Konstruktives - das gläserne Experiment

Es wäre unfair, diese Betrachtung ohne konstruktive Vorschläge zu beenden. Das Problem an den Ergebnissen der Hochenergiephysik der letzten Jahrzehnte ist, dass sie in der Sprache formuliert sind, die die Interpretation im Rahmen des Standardmodells schon vorwegnimmt. Alternative Ideen müssten hingegen Daten zur Verfügung haben, die schlicht aussagen, welcher Energiebetrag wann und wo im Detektor abgegeben wurde. Und es ist keineswegs so, dass nur Experten der Hochenergiephysik qualifiziert wären, solche Daten zu analysieren. Vielmehr wäre es durchaus vorstellbar, dass ein Student aus Indien oder ein Ingenieur aus Mexiko darin überraschende Zusammenhänge findet, an deren Analyse vorher noch nie jemand gedacht hat.

LHC-Dipolmagnet. Bild: Maximilien Brice/CERN

Dagegen dringt von den Kollaborationen der Teilchenphysik, obwohl man oft von internen Kontroversen hört, nicht viel nach außen, was nicht den Konsensfilter einer gemeinsamen Veröffentlichung überstanden hat. Gegen die völlige Offenlegung von Daten wird auch oft argumentiert, diese seien für den Außenstehenden wertlos, weil Effekte der Instrumente nur der Experte korrigieren könne. Leider ist dies sogar wahr, offenbart aber nur verquere Sicht der Dinge: Wenn die Naturgesetze nicht vom Detektor abhängig sein sollen, wäre es genau die Aufgabe, die Rohdaten soweit aufzubereiten, dass die speziellen Instrumente darin keine Rolle mehr spielen.

Luftaufnahme CERNs (2008). Bild: Maximilien Brice/CERN

Auch hier hat sich die Physik weit von der Methode des vergangenen Jahrhunderte entfernt, die die permanente Überprüfbarkeit und Wiederholbarkeit von Experimenten als Grundlage hatte. Zu oft werden Prinzipien, die den Erfolg der Naturwissenschaft seit 400 Jahren ausmachten, den Sachzwängen in den modernen Großforschungseinrichtungen geopfert. Sollte sich die fundamentale Physik tatsächlich auf einem Irrweg befinden, hat sie mit den derzeitigen Strukturen auch kaum eine Chance, herauszufinden.

Eine Lösung kann nur sein, das gläserne Experiment zum Prinzip wissenschaftlicher Datengewinnung zu machen. Die Rohdaten müssen zugänglich werden, aber auch jeder Zwischenschritt der Datenauswertung, die damit auf unbegrenzte Zeit von einer unbegrenzten Anzahl von Wissenschaftlern überprüft werden könnte. Dies wäre eine methodische Umwälzung, die die Physik langfristig beeinflussen würde. Möglich ist sie im Prinzip - nicht zuletzt dank des am CERN erfundenen Internet.

Alexander Unzicker ist Autor der Bücher "Auf dem Holzweg durchs Universum - warum sich die Physik verlaufen hat" (Hanser, 2012) und "Vom Urknall zum Durchknall - die absurde Jagd nach der Weltformel", dem Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 in der Kategorie "Brisant". Es erscheint im Juli 2013 auf Englisch unter dem Titel "Bankrupting Physics" bei Palgrave Macmillan.

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