Telepolis-Gespräch 3

23.01.2013

Telepolis-Gespräch

Kranke, gefährliche Gehirne?

Beim dritten Telepolis-Gespräch geht es vor allem um den Schwerpunkt psychischer Störungen sowie kriminellen Verhaltens. Neuesten Schätzungen zufolge leiden ca. 40% aller Europäer innerhalb eines Jahres an mindestens einer psychischen Störung. Nach wie vor werden dafür viele Medikamente verschrieben.

Gemäß dem verbreiteten biologischen Modell beruhen diese Störungen auf einer Funktionsstörung des Gehirns oder nachteiligen Genvarianten. Die Forschung hierzu ist aber keineswegs unumstritten und es bleibt ferner die Frage, ob die biologische Ebene die beste zur Behandlung psychisch gestörter Menschen ist.

Zum Kriminalverhalten wird eine ähnliche Diskussion geführt. Einige Hirnforscher und Psychologen vertreten eine neue biologische Sichtweise vom gefährlichen Menschen. In den letzten Jahren wurden viele Gen- und Gehirnvarianten gefunden, die mit einem erhöhten Risiko für kriminelles Verhalten verbunden sein sollen. Die Effekte hierfür sind allerdings klein und es gibt kein strikt deterministisches Kriminalitäts-Gen oder -Gehirnareal.

Vereinzelt wurden solche Befunde bereits in Gerichtsurteilen als Strafminderungsgrund anerkannt. Auch jenseits der großen Frage um die Willensfreiheit wirft diese Forschung das Problem auf, wie mit einem erhöhten biologischen Risiko für Kriminalverhalten umzugehen ist.

Prof. Dr. Norbert Nedopil, Leiter der Abteilung Forensische Psychiatrie der Münchner Universitätsklinik, und Prof. Dr. Stephan Schleim vom Lehrstuhl für Neurophilosophie der Ludwig-Maximilians-Universität München informieren über neuere Forschungsergebnisse zu "kranken" beziehungsweise "gefährlichen" Gehirnen und deren Bedeutung für die Gesellschaft. Im Anschluss an die Vorträge findet unter der Moderation von Florian Rötzer, Chefredakteur von Telepolis, eine Diskussion statt, an der sich natürlich auch die Zuhörer beteiligen können.

Das Telepolis Gespräch fand am Montag, den 18. Februar, um 19 Uhr 30 im Foyer des Amerika Hauses statt.

BAA

Veranstalter waren Telepolis.de und die Bayerische Amerika-Akademie,
organisiert wurde die Veranstaltung von heise events.

Norbert Nedopil: Neurobiologie und Forensische Psychiatrie - Was brächte eine Medikalisierung des Strafrechts

Eine prinzipielle Frage ist, ob eine neurobiologische Grundlage für ein staatliches Regelungssystem im strafrechtlichen Bereich überhaupt eine Verbesserung möglich machen würde. Eine solche Medikalisierung des Strafrechts hatte schon in der Vergangenheit dramatische Folgen.

In Deutschland bemüht man sich neuerdings mit einem Therapie-Unterbringungsgesetz die Sicherung der Allgemeinheit dadurch zu gewährleisten, dass man Straftäter mit Diagnosen versieht, die ihre Gefährlichkeit begründen sollen. Folge der historischen und aktuellen Entwicklungen ist, dass der rechtliche Schutz, den auch Straftäter üblicherweise genießen, durch Medikalisierung entzogen wird. Tatsächlich sind bereits heute eine Reihe von strafrechtlichen Maßnahmen nahezu ausschließlich von Prognosen abhängig. In diesen diesen Unterbringungsformen kam es in den letzten 15 Jahren zu dramatischen Anstiegen der Insassen, obwohl die Zahl der Delikte, nämlich Tötungs- und Sexualdelikte, die üblicherweise solche Sanktionen nach sich ziehen, deutlich abgenommen haben

Stephan Schleim: Du bist dein Gehirn! Über die politischen Folgen der Gehirn-Identität

Alle unsere Erfahrungen wirken sich auf unser Gehirn aus. Darum ist es so verlockend, im Gehirn nach einer Problemlösung zu suchen, auch und vor allem im Bereich psychischer Störungen. Damit geht jedoch die Gefahr einher, alternative Lösungen aus dem Blickfeld zu verlieren. Gerade weil das Gehirn so eine wichtige Rolle spielt, dürfen wir die Lebens- und Umwelt sowie die zwischenmenschliche Erfahrungsebene der Menschen nicht vernachlässigen. Unsere Lösungswege werden nicht durch die Hirnforschung vorgegeben, sondern hängen von unserer Perspektive auf den Menschen ab. Nur auf die Gene oder das Gehirn zu schauen, wie es in der Forschung heute oft geschieht, führt daher auch zu einem Verlust an Menschlichkeit, den wir um jeden Preis vermeiden müssen.

Norbert Nedopil leitet seit 1992 die Abteilung für Forensische Psychiatrie an der Psychiatrischen Klinik der Universität München. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind die Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung psychiatrischer Begutachtungen, die Differenzierung und Bedingungsfaktoren menschlicher Aggression, Rückfallprognose bei psychisch kranken Rechtsbrechern sowie ethische und rechtliche Fragen in der Psychiatrie.

Stephan Schleim ist Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat für seine Doktorarbeit selbst im Bereich der sozialen Neurowissenschaft geforscht und dabei menschliches Moralverhalten untersucht. Gleichzeitig beschäftigte er sich jedoch auch mit den philosophischen Grundlagen der Hirnforschung und der Kommunikation ihrer Ergebnisse in die Öffentlichkeit. Stephan Schleim ist auch seit 2005 Autor für Telepolis und hat in der Telepolis-Buchreihe die beiden Bücher Gedankenlesen (2008) und Die Neurogesellschaft (2011) veröffentlicht.

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