Gepriesen sei der Algorithmus!

Denn er hat mich zu Ana Popovic geführt

Serbische Namen haben im Fußball zweifellos einen guten Klang. Seit Petar Radenkovic stehen sie für Eigenwilligkeit, Spielfreude, Kampfgeist. Der legendäre Torwart vom TSV 1860 München ist außerdem auch als Sänger bekannt geworden. Doch das ist nicht der einzige Grund, bei serbischen Musikernamen eher vorsichtig zu sein.

Ana Popovic, Screenshot aus einem Musikvideo

Mehrere Eurovision Song Contests, die ich in den letzten Jahren verfolgt habe, haben gewiss auch ihr Teil dazu beigetragen, dass ich so lange zögerte, auf Ana Popovic zu klicken. Ich befürchtete unerträglichen Balkanschmalz, konnte mir unter dem Namen allenfalls noch eine Wagner-Arien schmetternde Sopranistin vorstellen, aber ganz bestimmt keine vom Blues eingefärbte Rockmusik, nach der ich im Internet suchte. Mein Suchbegriff lautete "girls with guitars". Das ist der Titel eines Albums, das die US-Musikerinnen Cassie Taylor, Samantha Fish und Dani Wilde gemeinsam aufgenommen haben und auf dem sich neben hörenswerten Eigenkompositionen auch starke Coverversionen von Rock-Klassikern finden. Im Deutschlandfunk hatte ein wohlmeinender Moderator mal den Stones-Titel "Bitch" in der Version der drei jungen Frauen gespielt. Nun wollte ich gern mehr davon hören.

Der Name Ana Popovic rockte für mein Gefühl einfach nicht, tauchte aber dennoch mit großer Hartnäckigkeit immer wieder in den Ergebnislisten auf. Irgendwann war ich endlich weichgeklopft und rief ohne große Erwartungen ein Video von ihr auf. In Sekundenschnelle lösten sich meine Vorurteile in Nichts auf. Die Frau im silbernen Minikleid brauchte nur ein paar Töne auf der Stratocaster zu spielen und schon interessierte ich mich nicht mehr für das sexy outfit, sondern schaute ihr nur noch auf die Finger, die virtuos über die Saiten tanzten, und sah hinter ihren geschlossenen Augenlidern bei minutenlangen Improvisationen den Tönen beim Entstehen zu. Das war grundehrlicher, gefühlvoller Blues in der Tradition von Musikern wie Stevie Ray Vaughan und, ja, sogar an Jimi Hendrix dachte ich für einen Moment. Große Klasse!

Doch das soll hier keine Musikrezension werden. Welche Töne einen wie tief berühren, ist ohnehin eine sehr persönliche Angelegenheit. In meinem Freundeskreis habe ich bislang denn auch niemanden gefunden, der meine Begeisterung für die Gitarristin aus Belgrad teilt. Umgekehrt reagiere auch ich zumeist eher verhalten, wenn mir jemand etwas "ganz Tolles" vorspielt.

Als umso irritierender empfinde ich es, wie zielsicher eine Maschine mich zu Musikerlebnissen führen konnte, die mich regelrecht aus dem Schreibtischstuhl katapultierten. Ich verdanke den Hinweis auf Ana Popovic ja keiner persönlichen Empfehlung eines musikalisch nahestehenden Menschen, sondern einer nüchternen Rechenformel, dem Empfehlungsalgorithmus, mit dem Youtube "verwandte Videos" auswählt. Wie kann kalte, unpersönliche Technologie so intensive emotionale Erlebnisse ermöglichen?

Sie sind eine sehr lange Reihe von Zahlen in einer sehr, sehr großen Tabelle

Man kann darin die hohe Kunst der Matrizenrechnung sehen. Joseph A. Konstan und John Riedl haben kürzlich in IEEE Spectrum die Funktionsweise der Empfehlungssysteme erläutert, mit denen nicht nur Youtube auf verwandte Videos hinweist, sondern vor allem onlinehändler die allgemeine Verschuldung vorantreiben, indem sie ihre Kunden so oft wie möglich daran erinnern, was sie sich zuletzt in den Katalogen angesehen haben, was ihnen vielleicht sonst noch gefallen könnte und dass sie lieber jetzt als später kaufen sollten.

