Fracking: Auf zu neuen (Fall-)Höhen?
Norbert Rost 29.01.2013
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Fracking wechselt keine Paradigmen

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe wiederholte dann auch in ihrer Energierohstoffstudie 2012 eine Aussage, die sie schon 2011 gemacht hatte:

Erdöl ist der einzige nicht erneuerbare Energierohstoff, bei dem in den kommenden Jahrzehnten eine steigende Nachfrage nicht mehr gedeckt werden kann. Angesichts der langen Zeiträume, die für eine Umstellung auf dem Energiesektor erforderlich sind, ist deshalb die rechtzeitige Entwicklung alternativer Energiesysteme notwendig.

Und sie erweiterte diese Aussage um einen Satz, der bei der ölindustriebefeuerten Fracking-Euphorie aufhorchen lassen sollte:

Die zunehmende Nutzung nicht-konventioneller Erdölvorkommen führt langfristig nicht zu einem Paradigmenwechsel.

Zu deutsch: Vielleicht bringt Fracking einen Zeitgewinn, eine Entziehungskur steht uns Öl-Junkies dennoch ins Haus. Laut Dr. Steffen Bukold vom Hamburger Büro EnergyComment rechnen selbst optimistische Schätzer damit, dass Tight Oil in den nächsten Jahrzehnten nur bis zu 3-4% der Ölversorgung decken wird.

Tausche Rodelberg gegen Fracking-Cliff

Eine Besonderheit der Fracking-Technik bleibt bislang ebenfalls medial unterbeleuchtet: die Förderkurven. Während konventionelle Ölfördermethoden eine glockenförmige Förderkurve hervorbringen, die nach Überschreiten des Peaks vergleichsweise sanft abfallen, gleicht die Förderkurve beim Fracking einer Exponentialfunktion mit negativem Exponenten: Der Maximalwert der Förderung wird direkt nach der Bohrung erreicht und sinkt danach extrem ab. Binnen 3 Jahren liegt der Output der Fracking-Bohrungen oft nur noch bei einem Zehntel des Anfangsjahres, die Bohrungen verlieren über 30% des Outputs pro Jahr, während die "normale" Decline-Rate bei 5 bis 6% pro Jahr liegt.

Um bei dieser Struktur der Förderkurven überhaupt zu einem Anstieg der Gesamtförderung zu kommen, muss die Geschwindigkeit neuer Bohraktivitäten ständig gesteigert werden. Ein neues Bohrloch muss zuerst den abfallenden Förderdruck anderer Bohrungen ausgleichen, bevor es selbst Output erbringt, der die Gesamtförderung steigert. Problematisch ist dies dann, wenn die entstehende Hektik neuer Bohrungen nicht beibehalten werden kann. Gründe dafür könnten verschärfte gesetzliche Regelungen sein oder ein plötzlicher Preisverfall, der neue Bohrungen auf Eis legt. Oder schlicht: Ein Streik in der Industrie oder ihren zahlreichen Zulieferern.

Fracking tauscht Öl mit langsamer Abfallrate in Öl mit extrem großer Abfallrate. Bei Unterbrechungen der Bohraktivitäten sowie am Ende des Förderprozesses, wenn dann der Großteil der Tight-Oil-Vorkommen abgegrast ist, wird der Einbruch der globalen Ölförderung umso stärker ausfallen. Und mit ihm die Wirkungen auf das, was wir Zivilisation nennen. Der Einstieg in die Ölförderung per Fracking ist daher ein Weg ohne Umkehr: Wenn er erst einmal eingeschlagen ist, werden härtere gesetzliche Regelungen schon deshalb nicht mehr umsetzbar sein, weil sie Auslöser eines rasanten Förderabfalls wären. Der Alptraum jedes Peak-Oil-Doomers würde wahr werden.

Auf zu neuen Höhen!

Eine verantwortungsvolle Anwendung dieser Technik wäre daher eigentlich nur gegeben, wenn die dadurch gewonnenen Energieressourcen und die gewonnene Zeit für eine konzentrierte Ausstiegsstrategie verwendet würden.

Betrachtet man die fossilen Rohstoffe als Energiespeicher ähnlich dem Eiweiß in einem Vogel-Ei, so müssten wir diese sinnvollerweise dafür nutzen, um mit ihrer Erschöpfung außerhalb der Eierschale lebensfähig zu werden. Öl, Kohle und Gas wären so etwas wie eine energetische Vor-Investition, die Mutter Natur uns mitgab und die sinnvoll eingesetzt werden muss, um das Küken bis zum Schlüpfen zu päppeln und es danach lebensfähig in eine neue (energetische) Umwelt zu entlassen. Reiner Spaßkonsum von Öl, wie er beispielsweise von Fluggesellschaften in Form von "Wochenend-Shopping in London" propagiert wird, ist angesichts des Wertes des Rohstoffs und seiner absoluten Notwendigkeit für unser fossil geprägtes System unverantwortlich. Leider werden Diskussionen um Sinn und Unsinn von Fracking bislang nicht begleitet von der kritischen Frage, wofür wir die zu fördernden Rohstoffe eigentlich verwenden und ob diese Verwendung angemessen ist.

Zu befürchten ist, dass kurzfristiges Gewinnstreben die langfristigere Sichtweise übertönt. Die Ölfördermengen weiter zu steigern bedeutet, das herrlich verschwenderische Leben des verblassenden 20. Jahrhunderts fortzusetzen. Es bedeutet jedoch auch, die Fallhöhe noch ein gutes Stückchen weiter hochzuschrauben.

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