Fracking: Auf zu neuen (Fall-)Höhen?

29.01.2013

Argumente zum Peak Oil sprechen durchaus für den Einsatz unkonventioneller Fördertechniken, doch muss man sich die Dimension klarmachen, um die es beim Einsatz des Fracking geht

Peak-Oil-Warner sehen derzeit alt aus: Berichte über die neue revolutionäre Ölfördermethode namens "Fracking" sagen einen Boom voraus, der alle Warnungen vor steigenden Ölpreisen oder einer möglichen Ölknappheit ins Reich der Dauernörgler verbannt. Fracking verspricht uns weiter steigende Ölförderraten, eine sich selbstversorgende USA und ein Ende allen Versorgungspessimismus. Doch ein weltweiter Einsatz der neuen Technologie sollte ebenso sorgsam bedacht sein wie die Eigeninteressen der Ölindustrie.

Unstrittig ist inzwischen, dass durch die konventionellen Ölfördermethoden keine weitere Steigerung der Ölförderung möglich ist. 2006 war der Höhepunkt der globalen Ölförderung gewesen, sagte die Internationale Energieagentur IEA in ihrem Jahresbericht 2011, 2012 wurde dieses Ölfördermaximum auf 2008 korrigiert. Die Grenzen des Wachstums der herkömmlichen Ölförderung wurden also in den vergangenen Jahren sichtbar.

Der Rohstoff ist für unsere heutige Wirtschaftsweise unverzichtbar, er treibt Ölheizungen und die Verpackungs- und Einkaufsbeutelindustrie, fällt in Form von Pflanzenschutzmittel auf unser Essen und hält das Verkehrssystem in Gang. Und vieles mehr: Die Bedeutung von Erdöl kann nur schwer überschätzt werden. Die Ölkrisen Mitte und Ende der 1970er Jahre zeigten den Ölverbrauchernationen deutlich genug diese Bedeutung, um sich strategische Reserven von mindestens 90 Tagesdosen anzulegen.

Preis-Signale und kanadischer Sand

Würden wir Öl allein mit der konventionellen Ölfördertechnik bereitstellen, wäre die Welt also laut IEA bereits am Peak of Oil angekommen. Die tägliche Dosis ließe sich nicht mehr steigern. Nur weil andere Techniken für andere Lagerstätten entwickelt und einsatzbereit gemacht wurden, steigt die Fördermenge überhaupt noch.

Dass sich in der Ölwelt etwas verändert hat, verrät die Preisentwicklung in der vergangenen Dekade. Vervier- bis verfünffacht hat sich der Ölpreis und mit ihm die Einnahmen der Ölförderkonzerne - seien es private oder staatliche. Am Umsatz gerechnet ist Öl das weltwichtigste Handelsgut. Die neuen Preisniveaus machen es möglich, dass neue Techniken überhaupt zum Einsatz kommen, denn sie sind aufwändiger und damit teurer. Erst das heutige Preisniveau macht ehemals unwirtschaftliche Ölvorkommen ausbeutbar und den Teersand-Abbau im großen Stil interessant.

Im Tagebau werden in Kanada tausende Tonnen Bitumen bewegt, per Erdgasverbrennung erhitzt und unter Zugabe riesiger Süßwasserströme ausgewaschen. Erst nach dieser aufwändigen, energieintensiven und im Vergleich zur konventionellen Fördertechnik ineffizienten Prozedur wird aus dem zähen Teersand jener Stoff, den die Raffinerien zu Diesel & Co. weiterverarbeiten können. Kanada "fördert" auf diesem Wege inzwischen fast 2 Millionen Barrel pro Tag und ist damit zum fünftgrößten "Ölförderland" der Welt aufgestiegen. Gekauft wird der exportierte Anteil des Stoffs hauptsächlich von Kanadas Nachbarn, den USA, weshalb neue Pipelines gelegt werden wollen, wegen derer sich Hoffnungsträger Barack Obama mit Umweltkonservativen konfrontiert sieht.

Unkonventionelle Methoden

Eine andere Kategorie von Öllagerstätten hat die Firma BP im Jahr 2010 bekannt gemacht, als ihr die schwimmende Explorationsplattform Deepwater Horizon explodierte und es über drei Monate nicht gelang, den Ölausfluss in 1.500 Metern Meerestiefe zu stoppen. Gebannt verfolgte die fernsehvernetzte Welt den Super-GAU der Ölförderbranche und machte sich so manchen kritischen Gedanken, jedoch ohne den eigenen Lebensstil mit der größten Umweltkatastrophe seit Tschernobyl in Zusammenhang zu bringen.

In den kleinen (plastikstrotzenden) Flimmerkisten lässt sich bekanntlich schwer unterscheiden, was Realität und was Filmkunst spielbergscher Dimension ist, und so manchem mögen die Bilder von tausenden Litern zäh-stinkendem Erdöl, die in den Ozean flossen, wie aus einem schlechten Science-Fiction-Film vorgekommen sein. Die Deepwater-Horizon-Katastrophe zeigte uns, wie (un)beherrschbar die Förderung des flüssigen Rohstoffs in tausenden Metern unter dem Meeresspiegel ist. Aber die Tiefseeförderung ist die zweite wichtige unkonventionelle Ölfördermethode, die die globale Ölförderung weiter steigen lässt.

Öläquivalente aus Biomasse sind inzwischen ebenfalls wichtiger Bestandteil der globalen "Ölförderung". Die Industrie sieht hier weiter Ausbaupotential. Auch wenn die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina feststellt, dass in Deutschland bereits 75% der oberirdischen Biomasseproduktion vom Menschen vereinnahmt werden, scheint es noch genügend Ecken auf dem Planeten zu geben, wo Nutzmasse wachsen kann. Die Umwandlung von Urwäldern in Palmölplantagen und die Beimischung von Ethanol ins Benzin ist der Versuch, die bestehenden Tankinfrastrukturen und die gewachsene Motorentechnik nicht allzu stark verändern zu müssen. Zudem findet ein werbewirksamer Imagetransfer statt: von der lebenden Pflanze auf die Industriegesellschaft.

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