Die Finanzkrise im Licht der Wirtschaftstheorie

27.01.2013

Diagnosen und Lösungswege der Neoliberalen Ökonomik, der "Modern Monetary Economics" (MME) und der "Österreichischen Schule"

Das Problem ist hinlänglich bekannt und liegt, worüber sich etwa die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und die Boston Consulting Group einig sind – in einer Verdoppelung (bezogen auf das Sozialprodukt) der Verschuldung in den führenden Industriestaaten seit den 1980er Jahren. Betroffen sind gleichermaßen Haushalte, Unternehmen und öffentliche Haushalte, wobei das Problem durch das historisch einmalige Faktum verschärft wird, dass große Teile dieser Verschuldung nicht aus Forderungen von Vermögensbesitzern bestehen, die die Verluste im Konkursfall tragen könnten bzw. müssten, sondern von Finanzmärkten und Notenbanken organisiert wurden, wobei noch dazu für viele Privatkredite substantielle öffentliche Garantien bestehen.

Diese Schulden paralysieren nun Banken wie Schuldner. Anscheinend liegt die einzige Lösung in einer Reduktion dieser Schulden, die zudem sehr rasch erfolgen sollte, da für nicht direkt von den Finanzmärkten verursachte Probleme wie dem Klimawandel, dem Versiegen wesentlicher Rohstoffquellen und den Schwierigkeiten, weitere Produktivitätsfortschritte zu erzielen, dringend Maßnahmen erforderlich wären, die den aktuell massiv von der Überschuldungskrise beschränkten Handlungsspielraum der Politik offenbar stark überfordern.

Nun mag es gewagt erscheinen, die mittlerweile auch in sich durchaus heterodoxen Theoriegebäuden der herrschenden neoklassischen/neoliberalen Schule sowie der beiden hier behandelten Alternativen auf einige wenige Grundprinzipien herunter zu brechen. Zieht man aber jeweils eine Art von Vulgärvariante heran, dann lassen sich jeweils klar unterscheidbare Diagnosen und Lösungswege identifizieren, wie mit der Überschuldung umgegangen werden müsste. Klar ist indes, dass – obwohl die herrschende neoklassische nach wie vor Forschung, Lehre und Politik bestimmt - keiner der von den genannten Ansätzen empfohlene Lösungsweg in der Praxis derzeit auch nur annähernd verwirklicht wird, sondern alle bisherigen Lösungsversuche auf eine substantielle Schuldenreduktion verzichten und allein darauf abzielen, einen Zusammenbruch einzelner öffentlicher Schuldner und des Finanzsystems insgesamt zu vermeiden.

Neoklassik und Austrians für ein "Ende mit Schrecken"

Dass die neoliberale Richtung bereits bei der Diagnose versagt hat, ist allerdings evident. Beispielsweise hatten die neoklassischen Modelle der US-Notenbank Fed bis unmittelbar vor dem Zusammenbruch des globalen Finanzsystems nach der Lehman-Pleite keinerlei Hinweise auf die Krise gegeben, was der führende neoklassische Theoretiker, Harvard-Professor Greg Mankiw, unter anderem damit zu rechtfertigen versuchte, die Modelle hätten ohnehin perfekt funktioniert und zutreffend vorausgesagt, wie sich die Wirtschaft entwickelt hätte, wäre Lehmann nicht Pleite gegangen.

Schon zuvor hatte die Neoklassik dabei die stetige Aufschuldung nicht als Problem betrachtet, sondern war viel mehr darum bemüht, Eigen- und Fremdfinanzierung theoretisch gleichzusetzen und den "Märkten" zu überlassen, die laut neoklassischer Gleichgewichtsökonomie stets einem Optimum zustreben würden. Demgegenüber wurde von Österreichischer Schule (Wirtschaftstheoretiker zur Krisenbewältigung) und MME ("Modern Monetary Economics" auf dem Weg zum ökonomischen Mainstream?) ebenso eindringlich wie vergeblich vor den möglichen Folgen der Aufschuldung gewarnt, was beiden Richtungen nach Ausbruch der Krise einiges an Renommee verschafft hatte.

