Faktencheck Organspende-Ausweis

28.01.2013

Auswertung der Kommentare

Mitte Januar haben wir auf Telepolis (Organspende: Für und Wider) und auf faz.net einen "Faktencheck" durchgeführt. Leser haben sich mit insgesamt knapp 500 Kommentaren beteiligt. Die Kommentare wurden fortlaufend in eine Argumentationskarte übertragen, die als gemeinsamer Bezugspunkt für die Debatte diente. Die Karte zeigt auf, wo die Meinungsfronten verlaufen, wie Ablehnung oder Zustimmung zur postmortalen Organspende rechtfertigt werden und wo Lücken in den Begründungen bestehen. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

Für den Faktencheck auf Telepolis und auf faz.net wurde jeweils eine separate Argumentationskarte aufgebaut, die den Verlauf im jeweiligen Forum wiedergibt. Beide Karten haben wir nun in einer gemeinsamen Darstellung zusammengeführt. Der Übersichtlichkeit halber verwenden wir im folgenden eine einfache, nicht-interaktive Version der Karte. Die Forenbeiträge, die sich hinter den einzelnen Elementen auf der Karte verbergen, sind zugänglich über die interaktive Version der zusammengeführten Karte. Aus der Vogelperspektive betrachtet, sieht die vollständige Argumentationskarte so aus:

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Eine hochauflösende Darstellung der Gesamtansicht kann hier heruntergeladen werden. Der grüne Bereiche umfasst die Argument für die Organspende. Der rote Bereiche stellt die Einwände dar. Das gelbe Areal zeigt Vorschläge zu Verbesserung des Organspende-Aufkommens. Die einzelnen Bereiche der Karte werden im Folgenden vorgestellt.

Spenden!

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Zu den Farben und Symbolen: Es gibt Fragen (?, blau), Antworten in Form von Thesen oder Handlungsvorschlägen (!, gelb) sowie Argumente, welche für eine These oder einen Handlungsvorschlag sprechen. Ferner: Argumente, die sich auf ein vorangegangenes Argument beziehen und dieses stützen oder widerlegen. Die Zeichen Plus (+) und Minus (-) zeigen an, wie sich ein Element auf der Karte zu dem unmittelbar vorausgegangenen Element verhält. Damit bei langen Ketten von Argumenten die Übersicht nicht verloren geht, wird zusätzlich eine Farbkodierung verwendet. Grün sind alle Elemente gekennzeichnet, welche die vorangehende Ausgangsthese (gelb) stützen. Rot Elemente, welche die Ausgangsthese entkräften.

Als Argumente, die für das Spenden sprechen, wurden vor allem ethische Überlegungen ins Feld geführt. Mitunter richteten sich diesbezügliche Äußerungen im Forum direkt an andere Kommentatoren, die die Organspende ablehnten:

Und du würdest natürlich freiwillig auf ein Spender-Organ verzichten wenn dir nicht mehr anders zu helfen ist, nicht wahr? Oder interessiert dich dann dein Gerede von heute auch nicht mehr?

Twister 2009 auf TP

Die Diskussion zeigt: Ethisch betrachtet, kann die Aufforderung zur Organspende auf verschiedene Weise begründet werden. Sie kann sich auf eine Regel nach der Art von "Wie Du mir, so ich Dir" berufen, auf einen Appel zur Solidarität, oder auf das Gebot, Menschenleben zu retten. Einige der Begründungen wurden in der Diskussion auch beanstandet. Ein Kommentator brachte zum Beispiel die These auf, dass es sich bei der Organspende um so etwas Ähnliches wie ein Geschenk handele - und dass von daher keine Art von moralischem Zwang zur Spende bestehe. Andere Teilnehmer warfen ein, dass es einen moralischen Anspruch auf Organe anderer Menschen schlichtweg nicht geben könne - und von daher auch keine Pflicht zur Spende.

Ein weiteres Argument in der Debatte zur den Gründen, die für die Spende sprechen, thematisiert nicht die Frage nach einer wie auch immer gearteten Pflicht zur Spende, sondern vielmehr deren moralische Legitimität. Das Argument beruft sich auf anerkannte und vor allem in der Medizinethik oftmals zitierte Prinzip "Niemandem schaden!":

… Die Frage die sich mir stellt ist eher was man im schlimmsten Fall verpasst wenn man noch nicht ganz "Hirntod" ist und das ist nicht all zu viel. Also von dem her beängstigt mich diese Debatte nicht wirklich.

