Im Zeitalter der "Kleinen Kriege" werden Söldner attraktiv

03.02.2013

Frank Westenfelder über die Geschichte der Söldner, die vorherrschenden Stereotypen und die Gründe, warum Söldner und Private Sicherheitsfirmen nach dem Ende des Kalten Kriegs einen Boom erlebten

Das Thema Söldner wird von vielen Missverständnissen und Stereotypen begleitet. Dr. Frank Westenfelder widmet seine Webseite kriegsreisende.de diesem Thema. Die Unterscheidung zwischen Soldaten einer regulären Armee und Söldnern wird laut Westenfelder erst im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg von Bedeutung, da sich die Amerikaner von der britischen Armee absetzen wollten, die neben britischen Soldaten auch viele Deutsche anwarben. Im Gegensatz hierzu sollten Soldaten zu Patrioten erzogen werden, der amerikanischen Sache dienen, also nicht käuflich sein. Auch bei der "levée en masse" in Frankreich im 18. Jahrhundert werden französische Rekruten gegen "Fürstenknechte fremder Herrschaft" ausgespielt. Erst durch die Konstruktion dieser mächtigen Ideologien wie Vaterland und Nation, später dann auch Klasse und Rasse, gerieten Söldner ins Abseits.

Ihre Webseite kriegsreisende.de ist sehr umfangreich und deckt die Geschichte der Söldner von der Antike bis in die Gegenwart ab. Das lässt auf eine intensive Beschäftigung mit dem Thema schließen. Wie und wann hat Ihr Interesse an den Söldnern begonnen?

Frank Westenfelder: Ich begann etwa Mitte der 1990er Jahre mit dem Thema (bereits im Juli 1997 publizierte ich in dem Geschichtsmagazin "Damals" den Artikel "Kaperkrieg im Mittelmeer"). Mein Interesse galt damals alten Reiseberichten und dabei bemerkte ich, dass die meisten von Söldnern verfasst worden waren.

Als ich mehr wissen wollte, stellte ich schnell fest, dass es außer einigen reißerischen Büchern (meist zu Landsknechten und der Fremdenlegion) und ein paar sehr exotischen Fachartikeln nichts zu dem Thema gab. Da ich schon immer eine Vorliebe für seltsame, verlorene, von der großen Historiographie ignorierte Gestalten hatte, beschloss ich also, das fehlende Buch selbst zu schreiben. Frei nach Walter Benjamin: "Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten: Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht." Als Frau hätte ich mich möglicherweise der Geschichte der Prostitution gewidmet.

Leider hatten deutsche Verlage zu dieser Zeit noch zur Militärgeschichte und speziell zu Söldnern eine recht ablehnende Haltung, und so wurde mein Exposé überall abgelehnt; man ließ sogar gelegentlich durchblicken, dass derartig "rechte" Themen nicht ins Verlagsprogramm passten.

Da zu dieser Zeit bereits das Internet ganz gut entwickelt war, beschloss ich, meine Forschungsergebnisse dort als wachsendes Magazin zu präsentieren und begann 2002 mit Kriegsreisende.de. Nachdem Söldner schließlich mit den Ereignissen im Irak 2004 auch für die Massenmedien interessant wurden, wurde ich mehrmals von Journalisten, die Söldner suchten, von Söldnern, die einen Job suchten (mein Gott, ich bin Historiker!) und schließlich auch von Verlagen kontaktiert.

Heute stößt man medial meist im Kontext von Aktionen in Afrika oder im Nahen Osten auf das Thema. Mit Kongo-Müller und Mad Mike begann die kritische Berichterstattung und setzt sich heute mit Firmen wie Blackwater fort. Welchen Eindruck haben Sie vom Presseecho bezüglich des Themas Söldner?

Frank Westenfelder: Ich beziehe zwar einen guten Teil meiner aktuellen Informationen aus der Presse, wo man manchmal sehr gut recherchierte Artikel findet. Leider schlachtet aber ein Großteil der Medien (Presse und Fernsehen) das Thema meistens lediglich reißerisch aus und bedient die banalsten Vorurteile der Leser.

Hierzu ein Auszug aus meinem Buch:

So erschien im Oktober 2005 im Stern ein Artikel mit dem Titel "Die Hunde des Krieges", dort war dann zu lesen: "Sie fahren wie die Teufel und schießen auch so - drei Deutsche im Dienst des Pentagons." Am übelsten trieb es aber die (gute, alte?) FAZ mit dem Artikel "Profiteure des Krieges" vom Mai 2007, wo in bestem Landser-Stil zu lesen war: "Blutbeschmierte Panzer und romantische Sonnenaufgänge, verkohlte Leichname und Männer in Schutzwesten, die stolz ihre Sturmgewehre in die Höhe recken, die Augen hinter verspiegelten Sonnenbrillen verborgen." Und um wirklich jede Ähnlichkeit mit realen Situationen zu vermeiden, wurde der Artikel mit Bildern aus Filmen wie "Die Wildgänse", "Blood Diamond", "Red Scorpion" usw. dekoriert.