So liegt das Kardinalübel für die "Österreicher" seit jeher in der Manipulation der Zinssätze durch die Notenbanken, was nicht nur die BIZ mittlerweile bestätigt, sondern auch der klassische "österreichische" Ökonom Ludwig von Mises scharf verurteilt hatte:

Versuche, ökonomische Reformen von der monetären Seite anzugehen, können zu nichts anderem führen als zu einer künstlichen Stimulierung der Wirtschaft durch die Ausweitung des Geldumlaufs, die notwendigerweise zu Krisen und Depressionen führt. Die immer wiederkehrenden Krisen sind nichts anderes als die Folgen der Versuche, die Wirtschaft mit zusätzlichen Krediten zu stimulieren.

Viele US-amerikanische Republikaner bekennen sich in ihrer Tee-Party/Ron Paul-Version mittlerweile anscheinend mehrheitlich zu den "Austrian Economics". Mises' Warnung wird zudem gerne als Argument für die Abschaffung der Fed und die Etablierung einer Gold gedeckten Währung verwendet, woraus sich auch die "österreichische" Lösung für eine Schuldenkrise ergibt: Die unbezahlbaren Schulden müssten demnach schonungslos aufgedeckt werden, die Schuldner würden also in Konkurs geschickt und die Gläubiger hätten die Verluste zu tragen. Von den "Austrians" gäbe es also keine Hilfe an strauchelnde Banken und Unternehmen, keine öffentliche Kontrolle der Preise von Assets, Gütern oder Arbeit und schon gar keine Kreditexpansion durch die Notenbank.

Das wäre dann zwar ein Ende mit Schrecken, bei dem in allen Kategorien – und besonders auch bei den Löhnen, sollte es durch die Kreditexpansion zu Überhöhungen gekommen sein - fallende Preise (Deflation) in Kauf genommen werden müssten. Dafür wäre so eine Krise laut dem führenden "Austrian" der Nachkriegszeit, Murray Rothbard, in 12 bis 18 Monaten überwunden, woraufhin die Wirtschaft unbelastet in eine Zukunft gehen könnte, in der die Zinsen von Angebot und Nachfrage und nicht von der Notenbank bestimmt würden.

Zumeist wird von den "Austrians" dann auch eine Art von Vollgeld verlangt, so dass die Banken nur dann Kredite vergeben könnten, wenn sie tatsächlich über die Mittel dazu verfügen. Die im neoklassischen "Fractional-Reserve"/Fiat Money-System mögliche Kreditschöpfung wäre damit unterbunden, wodurch Überschuldungskrisen in Zukunft unmöglich werden sollten.

Übereinstimmung zwischen Austrians und Neoklassik besteht hingegen in der Frage, wie sich die überschuldeten, aber voraussichtlich überlebensfähigen Wirtschaftssubjekte verhalten sollen, egal ob es sich um Staaten, Haushalte oder Unternehmen handelt. Diesen werden von beiden Schulen strengste Sparmaßnahmen verordnet, wobei die Schwächen dieses Ansatzes inzwischen auch von neoklassisch orientierten Regierungen und Ökonomen eingestanden werden. Immerhin lässt sich in den europäischen Krisenstaaten zweifelsfrei beobachten, dass die öffentlichen Sparmaßnahmen nur zu einem weiteren Konjunktureinbruch, niedrigeren Steuereinnahmen, höheren Sozialausgaben und folglich steigenden Budgetdefiziten führen und die Sparmaßnahmen des Privatsektors die gesamtwirtschaftliche Nachfrage so weit reduziert, dass die erzielbaren Einkommen in Summe kaum zur Bedienung der Zinsen und schon gar nicht zu einer Schuldenreduktion führen.

Eine Lösung im Sinn der Modern Monetary Economics

Dessen ungeachtet drängen Austrians wie Neoklassik streng auf eine Trennung von Geld- und Fiskalpolitik, wobei die geldpolitische Praxis diese Tabus längst mit "unkonventionellen" Maßnahmen wie dem direkten Kauf von Staatsanleihen mit Zentralbankgeld hinter sich gelassen und sich bereits stark den Modern Monetary Economics angenähert hat. So stehen sich MME und Neoklassik/"Österreicher" insofern diametral gegenüber, da die MME den vollen Einsatz der Geldpolitik propagiert.

