"Ein abstoßender Propaganda-Streifen"

30.01.2013

Tom Reifer über "Zero Dark Thirty" und die Kultur der Folter

Am Donnerstag kommt der amerikanische Spielfilm "Zero Dark Thirty" in die deutschen Kinos. Regisseurin Kathryn Bigelow hat die Jagd auf Osama Bin Laden in einen Action-Streifen verwandelt, in dem eine untergeordnete Geheimdienstmitarbeiterin gegen den Widerstand ihrer bornierten Vorgesetzten den richtigen Spuren folgt, um schließlich erfolgreich den Terroristenchef "zur Strecke zu bringen". Zentrales Thema des Films ist, was in den USA gelegentlich euphemistisch "erweiterte Verhörmethoden" genannt wird: detaillierte und ausgedehnte Darstellungen von Folterungen in "CIA-Gefängnissen" in Osteuropa und Asien.

Die mehr oder weniger spannende Story ist aber laut Bigelow und Drehbuchautor Mark Boal noch mehr, nämlich eine quasi-dokumentarische Darstellung. In ihrer Werbung betonten die Macher von "Zero Dark Thirty", dass Mitarbeiter von CIA und des US-Militärs ihnen exklusive Interviews gegeben haben, auf denen das Drehbuchs angeblich beruht. Diese Informationen sollen so brisant sein, dass um ihre Veröffentlichung vor Gericht gestritten wird.

Bild: Universal Pictures

Seit dem Filmstart debattiert man nun in den USA darüber, ob der Film Foltermethoden verherrlicht oder wenigstens rechtfertigt, vor allem aber darüber, wie realistisch er ist. Denn laut ehemaligen CIA-Mitarbeitern und dem Geheimdienstausschuss des Senats haben Folterverhöre bei der Ergreifung und Exekution Bin Ladens keine Rolle gespielt. Einen "Fantasy-Film, der sich dokumentarisch gibt", nennt denn auch Thomas Reifer "Zero Dark Thirty".

Der kalifornische Soziologe und Menschenrechtsaktivist hat sich wissenschaftlich mit dem Einsatz von Folter durch amerikanische Geheimdiensten auseinandergesetzt und gerade eine Analyse über die "Kultur der Folter" veröffentlicht, die er etwa in der Fernsehserie "24" am Werk sieht. Politisch engagiert sich Tom Reifer beim Transnational Institute, einem Netzwerk linker und linksliberaler Akademiker.

Viele Amerikaner haben das Bedürfnis nach einer Fantasiewelt, in der die guten Jungs die bösen Jungs verfolgen

Der Film "Zero Dark Thirty" ist durchzogen von Folterszenen, besonders die erste Hälfte, und diese Darstellungen sind durchaus detailliert und nicht propagandistisch gesäubert. Beispielsweise sieht der Zuschauer blutig geschlagene Männer, die an den Händen gefesselt von der Decke hängen. Die Regisseurin Kathryn Bigelow unterschlägt die dunkle Seite des Krieges gegen den Terror also nicht. Wie können Sie da behaupten, dass der Film die Folter rechtfertigt, sogar feiert?

Tom Reifer: Das sehe ich ganz anders, die Darstellung ist durchaus bereinigt und geschönt! Die Folter war Teil eines größeren militärischen Programms war, in dessen Rahmen es zu brutaler sexueller Gewalt bis hin zu Tötungen kam. Aber vor allem rechtfertigt Zero Dark Thirty Folter, da sie als effektiv dargestellt wird, sie funktioniert! Er legt implizit nahe, dass Bin Laden gefangen wurde, weil wir auf Aussagen aus Folterverhören zurückgreifen konnten, das ist die Kernbotschaft.

In diesem angeblichen Doku-Drama sieht man sogar, wie Maya Folterverhöre auswertet. Es gibt überhaupt keinen Hinweis darauf, dass das den Tatsachen entspricht. Mehr noch: In diesem Film sind alle Gefolterten schuldig. In Wirklichkeit waren unter denen, die von der CIA gefoltert wurden, durchaus Unschuldige wie etwa der Entführte Khaled Al-Masri. Zero Dark Thirty zeigt zwar sadistische Praktiken, aber die Folterer in Zero Dark Thirty sind letztlich anständige Leute, die eine sogenannte tickende Zeitbombe entschärfen müssen, nämlich weitere Anschläge verhindern müssen - reine Erfindung!