Besonders bedauerlich ist dabei, dass die Medien meistens der Rambo-Perspektive Hollywoods aufsitzen. Dabei geht völlig verloren, dass Söldner historisch betrachtet eigentlich relativ schlecht bezahlt werden. Die traditionellen Söldnerwiegen Europas sind gleichzeitig seine ärmsten Regionen: die Alpen, der Balkan, die Pyrenäen, Schottland etc. Heute kommen die meisten Söldner (pro Kopf der Bevölkerung) aus Nepal, Fidschi, Bangladesch. Dieser Aspekt geht jedoch bei der westlichen Nabelschau Hollywoods und eines Großteils der Medien völlig unter.

Söldner und Private Sicherheitsfirmen sind eine viel genutzte Möglichkeit von Regierungen, demokratische Kontrollinstanzen zu umgehen

Käufliche Soldaten besitzen einen gewissen Beigeschmack. Infolge umfangreicher Einsparungsmaßnahmen westlicher Regierungen wird zunehmend kriegswirtschaftlich auf PMCs (Private Military Companies) ausgelagert. Sie unterstreichen immer wieder ökonomische Gründe sowohl auf Seiten der Auftraggeber wie auch der Söldner, sich für Kriegsdienst mieten zu lassen. Wie stark ist der wirtschaftliche Aspekt wirklich?

Frank Westenfelder: Der wirtschaftliche Aspekt ist bei der Beschäftigung von Söldnern sicher äußerst wichtig. Allerdings werden viele Dienste aus politischen Gründen ausgelagert. D.h. man will keine eigenen toten Soldaten oder kann einige notwendige Aufgaben legal nicht von den eigenen Streitkräften erledigen lassen. So lassen EU-Länder Schiffe und Diplomaten in Krisengebieten von Söldnern bewachen, oder die USA waren lange im Drogenkrieg in Kolumbien aktiv, ohne jemals Truppen dort gehabt zu haben. Spanien lässt seine Fischereiflotte vor Ostafrika unter fremder Flagge fahren, dann kann das Verteidigungsministerium Söldner bezahlen, die auf spanischen Schiffen illegal sind. D.h. die PMCs sind heute eine viel genutzte Möglichkeit von Regierungen, demokratische Kontrollinstanzen zu umgehen.

Außenstehende gehen häufig davon aus, dass sich die Söldner (mehr oder minder) freiwillig zum Kriegsdienst melden. Hat diese Wahrnehmung mit dem Einfluss des Konzepts der Fremdenlegion zu tun? Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass dies "ein fataler Irrtum" sei.

Frank Westenfelder: Dies wurzelt vor allem in der oben erwähnten Rambo-Perspektive Hollywoods. Als Söldner werden nur reiche Westeuropäer oder Amerikaner wahrgenommen, da sich die Medien (Fiktion und Realität völlig vermischt) nur für die "eigenen" Söldner interessieren. Dass ein Großteil der UN-Truppen inzwischen von Nepal, Bangladesch, Fidschi, Nigeria u.a. gestellt werden, außerdem viele westliche Staaten (USA, Frankreich, Großbritannien, Spanien) ihre Armeen mit Immigranten füllen, denen man im Gegenzug die Staatsbürgerschaft verspricht, ist historisch betrachtet und politisch sicher wesentlich wichtiger als die wenigen Adrenalinjunkies westlicher Prägung.

Krieg wird für Territorialgewinn, gegen Fremdbesatzung, wegen Interessenskonflikten, um Ressourcen gefochten. Bei Rekrutenmangel wird, so lese ich Ihre Artikel, gern auf Söldner zurückgegriffen. Wie geht die "Beschaffung" genau vor sich und hat sich bis heute grundlegend etwas daran geändert?

Frank Westenfelder: Man rekrutiert wie gesagt Immigranten, leiht sich wie die UNO ganze Mietregimenter oder beauftragt eine PMC, die über eigene Netzwerke rekrutiert. Historisch betrachtet gibt es meiner Meinung nach geradezu erschreckend viele Parallelen.

Bei den meisten Aufträgen gibt es wie überall in der Wirtschaft eine Ausschreibung, für die sich dann verschiedene PMCs bewerben; erhält eine den Zuschlag, hat sie meistens schon das notwendige Personal in ihrer Kartei.

Sie schlagen auf Ihrer Webseite für Söldner andere Begriffe wie Abenteurer oder eben Kriegsreisende vor. Dies lässt eine gewisse romantische Veranlagung der Kämpfer vermuten. Durch Medien als auch die Söldner selbst werden Mythen der Söldner-Szene geschaffen. Wie schwer ist es für einen Historiker, diese Mythen auf die Faktenlage zurückzuführen? Oder anders gefragt: Halten sich manche Stereotypen nicht besonders stark?