Es ist eine recht nüchterne Angelegenheit. "Haben Sie sich je gefragt, wie Sie für Amazon aussehen?", schreiben Konstan und Riedl. "Hier ist die kalte, harte Wahrheit: Sie sind eine sehr lange Reihe von Zahlen in einer sehr, sehr großen Tabelle. Diese Reihe beschreibt alles, was Sie sich angesehen haben, alles, worauf sie geklickt haben, und alles, was Sie auf der Seite gekauft haben; der Rest der Tabelle steht für die Millionen anderer Amazon-Kunden." Solche Tabellen lassen sich mit den Methoden der Matrizenrechnung auf vielfache Weise zueinander in Beziehung setzen, sodass Ähnlichkeiten zwischen Kunden ebenso wie zwischen Produkten erkennbar werden.

Weil Tabellen mit vielen Millionen Feldern schwer zu handhaben sind, kommen auch Verfahren zur Dimensionsreduzierung wie die Singulärwertzerlegung zur Anwendung. Auch müssen bestimmte Geschäftsprinzipien beachtet werden. So nützt es wenig, weder dem Verkäufer noch dem Käufer, Produkte zu empfehlen, die ohnehin schon zu den Bestsellern zählen. Die Details von Empfehlungssystemen werden von den großen Internetanbietern geheim gehalten. Konstan und Riedl schätzen aber, dass derzeit mehrere hundert Forschungsgruppen an der Verfeinerung der Algorithmen arbeiten, und zitieren den Unternehmensberater Jack Aaronson, demzufolge Investitionen in Empfehlungssysteme durch die Steigerung der Verkäufe eine Rendite von 10 bis 30 Prozent bringen können.

So kann man es sehen. Der Fuß des Handelsvertreters in der Wohnungstür ist zum Popup-Fenster und zur Werbe-Email geworden, die freundliche Frage "Darf's ein wenig mehr sein?" hat sich aufgelöst in ein komplexes Zahlenwerk, dessen alleiniges Ziel es ist, selbst wieder Zahlen hervorzubringen, die sich nur in eine Richtung entwickeln dürfen: Sie müssen immer größer werden.

Meine Begegnung mit Ana Popovic möchte ich aber nicht auf ein reines Zahlenspiel reduzieren. Es geht ja nicht nur um die Musik. Wenn junge, attraktive Frauen mit großer Selbstverständlichkeit das phallischste aller Rockinstrumente spielen, ist das auch ein zutiefst erotisches Erlebnis, gerade weil Ana Popovic und all die anderen "girls with guitars" auf explizit erotische Posen verzichten. Anders als die große Bluessängerin und Gitarristin Memphis Minnie (1897-1973), müssen sie sich auch nicht mehr betont ruppig geben, um sich in der Männerwelt des Blues und Rock durchzusetzen. Es sind einfach die Töchter der Hippiegeneration, die die Musik aus dem Plattenregal ihrer Eltern auf mitreißende Weise neu interpretieren.

Soll ich einer Rechenformel danken, mich auf diese faszinierende Entwicklung aufmerksam gemacht zu haben? Sollte die erotisch-musikalische Begegnung nichts weiter sein, als ein kulturelles Abfallprodukt des derzeitigen Online-Business-Geblubbers? Nein, ich will darin mehr sehen als das Spiel der Blasen, die ständig aufsteigen und platzen, um den nächsten Blasen Platz zu machen. Ich will an die Weisheit der Maschine glauben, will in diesem Zusammentreffen die Kraft einer künstlichen Intelligenz spüren, die uns helfen wird, die Turbulenzen und Aufgeregtheiten am Übergang in ein neues Zeitalter zu überstehen und die immer noch da sein wird, wenn vom kapitalistischen Wachstumswahn nichts weiter übrig ist als ein Dateiname in den historischen Datenbanken. Auch wenn das vielleicht etwas schwärmerisch daherkommt: Der Hörgenuss bei "Navajo Moon" ist mit solchen Gedanken allemal schöner und intensiver als mit Matrizenrechnung und Renditekalkulationen

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