Ist das peinlich!

29.01.2013

Selbstbeherrschung auch nach ein paar Gläsern Wein wird verlangt, um Peinlichkeiten zu vermeiden und nicht als unkultivierter "Wilder" zu gelten

Wenn eine Person in dezenter Atmosphäre zu laut redet, wenn jemand zu ernstem Anlass mit offenem Hemd erscheint, wenn in die Stille hinein einem Menschen ein lautes, wenn auch natürliches Geräusch entfährt oder wenn jemand Abends an der Bar nach dem dritten Glas Wein anfängt, einer anderen Person indiskrete Komplimente zu machen - jedes Mal ist das Verhalten vor allem eines: peinlich.

Sich peinlich zu verhalten ist ein schwerer Vorwurf, derjenige, dem das Urteil gilt, er habe sich peinlich benommen, muss sich schämen, hat sich zu entschuldigen. Peinlich ist es, aus der Rolle zu fallen. Das bedeutet, dass es für eine bestimmte Situation, einen Ort, einen Moment, ein genau vorgegebenes Verhalten gibt, das erlaubt, das angemessen ist, jede andere Handlung jedoch nicht gestattet, jedenfalls nicht akzeptiert ist.

Peinlichkeit ist daran gebunden, dass es in einer bestimmten Situation für alle Beteiligten eine vorgeschriebene Rolle gibt, der entsprechend sie sich zu verhalten haben. Die Voraussetzung für die Möglichkeit der Peinlichkeit ist, dass die Gemeinschaft sich in klar abgegrenzte und klassifizierte Situationen teilen lässt, und dass es für jede dieser Situationen eine Menge angemessener Verhaltensweisen gibt. Der Mensch, der Peinliches vermeiden will und kann, reduziert sich selbst auf eine Rolle, ein paar eingeübte Verfahren zu agieren und vor allem eine Menge von Methoden, alles zu unterdrücken, was nicht erwünscht und als peinlich sanktioniert ist.

Kulturvolle Selbstbeherrschung

Wir betrachten es für gewöhnlich als große kulturelle Leistung, dass wir uns angemessen verhalten. Alle Begriffe, die positiv belegt sind, verweisen darauf: Wir sprechen von einem kulturvollen Menschen, der sich zu benehmen weiß, wenn er die Regeln der jeweiligen Gesellschaft - und damit meinen wir eben die Gesellschaft, in der er sich gerade befindet - beherrscht, und das bedeutet vor allem, dass er sich selbst beherrschen kann. Sich beherrschen, das ist die Voraussetzung dafür, dass Peinliches vermieden wird, und diese Beherrschung erwarten wir von jedem, der dazu gehören will.

Die soziale Funktion dieser Selbstbeherrschung ist aber weniger, wie oft geglaubt wird, dass soziale Beziehungen überhaupt ermöglicht werden, sondern der Zweck dieses so genannten kulturvollen Verhaltens, das in Wahrheit eher ein künstliches ist, besteht in der Grenzziehung, die damit auf einfache Weise ermöglicht wird. Wer sich peinlich verhält, der kann ausgesondert werden, er gehört nicht dazu. Er ist, genau besehen, der Wilde, weil er unkultiviert ist.

Die Idee des Peinlichen setzt zweierlei voraus: zum einen, dass es eine Bewertbarkeit menschlichen Verhaltens gibt. Dies kommt bereits im Reden von einem "angemessenen" Verhalten zum Ausdruck, denn darin steckt das Maß, das Messen, und die Möglichkeit, das Verhalten einer Situation anzumessen. Wer misst, der vergleicht und bewertet, denn man misst einen Wert, und der Wert muss der "richtige" sein, damit er "angemessen" ist.

Erstaunlicherweise ist Verhalten umso mehr "angemessen" desto mehr es durch Training und Selbstbeherrschung ermöglicht wird. Was der Mensch auf natürliche Weise tut oder tun möchte, kann schnell peinlich werden, was er sich antrainiert hat, indem er sich die Natürlichkeit abtrainiert, ist das Angemessene, das Peinlichkeiten vermeidet. Dabei kommt es am Schluss zu einer absurden Verkehrung: Wem es gelingt, alles Natürliche so sicher zu vermeiden, dass das angemessene Künstliche bei ihm als leicht und selbstverständlich erscheint, dem wird dann - lobend und bewundernd - Natürlichkeit bescheinigt.

Die meisten Situationen unseres Zusammenlebens selbst sind künstlich, und alles Natürliche wird in die engste Privatheit verbannt, sodass der als besonders natürlich bewundert wird, der sich in der Künstlichkeit der Öffentlichkeit sicher bewegt, die doch genau besehen nur durch Gewöhnung als selbstverständlich und notwendig richtig betrachtet wird.

Dressur und Distanz

Die andere Voraussetzung der Idee des Peinlichen ist, dass man überhaupt meint, dass der Mensch sein Verhalten jederzeit steuern könnte, dass Selbstbeherrschung nicht nur anzustreben, sondern auch jederzeit möglich wäre. In Wirklichkeit erreichen wir solche Selbstbeherrschung nur durch dramatischen Verzicht. Wir bleiben von vornherein und jederzeit kontrolliert und distanziert, um die zarten und verletzlichen Fassaden unserer Künstlichkeit nicht unbedacht zu riskieren. Wir schweigen oder benutzen Floskeln, um uns nicht durch offenes freies Reden eine Äußerung zu erlauben, die als peinlich bewertet werden könnte. Wir halten Abstand, um unsere Sinne, die sich der Dressur besonders entziehen, nicht zu reizen.

