Der weiße Riese

24.01.2013

Es war einmal in Amerika: Steven Spielberg erzählt das Märchen vom grundguten Abraham Lincoln und der Bürde des weißen Mannes

Zwölf Oscarnominierungen können nicht irren: Steven Spielbergs neuer Film Lincoln ist genau die Art von gutgemeinter, hochseriöser Polit-Schmonzette, die man von einem Spielberg-Film über US-Politik mit Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle erwartet: Bierernst, ohne Überraschungen, mit viel Dialogen und getragener, etwas zu häufig eingesetzter Streich-Musik, mäßigem Unterhaltungswert und viel gutem Willen.

Alle Bilder: Fox Deutschland

Ein Film für Schulklassen, die hier nur die richtigen Dinge über Lincoln und den amerikanischen Bürgerkrieg lernen - allerdings danach wahrscheinlich in ihrem Leben nie wieder Lust bekommen, noch ein Buch hierüber zu lesen. Technisch perfekt, in seiner Inszenierungsform altmodisches Hollywood-Kino, mit dem sich sein Regisseur ein weiteres Mal selbst in den Pantheon der amerikanischen Kinokunst stellt, sozusagen auf Augenhöhe mit seinem Gegenstand: zwei große weiße Nordamerikaner unter sich. Sie jedenfalls verstehen einander.

Schon der Filmtitel klingt nach einer Statue. Und so sieht der Mann auch aus: riesengroß, in schwere, lange, dunkle Kleiderstücke gehüllt, die fast ein wenig zu groß aussehen. Wie bei einer Vogelscheuche. Die riesengroße Statur des Mannes, seine gesetzten wie sparsamen Bewegungen, der schlanke Körper verstärken diesen Eindruck. Sein Blick ist schwer und ernst, oft ins Leere gerichtet, der Bart verdeckt deutlichere Regungen im Gesicht.

Der Mensch hinter dieser Statue bleibt meist unsichtbar, auch wenn wir manches über sein Privatleben erfahren: über seine zwei gestorbenen Söhne und den dritten, ungestümen, der unbedingt kämpfen will in einem Krieg, der so brutal ist wie keiner vor ihm, ein Bruderkrieg. Über seine Frau, die er vernachlässigt, wie Machtmänner das seit jeher oft tun, und die nach Jahren der Frustration hysterisch ist oder depressiv oder beides. Und über die Männer um ihn herum, die er kommandiert, und die sich kommandieren lassen.

Lincolns List

Aber dies ist nicht irgendeine Statue, es ist, wie der Titel schon unmissverständlich klarmacht, der 16. Präsident der Vereinigten Staaten und einer ihrer berühmtesten noch dazu: Abraham Lincoln, geboren 1809 und von 1861 bis zu seiner Ermordung kurz nach Beginn der zweiten Amtszeit, im April 1865, Herr im Weißen Haus.

Der Mann, der sich am besten eignet, wenn Amerika mal wieder politische Großinszenierungen fern der politischen Realität seine Ideale beschwören will, wohl wissend, dass derartige politische Ästhetik selbst sehr schnell zu einer politischen Realität eigener Art werden kann.

Eine bemerkenswerte Geschichtslektion

Kurz vor seiner Ermordung gelang es Lincoln noch, der Abschaffung der Sklaverei einen Verfassungsrang zu geben, sie als 13.Amendement quasi unangreifbar zu machen. Dies und der Bürgerkrieg, durch den er sie überhaupt durchsetzte, erscheinen im Rückblick als eine Art zweiter Gründungsmythos der USA - nach der Unabhängigkeitserklärung von 1776 und dem Krieg, der dieser folgte.

Und Lincoln ist der einzige neben Franklin D. Roosevelt, den man in den USA heute mit den Gründervätern George Washington und Thomas Jefferson auf eine Stufe stellen würde. Von alldem, von der Größe des Präsidenten, vom Krieg und der Sklaverei, erzählt Steven Spielberg in seinem neuen Film, aber er tut es nur indirekt.

