaner-Bank. McCarey lässt uns nie vergessen, dass das eine Gesellschaft bleibt, die von der Zeit und vom Geld regiert wird. Dafür hat er ebenso einfache wie eindrucksvolle Bilder gefunden. Bark etwa greift sich mehrfach an die Brust. Die Hand führt er nicht an sein Herz, sondern an die Uhr, die tickt. (Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA, war stets dem Gemeinwohl verpflichtet, prägte jedoch auch gruselige Kalendersprüche wie "Zeit ist Geld".)
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Im Hotel ist niemand ungeduldig, weil zwei alte Menschen nicht schnell genug durch die Drehtür kommen oder zu lange brauchen, um zu sagen, was sie sagen wollen. Bark will an der Bar einen Aperitif nehmen, und Lucy lässt sich überreden, einen mitzutrinken, was vor fünfzig Jahren undenkbar gewesen wäre. Weil McCarey ein so guter Regisseur und Beulah Bondi eine so gute Schauspielerin ist, sieht man als Zuschauer die alte Frau und zugleich, vor seinem geistigen Auge, das scheue junge Mädchen, das sie einmal war. Das Geistige spielt überhaupt eine große Rolle in diesem wunderbar doppelbödigen Film, der nun geistige Getränke verabreicht, weil der Hotelmanager, des fünfzigjährigen Jubiläums wegen, die Drinks und ein Dinner spendiert. Letzteres ist eigentlich nicht möglich, weil die Coopers von ihren Kindern erwartet werden, die sich bei Nellie zum Abendessen versammelt haben. Doch Bark ergreift die Initiative, ruft bei Nellie an und sagt, dass sie nicht kommen werden.
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Auch diesen Anruf würde ich zu den utopischen Momenten rechnen, die danach fragen, ob es wirklich keine Alternative zur Bank auf der anderen Straßenseite gibt, ob wir nicht öfter so miteinander umgehen könnten wie in diesem Traumhotel und ob es sein muss, dass wir unsere Lebenszeit und unsere Energie für das Aufrechterhalten einer Fassade verwenden, hinter der sich der Eigennutz verbirgt. Nein, sagt der Film. Bark und Lucy müssen nicht mit George, Cora, Nellie und Robert einen Braten essen und ein Photo von sich machen lassen, das sich die Kinder ins Album kleben, damit sie später in nostalgischen Erinnerungen an damals schwelgen können, als sie den Eltern - die dann leider nach Kalifornien respektive ins Heim für alte Frauen mussten - einen schönen Abend bereiteten und sogar die Kosten für einen Festtagsbraten nicht scheuten. Dieser vorgezogene Leichenschmaus bleibt Bark und Lucy erspart. Und so wie meistens gibt es einen Widerhaken.
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Wir hören nicht, was Bark zu Nellie sagt, sehen nur ihr Gesicht dabei. Sehr angenehm ist das Telefonat für sie nicht. Man kennt da bereits die leicht abschätzige Art, wie Bark mit seinen Sprösslingen kommuniziert. Ihre Söhne und Töchter, meint der Hoteldirektor, haben den Coopers bestimmt viel Freude gemacht. "Ich wette, dass Sie keine Kinder haben", erwidert Bark. Ist das ein aus der Not geborener Sarkasmus, oder war Bark schon immer so, und wie wirkte das auf Nellie und ihre Geschwister, als sie noch klein waren? Bei Barks Anruf steht Lucy draußen vor der Telefonzelle. Was für eine Mutter war sie den Kindern, und wie hat das die Beziehungen beeinflusst? Hat man erst angefangen, darüber nachzudenken, findet man viele Hinweise, die man anfangs übersehen hat. Darum habe ich auch keine Skrupel, hier den Inhalt zu erzählen. Das ist kein Krimi, der seine Spannung aus der Suche nach dem Mörder bezieht. Je mehr Vorwissen man hat, desto vielschichtiger und besser wird der Film.