FischX auf TP

Wenn man der in diesem Kommentar zum Ausdruck kommenden Auffassung folgt, dann sprechen keine ernstzunehmende Gründe gegen die Organentnahme sprechen - so dass etwaige Gründe, die für eine Organentnahme im Rahmen einer Güterabwägung die Oberhand behalten sollten. Eine schöne Illustration dieser Position ist ein in den Kommentaren erwähnter Cartoon, auf den hier leider nur in Form eines Links verwiesen werden kann.

Ob die Aussage "Die Organentnahme schadet dem Betroffenen nicht" tatsächlich ohne weiteres aufrecht erhalten werden kann, wird in dem Diskussionsblock "Nicht spenden!" weiter unten ausführlich thematisiert. Zwischenfazit: Die Debatte um die moralischen Gründe, die für die Organspende sprechen oder sogar eine Pflicht zur Spende begründen sollen, macht deutlich, dass auf den ersten Blick moralisch überzeugende Argumente wie nach dem Muster von "Wie Du mir, so ich Dir" durchaus hinterfragt werden können. Erkennt man die Einwände an, folgt daraus kein Grund gegen die Organspende. Lediglich auf die Behauptung, dass es eine moralische Pflicht zur Spende gäbe, muss in diesem Fall verzichtet werden.

Nicht Spenden!

Zunächst der Block "Nicht Spenden!" im Überblick: Bild klicken, um vergrößerte Ansicht zu erhalten. Und hier ein erster Ausschnitt:

Eine wissenschaftliche Definition des Todes?

Bild klicken

Das zentrales Argument der Organspende-Skeptiker lautet: Der Hirntod (das maßgebliche Kriterium für die Organentnahme) markiert nicht tatsächlich den Todeseintritt! Dieses Argument gliedert sich in verschiedene Unterargumente.

Zunächst geht es um die Frage, ob der Tod überhaupt wissenschaftlich definierbar ist - ob also die Behauptung der Organspende-Befürworter, dass es eine solide wissenschaftliche und deshalb verlässliche Basis für Organentnahme und -verpflanzung gibt, überhaupt zutrifft. Einmal wird hier das Bedenken vorgetragen, dass sich wissenschaftliche Definitionen des Todes in der Vergangenheit öfters geändert haben - und dass man nicht hundertprozentig sicher sein kann, ob nicht Patienten, die nach dem heutigen Stand der Medizintechnik als tot gelten, in Zukunft vielleicht re-animiert werden können:

Früher hat man das gleiche über herztote Patienten gesagt - bis man herausgefunden hat, wie man Herzen wieder in Gang bekommt. Warum sollte das nicht auch für gehirne möglich sein? Ich halte das, was unsere Wissenschaft heute weiß, nicht für der Weisheit letzter Schluss. Was, wenn das ebenso möglich ist und wir unesre Hirn"toten" grade gepflegt um die Ecke bringen, weil irgendein Bonze Ersatzteile braucht (…)

Syrah auf TP

Mehr Zuspruch findet eine andere Kritik an der Wissenschaftlichkeit des Hirntodes, die Tatsache nämlich, dass diese Definition geschaffen wurde, um pragmatische Interessen zu bedienen:

(…) dass der Hirntod-Begriff 1968 kurz nach der ersten Herztransplantation (1967) vorgeschlagen wurde und dass zur Begründung dieser neuen Todes-Definition von der Harvard-Kommission an zweiter Stelle genannt wurde: "Überholte Kriterien für die Definition des Todes können zu Kontroversen bei der Beschaffung von Organen zur Transplantation führen". Dieses Interesse von Transplantationsmedizinern an der Einführung eines neuen Todes-Begriffs empfand der Philosoph Hans Jonas schon damals als eine "Kontaminierung" eines scheinbar naturwissenschaftlich begründeten neuen Begriffs.