Ganz direkt konzentriert sich Spielberg aufs Finale von Lincolns Amtszeit: Jene wenigen Wochen im Februar und März 1865, in denen Lincoln die Abschaffung der Sklaverei durch den amerikanischen Kongress peitschen muss. Dieser Kongress erscheint kein bisschen weniger störrisch als der heutige im Steuerstreit mit Obama. Der Präsident hält Reden um Reden, die wenig Wirkung zeigen, dann greift er irgendwann zu Tricks, mit denen er Abgeordnete des Repräsentantenhauses verführt oder zur Not unter Druck setzt - um am Ende seine Mehrheit zu sichern.

Der Zuschauer weiß natürlich von Anfang an, wie alles ausgeht, aber wenn man sich für Geschichte interessiert, ist dies trotzdem eine bemerkenswerte Historienlektion. Filmisch hat "Lincoln" aber seine mehr als deutlichen Grenzen, und die sind nicht weniger eng als die holzgetäfelten Räume, in denen sich die Figuren meist aufhalten. Farblich ist alles in Braun- und Sepiatönen gehalten. Alles ist fahl, schummrig, fast nie scheint die Sonne (nun gut, der größte Teil des Films spielt im Winter, aber trotzdem).

Staatsakt und Kleinstarbeit

Vom Krieg, der draußen, weit weg im Süden, tobt, sieht man - von einem "Saving Private Ryan"-ähnlichen Anfangsgemetzel abgesehen - nur wenig, er ist sowieso schon entschieden. Lincoln muss ihn sogar künstlich verlängern, um das 13. Amendment wirklich noch zu verabschieden, sonst hätte sich das hunderttausendfache Sterben nicht gelohnt.

Am überraschendsten ist vielleicht, dass es seinerzeit die heute so reaktionären und unbelehrbaren Republikaner waren, die den Wandel anschoben. Die Liberalen von heute, die Demokraten, waren damals Sympathisanten des Südens. Spielberg zeigt die politischen Akteure in spannenden Debatten - aber alles bleibt doch immer ein Kammerspiel und wirkt wie verfilmtes Theater.

Dazu trägt auch Daniel Day-Lewis seinen Teil bei: Wie ernst er seine Rolle, aber auch sich selbst nimmt, und jede Geste als Staatsakt zelebriert, das sieht man ihm noch in der letzten Haarspitze an. Wie ein Lincoln-Gespenst schlurft er durch den Film, endgültig zu jener Karikatur eines Method-Acting-Anhängers zusammengeschrumpft, die sich schon in seinen Rollen als Gangster "Butcher Bill" in "Gangs Of New York" und vor allem als seelenloser Kapitalist Daniel Plainview in "There Will Be Blood" andeutete. Keine Spur mehr von funkelnden Auftritten wie "The Last Of The Mohicans" oder "Age of Innocence".

Und Spielbergs Drehbuch tut ein Übriges, um Humor und Leichtigkeit erst gar nicht aufkommen zu lassen - auch Spielberg unternimmt einen Staatsakt; "Lincoln" ist ein Film wie ein Gang zum sonntäglichen Gottesdienst. Es ist nichts dagegen zu sagen, aber Spaß ist was anderes.

Politik ist nicht erst heute Kleinarbeit und ein mühsames, oft frustrierendes Geschäft, dies ist der Hauptertrag von Spielbergs Film. Aber das darin erhaltene Lob der urdemokratischen Überzeugungsarbeit, der checks and balances, der Republik und ihrer Legitimation durch Verfahren ist nur ein scheinbares.

Befreiungstheologie

Tatsächlich tut Spielberg so ziemlich das Gegenteil: Er singt ein pathetisches Loblied charismatischer Herrschaft, er konstruiert seinen Lincoln als antirepublikanischen Ersatzmonarchen in dessen Person alle Befreiungsbewegungen vor und vor allem nach ihm zusammenfallen und verschmelzen - eine "Institution in einem Fall" (Arnold Gehlen).