Rosebud
Irgendwann merkt man, dass das eine ebenso schöne wie traurige Liebesgeschichte ist. Es dauert nur eine Weile, bis der Groschen fällt, weil das Liebespaar nicht von der jungen Rhoda und einem ihrer Männerfreunde gebildet wird, sondern von zwei alten Leuten, die einander sehr vertraut sind und doch noch immer Neues an sich entdecken. Einmal sehen wir Bark und Lucy wie am Anfang ihre Kinder: von hinten und so, als würden sie im Kino in der Reihe vor uns sitzen. Das Liebespaar ist gerade dabei, sich zu küssen, als McCarey die vierte Wand einreißt. Lucy wird darauf aufmerksam, dass sie und ihr Liebster von uns, dem Publikum, beobachtet werden, schaut uns an (durch die Kamera), senkt verlegen lächelnd den Blick und ist wieder das scheue junge Mädchen von vor fünfzig Jahren. Bark hat ihr soeben gesagt, dass sie für ihn nach wie vor die Allerschönste ist. McCarey gibt ihm durch seine Inszenierung recht. Ich kann mich an keine Einstellung in einem Hollywood-Film der 1930er erinnern, die berührender wäre als diese.
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Früher, als ihr Leben noch intakt war, besaßen die beiden ein Buch mit Lucys Lieblingsgedicht. So wie ihr Haus gehört jetzt auch das Buch Randy Dunlap und der Bank, aber das Gedicht, versichert Lucy, konnten sie ihnen nicht wegnehmen, denn sie hat den Text im Kopf. Dann trägt sie es für Bark vor, vom ersten bis zum letzten Wort. Wer außer Leo McCarey hätte sich das getraut? Die Schnittfrequenz war damals nicht so hoch wie heute. Trotzdem gab es schon das Diktat der Geschwindigkeit. Eine Strophe, schön und gut. Aber ein (sentimentales) Gedicht in voller Länge (eingebettet in einen unsentimentalen Kontext)? Nach Meinung der Studiobosse wollte das Publikum Zerstreuung statt Konzentration, musste es Schlag auf Schlag gehen, statt irgendwo länger zu verweilen. McCarey war das egal. Übrigens erfahren wir noch, dass Lucy die Stelle im von der Bank gepfändeten Gedichtband mit einer Rosenknospe eingemerkt hatte. Wer nach dem Ursprung für "Rosebud" in Citizen Kane sucht, sollte Make Way for Tomorrow auf die Liste setzen. Orson Welles liebte McCareys Film und interessierte sich für ähnliche Themen (siehe die Bank in Citizen Kane und den Zerfall einer Familie in The Magnificent Ambersons). Im Gespräch mit Peter Bogdanovich sagte er, Make Way sei so traurig, dass er Steine zum Weinen bringen könne.
Lucy möchte mit Bark tanzen. Kaum haben die beiden die Tanzfläche erreicht, als das Orchester eine rumbaartige Melodie zu spielen beginnt. Da können sie nicht mitmachen. Bisher haben sie wie selbstverständlich mit dazugehört. Jetzt wirken sie alt, klein und verloren. Die Wirklichkeit, ist zu befürchten, hat sie eingeholt. Aber einer der utopischen Momente, bei denen man sich fragt, warum das eigentlich eine Utopie sein muss, der geht noch. Der Kapellmeister sieht das hilflose Paar auf der Tanzfläche, ändert kurzerhand das Programm und lässt das Orchester den alten Schlager "Let Me Call You Sweetheart" spielen. Das ist ein Walzer, zu dem die Coopers gemeinsam mit den anderen tanzen können, und die Rosenknospe ist jetzt erblüht, weil es im Schlager heißt: "Birds are singing far and near, Roses blooming ev’rywhere". Lange, bevor der Begriff von der "inklusiven Gesellschaft" erfunden war, zeigte McCarey schon, wie man das abstrakte Konzept sichtbar macht und mit Leben füllt.
