Computerspiele statt Kinderbücher zensieren

18.01.2013

Wolfgang Börnsen, der kultur- und medienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, mischt sich in die Debatte um Begriffe wie "Negerlein" und "durchwichsen" ein

Mit Äußerungen über den von ihr angeblich beim Vorlesen für ihre kleine Tochter umbenannten Negerkönig in Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf trat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder im Dezember (wahrscheinlich unfreiwillig) eine deutsche Debatte über die Zensur von Kinderbüchern los. In der Folge gab der Stuttgarter Thienemann Verlag (der unter anderem die Werke Räuber-Hotzenplotz-Erdenkers Ottfried Preußler veröffentlicht) bekannt, dass er nicht nur die (in einer Karnevalsszene der Kleinen Hexe vorkommenden) Worte "Negerlein", "Chinesinnen" und "Türken" aus dessen Werk streichen wolle, sondern auch Formulierungen wie "durchwichsen".

Den Medien-Branchenblogger Peter Turi inspirierte das zur Schlagzeile "Wichsverbot im Hause Hotzenplotz" - und andere Beobachter fragten sich, wo der um sich greifende Wille zur politischen Korrektheit wohl haltmacht und ob man demnächst (wie in den englischen Neuauflagen von Enid Blytons Fünf Freunde) die Handlung verändert, damit die Hausarbeit von Mädchen und Jungen gemeinsam gemacht wird, oder aus "Fräuleins" ohne Rücksicht auf den Bedeutungsgehalt "Frauen" macht.

Nun hat sich mit Wolfgang Börnsen auch der kultur- und medienpolitische Sprecher von Kristina Schröders CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu Wort gemeldet: Er stellt unter der Überschrift "Hände weg von Kinderbüchern" zutreffend fest, dass in "vielen klassischen Kinderbüchern und Märchen" Gewalt verherrlicht wird und dass man dort "Minderheiten diskriminiert und Vorurteile aufbaut": "Natürlich", so der Flensburger, "gehört nach unserer heutigen Auffassung eine Hexe nicht in den Ofen, die [mohrenverspottenden] Buben [aus dem Struwwelpeter] nicht in das Tintenfass und Max und Moritz wie Michel [aus] Lönneberga sollten sich stets friedlich, freundlich und pädagogisch beispielgebend verhalten".

Börnsen zufolge ist es trotzdem "nicht angebracht, diese Kinderbücher begrifflich zu glätten und sogenannte Nachbesserungen vorzunehmen, damit sie unserem Zeitgeist entsprechen". Dies begründet er damit, dass auch für Jugendliteratur das Urheberrecht, ein "Respekt vor den Originalen" und "eine Achtung vor der Autorin und dem Autor" gelten solle. Mit der pädagogisch begründeten "Säuberung" würden außerdem Eltern bevormundet, weshalb er "Gutmeinende" und "Moralisten" zu "mehr Toleranz" aufrufe.

Das wäre alles nur bedingt bemerkenswert, wenn Börnsens Presseerklärung an dieser Stelle aufgehört hätte. Doch der siebzigjährige ehemalige Lehrer will diese Ausführungen nicht für alle Medien gelten lassen, sondern nur für diejenigen, die ihm vertraut sind. Und so fährt er fort, dass nicht Bücher, sondern Computerspiele und Fernsehserien "wirklich von Schaden für Heranwachsende" und "nachweislich wirksam" wären, wenn sie Gewalt, Vorurteile und Rassismus transportierten, was heutzutage der Fall sei. Beispiele hierfür nennt er auch auf Nachfrage nicht.

Computerspiele wurden und werden in Deutschland sehr viel stärker zensiert als in den meisten anderen Ländern der Welt. Dies führte zum Beispiel dazu, dass man das, was überall sonst auf der Welt wie Blut aussah, hierzulande grün einfärbte und gegenüber Jugendschützern und Spielern als "Schleim" deklarierte. Im Bereich Film und Video führten die Vorgaben von Stellen wie der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften/Medien und der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft zu zahlreichen Änderungen an teilweise bedeutenden Kunstwerken, die nicht selten paradoxe Ergebnisse zur Folge hatten, weil die Schnitte Handlungen unverständlicher machten und so Gewalt unvermittelter erscheinen ließen.

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