Bild: Universal Pictures

Im Vorspann der amerikanischen Version ist zu lesen, dass der Film "auf Berichten aus erster Hand mit Beteiligten beruht". Angesichts der Proteste gegen ihren Film betont die Regisseurin Kathryn Bigelow nun, ihr Film stehe zwar nur für eine mögliche Sichtweise, aber sei immerhin "eine ehrliche, authentische Darstellung von dem, was wir bisher wissen".

Tom Reifer: Das ist absolut falsch. Der Bericht des Geheimdienstausschusses des Senats über die sogenannten erweiterten Verhörmethoden und Geheimgefängnisse sagt das Gegenteil. Für diesen Bericht wurden etwa 6 Millionen Dokumente ausgewertet, das eindeutige Ergebnis: Erkenntnisse durch Folterverhöre haben nicht dazu geführt, dass Bin Laden gefunden wurde. Dieser Bericht ist zwar immer noch gesperrt, aber das sagen die Vorsitzende dieses Ausschusses, Senatorin Dianne Feinstein, der Vorsitzende des Ausschusses für die Streitkräfte, Senator Carl Levin, und Senator John McCain übereinstimmend.

Dieser Film ist ein abstoßender Propagandastreifen, der in enger Zusammenarbeit mit der Regierung, dem Militär und dem CIA gemacht wurde. Wahrscheinlich hatte die CIA sich das Recht vorbehalten, dass Drehbuch vor der Produktion noch einmal abzusegnen, darauf deuten jedenfalls Emails zwischen dem Geheimdienst und den Filmmachern hin, die im Rahmen des Informationsfreiheitsgesetzes veröffentlicht wurden.

Warum betonen die Filmmacher dann die vermeintliche Authentizität so sehr?

Tom Reifer: Gute Frage! Möglicherweise haben sich Bigelow und ihr Drehbuchschreiber Mark Boal von dem Angebot verführen lassen, Zugang zu bislang geheimem Material zu bekommen. Die CIA hat ihnen dann natürlich ihre Version präsentiert. Und viele Amerikaner haben eben das Bedürfnis nach einer Fantasiewelt, in der die guten Jungs die bösen Jungs verfolgen und dabei leider gelegentlich zu unschönen Mitteln greifen müssen.

Bild: Universal Pictures

Nun sprechen sich einige Amerikaner sehr deutlich gegen den Film aus. Aber viele argumentieren dabei sozusagen utilitaristisch, dass nämlich Folter nicht wirklich funktioniert, weil sie Falschaussagen produziert und sie damit im nationalen Interesse kontraproduktiv sei. Ist das nicht eine äußerst gefährliche Argumentation? Denn dann wäre es unter bestimmten Umständen Folter eben doch das richtige Mittel.

Tom Reifer: Ja, dieses Argumentationsmuster ist weit verbreitet. Lassen Sie mich meine eigene Position ganz unmissverständlich klar machen: Nein, selbst wenn die Darstellung des Films korrekt wäre und Folter "funktionieren" würde, könnte das keineswegs als Rechtfertigung dienen. Aber in diesem Fall war es eben anderes, und darauf müssen wir hinweisen.

Die liberale Ideologie der Folter

Sie haben gerade Khaled Al-Masri erwähnt. Auch die Hauptfigur des Films, die CIA-Agentin Maya, hat ein reales Vorbild, nämlich Alfreda Frances Bikowsky.

Tom Reifer: Das ist ein weiterer empörender Aspekt. Alfreda Bikowsky war für die Entführung von El-Masri verantwortlich. Im Film ist sich die Figur Maya völlig sicher, wer schuldig ist und wer nicht - und sie hat recht! In einer Szene des Films diskutieren die Agenten sogar bei einer Besprechung, wie wahrscheinlich es ist, dass Bin Laden sich an einem bestimmten Ort aufhält, ihre Kollegen sagen 60 Prozent, 80 Prozent. Aber Maya weiß es genau, 100prozentig.