Barbara Koch-Mäckler (Herbstf…), faz.net, 16.01.2013 10:50 Uhr

Hirntod-Definition - ein Grund, die Spende zu verweigern? Ja. Denn nicht nur die damalige Definition hat ein Geschmäckle. Das Geschmäckle wird unschöner, wenn man sich die vielen unterschiedlichen Todesdefinitionen anschaut wie die Non heart-beating Donors, bei denen es mittlerweile darum geht, wieviele Minuten nach einem Herzstillstand explantiert werden kann: Wenn Sie im Internet recherchieren, werden Sie auch auf Angaben in Sekunden stoßen. Das bedeutet, die neueren Definitionen des Todes sind willkürlich und Interessenlagen geschuldet, nicht selten ökonomischen Interessen. Transplantationen sind für Kliniken ein einträgliches Geschäft, und für die Pharmaindustrie ebenfalls, muss der Organempfänger doch lebenslang Medikamente zu sich nehmen, die eine Abstoßung des verpflanzten Organs verhindern sollen (diese Abwehrreaktion des Körpers gibt zumindest mir zu denken). Ich bin mir sehr sicher, dass in absehbarer Zeit die Definition des Todes wieder verändert wird.

Rita Krüger (RitaKru…), faz.net., 16.01.2013 12:12 Uhr

Allerdings ist die Diskussion mit dem Verweis auf die Einbettung der Hirntod-Definition in pragmatische Interessenskonstellationen nicht an einem Endpunkt angelangt. Einerseits ist es nämlich immer noch möglich - Interessen hin oder her -, dass letztendlich gute Argumente dafür sprechen, den Hirntod als Tod anzuerkennen:

Ich finde die Definition sinnvoll, weil unser Verstand, unser Character, alles was das "Ich" ausmacht, ganz offensichtlich im Gehirn sitzt. Der Rest hat nur mehr oder weniger mechanische Aufgaben. Herz: Pumpe, Niere: Filter, Leber: Chemielabor usw.

Lochkarte auf TP

Zum anderen: Möglicherweise braucht es den Hirntod gar nicht, um die Organentnahme ethisch zu rechtfertigen. In der bioethischen Diskussion gibt es auch die Position, dass es besser ist, einzugestehen, dass es sich bei den Organspenden um Sterbende handelt - und dass diese, kurz vor ihrem natürlichen Ableben, zum Zwecke der Organentnahme ethisch legitim getötet werden dürfen. (Interessanter Weise wurde dieser Vorschlag im Forum jedoch nicht als Option diskutiert. Vielmehr wurde der Vorschlag zitiert, um darauf hinzuweisen, zu welchen moralisch skandalösen Schritten Organspende-Befürworter bereit sind.)

Zwischenfazit: Es gibt gute und in der Diskussion bislang nicht entkräftete Gründe, der Hirntod-Definition ihren Status als wissenschaftlich-objektive Gegebenheit abzusprechen. Folgt man diesen Gründen, ist in der Sache immer noch alles offen. Es verschiebt sich jedoch die Beweislage.

Wenn man davon ausgeht, dass die Frage, wann ein Mensch tot ist, nicht wissenschaftlich beantwortet werden kann, dann verfügen Wissenschaftler (also Experten) auch nicht über einen privilegierten Standpunkt, um zu beurteilen, welcher Zustand als "tot" gelten soll und zu welchem Zeitpunkt es legitim ist, bei Sterbenden Organe zu entnehmen. Somit verändert sich auch die zentrale Frage. Statt um die (mit wissenschaftlicher Expertise) zu beantwortenden Frage, wie tot Hirntote sind, geht es nunmehr um die Frage, ob es ethisch verantwortbar ist, Sterbende (deren Zustand sich nicht eindeutig charakterisieren lässt) zum Zwecke der Organentnahme zu töten.

Hirntote sind keine Leichen!

Der Strang "Hirntote sind keine Leichen" geht noch einmal einen Schritt zurück und greift die Frage, wie tot Hirntote sind (also: in welchem Zustand sich die zur Organspende vorgesehenen Sterbenden befinden), im Detail auf:

Hier geht es einmal um die Interpretation von Tatsachen, die als solche nicht umstritten sind. "Hirntote" zum Beispiel können Fieber haben, ihre Haare und Nägel wachsen noch, und es hat sogar Fälle gegeben, wo hirntote Frauen ein Kind ausgetragen haben (Details: siehe interaktive Argumentkarte mit den zusammengeführten Kommentaren). Umstritten ist lediglich, ob die genannten Tatsachen ein Grund sind, Hirntote nicht als "tot" zu bezeichnen.

