Blut auf den Baumwollfeldern

17.01.2013

Befreiungskino: Quentin Tarantinos so unterhaltsamer wie hochpolitischer Western "Django Unchained"

Rot und Weiß: Blut spritzt auf eine Baumwollblüte, einmal in diesem Film. Ein zarter, präziser Strahl, keine Fontäne wie in "Kill Bill". Statt Baumwolle könnte es auch eine Kirschblüte sein, asiatische Ästhetik. Nie wirkt dieser Film so unverstellt fernöstlich wie in diesem Augenblick. Rot auf Weiß wird man noch oft sehen, denn es sind die Weißen, die hier bluten müssen, endlich.

Wie in "Inglourious Basterds" (Nur ein toter Nazi ist ein guter Nazi) nahezu alle Deutschen Schweine waren, so gilt hier: Nahezu alle Weißen sind Schweine. Vor fast auf den Tag genau 60 Jahren erlebte "Vom Winde verweht" seine Deutschlandpremiere. Jetzt schafft Quentin Tarantino in seiner bewährten Ästhetik der Überzeichnung, die Old-South-Klischees Hollywoods zu überwinden. Vielleicht ist Django Unchained überhaupt sein bester Film.

Alle Bilder: Sony

Etwa nach einer guten halben Stunde ist die Grundkonstellation etabliert und es kommt zu ein paar Sekunden reinen, von aller Narration völlig losgelösten Bewegungskinos: Die zwei Hauptfiguren, Dr. King Schultz, ein ehemaliger Zahnarzt, und der Titelheld Django reiten nebeneinander aus einer schlammigen Stadt weit hinaus, hinein in die Natur, genauer gesagt: in eine mythische Westernlandschaft.

Schultz und der von ihm befreite Negersklave haben sich im Winter 1858/59, zwei Jahre vor dem Bürgerkrieg, zum Kopfgeldjägermännerbund zusammengeschlossen und sind von der moralisch höheren Mission erfüllt, im Frühjahr die Verbrecherjagd hinter sich zu lassen und in Mississippi die Frau Djangos um jeden Preis aus der Sklaverei zu befreien.

Es kostet nur einen mit Überblendung kombinierten Kameraschwenk, da sind sie aus der Stadt weit heraus und auf dem Weg hinein in eine hitzeflirrende Wüste, in deren Hintergrund man ein schneebedecktes hohes Gebirge sieht. Binnen weniger Sekunden reiten sie dann im immergleichen, gemächlichen, aber bestimmten Schritttempo ihrer Pferde durch einen Wald, eine tiefe Schneelandschaft, an einem See vorbei.

Archaische Schönheit unberührter Natur, kombiniert mit der Schönheit der eleganten Kamerabewegung, der perfekten Filmschnitte und einer nostalgischen Musik - eine ästhetische Einheit, die den klassischen Western beschwört und sich doch seines Endes völlig bewusst bleibt, die Bilder des Spaghetti-Western ebenso zitiert wie New Hollywoods aufgeklärte Western-Revivals, so etwa Robert Altmans "Mc Cabe & Mrs. Miller".

Die Schönheit dieser Szenen von zwei Männern in Bewegung übertrifft noch einige andere, nicht weniger gelungene, nicht weniger filmisch perfekte Momente in diesem Film. Immer wieder gönnt Tarantino sich und seinem Publikum Augenblicke solcher Losgelöstheit und gibt, obwohl er doch erkennbar an Worte und Dialoge glaubt, seinen Film hin an die Macht der Bilder.

Karl May trifft Sergio Leone und die Nibelungen

Diese beiden Hauptfiguren, soziale Außenseiter, um die herum Tarantino einmal mehr ein reichhaltiges Arsenal von eindrucksvollen, in wenigen Bildern und Sätzen präzis charakterisierten Figuren versammelt, sind im Grunde sich selbst genug. "Django Unchained" ist ihre Geschichte; die Geschichte dieser zwei Individuen, die sich zusammentun für eine gemeinsame Reise, in deren Verlauf einer zum Lehrer des anderen wird. Während der Reise werden sie beide, auf ganz unterschiedliche Art, am Ende Befreiung und Erlösung finden. Sie werden Schurken treffen und besiegen - wie den Sklavenhalter Calvin Candy (Leonardo Di Carpio in einem abgründigen Auftritt), wie eine ganze Gang von Ku-Klux-Klan-Rassisten, angeführt von "Big Daddy" (Don Johnson).