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Das Wort "Moment" ist dabei sehr wichtig. Keiner von den netten fremden Leuten, denen es Freude macht, dem alten Paar, das ganz reizend ist, wenn man es nicht von früh bis spät in der zu engen Wohnung sitzen hat, etwas Gutes zu tun, würde auf die Idee kommen, Bark und Lucy jeden Tag auf eine Spritztour mitzunehmen oder ihnen jeden Abend das Dinner zu bezahlen. "Manchmal ist es viel einfacher, zu den Eltern anderer Leute nett zu sein als zu den eigenen", bemerkt Gary Giddins dazu. "Wir haben dann keine Verantwortung. Der Autoverkäufer und der Hoteldirektor müssen sie am Abend nicht mit nach Hause nehmen." Die netten Leute sagen freundlich Guten Tag, und genauso freundlich sagen sie Auf Wiedersehen (aber bitte nicht gleich). Make Way for Tomorrow ist ein zu ehrlicher Film, um darüber hinwegzutäuschen.
Der Schlager wird unser Liebespaar fortan begleiten ("Let me call you Sweetheart, I’m in love with you"), wird im Rest des Films das musikalische Thema sein. Weil aber letztlich doch die Zeit und das Geld (und die Bank auf der anderen Straßenseite) die Welt regieren, tickt die Uhr gnadenlos weiter. Die Tanzmusik aus dem Hotel wird im Radio übertragen, und der Orchesterchef wendet sich an die Hörer: "Good evening everybody. […] It’s nine o’clock, and is everybody happy? Smile and the world smiles with you, folks." Wenn das so einfach wäre. "Neun Uhr" heißt für das Paar, dass Bark zum Zug muss. Eine Hoffnung gibt es noch, während Bark und Lucy, das Lied auf den Lippen, im Taxi zum Bahnhof fahren, denn schließlich ist das ein Hollywoodfilm.
Lieber mit schlechtem Gewissen
Ein schöner Film sei es gewesen, meint Lucy, als sie im ersten Akt aus dem Kino kommt, manchmal traurig, doch mit Happy Ending. Ganz egal, wie finster die Lage zu sein scheint … nein, mehr wolle sie nicht sagen, um den anderen den Spaß nicht zu verderben. Wie also wird McCarey die Kurve kratzen, um der guten alten Hollywood-Tradition zu folgen und dem Publikum das Happy Ending zu verschaffen, das dieses angeblich haben will? Randy Dunlop, der Bankdirektor, wird eher nicht dem Materialismus abschwören und die Pfändung von Haus und Gedichtband rückgängig machen. Wie wäre es mit Max Rubens? Er könnte anrufen und melden, dass er einen Job für Bark gefunden hat. Einer aus der Bridge-Gesellschaft könnte ein Philanthrop sein und sein Scheckbuch zücken. Nellie könnte auf ihre Europareise verzichten und ihren Gatten Harvey überreden, Bark und Lucy doch bei sich aufzunehmen. So viele Möglichkeiten. Alle verlogen, aber das ist man als Kinozuschauer gewöhnt. Wie also wird McCarey es machen?
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McCarey zeigt uns ein letztes Mal die Kinder, die bei Nellie und mit Nellies Braten, der jetzt kalt geworden ist, auf die Eltern gewartet haben, um familiäre Harmonie zu demonstrieren. Sohn Robert, dem Clown, fällt die Aufgabe zu, die unangenehme Wahrheit auszusprechen: "Komisch, oder? Wir haben schon die ganze Zeit über gewusst, dass wir als Kinder wahrscheinlich der schlimmste Haufen Taugenichtse sind, der je großgezogen wurde, aber das hat uns nichts weiter ausgemacht, bis wir herausfanden, dass Paps es auch wusste." So ist das wohl. Man hält die Fassade aufrecht und richtet sich dahinter ein, bis einer, der nicht mehr mitmacht, anruft und sagt, wie es wirklich ist, dann fällt das Lügengebäude um. Bliebe noch der tränenreiche Abschied am Bahnhof, bei dem die Kinder winken und sich durch Melodramatik davon überzeugen, dass sie selbst am meisten unter der Situation leiden.