Die amerikanische Befreiungstheologie in der eine Nation sich an sich selbst berauscht, wird besonders deutlich in dem ungewöhnlichsten der vielen Trailer zum Film, der Unite heißt. Als einziger Trailer zeigt er nicht allein Bilder aus dem Film, sondern Dokumentarmaterial.

So bettet er die Filmbilder mit Hilfe forcierter, "dramatischer" Musik aus der Soßenfabrik von John Williams ein in einen geschichtsphilosophischen Bilderstrom, der ausgehend von Martin Luther King, den Bürgerrechtsbewegungen der 1960er, den Suffragetten im Kampf ums Frauenswahlrecht und aktuelle US-Truppen (!!) über Nelson Mandela, Mahatma Ghandi, die Landungen in Iwo Jima und Omaha Beach sowie die Lichtinstallation über Ground Zero einen Zusammenhang des Kampfes um Rechte stiftet.

Spiel mir das Lied vom Weißen Mann

Was fehlt, zeigt der Vergleich zu zwei anderen US-Filmen, die in diesen Wochen ins Kino kommen, vielfach Oscar-nominiert sind und derzeit heiß debattiert werden: Kathryn Bigelows "Zero Dark Thirty" handelt von der Jagd auf Osama Bin Laden. Bigelow zeigt die dunklen Seiten des Guten, und sie weiß, dass Kino mehr ist als lange Reden.

Und Quentin Tarantino's "Django Unchained", der fast zu gleichen Zeit spielt wie "Lincoln" wirkt als dessen Gegenentwurf und Mängelanzeige: Eine Anklage des Rassismus, wo Lincoln nur ein Lob des Guten ist. Und ein Film mit vielen schwarzen Darstellern. "Lincoln" dagegen handelt zwar von der Sklavenbefreiung, zeigt aber nur schlaue alte weiße Männer.

Die wenigen schwarzen Figuren sind entweder stumme Diener, lächelnde Onkel Toms, hübsche Nannys, die auch mal mit ins Bett schlüpfen, um Opas Unterleib zu wärmen. Oder sie plappern gelehrig Worte der Weißen nach wie Lincolns "Gettysburg Adress" in einer der ersten Szenen. Aber nichts zeigt Spielberg von der Realität des versklavten Amerika.

Und man sieht keinen einzigen Vertreter der tatsächlich existierenden Anti-Sklaverei-Bewegung der schwarzen Amerikaner. Sie wirken, wo sie auftauchen, nur wie das billige Alibi in einem Manifest des ästhetischen Konservativismus. Auch dass die Sklaverei in veränderter Form noch lange weiter bestand - als schiere Abhängigkeit und als "convict lease system" mit der Zwangsarbeit für verurteilte schwarze Amerikaner, kommt in diesem langen, langweiligen Film nicht vor.

Es gibt für diesen Film mehrere politische Lesarten. Die erste Lesart ist die linksliberale, republikanische. Nach dieser geht es in dem Film um Gleichheit. Lincoln sagt: "We begin with equality - its the origin; isn't it? Its justice." Und dies mit Euklid begründet: "Things which are equal to the same thing, are equal to each other. That's a rule of mathematical reasoning. It's true because it works. Has done and will always do so. In his book Euclid says this is selfevident." In Wirklichkeit verhielt es sich anders.

Die zweite die oben bereits aufgeführte These der der Mythisierung. Offenbar misstraut Spielberg den Instititionen, und vertraut darauf, dass ein gottgleicher großer Einzelner schon im rechten Moment zur Stelle sein werde, um die Dinge zu richten.

PS: Bevor man ins Kino geht, sollte man übrigens in den Trailern das Original anschauen und dann vergleichen mit einer Synchronisation, die einfach nur mies ist.

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