Ein weiteres Element: Fallgeschichten von Patienten, die als "hirntot" diagnostiziert wurden, aber wieder ins Leben zurückgekehrt sind.

Ich möchte auf eine Stellungnahme zum Thema Hirntod von Jan Kerkhoffs aufmerksam machen. Er wurde nach eigenen Angaben am 18. August 1992 für hirntot erklärt, hat jedoch überlebt. Quelle:Deutscher Bundestag - Ausschuß für Gesundheit. Bonn, 05. Juli 1995. Drucksache 13 /152,Seite 4. Oderunter.

Roberto Rotondo auf TP

Hier ist nicht umstritten, dass eine Diagnose auf Hirntod gestellt wurde, und auch nicht, dass die besagten Patienten tatsächlich wieder aus ihrem Zustand erwacht sind. Es stellen sich aber Fragen hinsichtlich von Diagnose-Kriterien und Diagnose-Verfahren.

Ferner geht es um die Frage, ob vermeintlich Hirntote nicht doch Reste von Bewusstsein haben können. Hier wurde im Forum ein als Beleg eingebrachter Hinweis auf eine Veröffentlichung im New England Journal zurückgewiesen, weil die betreffende Untersuchung nicht Hirntote zum Gegenstand hatte, sondern Koma-Patienten. Zur Stützung der Vermutung, dass Bewusstsein möglicherweise nicht nur an das Gehirn gekoppelt ist, konnten keine schlussendlich überzeugenden Beweise erbracht werden.

Weitgehend unbeantwortet blieb die Frage, ob eine Ausweitung des Kriterien-Kataloges helfen könnte, die Hirntod-Diagnose verlässlicher zu machen. Einzig der in die Diskussion eingebrachte Vorschlag der Durchführung eines EEG wurde aufgegriffen und als ungeeignet zurückgewiesen:

Selbst mit einem - nicht vorgeschriebenen - EEG werden nur Teilbereiche des Gehirns erfasst. Auch bei den anderen Untersuchungen konnte ich in der Fachliteratur keine 100%ige Sicherheit finden.

Heike Braun (Honigfl…), faz.net., 16.01.2013 09:43 Uhr

So ist z.B. ein EEG bei uns nicht vorgeschrieben, aber es würde die Diagnostik auch nur unwesentlich erweitern, da es nur bis zu 3mm unter die Schädeldecke reicht, also tiefere Regionen des Gehirns gar nicht erreicht.

Renate Simon (-simon-) , faz.net., 17.01.2013 17:06 Uhr

Zwischenfazit: Offenbar handelt es sich bei Hirntoten tatsächlich nicht um das, was man umgangssprachlich als "Leichen" bezeichnet. Leichen haben kein Fieber und können keine Kinder austragen.  Welche Schlüsse man aus dieser Beobachtung zieht, ist jedoch keine wissenschaftliche, sondern eine ethische Frage. Entsprechend groß ist hier der Raum für Kontroversen. Gleiches gilt für Dispute zum Thema "Bewusstsein": Auch dieses Phänomen entzieht sich dem direkten naturwissenschaftlichen Zugriff.

Die Skepsis, ob Hirntote nicht doch über Bewusstsein verfügen, wird sich nicht letztendlich klären lassen. Selbst aber, wenn sich diese Frage klären ließe, würde dies kaum einen Unterschied machen: In diesem Fall würde der Disput sich lediglich verlagern auf die ethische Frage, ob Patienten, die über ein wie auch immer zu charakterisierbares (Rest)Bewusstsein verfügen, zur Organspende vorgesehen werden dürfen.

Diagnosefehler

Etwas bodenständiger als die Hirntod-Debatte ist eine andere Art von Skepsis: Gegeben, dass die Hirntod-Kriterien als solche akzeptabel sind: Werden diese Kriterien in der Praxis dann auch sachgerecht diagnostiziert?