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Der eine ist Django, gespielt von Jamie Foxx. Ein schwarzer Sklave, der die Sünde beging, zu lieben und zu heiraten - was die der Züchtung immer besseren "Menschenmaterials" verpflichtete Biopolitik der rassistischen US-amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft tatsächlich verbot -, und, schlimmer noch in den Augen seiner weißen Besitzer, zu denken. Zur Strafe wurden er wie seine Braut verkauft. Und jetzt hat dieser Django nur das Ziel, die Frau, die er liebt, aus den Händen der Rassisten von Mississippi zu befreien und sich an denen zu rächen, die sie und ihn gequält haben. Das Frauenbild ist diesmal übrigens das schwächste aller Tarantino-Filme: Es gibt hier keinerlei wehrhafte, "starke" Frauen.

Der andere, die fraglos komplexere Figur der beiden, ist der kalblütig-zynische Kopfgeldjäger Dr. King Schultz. Er befreit Django zunächst, weil er ihn braucht, um eine lukrative Beute aufzuspüren, aber bald erkennt er dessen "Naturtalent" und lehrt Django den Beruf des Kopfgeldjägers. Schultz, gespielt von Christoph Waltz als in Gestus und elaborierter, hochexplosiver Sprechweise ähnliche, ethisch aber ins Positive gewendete Version seines oscarprämierten Auftritts als "Judenjäger" Hans Landa in Tarantinos "Inglourious Basterds", wirkt wie einem Karl-May-Roman entstiegen: ein Deutscher, Zahnarzt, der im Wilden Westen zum perfekt schießenden Kopfgeldjäger geworden ist, der aber immer noch am liebsten deutsches Bier trinkt und am Lagerfeuer das Nibelungenlied nacherzählt - ein Mensch, unter dessen kalt-zynischer Schale sich ein romantisches, gutes Herz verbirgt.

Ihm ist Django sympathisch und im Zuge dieser wachsenden Freundschaft verändert sich Schultz selbst: Er taut sozusagen emotional auf. "Ich habe nie jemandem die Freiheit geschenkt, darum fühle ich mich für dich verantwortlich", sagt er bald. Und wenn dieser deutsche Doktor aus dem talentierten Schwarzen eine perfekte Killermaschine formt, ihn dabei das Leben als freier Mann lehrt und dieses Geschöpf sich zugleich verselbständigt - und seinen Schöpfer verändert, fühlt man sich mitunter an die Geschichte von Doktor Frankenstein und seinem Geschöpf erinnert.

Auch andere Mythen zitiert der Regisseur: Djangos Braut wurde von ihren deutschen Sklavenhaltern auf den Namen Brunhilde von Shaft getauft - das ist nicht nur ein billiger Witz des germanophilen Tarantino, Schultz enthüllt auch die tiefere Bedeutung, als er Django den Nibelungenmythos erzählt und in ihm einen neuen Siegfried entdeckt, der durch die Hölle gehten muss, um seine Brunhilde aus der Gefangenschaft zu befreien.

Derart ließen sich noch viele der unzähligen Dialogpassagen des 165-Minuten-Films, der auch in seiner epischen Dimension an Tarantinos Vorbild Sergio Leone angelehnt ist, in ihrer zweiten und dritten Bedeutungsebene entfalten. Quentin Tarantino begann als smarter Fanboy, dessen intelligentes und bedeutungsreiches Spiel mit Referenzen aus Hoch- wie Popkultur faszinierte, was ihm bereits 1994 eine Goldene Palme einbrachte.

Doch Tarantinos siebter Film ist 19 Jahre nach "Pulp Fiction" noch weit mehr als "nur" ein intelligentes und bedeutungsreiches Spiel mit Referenzen. "Django Unchained" ist Dialogkino im gewohnten, zwischen Komödie, Genrekino und seriösem Autorenfilm angesiedelten Stil dieses Regisseurs.

Es ist zugleich Bewegungskino mit rasanten Actionpassagen, elegischen Kamerafahrten und -perspektiven. Wieder ebnet Tarantino auch diesmal die Ebenen ein: "Django Unchained" zitiert selbstverständlich die einflussreiche "Django"-Reihe und mit ihr die Tradition des Spaghetti-Western und des 1960er-Jahre-Kinos wie des "Blaxploitation"-Films der frühen 1970er und überschreitet sie doch auch von Anfang an.

Noch viel mehr, als man das auch über manchen "Django"-Film und Werke von Sergio Leone ("Zwei Glorreiche Halunken", "Spiel mir das Lied vom Tod") und Sergio Corbucci ("Django", "Leichen pflastern seinen Weg") sagen könnte, ist "Django Unchained" hochpolitisch.

Wie man es im Blockbusterkino noch nicht gesehen hat

Dies ist ein Film, den zu sehen Spaß macht, während er läuft - und der dem Zuschauer spätestens im Rückblick viel Stoff zum Nachdenken bietet. Denn dies ist auch ein Portrait der Lage schwarzer Sklaven im 19. Jahrhundert und des bis heute allgegenwärtigen Rassismus in Nordamerika, so entertaining wie möglich, aber auch so ehrlich, wie man es im Blockbusterkino noch nicht gesehen hat.

Ohne in Betroffenheitsgestus zu verfallen, zeigt Tarantino das Blut auf den Baumwollfeldern, die Brutalität der gerade auch durch Hollywood allzuoft beschworenen Südstaatenidylle. Er zeigt das Leiden der Schwarzen, die unvorstellbaren Grausamkeiten, die die Sklavenhalter an den Schwarzen begingen und das Übermaß der Strafen: Auspeitschen für ein zerbrochenes Ei, Zerfleischen durch Hunde nach einem Fluchtversuch - was überdies oft mit einem Spruch aus der Bibel (nicht nur aus dem Alten Testament) gerechtfertigt wird. Es sind die Bösen, die hier "Sweet Jesus" anrufen, die Auspeitscher des White Trash, deren Körper mitunter mit Bibelseiten bedeckt sind.

Tarantino klagt auch Bigotterie und Selbstgerechtigkeit an. Er zeigt die Versehrtheit der Körper schon im ersten Bild, das die Narben ausgepeitschter Sklaven in Großeinstellung zeigt; die Ketten, Halskränze mit Spitzen, metallenen Mundstücke und Kopfschellen - alles hier ist historisch.

Nicht zuletzt aber gilt sein mitunter grober Rundumschlag auch der Kollaboration einiger Schwarzer. Die von Samuel L. Jackson gespielte geradezu dämonische Figur des Stephen repräsentiert jene Mitschuld an dem Geschehen, das in den USA von manchen gar als "Black Holocaust" beschrieben wird. Auch dies ist gerade angesichts des mitunter selbstgefälligen Liberalismus des Obama-Amerika alles hochpolitisch - und wird in den USA auch so debattiert. Das ändert nichts daran, dass Tarantino vor allem dem weißen Amerika den Spiegel vorhält und vorführt, was die Weißen den Schwarzen einst antaten.

Wie "Inglourious Basterds" ist auch dieser Film ein Rachedrama nahe an der Wunschphantasie. Von Gewalt, von Explosionen und dem Sterben "der Richtigen" verspricht sich Tarantino eine Art ästhetische Befreiung, wenigstens Erleichterung. Das ist fraglos provokativ. Die Kraft der philosophischen Frage, die der Regisseur stellt - wann Gewalt, wann Rache möglicherweise gerechtfertigt oder als letzter Ausweg legitim ist - schwächt dieser Befund nicht ab.

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