Ich erinnere noch einmal an Al-Masri. In diesem Fall war Bikowsky ebenfalls ganz, ganz sicher, dass er zu Al-Qaida gehöre. Die CIA ließ ihn also foltern, dann stellte sich heraus, dass er nichts wusste, und danach warfen sie ihn mitten in Albanien einfach auf die Straße! Das reale Vorbild für Maya aus Zero Dank Thirty ist in Wirklichkeit eine Versagerin, die an Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen beteiligt war. Diese Tatsache in der amerikanischen Öffentlichkeit bekannt zu machen, ist nahezu unmöglich.

Bild: Universal Pictures

Sie sprechen von einer "liberalen Ideologie der Folter", die in den USA der wesentliche Rechtfertigungsgrund sei. Was meinen Sie damit?

Tom Reifer: Der klassische Liberalismus war gekennzeichnet durch seine Ablehnung des Staats. Er stand allen diktatorischen oder tyrannischen Tendenzen feindlich gegenüber, weil damit der Staat die individuellen Freiheiten und Rechte einschränkt. Nach den Anschlägen am 11. September 2001 verwandelte sich diese Haltung in ihr Gegenteil. Während der klassische Liberalismus entschieden und ausnahmslos gegen die Folter eingestellt war, heißt es nun, dass Folter die einzige Möglichkeit sei, um die Freiheit zu beschützen. Die sadistische Praxis soll nicht länger das Gegenteil der Freiheit, sondern ihre Voraussetzung sein.

Hierzulande spricht man in diesem Zusammenhang gar von einer "Rettungsfolter".

Tom Reifer: Exakt, Folter als das vermeintlich letzte Mittel! Aber wenn man einmal von dem absoluten Verbot der Folter abrückt, gibt es kein Halten mehr: Wenn Folter in einem Fall legitim ist, warum nicht beim nächsten Mal? Warum nicht jemanden vergewaltigen, wenn sich so größeres Leid verhindern lässt? Das Ergebnis ist Abu Ghraib. Davon ist im Film nichts zu sehen.

Bigelows Film erzählt einen Ausschnitt aus der Geschichte der amerikanischen Kriege nach 9/11. Die Regierung Bush hat sich seiner Zeit ganz öffentlich von internationalen Vereinbarungen zum Kriegs- und Völkerrecht wie der Genfer Konvention distanziert. Nun ist Obama an der Macht. Was hat sich verändert?

Tom Reifer: Viel weniger, als die meisten glauben. Im Rahmen der Terrorabwehr wird immer noch gefoltert; tatsächlich zeigte ein Bericht der Vereinten Nationen vom letzten Jahr, dass in Afghanistan Folter weit verbreitet ist. Es gibt ein geheimes Gefängnis im Flugstützpunkt in Bagram in Irak, in dem Folterverhöre stattfinden. Außerdem hat die Obama-Regierung das weltweite Programm der Exekutionen durch Drohnen ausgeweitet. Statt möglichst viele Gefangene zu machen, ist Obama zum Befehlshaber über Leben oder Tod geworden, der über dem internationalen Gesetz steht.

x
service:
drucken
versenden
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
folgen:
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38464/
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige

Zum Rücktritt von Christine Haderthauer frisch aus dem Archiv:

Peter Mühlbauer 03.07.2013

Drei Seiten geteilt durch sieben Autoren ist gleich ein Dr. med.

Um in Deutschland als Arzt zu arbeiten, muss man nicht promoviert haben. Weil der Dr. med. auf dem Praxisschild von Eltern, Kollegen und Patienten erwartet wird, machen ihn die meisten Mediziner trotzdem. Hinter den dazugehörigen Dissertationen steckt selten wissenschaftliche Neugier als Hauptmotiv - und das sieht man vielen von ihnen auch an.

weiterlesen

Mehr Kunst als Spiel

Sonys "Hohokum" für PS3/4/Vita

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS