"Kulturell fragliche Assoziationen"

Thomas Pany 23.01.2013

Die Türkische Kulturgemeinde Österreich erwägt eine Anzeige gegen Lego - wegen Verhetzung

Gute Nachrichten für Eltern: Bei "genauerer Betrachtung" werden beliebte Kinderbücher und Spielzeug zu unheimlichen Objekten, die der pädagogisch wertvoll agierende Erziehungsberechtigte dem Nachwuchs besser nicht zumutet. Dank sei dem Assoziationsraum, den Hello-Kitty-Seifenblasenspielzeug (Hysterie in US-Kindergarten), Pippi Langstrumpf-, Ottfried Preußler-Bücher (Computerspiele statt Kinderbücher zensieren und nun auch Lego-Bausätze eröffnen. Da Assoziationsräume starke Ausdehnungskräfte entwickeln, bleibt das Kinderzimmer am besten leer. Damit fällt eine Tätigkeit weg, die zu den bedrückendsten Sisyphosaktivitäten des Familienlebens gehört, Kinderzimmeraufräumen.

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Die Türkische Kulturgemeinde Österreich hat den Lego-Bausatz "Jabbas Palace" genauerer Betrachtung unterzogen, nachdem sich ein Vater mit einer Beschwerde bei der Kulturgemeinde gemeldet hatte. Die Lego-Schachtel enthalte genauer besehen "pädagogischen Sprengstoff", so der Vorwurf. Die Generalsekretärin der Organisation konstatierte nach Prüfung der Beschwerde "pädagogisch verwerfliche Mängel und kulturell fragliche Assoziationen am Produkt von Lego Star Wars". Worin die bedenklichen Assoziationen bestehen?

Zusammengebastelt erscheint Jabbas Wüstenpalast dem prüfenden Blick aus der Kulturgemeinde zunächst als "1:1 Abklatsch der Hagia Sophia in Istanbul oder der Moschee Jami al-Kabir in Beirut und eines Minaretts".

Die Figur im Turm wäre dann mit einem Vorbeter zu assoziieren, der aussieht wie ein "Krimineller mit Axt und Maschinengewehr", im Turm selbst findet der zoomende Blick des Betrachters Yüksei Karaman dann noch "mehrere Maschinengewehre". Zurück auf Großaufnahme findet der Betrachter den gerade angedeuteten Assoziationsraum Moschee mit schwer bewaffneten Vorbeter dann als zu eng.

Das Modell ähnelt aber nicht nur einer Moschee, sondern auch einem karolingischen Dom, dem Pantheon in Rom, heute eine katholische Marien-Kirche? Oder einem hinduistischen oder buddhistischen Tempel oder einem tibetischen Palast.

Willkür? Nein, denn egal, ob Kirche, Moschee, Synagoge oder Tempel, das seien ja alles Sakralbauten. Für das infame Moment im Bild, das beinahe schon harmlos geworden wäre, sorgt dann Jabba, der als "Terrorist" gesehen wird, "der es liebt Wasserpfeife zu rauchen und seine Opfer töten zu lassen." Damit ist der Assoziationsstrom wieder auf Linie gebracht:

Es ist offensichtlich, dass für die Figur des hässlichen Bösewichts Jabba und die ganze Szenerie rassistische Vorurteile und gemeine Unterstellungen gegenüber Orientalen und Asiaten als hinterlistige und kriminelle Persönlichkeiten (Sklavenhalter, Anführer von Verbrecherorganisationen, Terroristen, Verbrecher, Mörder, Menschenopferung) bedient wurden. Erschreckend ist auch die rot-schwarze Teufels-Fratze auf der Schachtel rechts oben...

Die Türkische Kulturgemeinde behalte sich juristische Schritte vor und überlege, Klagen wegen Volksverhetzung einzureichen, heißt es in dem Schreiben.

Die Kombination aus Tempelbau und Bunkeranlage, aus der geschlossen wird, kann für Kinder zwischen 9 und 14 Jahren sicher nicht geeignet sein, vor allem in Hinblick auf ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen in Europa.

Ob eine so weitgehende Zensur, wie sie der Verband fordert, einem Zusammenleben verschiedener Kulturen dienlich ist, mag dahingestellt sein.

Sicher ist soviel: Diese Assoziationen dürften für die allermeisten Freunde von Star Wars komplett neu sein. Sie assoziierten Jabba in der Vergangenheit mit ganz anderen optischen wie mimischen Vorbildern - zum Beispiel mit Franz Josef Strauß, Kim Dotcom oder mit der dicken Südstaatenmutter von Honey Boo Boo aus dem Unterschichtsfernsehen.

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38424/1.html
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