Das geht dummerweise auch nicht, weil der Zug in zwei Minuten abfährt. "Wenn wir nicht zum Bahnhof kommen", sagt Nellie ganz erschrocken, "dann werden sie denken, dass wir schrecklich sind." Und George erwidert: "Sind wir das nicht?" Nein, würde McCarey antworten, nur allzu menschlich und damit alles andere als perfekt. Die Kinder haben eine Wahl. Sie können sich um die Eltern kümmern, auch wenn es schwierig wird, oder sie tun es nicht und bezahlen mit ihrem schlechten Gewissen dafür. George, Robert, Cora und Nellie tun es nicht und nehmen das schlechte Gewissen in Kauf, weil ihnen das lieber ist als die Alternative, die es immer gibt. Auch im echten Leben soll das manchmal so sein. Make Way for Tomorrow teilt an keiner Stelle in Gut und Böse ein, ist weder zynisch noch denunziatorisch, sondern ehrlich. Der Film könnte auch Leute interessieren, die weder Kinder noch Eltern haben. Nicht nur im Bereich der Altenpflege ist man im Zweifel geneigt, das schlechte Gewissen zu wählen. Denn das Leben muss schließlich weitergehen.
Am Ende stehen Bark und Lucy, eines der wunderbarsten Liebespaare der Filmgeschichte, allein am Bahnhof. Er werde einen Job finden, sagt Bark, und Lucy dann sofort nachkommen lassen. Sicher, antwortet Lucy, so machen wir’s. Beide wissen, dass das nicht stimmt. Bark fährt mit dem Zug nach Kalifornien, wo es noch eine Tochter gibt, die ihn nicht bei sich haben will, und Lucy geht ins Altenheim, wo der Schaukelstuhl auf sie wartet. Dann ist dieser furchtbar traurige, Steine zum Weinen bringende Film vorbei, und man würde ihn am liebsten gleich noch einmal anschauen, weil er so schön, so menschlich und so ehrlich ist.
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Make Way for Tomorrow ist einer von den vielen Filmen, die bisher vergeblich auf eine deutsche DVD-Veröffentlichung warten und weiter warten werden, weil jetzt die Blockbuster mit den am Computer generierten Spezialeffekten und die Remakes von den Remakes auf Blu-ray transferiert werden müssen. Zum Glück gibt es das Ausland. Leo McCareys Meisterwerk ist in Frankreich und Spanien erschienen sowie - mit verbesserter Bildqualität - in den USA (Criterion Collection) und in Großbritannien (Masters of Cinema). Ich würde zur "Dual Format Edition" von MoC raten. Da kriegt man für etwas weniger Geld den Film auf DVD und auf Blu-ray und außerdem das von Criterion übernommene Bonusmaterial: die üblichen Reminiszenzen von Peter Bogdanovich und die Gedanken von Gary Giddins, die mir persönlich große Lust gemacht haben, sein Buch Warning Shadows - Home Alone with Classic Cinema zu lesen. Wer im Land mit der Pseudo-Filmkultur wohnt und auf deutsche Untertitel angewiesen ist hat leider Pech gehabt. Daran wird sich so bald nichts ändern. Also: Englisch lernen!
Riester-Rente oder doch ein Haus?
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38375/1.html- Re: Leicht OT: "Hörner, Hörner, Hupen!!" (22.2.2013 16:58)
- Nein, Du kannst bloss nicht lesen (21.2.2013 16:17)
- Re: Danke (21.2.2013 13:29)
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