Von der neoklassischen Schule wird Geld hingegen grundsätzlich als eine vom Markt geschaffene Institution betrachtet, die der Politik entzogen und nach technokratischen, nicht nach demokratischen Regeln organisiert werden müsse. Die Geldpolitik habe sich von der Fiskalpolitik fernzuhalten und dürfe insbesondere keine Staatsschulden "monetarisieren", d.h. mit selbst gemachtem Zentralbankgeld aufkaufen. Indes muss nach MME eine Notenbank keinesfalls "unabhängig" zu sein, sie unterscheidet sich nicht prinzipiell von anderen Behörden und unterliegt somit der Macht der Regierung und der demokratischen Willensbildung. Folglich wäre für die MME eine Entschuldung über die Notenbank die Lösung, die angesichts der vor zehn Jahren noch undenkbaren "unkonventionellen" Maßnahmen aller großen Notenbanken seit Krisenausbruch wohl nicht mehr von vornherein ausgeschlossen werden darf. So wäre angesichts des traurigen Zustandes der Staatsfinanzen und der Banken ohnehin alleine die Geldschöpfungskapazität einer Notenbank imstande, eine Schuldenstreichung zu finanzieren, wobei mit dem Doppelten der von der EZB seit Krisenausbruch eingesetzten Mittel eine Sanierung des Privatsektors der Eurozone möglich wäre.

Nehmen wir also an, es würde ausreichen, alle Schulden der Haushalte und Unternehmen der Eurozone um ein Drittel zu verringern, um die größten Schwierigkeiten zu bereinigen. Da heute aber über Hypothekarkredite oder Kreditkartenschulden regelmäßig auch "brave" Sparer und selbst die Besitzer großer Vermögen Schulden haben, könnte eine generelle Schuldenstreichung vielleicht sogar mehrheitsfähig sein. Demgegenüber dürfte das bei einem Schuldenerlass nur für die am schwersten verschuldeten Wirtschafssubjekte kaum der Fall sein, die von den nicht überschuldeten Teilen der Bevölkerung wohl als höchst unfair betrachtet würde.

Für die MME wäre es vermutlich kein Problem, zu einem bestimmten Stichtag alle aushaftenden Schulden zu reduzieren und den Banken dafür Forderungen an die Notenbank einzuräumen. Da die insgesamt an den Privatsektor vergebenen Kredite in der Eurozone zuletzt bei nicht ganz elf Billionen Euro lagen, müsste die EZB mit rund vier Billionen Euro nur etwa doppelt so viel aufwenden, als sie in den letzten fünf Jahren an Anleihen vom Finanzsektor erworben und in die Bilanz genommen hat, um mehr als ein Drittel der aushaftenden Privatkredite zu übernehmen. Auf der Aktivseite der Bankbilanzen würde sich das Volumen der aushaftenden Privatkredite dadurch um ein Drittel reduzieren, während dafür ebenso hohe Forderungen gegenüber der EZB eingebucht werden könnten.

Ohne weitere Maßnahmen wie drastisch erhöhte Mindestreserven dürfte das freilich nicht mit der auch von den MME geforderten Preisstabilität zu vereinbaren sein, weshalb die MME wohl eine Lösung wählen würde, bei der die konjunkturbedingt notwendige Geldmengenausweitung Verwendung fände. So könnte die EZB den Banken unbefristet Schuldscheine überreichen, die sie Zug um Zug mit der nicht-inflationär möglichen Geldmengenexpansion tilgt. Würde der Privatsektor nach einer Schuldenreduktion tatsächlich deutlich höhere Wachstumsraten zeigen, könnte eine Tilgung auf diesem Weg in weniger als 20 Jahren geschafft werden, wobei sich – sollte eine derartige Lösung nicht an unintendierten Folgen scheitern, sondern tatsächlich funktionieren – die Frage stellt, ob die Geldpolitik die Gesamtverschuldung nun auf niedrigerem Niveau zu stabilisieren versucht - oder im Sinne maximalen Wirtschaftswachstums neuerlich ansteigen lässt und so eine neue Art von Schuldenzyklus etabliert, bei dem die Schuldenstände ansteigen dürfen, bis sie wieder Niveaus erreichen, die eine neuerliche Streichung über die Notenbank erforderlich machen, woraufhin der Zyklus in die nächste Runde ginge.

Da die MME-Lösung nur Gewinner kennt, klingt das freilich zu schön, um wahr zu sein. Immerhin würde den Schuldnern ein Drittel ihrer Schulden erlassen, die Gläubiger bekämen ihr Geld und alle könnten sich über steigendes Wachstum freuen, während die neoklassische Spar-Lösung und der "Österreichische" Crash zuerst bewusst unangenehme wirtschaftliche Entwicklungen einplanen.

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