Frank Westenfelder: Ich halte "Söldner" durchaus für ein passendes Wort. Mit "Abenteurer" oder "Kriegsreisende" würde ich dagegen eher solche aus Wohlstandsgesellschaften bezeichnen, die vor allem das Abenteuer, den "Kick", das Adrenalin suchen. Diese Gruppe hat es im Laufe der Geschichte zwar immer gegeben, ist aber letzten Endes nicht so typisch für den Beruf wie Immigranten, politische Flüchtlinge und andere, die "der Not gehorchen", wie man früher sagte.

Natürlich halten sich einige Mythen und andere Dinge, wie z.B. die Vorliebe für Trophäen oder Männlichkeitsrituale besonders stark. Ich versuche damit umzugehen, indem ich ihnen eine eigene Rubrik widme. D.h. Mythen, pauschale Vorurteile oder eben auch tatsächlich wiederkehrende Rituale und Verhaltensmuster sollen sofort erkennbar werden.

Wie sieht es mit Frauen in diesem Beruf aus?

Frank Westenfelder: Als Körperkraft durch die Einführung der Feuerwaffen im 16. Jahrhundert nicht mehr so wichtig war, gab es in fast allen Söldnerameen Frauen, die als Männer verkleidet oft viele Jahre dienten. Dies fand erst mit der ärztlichen Musterung ein Ende. In modernen PMCs sind Frauen eine Randerscheinung, haben jedoch gerade beim Personenschutz von Frauen sicher eine gewisse Nische.

Rückkehr des "Kleinen Kriegs"

Nach Ende des Kalten Kriegs verschoben sich die ideologischen Kennzeichen durch den Wegfall der Sowjetunion. Dieser Paradigmenwechsel hatte auch weitreichende Konsequenzen für das Söldnergewerbe. Welche genau?

Frank Westenfelder: Vor dem Ende des Kalten Kriegs führten Söldner eine völlig unbedeutende Randexistenz. Im der Auseinandersetzung der großen Ideologien war es eher üblich, die Verbündeten der Gegenseite als "Söldner" oder besser noch als "Mietlinge" zu diffamieren. Zudem konnten Söldnertruppen auch nie mit den Massenarmeen moderner Nationalstaaten konkurrieren.

Das Ende des Kalten Kriegs brachte nun eine Art ideologisches Vakuum, einen Pragmatismus, der den Einsatz von Söldnern ideologisch erleichtert. Zudem kam es durch den Zerfall der großen Blöcke zu einer Fragmentierung von Staaten und staatlicher Gewalt. Viele Analysten sehen eine Rückkehr des "Kleinen Krieges", eine Vermischung von organisierter Kriminalität, Terrorismus und Kriegsunternehmertum, die an die Stelle der klassischen Staatenkriege treten.

Und wenn Konzerne und Warlords um Handelsvorteile und Gebiete streiten, sind professionelle Söldner sicher angebrachter als Massenaufgebote von Patrioten, die in Übersee und für merkantile Ziele ohnehin kaum mobilisiert werden könnten.

Sie ergänzen historische Recherchen auf Ihrer Webseite mit Interviews. Wie stellen Sie den Kontakt her? Denken Sie, die interviewten Söldner reagieren im Gespräch bereits auf Vorerwartungen? Wie authentisch sind die Informationen, die Sie erhalten?

Frank Westenfelder: Ich führe nur sehr wenige Interviews und dabei nahmen die Beteiligten immer mit mir Kontakt auf. Ich denke, dass die Informationen recht authentisch sind, da ich mir von den Gesprächspartnern auch immer andere Sachen (Dokumente, Ausweise, Fotos, eventuell andere Artikel) vorlegen lasse.

2012 veröffentlichten Sie Ihr Buch: "Eine kleine Geschichte der Söldner. Historische Gestalten auf dem Weg in die Moderne". Unterscheidet sich das Buch von Ihrer Webseite? Wie wird es in der historischen Forschung aufgenommen?

Frank Westenfelder: Die Webseite gleicht eher einem Puzzle; man findet dort eine Menge interessanter Geschichten, die sich eventuell zu einem größeren Ganzen fügen können. Sie ist eher sprunghaft, anekdotenhaft. Das Buch versucht dagegen, konsequent die historische Entwicklung des Gewerbes aufzuzeigen. Söldner erscheinen dabei als Produkte und Werkzeuge auf dem Weg zum modernen Staat. Aber eben nicht statisch, sondern eben den sozialen und staatlichen Veränderungen unterworfen.

Das Buch wendet sich an interessierte Laien und versucht diese für so komplexe, sonst eher staubtrockene Themen wie Struktur- und Sozialgeschichte zu interessieren. Für Fachhistoriker, die sich ja meistens auf spezielle Epochen wie Frühe Neuzeit, Mittelalter, Imperialismus usw. spezialisiert haben, hat es sicher weniger zu bieten.

Allerdings wird inzwischen sogar die Website Kriegsreisende in einigen Büchern, Magisterarbeiten und Fachzeitschriften zitiert (es gab sogar eine ausführliche Besprechung in der ZS des MGFA[1]), deshalb denke ich, wird auch das Buch seinen Weg machen.

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