Basis für diesen Diskussionblock ist vor allem eine TV-Reportage der Journalistin Silvia Matthies, die Ende November 2012 im Rahmen der Sendung Report München ausgestrahlt wurde. Die Reportage schildert sowohl Einzelfälle wie auch systematische Schwachpunkte in der Diagnosepraxis. In der Forendiskussion spielt vor allem die Befürchtung eine wichtige Rolle, dass Ärzte aus Eigeninteresse oder aus professionellem Interesse dazu neigen könnten, Patienten vorschnell als "hirntot" zu erklären und somit die Organentnahme einzuleiten. Als Gründe für diesen Generalverdacht wird auf die jüngsten Korruptionsskandale verwiesen sowie auf die Tatsache, dass der Medizinbetrieb insgesamt 'kommerzialisiert' ist:

Das auch Organe dem kapitalistischem Prinzip unterliegen: Profit um jeden Preis. Um jeden! Wenns um Profit geht, zählt auch solcher Firlefanz wie Moral und Ethik nichts. (…) Wer glaubt eigentlich noch diesen Hirntod-Kriterien, wenn die Mediziner Euros in den Augen haben. Wer Organe nach Brieftasche verteilt, macht auch noch ganz andere Dinge.

klopot auf TP

Obwohl sich Äußerungen dieser Art als Grundstimmung durch eine Vielzahl der Beiträge in den Foren zieht, ist erstaunlich wenig Mühe darauf verwendet worden, den Verdacht auch nur in den Grundzügen im Detail zu erhärten. Die Klärung der Frage, welche der beteiligten Akteure (Explantateure, Kliniken, die Deutsche Stiftung Organspende, Transplantateure, Krankenkassen) eigentlich welche konkreten Anreize haben und was für Optionen es praktisch gäbe, unbemerkt gegen geltende Regeln zu verstoßen, wird kaum verfolgt. Die Frage wird jedoch zumindest an einer Stelle deutlich formuliert:

Erklär mir bitte mal, wie das in Deutschland geht, so Organe nach Brieftasche verteilen? Und wer hat das wo gemacht?

Frührentner a.D. auf TP

Teilweise beantwortet wurde hingegen die Frage, ob Diagnosefehler häufiger als vermutet verkommen, weil es neben der berichteten Fällen eine erhebliche Dunkelziffer gibt:

(…) Im Internet findet man auch nur die Fälle, die trotz festgestellten Hirntodes ÜBERLEBT haben. Wie hoch ist wohl die Dunkelziffer, wenn man bedenkt, dass Menschen entweder als Organspender auf dem OP-Tisch sterben oder die Geräte abgeschaltet werden, ohne dass die Menschen die Chance zum Überleben überhaupt noch bekamen?

Heike Braun (Honigfl…), faz.net, 16.01.2013 09:43 Uhr

Eine Nachfrage ergab hier, dass zumindest die Praxis der Organentnahme an einer etwaigen "Dunkelziffer" vermutlich unschuldig ist. Denn die betreffenden Patienten würden, falls sie nicht zur Organentnahme vorgesehen wären, nicht weiter beatmet werden - und wären binnen kürzester Zeit ein Fall für die Leichenhalle.

Nicht herangezogen (da hinter der Bezahlschranke befindlich) wurden Untersuchungen zu Todesursachen von Organspendern in Deutschland, die möglicherweise Aufschluss zu den Überlebenschancen der Spender geben könnten.

Die Skandale in Leipzig und anderswo: Ein Argument contra Organspende?

Die Tatsache, dass in Leipzig und anderswo Patientendaten gefälscht und somit den Betroffenen ein besser Platz auf der Warteliste für Organspenden verschafft wurde, nährt den Verdacht, dass Spendenorgane generell nicht gerecht verteilt werden:

von der "gerechten" Verteilung der Organe nach tatsächlicher Bedürftigkeit kann die Organmafia denen erzählen, die auch an den Weihnachtsmann am Nordpol glauben. Die glauben dann nämlich auch daran, dass z.B. ein Abramowitsch oder einer der reichsten 1% in Deutschland auf die lange Warteliste käme, wenn er denn eine neue Leber bräuchte.

Christian Hammerl (wrtlx), faz.net., 16.01.2013 11:32 Uhr

Erst der Regensburger Organskandal hat mich da nachdenken lassen. Es geht ja nicht nur darum, das einige mitleidsvolle Ärzte ihre Patienten in der Warteliste nach oben geschummelt haben. Hier wurden ja Organe regelrecht ins Ausland verschoben und dann von dem Skandalarzt Dr. Aiman O. in Amman/Jordanien in Mitglieder der saudischen Königsfamilie verpflanzt.

Christian Heine (Sertori…) , faz.net, 16.01.2013 15:28 Uhr

Nachweise, dass ein relevanter Teil der Organspenden tatsächlich an den Listen vorbei vergeben wird, konnten keine erbracht werden. Statistiken, nach denen beispielsweise Privatpatienten als Organempfänger bevorzugt werden, erwiesen sich als wenig stichhaltig.

Die Skandale in Leipzig wurden auf der anderen Seite aber auch als Argument zu Gunsten der Organspende interpretiert:

Wenn genügend Spenderorgane verfügbar sind, entfällt jegliche Motivation für die Missbräuche (Organhandel, Manipulation von Empfängerlisten, Entnahme ohne sichere Todesfeststellung etc.). Die ganzen Skandale der letzten Zeit sind also keine Argumente gegen, sondern vielmehr für Organspende. Machen genügend Leute mit, trocknet man den Sumpf aus.

cooregan auf TP

Wenn es genügend Spender gibt, entfallen jegliche Reize irgendwas zu manipulieren. Der Kosten/Nutzen-Faktor ist dann einfach zu schlecht. Die Manipulationen(egal welcher Art) sind ja nur in dem Mangel begründet.

Azure_Kitea auf TP

Die Antwort darauf:

leider nein. Denn dann wird um die besseren Organe (von gesunden, sporttreibenden, nichtrauchenden Menschen) geschachert. Organhandel und Listenmanipulationen werden auch weiterhin stattfinden, nur eben um höherwertige Organe.

SW auf TP

Zwischenfazit: Die Manipulation von Patientendaten nährt vor allem den Verdacht, dass Organe in großem Stil an den Wartelisten vorbei vergeben werden. Erhärten ließ sich dieser Verdacht nicht.

Die Würde des Sterbenden wird verletzt

Der letzte Block von Einwänden betrifft die Behauptung, dass die Würde von Sterbenden durch die Organentnahme verletzt wird.

Ganz allgemein wird befürchtet, dass Angehörige sich nicht von dem Sterbenden verabschieden können, wenn Organe entnommen werden:

Mein Mann hatte ein Adenokarzinom der Lunge mit Metastasen im Gehirn (wo noch, ist unbekannt). Sein Herz hätte aber, wäre er jünger gewesen, verwendet werden können. Hätte ich seinen Sterbeprozess so begleiten können, wie ich es tat? Hätte ich mich so intensiv von ihm verabschieden können? Wohl kaum. Man hätte spätestens nach Einsetzen der "Kussmaul-Atmung" meinen Mann in den OP geschoben, explantiert und ich hätte da gestanden und nicht gewusst, wohin mit meinem Entsetzen.

imon (-simon-) , faz.net, 16.01.2013 15:02 Uhr

Im März 2012 meldete die WAZ, dass einem Patienten "[...] neben der Haut fast alle Knochen vom Unter- bis zum Oberkiefer, mimische Muskeln, Gesichtsgewebe sowie Blutgefäße und Nerven ersetzt [wurden]; dazu Nase, Lippen, Zähne und ein Teil der Zunge.

Roberto Rotondo (Rotondo), faz.net,  18.01.2013 14:49 Uhr

Darüber hinaus wird der Einwand der verletzten Würde gestützt durch die Behauptung, dass Sterbende, die als Organspender vorgesehen sind, eine schlechtere medizinische Versorgung erhalten als Nicht-Spender. So erhalten sie beispielsweise keine adäquate Schmerzbehandlung:

Der Patient bekommt beim reinen VERDACHT auf Hirntod keine Sedativa und Analgetika mehr, da sonst die Hirntoddiagnostik nicht durchgeführt werden kann und darf. Jetzt möge sich jeder selbst vorstellen, was das bedeutet, wenn das Hirn anschwillt - und das tut es häufig in diesen Fällen - und man keine medikamentöse Unterstützung erhält! Abgesehen davon dass der Patient möglicherweise unsagbare Schmerzen erleidet schädigt Stress das Gehirn noch zusätzlich.