Jeder weiß, dass in so genannter lockerer Stimmung die Gefahr von Peinlichkeit wächst. Das liegt nicht so sehr daran, dass wir glauben, dass dann mehr erlaubt wäre - dann könnte es ja nicht peinlich werden -, sondern dass wir in diesen Momenten die Kontrolle verlieren, die Selbstkontrolle, die wir für eine wesentliche Eigenschaft des Mensch-Seins halten, denn Selbstkontrolle wird seit langem mit Vernunft identifiziert, und vernünftig zu sein, so sagt man, zeichnet den Menschen doch vor den Tieren aus.

Dass wir aber nur vernünftig sein können, wenn wir uns kontrollieren und reduzieren, wenn wir uns in besonders künstliche, konstruierte Situationen begeben, sollte uns zu denken geben. Es könnte sein, dass im Peinlichen das Menschliche eigentlich in der ganzen Kraft aber auch Unberechenbarkeit aufblitzt, das in der Künstlichkeit des rationalen Handelns verborgen bleibt.

Man könnte die Struktur der ganzen Gesellschaft unter dem Aspekt beschreiben, wie wir mit den Peinlichkeiten der Menschen umgehen, die öffentlich wahrgenommen werden. Peinliches Verhalten etwa von Schauspielern oder Musikern wird im Gerede des Publikums ganz anders behandelt als das von Wirtschaftsbossen oder Politikern. Interessant ist, dass wir verschiedenen Personen in unterschiedlichem Maße erlauben, sich peinlich zu verhalten, dass unsere Toleranzbereitschaft für Peinliches unterschiedlich ist.

Genauer gesagt, verbieten wir genau einer Gruppe von Menschen jegliches peinliche Verhalten, den aktiven Politikern. Es gibt keine andere Gruppe, bei der peinliches Verhalten auch nur annähernd so stark sanktioniert würde wie bei Politikern. Zwar setzt sich jeder Mensch, der sich in die öffentliche Wahrnehmung begibt, dem Gerede über Peinlichkeiten seines Verhaltens aus, aber etwa bei prominenten Künstlern oder Sportlern dominiert eher die Schadenfreude oder die bloße Unterhaltung, während gleiches Verhalten bei Politikern als verurteilenswert sanktioniert wird. Macht ein alternder Schauspieler abends in der Hotelbar einer Journalistin Komplimente, die als peinlich bewertet werden, so macht er sich beim größten Teil des Publikums schlicht zum Gespött, handelt es sich um einen alternden Politiker, so wird sein Verhalten zum politischen Skandal.

Die Parallelwelt der Repräsentanten

Es sind verschiedene Argumentationen möglich, das zu rechtfertigen. Politiker, so sagt man z.B., hätten eine Vorbildfunktion. Es kann dahingestellt bleiben, warum eine solche Funktion bestehen sollte, denn aus dem oben Gesagten sollte schon deutlich geworden sein, dass es überhaupt fraglich ist, inwiefern die Vermeidung dessen, was heute als peinlich sanktioniert ist, überhaupt pauschal als vorbildlich angesehen werden kann. Das gleiche gilt für das Argument, Politiker sollten oder würden "uns repräsentieren" und müssten sich deshalb selbstverständlich besonders sicher so verhalten, wie wir uns gern repräsentiert sehen würden.

Die Fragen, die differenziert zu stellen wären, können hier nur angedeutet werden. Abschließend sei jedoch auf das Problem hingewiesen, welcher Menschenschlag für ein Leben als Politiker noch in Frage kommt, wenn wir ihnen jede Peinlichkeit verbieten wollten oder könnten. Vermeiden von Peinlichkeit ist, wie gesagt, nur durch Reduktion des Menschen auf eine Rolle, eine Funktion möglich, und es ist nur jenen möglich, die das Rollenspiel perfekt und jederzeit beherrschen.

Vom Politiker erwarten wir, dass er immer, wenn er beobachtet werden könnte, Politiker ist, obwohl doch das Politiker-Sein ebenso wie das Lehrer-Sein oder das Fußballer-Sein lediglich eine Rolle ist, die eigentlich nur in bestimmten Situationen angemessen ist und auch nur in diesen Situationen gespielt werden sollte. Ein Lehrer etwa, der auch im Schiurlaub nicht vom Lehrer-Sein lassen kann, würden wir als eindimensionalen Menschen betrachten. Wir würden ihn auffordern, doch mal locker zu sein, sich gehen zu lassen. Dem Politiker ist das verwehrt. Das hat zwei Konsequenzen.

Erstens versuchen die meisten, die eine Laufbahn als Politiker einschlagen, das Rollenspiel weitgehend zu perfektionieren, sodass sie aus der Rolle, die nur für bestimmte Situationen geübt ist, nicht mehr herausfinden. Mit diesen Menschen ist ein normales Gespräch und Nähe nicht mehr möglich, die Angst vor der Peinlichkeit lässt sie in Floskeln und Distanz erstarren. Zweitens schaffen sich Menschen, denen in der Öffentlichkeit nichts Peinliches passieren darf, eine private Parallelwelt. Das heißt, sie bleiben als Menschen unter sich, und nur als Politiker betreten sie die Welt aller anderen.

Es entsteht eine Parallelgesellschaft, in der sich ausgerechnet jene einschließen, die doch die intensivste Verbindung mit allen bräuchten. Die Kluft zwischen der politischen Klasse und dem Volk wächst, je höher die Empörung über jede Peinlichkeit eines Politikers Wellen schlägt.

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