Heike Braun (Honigfl…), faz.net, 18.01.2013 11:29 Uhr

Ein Beleg dieser Behauptung steht aus. Ausführliche Protokolle von Erfahrungsberichten von Angehörigen und von Pflegekräften, die von der entwürdigenden Behandlung Sterbender zeugen, hat der Psychologe und ehemalige Krankenpfleger Roberto Rotondo erstellt.

Fazit

Wenn man sich mit der Debatte befasst, fällt auf: In der gesamten Auseinandersetzung zum Thema Organspende rekrutieren sich engagierte Befürworter und Gegner vor allem aus zwei verschiedenen professionellen Feldern. Mediziner betonen immer wieder, dass der Hirntod eine vergleichsweise abstrakte Angelegenheit sei - abstrakt insofern, als Patienten, die als hirntot gelten, noch Lebenszeichen wie spontane Reaktionen auf Schmerzreize zeigen. Pfleger und Krankenschwestern, auf der anderen Seite, wollen dieser "Abstraktion" nicht folgen und insistieren in Erlebnisberichten immer wieder darauf, dass vermeintlich Hirntote für sie Patienten sind. Die ist nicht nur eine private Meinung. Die Auffassung entspricht auch den Richtlinien ihres Berufes.

Wer hat Recht? Wenn man dem Argument folgt, dass der Tod nicht wissenschaftlich definiert werden kann und dass die eigentlich Frage der Debatte folglich nicht das Kriterium für den Tod ist, sondern der Umgang mit Sterbenden, dann gibt es keinen Grund, davon auszugehen, dass Medizinern in dieser Frage über ein Wissen verfügen, welches dem der Pflegekräfte überlegen ist.

Dies führt zu der weiteren Frage, warum die Stimme der Pflegekräfte zumindest in den Expertisen zum Thema so wenig Gewicht hat. Krankenschwestern und Pfleger stellen die größte Berufsgruppe dar, die an der Ex- und Transplantation von Organen beteiligt ist. Dennoch sind die Berufsverbände der Pflegekräfte bei den parlamentarischen Beratungen und Expertenanhörungen sowohl bei der Einführung des Transplantationsgesetzes in den späten 90er Jahren wie auch in jüngerer Zeit kaum zu Wort gekommen.

Ein Grund dafür könnte folgender sein: Was die Pflegefraktion als "Position" zu bieten haben, ist, zusammengefasst in der knappen Form eines Argumentes, weder besonders schlagkräftig noch neu: "Die Würde des sterbenden Menschen wird verletzt." So etwas macht, neben anderen, womöglich mit Zahlenmaterial hochgerüsteten Formen der bioethischen Expertise, einen vergleichsweise schwachen Eindruck. Aber wer sich die Zeit nimmt und sich die Berichte durchliest oder ein Vortragsvideo anschaut, der wird das Argument der verletzten Würde schwerlich als irrelevant abtun können.

Ein persönliches Resümee: Mich selbst, als Moderator der Faktencheck-Debatte, haben die Berichte der betroffenen Pfleger mehr als skeptisch gestimmt.

Nachtrag: Vorschläge zur Verbesserung des Spendenaufkommens

Es wurden im Verlaufe der Diskussion auch verschiedene Vorschläge dazu gemacht, mit welchen Maßnahmen sich die Spendenbereitschaft erhöhen ließe.

Nur kurz: In Bezug auf die Ausgangsfrage (Organspende: Für und Wider) sind diese Vorschläge insofern interessant, als hier noch einmal die Frage nach dem Charakter dieser "Spende""gestellt wird. Ein Beispiel: Handelt es sich um einen Vertrag, der auf Leistung und Gegenleistung beruht - ähnlich wie dies in der Solidargemeinschaft der Krankenversicherten der Fall ist? (In welchem Fall es legitim wäre, den Empfang von Organen an die Spendebereitschaft zu koppeln.) Oder um ein Geschenk, für welches keine Gegenleistung erwartet werden darf? Zum Schluss noch ein einfach zu realisierender praktischer Vorschlag (eingebracht von Kai Bockelmann (KB63), faz.net., 18.01.2013 10:37 Uhr): Organspende-Ausweise sollten auch dazu auffordern anzukreuzen, ob man selbst im Falle des Falles eine Organspende erhalten möchte. Mancher, der ansonsten die Frage nach der Spendenbereitschaft mit "Nein" beantwortet, würde es sich vielleicht noch einmal überlegen.

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